Beruf kontra Privatleben Schwieriger Spagat

Nichts ist in Zeiten von Kostendruck und Hyperwettbewerb schwieriger, als die richtige Balance zwischen Arbeit und Privatleben zu finden. Das Erstaunliche: Es geht. Ein Erfahrungsbericht.
Von Judith-Maria Gillies

Die Sehnsucht

Die Doppelrolle

Die Doppeldenke

Die Auszeit

Die Ansprüche

Die Befriedigung

Den Anruf seiner Frau im Mai 1999 wird Stefan Shaw nie vergessen. "Freudestrahlend berichtete sie mir, dass unsere Tochter Hannah jetzt laufen könne." Das Problem des Münchener Unternehmensberaters: "Ich saß in Saarbrücken, konnte weitere drei Tage nicht nach Hause und dachte nur: Jetzt passt das, was ich tue, mit dem, was ich will, gar nicht zusammen." Shaw handelte. Kurze Zeit später kündigte der Kulturwissenschaftler seinen Job bei der Boston Consulting Group (BCG) und gründete an seinem Wohnort die Kunstberatung Art Matters. Mit Erfolg, wie der 36-Jährige nicht nur wegen der schwarzen Zahlen seiner Firma findet: "Aus einer Wochenendbeziehung mit meiner Familie ist ein tägliches Zusammenleben geworden."Hut ab. Shaw hat sich getraut, wovon viele Manager träumen. Anstatt blindlings die Karriereleiter zu erklimmen, entdecken mehr und mehr Spitzenkräfte andere Werte in ihrem Leben. "Das Schneller-Höher-Weiter funktioniert nicht mehr. Viele Führungskräfte fragen sich: Soll das alles gewesen sein?", sagt die Kölner Trainerin Anja Kolberg, die Manager in Umbruchsituationen berät. "Und immer häufiger fällt die Antwort gegen ein Leben für die Arbeit aus."Der Job als Sinnstifter? Fehlanzeige. Das zeigt auch die aktuelle "Prosumer Pulse Studie" der Werbeagentur Euro RSCG Worldwide, die mehr als 3000 Erwachsene in fünf Ländern nach ihrer Einstellung zu Beruf und Privatleben gefragt hat. Lediglich 13,6 Prozent aller Deutschen stimmten der Aussage zu: "Ich lebe, um zu arbeiten. Arbeit ist der Mittelpunkt meines Lebens und die wichtigste Quelle für meine Zufriedenheit." Nur Großbritannien kann mit einer noch niedrigeren Quote aufwarten (11,5 Prozent), in Frankreich liegt die Zustimmung immerhin bei 14,5 Prozent, in den USA bei 16,5 Prozent, in China gar bei 28,4 Prozent.Kein Wunder, dass sich der Führungsnachwuchs seinen Arbeitgeber auch danach aussucht, ob Zeit für das Privatleben bleibt, wie der Kölner Recruiting-Dienstleister Access festgestellt hat. In Umfragen unter deutschen Wirtschaftsabsolventen rückt dieser Wunsch immer weiter nach vorn - von Rang 23 im Jahr 2000 bis auf Platz 11 im Jahr 2004. Ein neues Denken zieht ins Management ein. "Karriere hat für mich nichts mit dem klassischen Nach-oben-Arbeiten in einer Corporate-Umgebung zu tun", sagt Jörg Rheinboldt, langjähriger Mitgeschäftsführer von Ebay Deutschland: "Ich will etwas Sinnvolles tun, etwas, das Mehrwert bringt, andere und mich glücklich macht und mit dem ich Geld verdiene", so der 33-Jährige. Realitätsfernes Sozialgeschwafel? Von wegen. Als vor einem Jahr seine Zwillinge auf die Welt kamen, machte der New-Economy-Unternehmer einen Schnitt. Er quittierte seinen hoch dotierten Job, um sich eine Zeit lang stärker der Familie zu widmen.Das Leben muss doch mehr als Arbeit sein: Solche Gedanken gehen vor allem Managern um die 40 durch den Kopf."Die einen sind nach jahrelangem Karrierestreben endlich in der ersehnten Position, fragen sich aber: wozu? Die anderen haben ihre ambitionierten Ziele nicht erreicht und machen eine Standortbestimmung", sagt Gunter Frank, Allgemeinmediziner beim Heidelberger