Topunis Akademische Duftmarken

Ausbildung: Mit unterschiedlichen Konzepten kämpfen die Bucerius Law School und die Uni Heidelberg um den Ruf als beste Jura-Hochschule.

Sebastian Naber hat zwei Luxusprobleme. Erstens: Sein juristisches Staatsexamen hat er mit 11 von maximal 18 Punkten bestanden. Wow, sagen Jurastudenten staatlicher Universitäten. Hm, okay, sagen Nabers Kommilitonen an der Bucerius Law School (BLS).

Gerade haben rund 30 Studenten des ersten Jahrgangs der Juristen-Kaderschmiede ihr Staatsexamen absolviert. Offiziell sind die Ergebnisse noch nicht, aber auf dem Campus ist zu hören, dass der Schnitt deutlich höher ist als 11 Punkte. Naber liegt also darunter und tröstet sich damit, dass "es immerhin zum Prädikat gereicht hat".

Das zweite Problem hat mit seinem Amt als Chef der Alumni-Vereinigung zu tun. Naber hat ein Karriere-Intranet für die künftigen Ehemaligen aufgebaut. Die frisch Examinierten geben ihre Profile ein und hoffen, dass sich irgendwann eine Kanzlei meldet. So war es gedacht.

Tatsächlich verbringt Naber nun einen Großteil seiner Zeit damit, gemeinsam mit dem BLS-"Career-Office" den Ansturm namhafter Kanzleien auf seine Mitabsolventen zu kanalisieren. Die internationalen Law Firms bieten Praktika und Referendariatsstationen, meist mit einem Einstiegsangebot für die Zeit nach dem Referendariat. "Die sind schon ganz gespannt auf uns", staunt der 24-Jährige mit Designerhornbrille und ordentlichem Scheitel. Wie gesagt: Luxusprobleme.

Nur fünf Jahre nach ihrer Gründung steht die Bucerius Law School auf Platz eins des aktuellen Uni-Rankings von McKinsey. Sie wirbt mit ihrem modernen Image und einer Ausbildung, die den Bedürfnissen der Wirtschaftsjuristerei wie auf den Leib geschneidert ist. Gleichzeitig ist aber auch etwa die Universität Heidelberg ganz oben auf der Liste - sie punktet mit jahrhundertelanger Tradition und klassischer Ausbildung. Unterschiedliche Strategien, ähnlicher Erfolg -wer den Anspruch hat, die Elite auszubilden, muss sich spezialisieren.

Als Sebastian Naber vor fünf Jahren sein Studium begann, war die BLS alles andere als eine sichere Bank. Eine private Hochschule, ausgerechnet für die staatstragende Profession der Juristen? Nicht wenige befürchteten, die Privatiers bei Bucerius würden nicht ausreichend auf das Staatsexamen vorbereitet. Das Projekt hatte viel von einem Start-up: große Hoffnung, Ausgang ungewiss.

Juristenbibel statt Heiliger Schrift

Die Bucerius School residiert in einem altehrwürdigen Gebäude mit einer großen Kuppel und Stuck über den hohen Fenstern. Im Erdgeschoss ist das Büro von Markus Baumanns. Der Raum ist licht und schick, helles Holz und Ledersessel dominieren.

Von hier aus steuert der Geschäftsführer der BLS das Experiment der Zeit-Stiftung, die juristische Ausbildung der Umklammerung durch den öffentlichen Dienst zu entreißen und sie ökonomischer auszurichten. "Im Kern haben wir hier die gleiche Ausbildung wie die staatlichen Unis, aber wir wollen ganz neue Akzente setzen."

Das Experiment ist mehr als geglückt. Aber so offen triumphierend würde Baumanns das nie sagen. Weil die Wirtschaft, für die hier ausgebildet wird, zahlengetrieben ist, lässt auch Baumanns am liebsten Zahlen sprechen: Die Bibliothek ist "24/7" geöffnet, was bedeutet, dass man dort auch Heiligabend im "Schönfelder", der Juristenbibel, schmökern kann.

An der BLS herrscht an 36 Wochen im Jahr Hochschulbetrieb, die staatlichen Unis kommen gerade mal auf 28. Die Professoren-Studenten-Relation an der BLS liegt bei 1:25 - der Vergleich mit den Staatshochschulen wäre so beschämend, dass selbst Baumanns ihn sich verkneift.

Die Professoren halten ihre Vorlesungen mit Power-Point, die Skripte laden sich die Studenten auf ihre Laptops herunter. Auf dem gesamten Campus gibt es Wireless Lan; Kursanmeldungen, Prüfungsergebnisse, Kommunikation mit den Dozenten - alles geht online. Das ist einer der Gründe, warum die Bucerianer für ihr Studium im Schnitt rund eineinhalb Jahre weniger brauchen als ihre Staatskommilitonen.

