Freitag, 5. Juni 2020

DaimlerChrysler Spiel auf Zeit

Die Modul-Lieferanten warten auf Ausgleichszahlungen

Es ist 13.30 Uhr in Hambach. Die hochmoderne Smart-Fabrik im lothringischen Grenzgebiet steht still. Zwei Wochen lang schaltet das Werk in diesem Sommer einen Gang zurück und fährt nur noch die Frühschicht. An 14 weiteren Tagen ruht die Arbeit ganz. Schon über Ostern legte Smart-Ville eine zweiwöchige Pause ein, damals auch, um das Auto und die Produktion zum wiederholten Mal auf Vordermann zu bringen.

Ausgelegt ist DaimlerChryslers Vorzeigewerk mit einem Dreischichtbetrieb an den Werktagen und einer Doppelschicht an allen Samstagen für eine jährliche Kapazität von 200.000 Fahrzeugen. Doch nun heißt es: Reduce to the max ­ nach 80.000 gefertigten Einheiten 1999 sollen es im kommenden Jahr 100.000 werden.

In welchem Ausmaß die Daimler-Manager die Marktchancen des Winzlings bei ihren ursprünglichen Absatzplanungen überschätzt hatten, belegen die Verträge, die sie mit ihren Modul-Lieferanten schlossen. 140.000 Exemplare jährlich sicherten sie den sieben Systempartnern - von Bosch bis Mannesmann VDO - fest zu. Da die tatsächlich verkaufte Zahl deutlich darunter liegt, haben die Zulieferer jetzt einen Anspruch auf Ausgleichszahlungen.

Eigentlich sind Millionenzahlungen fällig. Doch noch ist keine müde Mark geflossen. Der Grund: Die Kontrakte mit den Lieferanten haben Laufzeiten von mindestens sechs Jahren. Und DaimlerChryslers Personenwagen-Chef Jürgen Hubbert sieht eine Schicksalsgemeinschaft: "Alle ziehen jetzt an einem Strang." Die Partner wüssten, dass DaimlerChrysler weitermache, erklärt Hubbert und gibt sich optimistisch: "Wer dabei ist, partizipiert."

Der Aufschrei der Zulieferer, die selbst insgesamt 1,1 Milliarden Mark in das Abenteuer Smart investiert haben, lässt auf sich warten. Klar indes ist: Der Stuttgarter Autokonzern spielt auf Zeit und hofft, dass der Kleinstwagen mit der Präsentation weiterer Varianten letztlich doch noch ein Bestseller wird.


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