Dienstag, 21. Mai 2019

Biotechnologie Zellen im Tank

6. Teil: Schlimmer als jede bekannte Krankheit

Die Pace-Wissenschaftler sind vorsichtig, weil sie auch die Risiken eines Lebens aus der Retorte erforschen. Die sind nicht gering: Ein offizieller Report des US-Geheimdienstes CIA warnte zum Beispiel im November 2003, die synthetische Biologie könne Erreger herstellen, "die schlimmer sind als jede der Menschheit bislang bekannte Krankheit". Am European Center for Living Technologies, einem neu eingerichteten Forum in der Altstadt von Venedig, wird deshalb ein international verbindlicher Kodex für die Forschungen um künstliches Leben erarbeitet.

Vorsichtige Wissenschaftler: Die synthetische Biologie könnte Erreger herstellen, die schlimmer sind als jede der Menschheit bislang bekannte Krankheit
Dennoch denken auch die Gründer von Protolife schon an die künftigen Umsetzungen ihrer Forschungen. Packard spricht am liebsten von medizinischen Anwendungen: Die kleinen programmierbaren Zellen könnten etwa während regelmäßiger Krebsfrüherkennungsuntersuchungen in die Blutbahn gespritzt werden, um den gesamten Körper zu durchstreifen. Und Alarm schlagen, wenn sie auch nur eine "entartete" Tumorzelle gefunden haben.

Andere "künstliche Lebewesen" könnten so programmiert werden, dass sie Krebsmedikamente gezielt in Tumorzellen hineintransportieren. Die hochwirksamen Mittel würden dann nur das bösartige Gewebe schädigen - und den übrigen Organismus schonen. Dies wäre ein Durchbruch im Milliardenmarkt der Krebsmedizin; die heute gefürchteten Nebenwirkungen der Chemotherapie gehörten der Vergangenheit an.

Auch der Markt für Wasserstoff bietet großartige Perspektiven. Die Europäische Union will in den nächsten 15 Jahren 5 Prozent des Kraftstoffbedarfs durch Wasserstoff decken. Und allein im US-Transportwesen, so haben Wissenschaftler unlängst errechnet, ergibt sich ein jährlicher Bedarf von 150 Millionen Tonnen des umweltfreundlichen Treibstoffs.

Bleibt nur die Frage, wann der erste Bioreaktor anläuft, in dem sich Wasserstoff aus künstlichen Zellen herstellen lässt. Nur Jack Szostak, Molekularbiologe an der Harvard Medical School in Boston, sieht "keine grundsätzlichen Hindernisse mehr" auf dem Weg dahin. Er glaubt sogar, sein Team könne in den nächsten drei Jahren den Durchbruch schaffen. Allerdings unter einer Bedingung: "wenn wir 20 Millionen Dollar hätten".

© manager magazin 9/2005
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