Schnelligkeit, Effizienz, Praxisnähe: Ökonomisches Denken ist an der BLS allgegenwärtig. Am Empfang gibt es Stifte, Poloshirts und Tassen mit dem BLS-Schriftzug zu kaufen - das ist ein Teil der "eigenen wirtschaftlichen Aktivitäten", die immerhin 5 Prozent zum Zehn-Millionen-Etat beitragen.

Auch die frisch gegründete "Bucerius Education GmbH" gehört dazu, wo Fachleute Weiterbildungskurse für Juristen anbieten. 60 Prozent des Etats trägt die Zeit-Stiftung, gut 20 Prozent kommen durch Studiengebühren herein (3000 Euro pro Trimester). Und immerhin anderthalb Millionen spendieren Förderer wie die großen Law Firms, weshalb es im Foyer Wegweiser gibt zur "Hengeler-Mueller-Bibliothek", zum "Taylor-Wessing-Lecture-Room" oder zum "Freshfields-Bruckhaus-Deringer-IT-Center".

Effizienz ist oberstes Gebot

Natürlich können die Absolventen der Law School auch Richter werden oder Karriere beim Finanzamt machen. Aber "die meisten hier wollen später in eine große Kanzlei oder als Syndikus in ein internationales Unternehmen", sagt Katharina Hemmen, die im neunten Trimester studiert.

Alles andere wäre beim Lehrplan der BLS auch verwunderlich. Kurse in Wirtschaftswissenschaften sind Pflicht, ebenso Praktika und Auslandsaufenthalte. Dazu kommen Fremdsprachenprüfungen: Legal English meist, aber auch Französisch und Russisch.

Um das alles zu schaffen, ist Effizienz oberstes Gebot: Prüfungen beenden die Trimester, die "akademische Freiheit" ist zu Gunsten eines straffen, intensiven Lehrplans weitgehend aufgehoben. "Mir gefällt gerade das etwas verschultere System, die familiäre Atmosphäre", sagt Hemmen. Nicht selten ist sie von morgens um acht bis abends um acht auf dem Campus. "Es herrscht natürlich auch ein gewisser Konkurrenzdruck, weil die meisten hier eben sehr gut sind", sagt die 22-Jährige.

Für die elitäre Auswahl sorgt ein strenges, zweistufiges Aufnahmeverfahren, bestehend aus einem schriftlichen Test und ausführlichen Interviews. Inzwischen bewerben sich 500 Studenten pro Jahr, jeder Fünfte wird genommen - ihr Abitur-Schnitt liegt bei 1,5. "Sicherlich verdanken wir unseren Erfolg dem Potenzial der Studenten mindestens ebenso wie der guten Ausbildung", gibt auch Baumanns zu.

Aber was zeichnet ihn aus, den Jurastudenten mit überdurchschnittlichem Potenzial? Vielleicht ist er so wie Sebastian Naber: Abi-Schnitt 1,2, als Klavierspieler bei "Jugend musiziert" dabei, Mitglied im "Leo Club", der Jugendorganisation der Lions Clubs. Oder wie Caroline Wirtz: Abi 1,4, an ihrem Gymnasium war sie Schülersprecherin.

Es ist ja nicht so, als ob die besten Jurastudenten von einem anderen Stern kämen. Im Grunde tun sie das Gleiche wie ihre Kommilitonen - nur immer den berühmten Tick schneller, zielstrebiger, ernsthafter vielleicht.

Aus den Ergebnissen der Studentenbefragung von SPIEGEL, AOL und McKinsey, die so umfassend wie nie zuvor Fähigkeiten und Qualifikationen der deutschen Studierenden erfasste, hat der deutsche Consultingprimus für mm eine Sonderauswertung der Jurastudenten vorgelegt.

