Sonntag, 21. April 2019

Biotechnologie Zellen im Tank

4. Teil: Vollblutforscher mit vollen Kassen

Die Aufgabe ist keineswegs trivial. Auch am Ibea scheiterten etliche Anläufe. "Bislang haben wir den genetischen Code nur gelesen", sagt Venter. "Jetzt wollen wir ihn neu schreiben." Noch niemand hat je Ähnliches versucht. Das Genom des primitiven M. genitalium besteht aus 580.000 Gen-Bausteinen ("Basen"). So viele Buchstaben hat ein Redemanuskript von 300 Seiten.

Kraftwerk künstliche Zelle: Wie die "synthetische Biologie" umweltfreundliche Energieträger produzieren soll


Ein Hauptanwendungsgebiet für die neue Form der Biotechnologie soll die Gewinnung von klimaneutralen Brennstoffen sein - zum Beispiel von Methan (Erdgas, "Biogas"). Für diese Synthese, die in der Natur nicht gelingt, favorisieren die Forscher folgendes Modell:

1. Ausgangsstoffe sind Kohlendioxid, das etwa aus der Atmosphäre gefiltert wird, und

2. Wasser.

3. Als Katalysator für die ungewöhnliche Reaktion soll entweder ein zusätzlicher Hilfsstoff dienen oder das Erbgut der neuen Lebensform. Nach dem Modell des Bochumer Chemieprofessors Günter von Kiedrowski besteht das Chromosom einer künstlichen Zelle aus drei kurzen DNA-Strängen, die von einem Protein verknüpft werden. Diese vollkommen neue Form genetischen Materials sieht aus wie eine unten offene Pyramide auf der Basis eines Dreiecks und soll "Trisoligo" genannt werden.

4. Eine andere Möglichkeit zur Reaktionsförderung: ein Bio-Katalysator.

5. In der Zelle reagieren dann zwei Moleküle Wasser und ein Molekül Kohlendioxid miteinander.

6. Daraus entsteht Methan, übrig bleibt Sauerstoff.

7. Durch spezielle Kanäle wird das Endprodukt aus der Zelle geschleust.
Gleichwohl hat der Top-down-Ansatz des Ibea mehrere Vorzüge gegenüber dem Bottom-up-Projekt. So kann Venter frei zugreifen auf sein wichtigstes Produktionsmittel, die Daten des Bakterien-Genoms. Schließlich hat er die selbst entschlüsselt.

Obendrein gehört der Nobelpreisträger Hamilton Smith zu Venters Team. Venter selbst gilt als Vollblutforscher, der mit dem Kopf durch die Wand geht und noch nie gescheitert ist - zumindest nicht, wenn er wissenschaftliche Ziele verfolgte.

Doch der wichtigste Vorzug des Topdown-Ansatzes ist: Venter hat mehr Geld. Seine Stiftung, zur Zeit der Hightech-Börsenblase mit den Aktiengewinnen aus seiner ehemaligen Firmengründung Celera gespeist, hat 35 Millionen Dollar in die Forschung des Ibea und anderer von Venter geleiteter Institute investiert. Das US-Ministerium für Energie fördert die Suche nach alternativen Energiequellen durch synthetische Biologie mit zwölf Millionen Dollar.

In diesen Tagen soll schon der kommerzielle Ableger des Ibea starten, die Synthetic Genomics Inc. Der mexikanische Industrielle Alfonso Romo Garza hat 15 Millionen Dollar investiert, dieselbe Summe kommt von den Wagniskapitalgebern um Juan Enriquez. Im Laufe der nächsten 12 Monate sollen die 30 Mitarbeiter des Ibea unterstützt werden von 70 Beschäftigten bei Synthetic Genomics.

© manager magazin 9/2005
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