Altersvorsorge Das Gesetz der großen Zahl

Die Generation der Babyboomer braucht Geld, viel Geld, soll der Ruhestand einmal angenehm werden. manager magazin hat gerechnet und zeigt fünf Wege, wie Sie es schaffen können.
Von Patricia Döhle

Es ist diese Zahl, diese ungeheure, absurd hohe Zahl, die Andrea Throm (36) keine Ruhe lässt. Zwei Millionen Euro. So viel Geld soll, nein, so viel Geld muss sie beisammen haben, bis sie 65 ist. Dann will sie aufhören zu arbeiten - und natürlich will sie keine Abstriche bei ihrem Lebensstandard machen.

Kein überzogener Anspruch eigentlich. "Mein Mann und ich führen kein luxuriöses Leben", sagt die Inhaberin einer kleinen Multimedia-Agentur. "Wir reisen gern, gehen ab und zu mal segeln. Aber das war's dann auch."

Rund 4000 Euro gibt das Münchener Ehepaar derzeit im Monat aus. Darin ist alles enthalten - Miete, Lebenshaltung, Autos, Versicherungen, Urlaub. Wenn Throm und ihr Mann in 29 Jahren auch nur ungefähr die gleiche Kaufkraft wie heute zur Verfügung haben wollen und von einer mehr oder weniger durchschnittlichen Lebenserwartung ausgehen, müssen sie in der Tat zwei Millionen Euro auf der hohen Kante haben. Das ist simple Mathematik.

Andernfalls geht ihnen irgendwann das Geld aus. Als studierte Betriebswirtin kann Throm die Rechnung leicht nachvollziehen. Und doch steht sie der Zahl mit den sieben Ziffern noch immer einigermaßen fassungslos gegenüber.

"Diese Summe beschäftigt mich derart, dass ich jedem, den ich treffe, ein Gespräch darüber aufdränge. Und alle sagen mir das Gleiche: Wie willst du das denn hinkriegen?"

Die Mischung aus ungläubigem Erstaunen und fatalistischem Schulterzucken, die der Münchenerin in ihrem Freundes- und Bekanntenkreis begegnet, ist symptomatisch.

Die Deutschen haben das Problem der wachsenden Rentenlücke zwar "wahrgenommen, aber noch nicht angegangen". Die Bereitschaft zur privaten Vorsorge ist "unzureichend". Diese Sätze stehen in einer Studie der Deutschen Bank. Und kaum jemand kennt seine magische Zahl - im Bankiersdeutsch "Zielvermögen" genannt -, die Summe also, die für einen komfortablen Ruhestand unbedingt notwendig ist.

Die falsche Erwartungshaltung

Dabei wird ohne diese vermaledeite Ziffernfolge jede Lebensplanung Makulatur. Wer nicht weiß, wie hoch sein Basiskapital für den Ruhestand sein muss, landet mit Mitte 60 unter Umständen bei der bitteren Erkenntnis, dass er sich ein paar lieb gewordene Gewohnheiten auf einmal nicht mehr leisten kann.

Andrea Throm also hat sich auf die Suche nach ihrer Zahl gemacht. Sie und ihr Mann sind einer von fünf Fällen, die im Auftrag des manager magazins von unabhängigen Finanzplanern analysiert wurden.

Die Kandidaten sind Selbstständige und Angestellte zwischen Mitte 20 und Ende 40 in völlig unterschiedlichen Lebenssituationen. Sie alle haben für manager magazin ihre private und finanzielle Situation offen gelegt (siehe: "Altersvorsorge: Fünf Wege, wie Sie es schaffen können").

Die Ergebnisse sind keineswegs nur schockierend. Sie machen gleichzeitig auch Mut. Denn in allen Fällen ist finanzielle Unabhängigkeit im Alter trotz staatlicher Rentenmisere machbar - auch wenn bei vier von fünf Kandidaten die magische Zahl weit über einer Million Euro liegt.

Mit derartigen Summen hatte anfangs keiner der Kandidaten gerechnet. "Die meisten, die zu uns kommen, haben allenfalls eine vage Vorstellung davon, wie viel sie im Alter brauchen", bestätigt Jens Heinneccius (39), Vorstandschef der Sineus AG, eines der vier Finanzplanungsunternehmen, die für manager magazin gerechnet haben.

"Außerdem wissen viele nicht, wie viel sie aus dem, was sie bereits angespart haben, im Alter herausbekommen würden." Oft liegt die monatlich tatsächlich verfügbare Summe weit unter der Wunschrente.

