Globalisierung Allianz der neuen Mächte

Die Weltwirtschaft verändert sich dramatisch. Als neue Schwergewichte treten Brasilien, China und Indien auf - mit gravierenden ökonomischen und politischen Folgen für die Industrieländer.

Einen solch imposanten Staatsbesuch hat die Volksrepublik China selten erlebt. Mit einem Tross von rund 450 Personen flog Brasiliens Staatspräsident Lula im Mai vergangenen Jahres nach Peking. Zu seiner Entourage gehörten mehrere Kabinettsmitglieder, fast alle Gouverneure der Bundesstaaten und viele Topmanager.

Chinas Führung empfing die Gäste mit Ehrengarde und hofierte sie bei pompösen Banketts. Geschenke, Nettigkeiten und Meinungen wurden ausgetauscht - und 15 umfangreiche Vertragspakete unterzeichnet.

Den Worten und Vereinbarungen folgten Taten: Die Chinesen investieren seither Milliarden Dollar in Brasiliens Infrastruktur. Der Handel zwischen beiden Nationen floriert.

Eine Allianz Brasilien-China bildet sich. Und es ist nicht die einzige Achse, die derzeit zwischen aufstrebenden Mächten abseits der alten Führungsnationen geschmiedet wird.

Die Folge ist eine dramatische Verschiebung in der globalen Wirtschaft. Es entsteht eine "neue Geografie des Welthandels", wie es Präsident Luiz Inácio Lula da Silva ausdrückt.

Der diplomatische Altmeister Henry Kissinger sieht den historischen Kontext: "Die Welt als Ganzes ist heute so sehr in Bewegung wie schon seit Jahrhunderten nicht mehr."

Früher gab es eine klare Trennungslinie: hier der reiche Norden, dort der arme Süden. Diese Aufteilung gilt nicht mehr. Die großen Staaten des Südens werden wirtschaftlich immer stärker. Sie emanzipieren sich vom bislang dominierenden Norden, und - das ist ein Novum - sie solidarisieren sich in bisher nicht gekannter Intensität.

Die wirtschaftlichen Aufsteiger verlangen auch politische Mitbestimmung. Ob im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen oder dem elitären Industriestaaten-Club der G8 - sie fordern Zutritt. Angeführt wird die Bewegung von Brasilien, China und Indien. Das Trio glänzt mit exzellenten Wachstumsraten zwischen 5 und 9 Prozent.

Die drei großen Gewinner

Wachsen diese Staaten so zügig weiter, wird die Welt in 20 Jahren anders aussehen. Der National Intelligence Council des amerikanischen Geheimdienstes CIA orakelt in seinem Ende 2004 erschienenen Bericht "Mapping the Global Future": "Das robuste Wachstum Chinas und Indiens könnte dem Globalisierungsprozess ein neues, nicht westliches Gesicht verleihen und die politische Landschaft nachhaltig verändern."

Zu den etablierten Wirtschaftsmächten USA, EU und Japan könnten schon 2020 die neuen Schwergewichte Brasilien, China und Indien stoßen. Aus der Triade, die bis vor kurzem noch über die Vorherrschaft verfügte, würde dann eine multipolare Welt. Zwar wird in dieser Welt auch Russland eine wichtige Rolle spielen, aber das Land verharrt noch immer in seinem alten Großmachtdenken und ist - anders als Brasilien, China oder Indien - nicht zu weit reichenden Kooperationen bereit.

Die volkswirtschaftlichen Konsequenzen der neuen Weltordnung für die nach wie vor dominierenden Industriestaaten werden in jedem Fall enorm, aber auch ambivalent sein. Die EU, USA und Japan profitieren von der rasanten Entwicklung der drei bevölkerungsreichen Schwellenländer - allein schon, weil sich dort gigantische Absatzmärkte eröffnen.

Andererseits besteht das Risiko, dass die Unternehmen der reichen Hochlohnländer noch viel mehr Arbeitsplätze nach China und Indien, ja eines Tages sogar nach Brasilien verlagern werden. Zudem treibt der Energie- und Rohstoffbedarf der Neulinge die Preise für diese Güter nach oben.

Die großen Gewinner der Globalisierung sind Brasilien, China und Indien, weil sie sich reformiert und den Spielregeln der kapitalistischen Weltwirtschaft angepasst haben. Sie öffneten ihre Märkte, senkten Zölle und rissen Handelsbarrieren nieder. Gleichzeitig liberalisierten und deregulierten sie ihre stark reglementierte Industrie.

Neue Reize für Kapitalgeber

China begann mit der Reformpolitik bereits 1978 unter Deng Xiaoping. Mit einiger Verspätung startete 1989 Brasilien, das seit dem Zweiten Weltkrieg eine Politik der Abschottung und Importsubstitution betrieben hatte. 1991 gab auch das sozialistisch angehauchte Indien seinen Verstaatlichungskurs auf und begann, sich auf die Stärken des Marktes zu besinnen.

