Bertelsmann Stiftung Debakel in Gütersloh

Geht im mächtigsten Think-Tank der Republik alles mit rechten Dingen zu? Zweifel sind erlaubt. Entkräftet und zermürbt gibt Stiftungschef Heribert Meffert auf. Hintergründe eines Rücktritts.
Von Klaus Boldt

Anders als ein Eisenbieger oder die Bertelsmann Matriarchin Liz Mohn (64) verfügt Heribert Meffert (68), genannt "der Marketingpapst", nur über ein vergleichsweise sanftes Naturell. Bei Auseinandersetzungen vertraut der emeritierte Professor ausschließlich seinem Grips. Der ist zwar keine ungefährliche Waffe, und Meffert geht auch nicht zimperlich mit ihr um. Mit Ränken, Arglist und Manövern freilich hat der Mann so seine liebe Not. Neuerdings besonders.

In zwei Jahren ist er 70, und sein Arzt hat ihn nach einem im Winter erlittenen Infarkt des linken Auges alarmiert, dass Aufregung seinem Zustand wenig förderlich sei.

Und so entschloss sich der Münsteraner Gelehrte, gesundheitlich angeschlagen, dazu strategisch entkräftet und zermürbt von den Zuständen an seinem Arbeitsplatz, diesen so schnell wie möglich zu verlassen.

Ende Dezember, 20 Monate früher als geplant, quittiert er seinen Dienst an der Spitze der Bertelsmann Stiftung, der mächtigsten Unternehmensstiftung des Landes. Für die Gütersloher Anstalt, wo das Räsonieren über Führung seit jeher wichtiger war als Führung selbst, ist es ein Debakel - für ihn, Meffert, das freudlose Finale einer langen Karriere.

Dabei hatte er, nach zäher Eingewöhnungsphase, zuletzt ansprechende Leistungen gezeigt und seinen Vertrag sogar übermütig bis August 2007 verlängert. Dann sollte ihn der Bertelsmann-Souverän Gunter Thielen (62) ablösen.

Gern hätte der Weise aus dem Münsterland seinen Vertrag erfüllt. Doch am Ende mochte er sich nicht mehr mit der Reform einer Organisation plagen, die nicht allein den Gesetzen kühler Logik gehorcht, wie Meffert sie schätzt, sondern dem flackernden Hin und Her von Launen und Eitelkeiten.

"Personal- und Führungsprobleme"

Ein Vorstandskollektiv soll die Stiftung nun bis 2007 leiten: Liz Mohn, Gattin des Patriarchen Reinhard Mohn (84), ihre Tochter Brigitte (41) sowie Werner Weidenfeld (58), Politikprofessor aus München, und Finanzchef Johannes Meier (41). Für einen neuen Chef lohnt die Zeit nicht mehr.

Das Schicksal hatte seinen krummen Lauf im Oktober 2002 begonnen: Nach etlichen Führungswechseln zauberten die Mohns Heribert Meffert an die lädierte, etwas stumpfe Stiftungsspitze. Meffert war der vierte Amtsleiter in zwei Jahren und der erste Firmenfremde dazu. Die Zeiten waren sauer.

Die Stiftung, die sich aus den Erträgen der Bertelsmann AG finanziert (Budget 2004: 63 Millionen Euro; 310 Mitarbeiter)

musste Projekte streichen, Fachbereiche auflösen. Schon früh stieß Meffert auf Widerstände: Der "Anpassungsprozess erweist sich organisatorisch als schwierig", notierte er in einem internen Papier. Schlampereien ortete der Neue ausgerechnet in der Führung selbst.

In einer streng vertraulichen Notiz vom März 2003 ("Sicherung der Führungsfähigkeit") verlangte der Genervte von seinen Vorstandskollegen, einmalig in der Stiftungsgeschichte, eine "Verpflichtung auf Effizienzsteigerung und Commitment" und die "Lösung struktureller Personal- und Führungsprobleme".

Vor allem die ausschweifenden Operationen seines Professorenkollegen Weidenfeld, des einzigen ehrenamtlichen Vorstands, verdrossen Meffert. Mit dem Wissen der Mohns versuchte er, den Beamten zu zügeln.

So war Weidenfeld etwa wie alle Präsiden bis 2005 nicht nur Mitglied im Vorstand, sondern auch im Kuratorium der Stiftung, wo er gewissermaßen über sich selbst wachte und sich die eigenen Projekte genehmigen konnte. Stiftergattin Liz Mohn beansprucht dieses Privileg bis heute. Weidenfeld freilich bot die Doppelmitgliedschaft wohl weitere Vorteile.

