Montag, 18. November 2019

Beruf kontra Privatleben Schwieriger Spagat

Nichts ist in Zeiten von Kostendruck und Hyperwettbewerb schwieriger, als die richtige Balance zwischen Arbeit und Privatleben zu finden. Das Erstaunliche: Es geht. Ein Erfahrungsbericht.

Den Anruf seiner Frau im Mai 1999 wird Stefan Shaw nie vergessen. "Freudestrahlend berichtete sie mir, dass unsere Tochter Hannah jetzt laufen könne." Das Problem des Münchener Unternehmensberaters: "Ich saß in Saarbrücken, konnte weitere drei Tage nicht nach Hause und dachte nur: Jetzt passt das, was ich tue, mit dem, was ich will, gar nicht zusammen."

 Stefan Shaw, der Alltagspapa: Als vor sieben Jahren seine Tochter geboren wurde, hatte der Kulturwissenschaftler den Alltag eines Beraters einer großen Consultingfirma: fünf Tage die Woche unterwegs, die Familie wartend zu Hause. Shaw gab den Job auf und gründete seine eigene Firma. Zu tun hat er auch heute genug, aber nun bleibt die Zeit, Tochter und Sohn täglich zur Schule und in den Kindergarten zu bringen.
Enno Kapitza
Stefan Shaw, der Alltagspapa:
Als vor sieben Jahren seine Tochter geboren wurde, hatte der Kulturwissenschaftler den Alltag eines Beraters einer großen Consultingfirma: fünf Tage die Woche unterwegs, die Familie wartend zu Hause. Shaw gab den Job auf und gründete seine eigene Firma. Zu tun hat er auch heute genug, aber nun bleibt die Zeit, Tochter und Sohn täglich zur Schule und in den Kindergarten zu bringen.
Shaw handelte. Kurze Zeit später kündigte der Kulturwissenschaftler seinen Job bei der Boston Consulting Group (BCG) und gründete an seinem Wohnort die Kunstberatung Art Matters. Mit Erfolg, wie der 36-Jährige nicht nur wegen der schwarzen Zahlen seiner Firma findet: "Aus einer Wochenendbeziehung mit meiner Familie ist ein tägliches Zusammenleben geworden."Hut ab. Shaw hat sich getraut, wovon viele Manager träumen. Anstatt blindlings die Karriereleiter zu erklimmen, entdecken mehr und mehr Spitzenkräfte andere Werte in ihrem Leben. "Das Schneller-Höher-Weiter funktioniert nicht mehr. Viele Führungskräfte fragen sich: Soll das alles gewesen sein?", sagt die Kölner Trainerin Anja Kolberg, die Manager in Umbruchsituationen berät. "Und immer häufiger fällt die Antwort gegen ein Leben für die Arbeit aus."Der Job als Sinnstifter? Fehlanzeige. Das zeigt auch die aktuelle "Prosumer Pulse Studie" der Werbeagentur Euro RSCG Worldwide, die mehr als 3000 Erwachsene in fünf Ländern nach ihrer Einstellung zu Beruf und Privatleben gefragt hat. Lediglich 13,6 Prozent aller Deutschen stimmten der Aussage zu: "Ich lebe, um zu arbeiten. Arbeit ist der Mittelpunkt meines Lebens und die wichtigste Quelle für meine Zufriedenheit." Nur Großbritannien kann mit einer noch niedrigeren Quote aufwarten (11,5 Prozent), in Frankreich liegt die Zustimmung immerhin bei 14,5 Prozent, in den USA bei 16,5 Prozent, in China gar bei 28,4 Prozent.Kein Wunder, dass sich der Führungsnachwuchs seinen Arbeitgeber auch danach aussucht, ob Zeit für das Privatleben bleibt, wie der Kölner Recruiting-Dienstleister Access festgestellt hat. In Umfragen unter deutschen Wirtschaftsabsolventen rückt dieser Wunsch immer weiter nach vorn - von Rang 23 im Jahr 2000 bis auf Platz 11 im Jahr 2004.

© manager magazin 6/2005
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