Die überzogene Erwartungshaltung vieler Erwerbstätiger kommt nicht von ungefähr. "Die Menschen orientieren sich an dem hohen Wohlstandsniveau heutiger Rentner", hat die Hamburger Finanzplanerin Ellen Ehrich (52) beobachtet. Viele, die heute in den Ruhestand gehen, bekommen 70 Prozent ihres letzten Nettogehalts aus der Rentenkasse, oft noch eine kleine Betriebsrente dazu.

Die fatale Erbschaftsillusion

Einer internationalen Studie der französischen Versicherungsgruppe Axa zufolge kassiert ein deutscher Rentner heute im Schnitt 1644 Euro pro Monat. Ein Mittzwanziger, der im Alter mittels privater Vorsorge auf diesen Betrag kommen wollte, müsste mehr als eine Million Euro ansparen.

Kein bloßes Gedankenspiel: Bis zum Jahr 2035 werden die Einkünfte aus der gesetzlichen Rentenversicherung von aktuell rund 70 Prozent auf unter 50 Prozent des letzten Nettoeinkommens zurückgehen. Je höher der Verdienst, desto größer die Lücke.

Denn die staatliche Rentenkasse sichert Einkommen ohnehin nur bis zur so genannten Beitragsbemessungsgrenze von derzeit gut 60.000 Euro pro Jahr ab. Selbstständige erhalten gar nichts, es sei denn, sie haben freiwillig eingezahlt. Gut verdienende Angestellte und Unternehmer müssten daher umso mehr vorsorgen. Aber danach sieht es bislang nicht aus.

Im Gegenteil. Angesichts von geschätzten zwei Billionen Euro, die in diesem Jahrzehnt vererbt werden sollen, bauen viele für ihre Altersvorsorge offenbar auf den letzten Willen anderer. Zugeben mag das kaum einer - wer will sich schon eingestehen, dass es mit der Rente nur klappt, wenn vorher die eigenen Eltern zu Grabe getragen wurden.

Ganz aus dem Sinn ist das Familiensilber aber keineswegs. Die vermeintliche Sicherheit "führt oft zu einer gewissen Sorglosigkeit, wenn es ums Alterssparen geht", weiß Jochen Sturtzkopf (37), Gründer und Vorstand der Loyas Private Finance AG.

Ganz aus dem Sinn ist das Familiensilber aber keineswegs. Die vermeintliche Sicherheit "führt oft zu einer gewissen Sorglosigkeit, wenn es ums Alterssparen geht", weiß Jochen Sturtzkopf (37), Gründer und Vorstand der Loyas Private Finance AG.

Wie viel zukünftig bei den Nachkommen landet, ist ohnehin unsicher. Der Vermögenszuwachs per Testament könnte deutlich geringer ausfallen als vermutet. Die höhere Lebenserwartung wird bereits einen großen Teil der heutigen Rentnergeneration zwingen, ihr Vermögen selbst zu verbrauchen - für Pflege und seniorengerechtes Wohnen, aber auch schlicht für den täglichen Bedarf.

In der Folge werden viele Kinder wohl weniger im Nachlass finden, als sie heute glauben. Die Altersforscher des Deutschen Instituts für Altersvorsorge warnen jedenfalls schon vor einer heraufziehenden Erbschaftsillusion.

Die überhörten Mahnungen

Bislang zeigten die Mahnungen wenig Wirkung. Deutsche Erwerbstätige, so die Axa-Studie, legen monatlich im Schnitt nur 241 Euro fürs Alter zurück. Das ist weniger als die Hälfte dessen, was etwa die Amerikaner für später auf die Seite schaffen.

Mit der aktuellen deutschen Durchschnittssparrate lässt sich nicht viel anfangen. Ein heute 35-Jähriger kommt bis zu seinem 65. Geburtstag auf ein Vermögen, das einer heutigen Kaufkraft von 167.000 Euro entspricht - gesetzt den Fall, dass sich das Kapital zu 4 Prozent verzinst und die Inflationsrate bei 2,5 Prozent liegt.

Wollte unser Mustermann nun von seinen Ersparnissen leben, hätte er bis zu seinem 95. Geburtstag monatlich nur 231 Euro zur Verfügung.

mm-Kandidat Jan Heß hat das Problem früh, mit Mitte 20, erkannt. Keine schlechten Voraussetzungen, um seine magische Zahl - immerhin 2,3 Millionen Euro - nicht erst mit 65, sondern bereits mit Ende 50 zu erreichen. Zeit ist Geld, wenn es um den Vermögensaufbau geht.

