Dienstag, 12. November 2019

Berufsreport Die Zukunft der Juristen

Massenhaft Absolventen, wenige Jobs, und die Anforderungen werden immer größer – manager magazin zeigt die besten Karrierewege für Juristen auf.

Drückend heiß senkt sich die Nacht über Mumbai. Mit müdem Blick schiebt der Barman des "Grand Hyatt"-Hotels seinen letzten Gästen zwei Gläser Black Label über den Tresen. Gern würde er die beiden Herren auf ihre Zimmer schicken, den Laden schließen und nach Hause gehen, doch die beiden Barbesucher vor ihm machen keine Anstalten zu gehen. Wolfgang Peters (41) und Jörg Podehl (41), Anwälte aus Düsseldorf, werden in dieser Nacht noch lange hier sitzen, schließlich feiern sie einen der schönsten Momente ihres Berufslebens.

 Edel und stark: Vom Job in einer Law Firm träumen die meisten Jungjuristen. Das Bild zeigt Anwälte der Kanzlei Linklaters (v.l.): Lynn-Albert Brandes (Referendar), Bettina Kramer, Peter Erbacher, Eva Reudelhuber und Matthew Devey
Rüdiger Nehmzow
Edel und stark: Vom Job in einer Law Firm träumen die meisten Jungjuristen. Das Bild zeigt Anwälte der Kanzlei Linklaters (v.l.): Lynn-Albert Brandes (Referendar), Bettina Kramer, Peter Erbacher, Eva Reudelhuber und Matthew Devey
Die Juristen sind in die indische Metropole (früher Bombay) geflogen, um einen kühnen Plan zu verwirklichen: Sie wollen in der brodelnden Wachstumsregion Mandanten akquirieren. Die beiden Partner der Kanzlei Peters Rechtsanwälte hatten via Internet der deutschindischen Handelskammer ein Seminar zum Thema "Doing Business in Germany" angeboten. Sie hofften auf 10, vielleicht 20 Interessenten.

Als Peters und Podehl den Seminarraum betreten, ist der Saal bis in den letzten Winkel besetzt. 60 Vertreter indischer Unternehmen wollen die Einführung in deutsches Wirtschaftsrecht hören. Die Deutschen tragen in zwei Runden vor und brauchen ihre Visitenkartenvorräte restlos auf.

Das indische Abenteuer hat sich ausgezahlt: Zwei neue Mandanten sind gefunden und eine renommierte indische Kanzlei, die mit den Rheinländern künftig eng zusammenarbeiten will. Mit ihrem Gespür fürs Unternehmerische haben Wolfgang Peters und Jörg Podehl geschafft, woran Jahr für Jahr tausende Rechtsgelehrte scheitern: Sie haben sich im chronisch überbesetzten deutschen Juristenmarkt ihre Nische erkämpft.

Die Perspektiven der Juristen - unter Arbeitsmarktexperten gibt es kaum ein traurigeres Thema. Die Arbeitslosenquote der Paragrafenkenner liegt inzwischen deutlich über dem Durchschnitt der übrigen Akademiker.

Nur ein Bruchteil der Absolventen findet in der Justiz oder der Verwaltung Unterschlupf. Vier Fünftel jedes Jahrgangs müssen ihr Auskommen in der Privatwirtschaft suchen. In einer Anwaltssozietät, einem Unternehmen oder als Selbstständige. Auch hier gibt es kaum neue Jobs. Die Unternehmen setzen in ihren Rechtsabteilungen den Rotstift an. Internationale Law Firms, kürzlich noch der Jobmotor schlechthin, stellen nur wenige junge "Associates" ein.

© manager magazin 7/2005
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung