Freitag, 23. August 2019

Biotechnologie Zellen im Tank

2. Teil: Gene aus dem Erbgut pumpen

Weltweit tun sich Märkte mit Jahresumsätzen von vielen hundert Milliarden auf. Den größten Anteil hiervon könnte sich sichern, wer das erste umfassende Patent anmeldet auf eine beliebig programmierbare Lebensform aus der Retorte. "Das Erschaffen einer künstlichen programmierbaren Zelle käme einem Technologiesprung gleich - etwa wie die Erfindung der Halbleitertechnologie", sagt John McCaskill.

Geschäftsfelder für künstliche Zellen: Die potenziellen Märkte der synthetischen Biologie


1. Biotechnologien (insgesamt) bis 2007*

Geschäftsvolumen: 125,7 Mrd. Dollar

2. "Rote Biotech" (Pharma, Medizin) bis 2010**

Geschäftsvolumen: 79 Mrd. Euro

Anwendungsgebiete: Arzneimittel, Impfstoffe, Hormone, Blutbestandteile, Diagnostik, Laborchemikalien usw.

3. Feinchemie und "weiße" Biotech bis 2010***

Geschäftsvolumen: 310 Mrd. Dollar

Anwendungsgebiete: Enzyme, Nahrungszusätze, Stabilisatoren und Emulgatoren, Farben und Lacke, Beschichtungen, "intelligente" Kunststoffe und komplexe Verbindungen etc.

Quellen: *Datamonitor, **Frost & Sullivan, ***McKinsey
Der Professor an der Bochumer Ruhr-Universität hat bereits elektronische Mikrosysteme und Computer-Steuerungsprogramme für die Basistechnologien entwickelt; sein Team nimmt jetzt Anlauf für diesen Technologiesprung.

In den Labors herrscht Aufbruchstimmung, wie sie aus den 50er Jahren von Hewlett-Packard und anderen Pionieren der Mikroelektronik überliefert ist; es war die Zeit, als Transistoren, Dioden und integrierte Schaltkreise die klobigen, wärmeabstrahlenden Vakuumröhren aus Omas Radio und den zimmergroßen "Elektronengehirnen" schlagartig überflüssig machten. Die Halbleiter-Bauteile ebneten den Weg ins Zeitalter der Informationstechnologie.

Beim Rennen um künstliche Lebensformen verfolgen die Wissenschaftler zwei fundamental verschiedene Konzepte. Die einen, wie McCaskill von der Ruhr-Uni, wollen künstliche Zellen bauen aus "toten" Chemikalien - von Grund auf, "bottom-up".

Die anderen gehen genau den umgekehrten Weg, "top down": Aus dem Erbgut primitiver Bakterien werden immer mehr Gene herausamputiert, bis nur noch jene übrig sind, die für das Überleben und die Fortpflanzung in der Petrischale oder im Bioreaktor absolut notwendig sind. Die werden dann neu zusammengebaut - so, dass eine neue, "künstliche" Zelle auch mit den Genen umgehen, die gespeicherten Informationen abrufen und umsetzen könnte.

Niemand kann derzeit vorhersagen, welches Modell das auf Dauer erfolgreichere sein wird, also für mehr Umsatz und größere Gewinne sorgt. Doch zeichnet sich heute schon ab, dass der Topdown-Ansatz als Erster aus den reinen Forschungsprojekten in die Produktentwicklung wandern wird.

© manager magazin 9/2005
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