Ein einfaches Rechenexempel zeigt die tiefe Wahrheit dieses Leitsatzes. Legt ein heute 25-Jähriger bis zu seinem 65. Lebensjahr jeden Monat 100 Euro zu 4 Prozent Zinsen jährlich an, kommt er auf ein Kapital von rund 118.000 Euro.

Wartet er bis 35 mit dem Sparen, muss er sich später mit rund 69.000 Euro begnügen. Ab Mitte 40 erwarten ihn mit 65 gar nur 37.000 Euro.

Auf Empfehlung von Loyas steckt Heß rund 250 Euro im Monat in seine Altersvorsorge, vornehmlich in Rentenversicherungen. Weitere 200 Euro gehen in einen Fondssparplan und in einen Bausparvertrag - Grundstock für den Kauf eines Hauses. In knapp zehn Jahren will der Betriebswirt so weit sein.

Der Konsumverzicht des Youngsters ist beeindruckend. Einschließlich seiner Beiträge zur Kranken-, Haftpflicht- und Berufsunfähigkeitsversicherung gibt er jetzt - nach Umsetzung sämtlicher Loyas-Ratschläge - ein gutes Drittel seines Nettogehalts für Vorsorge und Absicherung aus.

Lars TernesEine Anpassung an das US-Niveau täte Not, steuert doch die staatliche Rente hier zu Lande auf bessere Almosen zu, wie sie Uncle Sam seinen Bürgern heute schon zahlt.

"Die meisten sind überfordert"

Lebt er noch, oder spart er nur? Die Antwort kommt zuerst zögernd. "Klar, ich würde auch gern jedes Wochenende weggehen, feiern und mir neue Klamotten kaufen. Aber ich bin nun mal sicherheitsorientiert, das war ich immer schon. Ich koste mein Leben später aus, wenn ich meine Ziele erreicht habe."

Versicherungsvertreter stehen in dem Ruf, Provisionen zu schinden. Bei den Banken wird Finanzplanung allenfalls der gehobenen Klientel zuteil. "Besserverdiener ohne große Reserven fallen durchs Raster", weiß Stephan Schüller (52), Ex-Vorstand der Vereins- und Westbank und Aufsichtsratsvorsitzender von Loyas.

Olaf Schröder (48) ist so einer, auf den Banken und Versicherungen allenfalls mal punktuell aufmerksam wurden. Vor eineinhalb Jahren hat sich der studierte Psychologe als Bildungsconsultant selbstständig gemacht. Seither berät er Firmen wie DaimlerChrysler, die ihre Mitarbeiter mit elektronischen Medien effizienter schulen wollen.

Von seinem Verdienst - derzeit rund 80.000 Euro brutto im Jahr - lebt Schröder mit Lebensgefährtin und Sohn nicht schlecht. Ein nennenswertes Vermögen hat er bislang allerdings nicht aufgebaut. Bankenberater und Versicherungsvertreter hat er in den vergangenen Jahren weiträumig umfahren.

Die Annäherung an die finanziellen Realitäten der künftigen Rentenwelt übernahm jetzt Finanzplanerin Ehrich: Nach heutigem Stand müsste Schröder bis 70 weiterarbeiten. Früher schafft er es nicht, das nötige Kapital für den Ruhestand - rund eine Million Euro, die eine monatliche Rente von gut 2500 Euro abwerfen sollen - anzusparen. Der Psychologe hat mit diesen Aussichten kein Problem. "Mein Job macht mir viel Spaß. Und wenn ich bis 70 Geld verdiene, komme ich doch gut zurecht."

Gas geben muss er trotzdem. Ungefähr 800 Euro sollte er künftig im Schnitt monatlich zurücklegen. Schröder startet mit 600, will aber auf 1000 Euro oder mehr aufstocken, wenn das Geschäft noch besser läuft.

Lars TernesIn seiner Altersgruppe ist Heß die Ausnahme. Parallel zum Studium arbeitete er bei der Allianz und hantiert deshalb ziemlich sicher mit den verschiedenen Anlageformen und Versicherungen. Freunde und Bekannte nutzen seine Expertise. In diesen Gesprächen ist ihm eines klar geworden. "Die meisten sind mit dem Thema völlig überfordert. Sie wissen nicht, wie sie an eine vernünftige Beratung herankommen sollen."

Unabhängigkeit per Rechnung

Mit solchen Summen wäre er für die etablierte Finanzindustrie interessant. Doch deren Vertreter werden kaum noch zum Zuge kommen. Ehrich hat Schröder geraten, einen Fondssparplan abzuschließen - bei einer Direktbank, weil es dort deutlich günstiger ist.

