Editorial Chance für Deutschland

Die Wirtschaftselite spürte längst den Wind des Wechsels.

Diese Bundesregierung hatte sich viel vorgenommen, sie hat einiges versucht und wenig erreicht. Sie hat ihre Chance gehabt. Die Ankündigung Gerhard Schröders, im Herbst neu wählen zu lassen, ist das Eingeständnis, dass er am Ende ist. Die Macht, die der Kanzler formal noch besitzt, hat sich in eine leere Hülle verwandelt.

Weil das bürgerliche Lager via Bundesrat wichtige Gesetzesvorhaben dieser Bundesregierung blockieren kann. Und weil die SPD selbst nicht mehr weiß, welche Politik sie eigentlich wollen würde, wenn sie diese denn durchsetzen könnte. Deshalb sind Neuwahlen keine echte Chance mehr für die rot-grüne Koalition. Wohl aber eine für Deutschland.

Bereits die Debatte über den Kapitalismus und die "Heuschrecken"-Investoren hat die selbst verschuldete Hilflosigkeit der SPD in wirtschaftlichen Fragen offen gelegt und das Ende vorgezeichnet. Zumindest etliche Profis der Machtausübung, die Unternehmenschefs, haben das früh bemerkt. Als sich Mitte Mai die deutsche Wirtschaftselite auf Einladung von manager magazin im "Schlosshotel Kronberg" versammelte, spürten viele den Wind des Wechsels.

Die diesjährige Veranstaltung zur "Hall of Fame" (siehe Seite 76) hatte ihr Thema gefunden: Auf welch niedrigem Niveau werden ernsthafte Themen in Deutschland mittlerweile debattiert, fragten Topmanager und Unternehmer. Wohin treibt dieses Land? Wie findet die Republik ihre Richtung wieder?

"Eigentlich", sagte der Chef einer großen Bank im trauten Gespräch am Rande des Treffens, "brauchen wir schnell eine neue Bundesregierung". Schröder & Co., das wurde deutlich, haben viel Kredit im Unternehmenslager verloren. Merkel, Stoiber und Westerwelle allerdings müssen sich das Vertrauen der Wirtschaft erst noch erarbeiten.

In dem Lagerwahlkampf, den Rot-Grün der Republik aufzwingen wird, gilt es für Union und FDP, klare, marktwirtschaftlich grundierte Antworten auf die Dauerkrise zu geben, auf Massenarbeitslosigkeit und Mutlosigkeit. Die Vorschläge zum Umbau Deutschlands liegen vor. Was fehlt, sind sauber gemanagte Reformen.

Die Wechselstimmung gibt der Union alle Chancen. Aber nur wenn sie sich jetzt im Wahlkampf klar positioniert, wird sie später eine Regierungslinie finden. Schröder ist dank inhaltlicher Vagheit an die Macht gekommen; aber genau das war der Webfehler seiner Regierungen.

Stringenz zahlt sich aus, das zeigt zum Beispiel der Erfolg der Familien Porsche und Piëch. Der Doppelclan steuert in aller Stille ein Milliardenimperium. Die Familien besitzen 100 Prozent der Stammaktien des Stuttgarter Autobauers Porsche , und ihnen gehört, was kaum einer weiß, auch das größte Autohandelshaus Europas, die österreichische Porsche Holding.

Die mm-Redakteure Michael Freitag und Dietmar Student zeichnen das Porträt einer diskreten Dynastie. Sie recherchierten in Wien und Salzburg, Zuffenhausen und Zell am See, Belgrad und Bukarest, sprachen mit Familienmitgliedern, Aufsichtsräten, mit Managern, Beratern, Anwälten und Politikern. Das Erfolgsrezept der PS-Sippe, so die Autoren, ist eine doppelte Konzentration: "auf das Kerngeschäft Automobil und auf sich selbst".

Lesen Sie die Titelgeschichte über den Porsche-Clan ab Seite 40.

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