Besonders brachte Meffert ein bizarres Phänomen auf, das er in einem Geheimdossier die "Verselbstständigung CAP" nannte. Staatsdiener Weidenfeld leitet an der Münchener Ludwig-Maximilians-Universität das Centrum für angewandte Politikforschung (CAP).

Zweifel sind erlaubt

Für dieses Institut ist die Stiftung seit Jahren ein Quell der Freude und der Finanzmittel. Knapp 20 Prozent seines Haushalts bestreitet das Politcentrum mit Gütersloher Stiftungsaufträgen.

Um seinen umtriebigen Nebenmann unter Kontrolle zu bringen, legte ihm Meffert Anfang Dezember einen Beratervertrag vor. Weidenfeld reagierte pikiert und verlangte eine Aussprache. Am 20. Januar setzte er sich mit Meffert und Ernst Buschor, dem Vorsitzenden des Stiftungskuratoriums, zusammen. Der Marketingpapst, der sich des Rückhalts der Mohns sicher wähnte, riskierte den Eklat.

Um Weidenfelds ebenso buntes wie teures Treiben einzudämmen, sollten seine Beraterleistungen laut Vertrag künftig "gesondert honoriert" und "inhaltlich fixiert" werden.

Meffert, der nicht nur päpstlich, sondern auch pingelig sein kann, wies darauf hin, dass es wie bisher nicht weitergehen könne, schon "aus steuerlichen Gründen". Auch ließ er seinen konsternierten Vorstand wissen, dass er nicht mehr als 100 Arbeitstage in Rechnung stellen dürfe.

Wörtlich heißt es in einem vertraulichen Aktenvermerk (ST-P/HM 31.1.05): "Ich stellte mit Herrn Buschor auch die Frage, ob die von Herrn Weidenfeld im Jahr 2004 aufgewandten 175 Arbeitstage in diesem Ausmaß als Nebentätigkeit genehmigt seien. Herr Weidenfeld wies darauf hin, dass eine entsprechende Genehmigung ... vom bayerischen Ministerium mit ihm vereinbart wäre."

Zweifel sind erlaubt: Für die Genehmigung seiner Nebentätigkeit ist kein Ministerium, sondern die Universität zuständig. Dort indes will man von einer Erlaubnis nichts wissen und teilt auf Anfrage mit, "dass ein Antrag auf Genehmigung einer Nebentätigkeit im Umfang von 175 Arbeitstagen nicht genehmigungsfähig" sei. Dies gelte auch für jene 100 Arbeitstage, die man Weidenfeld künftig zugesteht.

Über das Angebot, das er letztlich akzeptierte, zeigte sich Weidenfeld verbittert. Meffert schreibt: "Dies betreffe neben einer spürbaren Gehaltskürzung auch die Genehmigungsregelung bei den Reisespesen zum Wohnort."

"Schönheitsfehler"

Tatsächlich scheint Weidenfeld über facettenreiche Spesenerfahrungen zu verfügen. So ist der Mann, der "die Großen und Mächtigen der Welt" ("Abendzeitung") berät, auch Vorsitzender des Abt-Herwegen-Instituts am Kloster Maria Laach, was ein netter Posten ist.

Als der Politberater vom 24. bis 26. September die Jahrestagung seines Instituts beehrte, ließ er sich Reisekosten (Flug plus An- und Abfahrt) von der Stiftung bezahlen: geprüft und abgerechnet von der Finanzbuchhaltung am 4.11.2004 ("Kostenstelle 103/008"). Angeblich weil er Projektergebnisse der Bertelsmann-Stiftung vermitteln wollte.

Die sind ihrer Natur nach allerdings so vage ("Geistige Orientierung"), dass sich - beispielsweise unter dem Bewirtungsanlass "Internationale Verständigung" - praktisch überall auf der Welt Spesen erwirtschaften lassen, auch an Weidenfelds Urlaubsort Timmendorf - was tatsächlich geschehen ist.

Dass sich eine gemeinnützige, steuerbegünstigte Stiftung dafür zuständig fühlt, ist erstaunlich.

Ende April, aus Leichtsinn oder beschwingt durch das, was Freud den Todestrieb nannte, redete sich Meffert in einem Interview mit der "Süddeutschen Zeitung" noch etwas anderes von der Seele: Es wirke wie ein "Schönheitsfehler", dass Liz Mohn weiterhin sowohl im Vorstand als auch im Kuratorium säße.

Liz Mohn, die in Konzern und Stiftung herumgrapscht wie andere Damen in ihrer Handtasche, nahm die Worte ohne Vergnügen zur Kenntnis. Meffert, noch einsamer als vorher, gab auf. Er verabschiedete sich mit einer kämpferisch hochwertigen Darbietung. Die Damen und Herren sind nun wieder unter sich.