Übernachten in Berlin Masse statt Klasse

Immer neue Fünf-Sterne-Hotels eröffnen in der Hauptstadt, mittlerweile sind es 18. Wo schläft es sich am besten an der Spree? manager magazin hat in den jüngsten Berliner Luxusherbergen Probe gelegen.
Von Klaus Ahrens und Hanno Pittner

Es hätte ein schöner Morgen werden können. Das Frühstücksbuffet ist reichlich bestückt, die freundliche Bedienung serviert den frisch gebrühten Tee, und der Blick auf das hochgemute Zuckerbäckergebilde gegenüber der Spree, Dom geheißen, erheitert den Betrachter ungemein.

Doch dann kehrt der Gast auf sein Zimmer zurück. Und fällt beinahe in einen Wassereimer hinter der Tür, während der Raum einem Wandalenlager gleicht. Das Bett ist abgerückt, die Bettdecken sind über den Raum verteilt, ebenso Staubsauger, Besen, Putztücher.

Mittendrin ein Zimmermädchen, dem nur schwer verständlich zu machen ist, dass sein Tun im Augenblick doch eher unerwünscht ist. Zumal auch nicht die Aufräum-Aufforderung an die Tür gehängt worden war.

So wie hier im "Radisson SAS" kann es einem Gast ergehen, der in der jüngsten Generation der Berliner Grandhotels ein Heim sucht.

Das Fünf-Sterne-Haus neben dem Palast der Republik, im vergangenen Frühjahr am Platz des einst legendären "Palast-Hotels" eröffnet, gehört zur Riege von sechs neu erbauten oder neu installierten Luxusherbergen, die der Hauptstadt zuwachsen wie die Blüten den Bäumen nach einem warmen Frühlingsregen.

Mittlerweile zählt Berlin 18 solcher Häuser. 1997, als manager magazin erstmals zum Test in Berliner Hotels einzog, waren es gerade einmal 7. Nun erfolgte der Test bei den jüngst hinzugekommenen 6 Etablissements.

Darunter das mit viel Premieren-Pomp vorgestellte "Ritz-Carlton" im Beisheim Center am Potsdamer Platz, das sogleich mit einem Brand und einer kurzzeitig aufgetretenen Legionellen-Verseuchung von sich reden machte.

Downgrading auf breiter Front

Oder das "Regent"-Hotel am Gendarmenmarkt, das die Nachfolge des in finanzielle Nöte geratenen "Four Seasons" angetreten hat. Aber auch das "Swissôtel", das in einem reichlich schaurigen Neubau oberhalb des Kleiderhauses C&A am Kurfürstendamm sein Domizil genommen hat.

Heute wie zuvor buchten die Autoren jeweils eine Übernachtung, möglichst in Business-Zimmern, und unterzogen Ausstattung sowie Service einer strengen Prüfung. Darin enthalten: die Frage nach Leih-Manschettenknöpfen, das Bügeln von Hose oder Sakko, das Servieren von Tee zu mitternächtlicher Stunde und die Übermittlung eiliger Faxe. Selbstverständlich auch die Beurteilung des Zustandes von Zimmern, Bädern, Lobbys, Restaurants und Fitnessbereichen.

Auffällig bei diesen Testbesuchen: Nicht jedes Haus, das fünf Sterne trägt, wird diesem Standard gerecht. Sowohl in der Architektur wie in Ausstattung und Service findet offenbar auf breiter Front ein Downgrading statt.

Manschettenknöpfe etwa hält kaum eines der Häuser vor. Auffällig aber auch der deutliche Zugewinn an Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft - in Berlin nicht selbstverständlich - bei Portiers und Empfangspersonal.

Testfall "Ritz-Carlton": Vor dem Entree des Berliner Vorzeigehauses entbrennt nahezu ein Handgemenge unter den kosakenähnlich livrierten Türstehern um das Gepäck des Ankommenden.

Die Einrichtung des Hauses verströmt Empire-Glanz: vergoldete korinthische Kapitelle tragen die Lobby-Decke, neben der raumgreifenden marmornen Freitreppe hat ein Schuhputzer sein Gestühl aufgebaut.

Auch das große Zimmer schwelgt in nachgemachtem napoleonischem Zierrat. Nur der Hotelservice entspricht nicht so ganz dem imperialen Anspruch: Ein Fax, 17.30 Uhr eingetroffen, erreicht den Gast erst eineinhalb Stunden später.