Nach abgeschlossener Finanzplanung samt Handlungsempfehlungen schickt Ehrich eine Rechnung, die sich - je nach Zeitaufwand - auf 750 bis 1200 Euro beläuft.

Noch nutzen hier zu Lande wenige Anleger den Rat der unabhängigen Finanzprofis. mm-Kandidat Jens Bugge (34) gehört dazu. Er ist ein für sein Alter relativ vermögender und in Geldanlagedingen einigermaßen erfahrener Freiberufler und fand durch die Gespräche mit den Finanzplanern von Sineus Gefallen an einer Produktlinie, auf die seine früheren Berater nie ein Wort verschwendet hatten: Indexpapiere.

Derartige Fonds oder Zertifikate partizipieren an der Wertentwicklung großer Börsenbarometer wie dem EuroStoxx , dem Dax oder dem S&P 500 - zu deutlich geringeren Kosten und mit größeren Erfolgsaussichten als herkömmliche Aktienfonds.

Indexpapiere sind auf lange Sicht, wie zahlreiche Studien belegen, 90 Prozent aller Fondsmanager und Vermögensverwalter überlegen. Außerdem fallen für Indexprodukte keine Ausgabeaufschläge und geringere Verwaltungskosten an als für konventionelle Fonds - weshalb diese Produkte bei den meisten Finanzanbietern nur äußerst selten über den Tresen gehen.

Jens Bugge indes ist überaus angetan. Der studierte Elektrotechniker will nach den Gesprächen mit den Sineus-Leuten künftig mindestens 400 Euro im Monat zusätzlich zu seinen bereits laufenden Vorsorgemaßnahmen in einen Zertifikatesparplan stecken. "Ich will so viel wie möglich in naher Zukunft für die Altersvorsorge tun. Am liebsten wäre ich damit durch, wenn ich 40 bin."

Diesen Traum rechneten die Finanzplaner dem Hamburger allerdings erst einmal kaputt. Bugge hätte dafür in den kommenden sechs Jahren insgesamt knapp 900.000 Euro ansparen müssen. Dazu wären rund 10.000 Euro monatlich nötig gewesen. Völlig illusorisch.

Lars TernesDie Finanzplanerin spielt mit diesem Tipp einen der größten Trümpfe aus, den sie als freie Beraterin hat: Unabhängigkeit. Sie muss keine Produkte verkaufen, keine Depots umschichten, um Gebühren zu generieren.

Der Entwurf einer Strategie

Immerhin: Die 1,8 Millionen Euro, die er mit 60 braucht, um seinen Job als SAP-Berater an den Nagel hängen zu können, sind ihm bei gleich bleibendem Sparvolumen so gut wie sicher.

In solchen Fällen geht es zunächst einmal ans Aufräumen. Das Portfolio muss den Sicherheitsbedürfnissen und dem Zeithorizont angepasst werden. Vermögensteile etwa, die allein der Altersvorsorge dienen und 20 oder 30 Jahre festliegen, sollten durchaus an den Aktienmärkten untergebracht werden. Je näher allerdings der Beginn des Ruhestands rückt, desto mehr Kapital sollte in risikoärmere Anlagen wie festverzinsliche Papiere oder Immobilien umgeschichtet werden.

Am meisten Zeit, da sind sich alle Finanzplaner einig, nimmt die Bestandsaufnahme in Anspruch. Das lückenlose Erfassen von Vermögen und Schulden, Ein- und Ausgaben, Zielen und Risiken. Erst dann kommt der spannende Teil: die Analyse und - im Gespräch mit dem Kunden - der Entwurf einer Strategie.

"Wir sehen uns als Sparringspartner des Kunden", erläutert Michael Huber (31), vom VZ Vermögenszentrum in München. "Wir helfen ihm, seine finanziellen Lebensziele zu erreichen."

Hört sich leichter an, als es ist. Der Prozess ist für die Kunden mitunter durchaus aufreibend und anstrengend. "Man muss sein ganzes Leben auf den Punkt bringen", beschreibt Andrea Throm ihr Gespräch mit den Finanzplanern. "Und man bekommt manchmal sehr unangenehme Wahrheiten gesagt."

Etwa die, dass sich die Multimedia-Expertin ihren heimlichen Wunsch, mit 60 auszusteigen, abschminken kann - trotz ihres überdurchschnittlich hohen Einkommens. Froh darüber, dass sie die Finanzplanung durchgezogen hat, ist Throm dennoch: "Ich weiß: Das, was ich mir jetzt vorgenommen habe, das schaffe ich auch. Jedenfalls habe ich keine Angst mehr vor großen Zahlen."

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