Präventions- und Gesundheitsnetz, das Führungskräfte medizinisch durchcheckt und berät.Die Sehnsucht nach einem Gleichgewicht zwischen Arbeit und Privatleben erreicht die Chefetagen. In der Studie "Work-Life-Balance internationaler Topmanager" der Personalberatung Kienbaum gaben drei Viertel der befragten 330 Führungskräfte an, Manager hätten Anspruch auf ein intaktes Privatleben - "auch wenn kurzfristig eine berufliche Vorgabe darunter leidet". Wunsch und Wirklichkeit klaffen weit auseinander. Unter Echtzeitbedingungen schaffen nur wenige Spitzenleute einen vernünftigen Ausgleich. Auf Managementebene gilt der Workaholic noch immer als Vorbild für die Mannschaft. "Für obere und Topführungskräfte ist Work-Life-Balance ein Karrierekiller", so Edmund Mastiaux, Chef des Zentrums für Management- und Personalberatung (ZfM) in Bonn. Wer als Führungskraft mehr als 100.000 Euro pro Jahr verdient, habe eine Priorität gesetzt: die Arbeit. Mastiaux: "Wer auf dieser Ebene über Work-Life-Balance spricht, ist mit sich selbst nicht im Reinen." Dazu kommt die Angst, als nicht belastbar abgestempelt zu werden. Kollegenschelte dieser Art hat Andreas von S. reichlich abbekommen. Nach langjähriger Karriere als Personalberater bei Egon Zehnder gab S. seinen Job als Leiter des Frankfurter Büros auf und wechselte seiner französischen Frau zuliebe als einfacher Partner nach Paris - für viele nicht nachvollziehbar."Ein paar haben mich gewarnt", erinnert sich der Headhunter. Es fielen Sätze wie: "Bist du wahnsinnig?" Heute sind die skeptischen Stimmen verstummt. Das mag an den Berichten von S. aus der neuen Heimat liegen. Denn der 47-Jährige hat den französischen Lebens- und Arbeitsstil schätzen gelernt. "Auch an ein gelegentliches Glas Rotwein beim Mittagessen habe ich mich gewöhnt."Von solch einem Savoir-vivre im Job sind die meisten Führungskräfte weit entfernt. Angst vor Karrierehänger und Jobverlust steuert ihr Verhalten. "Im momentanen Rat Race befürchten viele, sie seien weg vom Fenster, wenn sie den Wunsch nach einer Work-Life-Balance anmelden", urteilt Rainer Niermeyer, Mitglied der Geschäftsleitung von Kienbaum in Gummersbach. Der Personalprofi hält diese Einstellung für falsch. "Die Leistungsträger könnten durchaus mutiger sein", so seine Forderung. Leichter gesagt als getan. Was vielen zu schaffen macht, ist ihre "Doppelrolle als Privatmensch und Manager", diagnostiziert der Hamburger Personalprofessor Michel Domsch. Führungskräfte, so der Inhaber des Lehrstuhls für Personalwesen und Internationales Management an der Universität der Bundeswehr, hätten typischerweise zwei Gehirne. Im Unternehmen sei vor allem der toughe, visionäre Teil aktiv. Das versteckte, private Gehirn trete meist nach Feierabend oder im Urlaub zu Tage, meist nur dem Partner gegenüber. Viele Führungskräfte entlarven sich durch eine "Eigentlich-Sprache", wie Domsch das Verhalten nennt. Sie lassen Sätze fallen wie: "Eigentlich würde ich gern mal ein langes Wochenende an die See fahren." Oder: "Eigentlich würde ich gern mal den Tennisplatz nutzen, für den ich seit 20 Jahren bezahle." Dieser Doppeldenke kam der Forscher zusammen mit anderen Kollegen Mitte der 90er Jahre auf die Spur, als er den Bedarf an Teilzeitangeboten im Management verschiedener Firmen untersuchte. Unabhängig von der Branche folgte das Ergebnis seiner Umfrage stets demselben Muster: Das Topmanagement behauptete stets, bei Führungskräften bestünde kein Bedarf an Teilzeitstellen.Eine