Ein Anzug, der um neun Uhr früh frisch gebügelt geliefert werden sollte, wird vom Housekeeping erst fünf vor zwölf - der Gast wartet derweil verzweifelt im Bademantel - überreicht.

Problemfall Frühstücksservice

Ganz anders der Bügeldienst im Hotel "Regent", dem ehemaligen "Four Seasons", am Gendarmenmarkt. Jackett und Hose, zur Auffrischung gegeben, kommen perfekt geglättet schon nach knapp 60 Minuten zurück.

Beim Preis gerät der Gast allerdings ins Grübeln: Während das Haus für das Bügeln von Sakko und Hose insgesamt 17 Euro in Rechnung stellt, kostet ein zweiteiliger Anzug lediglich 14 Euro. Welch wundersames Rechenkunststück.

Eigenwilliges leistet sich das Klasse-Hotel auch beim Frühstück. Wie sonst selten in der Fünf-Sterne-Kategorie, wird das Morgenmahl dem Gast nach seinen Wünschen von freundlichen Mädchen am Tisch serviert.

Aber er muss gehörig Geduld mitbringen: In unserem Fall dauerte es geschlagene 14 Minuten, bis auch nur Orangensaft und Kaffee aufgetragen wurden.

Am Gästeandrang kann es nicht gelegen haben: Zum Zeitpunkt der Bestellung saßen exakt acht Gäste im hoteleigenen Restaurant "Fischers Fritz", in dem das Frühstück serviert wird.

Dies ist der einzige Unfall in der Frühstücksgastronomie der getesteten Hotels. Alle übrigen halten reichhaltige Buffets mit frischen Delikatessen bereit, betreut von einsatzfreudigen Bediensteten. Dies gilt vor allem für das "Swissôtel", das unlängst noch wegen eines schimmeligen Toastbrots vom Fachblatt "Top hotel" geschmäht wurde.

Nur leider - das "Swissôtel" hat ganz andere Schwächen. Wer die Lobby erreichen möchte, die im 3. Obergeschoss des Gebäudes liegt, landet oft in einer Menschenschlange vor dem Fahrstuhl.

Der Weckruf der mysteriösen Art

Wer in der Lobby nach einem Business-Center sucht, wird auf zwei winzige Kabinen hinter der Portierloge verwiesen, ausgerüstet mit einem PC. Und wer sich nach Strapazen erholen möchte, findet statt einer großzügigen Wellnessanlage ein Fitnessgelass samt Sauna, beengt verborgen im Hotelflur hinter der Lobby.

Dort geht in der Zentrale auch manches schief. Ein Anrufer wird beschieden, dass der gewünschte Gast, obwohl seit fünf Stunden im Haus, nicht hier wohne und auch nicht erwartet werde.

Selbst die nochmalige Bitte um Überprüfung, der nach gutem Zureden endlich nachgegangen wird, kommt zu keinem anderen Ergebnis. Und das eingehende Fax wird dem Gast erst nach einer Wartezeit von eineinhalb Stunden ausgehändigt.

Aber auch ein Haus, das sich selbst als eigenständiges und leuchtendes Kleinod in der Kettenhotellandschaft der Hauptstadt versteht, "Louisa's Place" ("The finest Art of Living in Berlin"), weist überraschende Mängel auf.

Das Eckhaus am Kurfürstendamm beherbergt 47 Suiten - von 41 bis 102 Quadratmetern Größe. Wobei der Gast in seinen großzügig geschnittenen Räumen auf (durchaus hilfreiche) Kleinigkeiten verzichten muss: auf einen Papierkorb am Schreibtisch etwa, auf Kleiderhaken für den bereitgelegten Bademantel oder auf eine simple Kofferablage.

Höhepunkt der Hotelvisite ist ein (unbestellter) Weckruf der mysteriösen Art. In aller Herrgottsfrühe wird der Gast von der schrillen Telefonklingel aus tiefem Schlaf gerissen.

Eine aufgeregte Frauenstimme fragt ihn, ob auch alles in Ordnung sei. Schließlich habe er doch soeben den Notruf betätigt. Der Testschläfer möchte schwören: Das kann die Telefonistin nur geträumt haben.

Louisa's, Marriott, Radisson SAS

Swissôtel, Regent, Ritz-Carlton

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