Eintrittskarte für Topjobs

Die besten 10 Prozent der Jurastudenten

  • kommen danach auf eine durchschnittliche Abitur-Note von 1,5 (gegenüber 2,1 unter allen Jurastudenten),


  • brauchen fast 1,5 Semester weniger für ihr Studium,


  • haben im Schnitt 3,3 Praktika absolviert (Gesamtdurchschnitt: 2,5),


  • sind fitter in Fremdsprachen: 20 Prozent beherrschen neben Englisch eine weitere Fremdsprache (aber nur knapp 10 Prozent ihrer "normalen" Kommilitonen),


  • und haben deutlich länger im Ausland studiert oder gearbeitet: Fast jeder Zweite von ihnen war ein Jahr oder länger im Ausland (gegenüber jedem Fünften im Schnitt aller Jurastudenten).
All das aber hilft wenig, wenn eines nicht stimmt: Als Eintrittskarte für Topjobs - oder, je nachdem, als beinahe unüberwindbare Hürde - gelten gerade in Jura nach wie vor die Examensnote und die Universität, an der sie erworben wurde. Einige Hochschulen wie Passau, Freiburg oder Heidelberg halten traditionell einen Stammplatz auf den vorderen Ranking-Rängen - einer alten Regel sei Dank: Gute Leute gehen dorthin, wo sie auf andere gute Leute treffen.

Von diesem schlichten Prinzip profitiert die Universität Heidelberg schon seit Jahrhunderten. "Wir sind nicht nur die älteste Universität in Deutschland, sondern auch die im Ausland bekannteste. Das ist für Spitzenprofessoren attraktiv - und damit wiederum auch für Studenten", sagt der Dekan der juristischen Fakultät, Thomas Pfeiffer, mit entwaffnender Offenheit.

Gut ist, was immer gut war: Im aktuellen "SPIEGEL"-Ranking belegt Heidelberg Platz drei. Hier werden die meisten juristischen Promotionen abgegeben. Pro Studienplatz hat die Uni bundesweit die meisten Bewerber.

Und das, obwohl das Heidelberger Jurastudium als besonders hart gilt. "Wir legen Wert darauf, dass die Qualität nicht aufgeweicht wird", sagt Pfeiffer. Koryphäen zahlreicher Rechtsgebiete wie der Steuerrechtler Paul Kirchhof lehren in der gemütlichen Neckarstadt. Sie stellen hohe Anforderungen und strenge Prüfungen.

Tradition und Moderne

Gerade hat Pfeiffer in der alten Aula eine neue Spitzenkraft im Club der Heidelberger Juraprofessoren begrüßt: Christian Baldus, den neuen Direktor des Instituts für geschichtliche Rechtswissenschaft. Die alte Aula ist holzgetäfelt, Kronleuchter hängen von der Kassettendecke, an der Stirnwand sind goldene Putten aufgestellt. Der Ort ist wie geschaffen für die Antrittsvorlesung des Rechtshistorikers Baldus.

Für Thomas Pfeiffer ist es die richtige Gelegenheit, das Selbstverständnis Heidelbergs in einer sich immer schneller drehenden Welt noch einmal ordentlich festzuzurren: Angetan mit schwarzem Talar, wettert Pfeiffer gegen "jede Form eines nur technokratischen Rechtsverständnisses" und mahnt stattdessen "eine Rückbesinnung auf Herkunft und Tradition der Rechtsprechung" an.

Es gelte, "die Rechtswissenschaft von ihren Grundlagen her zu begreifen". Juristen, sagt Pfeiffer, dürften nicht zu "Vollstreckern ökonomischer Verengungen" degradiert werden. Es ist ein Plädoyer gegen eine rein anwendungsbezogene Juristerei, die ihre Ursprünge nicht mehr kennt.

Markige Worte, in denen allerdings eine Menge Marketing steckt. Denn im Rennen um das Label "Elitehochschule" will gerade die juristische Fakultät Heidelberg ganz vorn mitlaufen - und hat sich deshalb vorsichtig, aber effizient modernisiert.

"Wir beobachten schon, dass weniger Absolventen in den Staatsdienst gehen und die großen Law Firms deutlich an Attraktivität gewonnen haben", sagt Pfeiffer. Heidelberg hat mit einem Programm zur "Anwaltsorientierten Juristenausbildung" reagiert; ein eigens eingerichtetes Zentrum koordiniert die Kooperation mit den Kanzleien. Auch ruft die Neckarstadt mit am lautesten nach Studiengebühren, die in den nächsten zwei Jahren kommen und allein der juristischen Fakultät eine Million Euro mehr pro Jahr bringen sollen.

Wenn die Bucerius Law School für eine moderne Juraausbildung mit einem Schuss Tradition steht, dann repräsentieren die Heidelberger Juristen Tradition mit ein klein wenig Moderne, wo es sich nicht vermeiden lässt. Im Wettbewerb um die besten Köpfe setzen sie unterschiedliche Duftmarken - und profilieren sich so als akademische Marken.

In einem Punkt aber sind sich beide ziemlich ähnlich: Sie haben das Alleinstellungsmerkmal entdeckt, mit dem sie sich optimal vermarkten können.

Die Zukunft der Juristen

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