anschließende anonyme Befragung unter den Betroffenen ergab das Gegenteil. Rund 40 Prozent der weiblichen Führungskräfte und ein Drittel der männlichen sagten, sie könnten sich durchaus vorstellen, in den nächsten fünf Jahren solche Angebote zu nutzen.Trotz der versteckten Nachfrage: Der Traum vom Führungsjob mit angemessenem Privatleben bleibt meist unerfüllt. "In Boomzeiten haben die Unternehmen zum Teil übertriebene Investitionen für Edelcoachings auf Fischzuchtfarmen in Schweden lockergemacht", kritisiert Kienbaum-Geschäftsführer Niermeyer. In den Zeiten von Kostendruck und Arbeitsplatzabbau hätten "die Leute solche Auszeiten bitter nötig, aber sie werden nicht angeboten". Zumindest die oberen Chargen gehen leer aus. Egal ob Auszeit, Teilzeit oder erweiterte Elternzeitmodelle: Wovon die Belegschaft in vielen Firmen profitiert, das ist für den Führungskreis tabu."Unternehmensgrundsätze zur Work-Life-Balance sind auf Managementebene meist nur Lippenbekenntnisse", klagt Ulf Kadritzke, Professor für Industrie- und Betriebssoziologie an der Fachhochschule für Wirtschaft in Berlin. Dem Manager mit Augenringen werde Verantwortungsbewusstsein unterstellt. Demjenigen, der Zeit für Privates einfordert, wird dagegen mangelnde Leistungsbereitschaft vorgeworfen. Im Klartext: Wer sich nicht 150-prozentig im Job einsetzt, fällt bei der Beförderung schnell durch. Seit' an Seit' mit dem Arbeitgeber: Besonders in harten Zeiten fordern Unternehmen von ihren Topleuten die ungeteilte Solidarität ein. "Die Argumentation lautet: Um die Position im beinharten Wettbewerb zu behaupten, müssen alle High Potentials volle Leistung geben", so Soziologe Kadritzke: "Die Mehrheit der Firmen betreibt Raubbau an der eigenen Substanz."Langfristig mag das fatal sein. Doch derzeit wird in vielen Chefetagen kurzfristig gedacht. Kein Wunder, dass Work-Life-Balance unter den Mitarbeitermotivatoren nur unter "ferner liefen" rangiert.Das zeigt eine neue Studie der Personalberater Hewitt Associates  und Kienbaum. Danach steigern Angebote zur Work-Life-Balance das Engagement der Mitarbeiter lediglich um 13 Prozent - Peanuts gegenüber anderen Faktoren wie dem direkten Vorgesetzten (40 Prozent), der Unternehmensleitung (34) oder dem Gehalt (22).Wer dennoch mehr Zeit zum Atemholen braucht, sollte sich in Eigenregie eine Auszeit verschreiben - ganz nach dem Vorbild von Harald "Kreativpause" Schmidt. In Ausnahmefällen werden Manager von ihrem Arbeitgeber unterstützt. Stephan Batteux hatte dieses Glück. Der Leiter des Papierbereichs Europa beim Computerbauer Hewlett-Packard in Böblingen nutzte das firmeneigene Arbeitszeitmodell und nahm sich ein viermonatiges Sabbatical aus angesparten Urlaubstagen. Er wollte Zeit für die Kinder, für den Garten, für das Reisen. "Es hat mir viel gegeben", sagt der 39-Jährige. Doch nach seiner Rückkehr ins Berufsleben muss er an seiner Work-Life-Balance "weiterhin arbeiten", wie er zugibt. Heute schuftet er wieder wie zu alten Zeiten: "mit 120 Prozent Einsatz". Andere wollen mehr als den Schnupperkurs Sabbatical. Sie wagen ein anderes Leben. Karl Ludwig Schweisfurth etwa verkaufte in den 80er Jahren seine Wurstfabrik und verwirklichte sich als Ökounternehmer mit den Hermannsdorfer Landwerkstätten selbst. Verleger Florian Langenscheidt schied 1994 aus der Geschäftsführung des Familienunternehmens aus. Heute schreibt der Wahlmünchener Bücher, reist durch die Welt, hält Vorträge über Sinnfragen des Lebens - und feiert rauschende Feste.Doch wie gelangen gestresste Manager dorthin? "Weg von den äußeren Ansprüchen, hin zur inneren Stimme", empfiehlt Karriereberaterin Kolberg.Aber was sagt die? Ex-Ebayer Rheinboldt stellte sich drei Fragen: Was will ich eigentlich? Wie sieht für mich Erfolg aus? Wo will ich hin? "Wenn man das weiß, muss man es nur machen", so der Berliner. "Und man muss die Umgebung so organisieren, dass es klappt."Man muss deshalb nicht gleich den Job aufgeben. Oft reichen schon kleine Schritte, wie Personalprofessor Domsch sagt. Zum Beispiel im Schnitt einen Tag pro Woche freinehmen. "Das kann auch bedeuten, in Stressphasen zwei Monate durchzuarbeiten, aber anschließend eine Pause einlegen zu können", so der Wissenschaftler.Ein anderes Modell: reduzierte Überzeit. Laut der Work-Life-Balance-Studie von Kienbaum arbeiten über 70 Prozent der Führungskräfte mehr als 50 Stunden in der Woche. Die gute Nachricht: "Eine hohe Arbeitsbelastung an sich bedeutet nicht automatisch eine Beeinträchtigung der Gesundheit", so Mediziner Frank. "Nicht die Arbeitszeit bringt Probleme, sondern der Mangel an Bedürfnisbefriedigung."Manager, so sein Rat, sollten regelmäßig ihre Wünsche prüfen und diese in ihr Leben einplanen. Was dagegen nichts bringt: "Auf Modetrends wie Jogging oder positives Denken setzen, die angeblich mehr Balance bringen", so Frank. "Jeder Mensch muss selbst herausfinden, was er braucht." Das geht auch mit einer voll gepackten Arbeitswoche wie bei Claudia Rutt. Als Geschäftsführerin der DKMS Deutsche Knochenmarkspenderdatei in Tübingen arbeitet die Diplomkauffrau heute viel länger als in ihrem früheren Beruf als Versicherungsangestellte. Sie hält Vorträge auf Ärztekongressen, wirbt Spender an, organisiert Events, baut eine Dependance in Brasilien auf. So pushte sie eine kleine Bürgerinitiative zur weltweit größten Stammzellenspenderdatei. Das Powern zahlt sich aus: "Die Arbeit geht mir durch Leib und Seele, sie frisst jede Faser von mir auf - im Positiven wie im Negativen", so die umtriebige Geschäftsfrau. "Obwohl mir die DKMS nicht gehört, kommt es mir vor, als sei sie ein Stück von mir."Typisch: Wer sich mit der Arbeit identifiziert, lebt ausgeglichener. "Entscheidend ist, dass alles, was getan wird, mit positivem Stress besetzt ist", so ZfM-Chef Mastiaux. Und Kienbaum-Manager Niermeyer hat bei der Personalauswahl einen Work-Life-Balance-Praxistest der besonderen Art auf Lager. Kandidaten stellt er die provokante Frage: "Sie machen einen ausgeglichenen Eindruck und scheinen vielfältige Interessen zu haben.Was wollen Sie in einem Job, der Sie mit 60 Wochenstunden auffrisst?" Die Reaktion, da ist sich der Fachmann sicher, verrät, ob sich der Bewerber schon mit dem Thema auseinander gesetzt hat - so wie der Manager, der antwortet: "Zeit für einen Theaterbesuch muss hin und wieder drin sein. Anschließend habe ich auch wieder Lust, mich mit dem Notebook zu beschäftigen." BCG-Aussteiger Shaw, mittlerweile Vater zweier Kinder, setzt genau auf dieses Modell. Nach der Aufbauphase von Art Matters fasste er den Vorsatz: "Ab jetzt definiert nicht die Firma mein Arbeitspensum, das tun meine persönlichen Bedürfnisse."Für ihn hat sich der Absprung aus dem Angestelltenjob in die Selbstständigkeit trotz Zehnstundentagen und Nachtschichten ohne Frage gelohnt: "Als mein Sohn Simon laufen lernte, war ich dabei!" Simplify-Test: Entrümpeln Sie Ihr Leben

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