Vor allem die Hinwendung zu marktwirtschaftlichen Prinzipien hat diese Staaten inzwischen zu Magneten für ausländische Investoren werden lassen. China zieht mit jährlich über 60 Milliarden Dollar den größten Teil ausländischer Gelder an. Indien erhielt nur relativ bescheidene fünf Milliarden Dollar, aber die Investitionen auf dem Subkontinent nehmen drastisch zu.

Auch der Standort Brasilien gewinnt an Attraktivität, und mit ihm ganz Südamerika. 2004 investierten Ausländer 69 Milliarden Dollar in das Gebiet zwischen Panama und Feuerland, das sind 37 Prozent mehr als im Vorjahr.

Anreiz für die Kapitalgeber sind nicht zuletzt die jungen, meist arbeitswilligen und bildungshungrigen Bevölkerungen in Brasilien, China und Indien. Rund 2,6 Milliarden Menschen leben in den drei Ländern, in denen eine Aufbruchstimmung herrscht wie hier zu Lande in den 50er Jahren. Regierungen und Regierte wollen nach vielen verlorenen Jahrzehnten endlich Anschluss an die Erste Welt gewinnen.

Sie sind auf gutem Weg. Chinas Wirtschaft wuchs seit der Öffnung 1978 jedes Jahr um durchschnittlich 9 Prozent. Brasilien wie Indien melden derzeit Wachstumsraten von 5 bis 6 Prozent.

Wie rasant diese Länder zulegen, zeigt sich daran, dass dort überall neue Zentren entstehen, wie zum Beispiel Curitiba im agrarischen Süden Brasiliens, Chongqing, die Mega-City in Chinas Westen und das boomende Pune in Indien. Diese noch weithin unbekannten Hot Spots werden für Investoren aller Länder interessant.

Die Schenkel des Dreiecks

Neuen Wohlstand wollen die aufstrebenden Länder auch durch zunehmenden Handel untereinander generieren. Der Plan könnte aufgehen, denn die drei ergänzen sich ideal. China präsentiert sich als Fabrik der Welt, die vom Sportschuh über TV-Geräte bis zum Handy alles in gigantischen Stückzahlen produziert. Indien dagegen ist dort stark, wo China schwach ist: bei Software und industriellen Dienstleistungen.

Und schließlich hat Brasilien genau das, was die beiden schnell wachsenden asiatischen Giganten so dringend brauchen: Rohstoffe. Sie gieren nach Eisenerz zur Stahlproduktion ebenso wie nach Nahrungsmitteln zur Versorgung der Bevölkerung.

Die Folge: Zwischen den drei Nationen hat sich ein reger Austausch von Waren und Investitionen entwickelt. Das Dreieck Brasilien-China-Indien mutiert zu einer festen Größe der Weltwirtschaft. Die drei Schenkel des Dreiecks sind freilich unterschiedlich stark ausgeprägt:

  • Die Bande zwischen Brasilien und Indien sind noch schwach.


  • Das Handelsvolumen zwischen China und Indien hat sich 2004 verdoppelt.


  • Das Zusammenspiel von China und Brasilien sowie anderen Staaten Südamerikas wird immer inniger.
Ein Beispiel: Im Hafen von Paranaguá im Süden Brasiliens laden jeden Tag 2600 Lastwagen und 400 Bahnwaggons ihre Last ab. Tausende Tonnen Sojabohnen oder Getreide werden nach China verschifft. "Sie brauchen uns, wir brauchen sie", umschreibt Carlo Lovatelli, Präsident der brasilianischen Sojabohnenindustrie, das neue Zweckbündnis.

Die Chinesen wissen, dass rohstoffreiche Länder wie Brasilien für sie überlebensnotwendig sind, und zeigen sich dementsprechend erkenntlich. In den kommenden Jahren wollen sie für den Bau von Straßen, Häfen und Fabriken in Brasilien rund 50 Milliarden Dollar ausgeben.

Die aufmüpfigen Aufsteiger

Als Chinas Staatspräsident Hu Jintao im November 2004 mit 500 Unternehmern und Funktionären durch Argentinien, Brasilien und Chile tourte, versprach er überall milliardenschwere Engagements. Euphorische Argentinier tauften ihr Land angesichts des zu erwartenden Geldsegens aus Peking schon in "Argenchina" um.

Auch China und Indien kommen sich näher. Lange Zeit gingen sich der Drache und der Elefant aus dem Weg, weil es ungelöste Grenzfragen gab. Seit dem 11. April scheinen die Problem nun der Vergangenheit anzugehören. In Neu Delhi unterzeichneten der chinesische Ministerpräsident Wen Jiabao und sein indischer Kollege Manmohan Singh mehrere Abkommen, mit denen die wirtschaftliche Kooperation der beiden Länder intensiviert werden soll.

Das Handelsvolumen zwischen China und Indien ist 2004 auf 13,6 Milliarden Dollar gestiegen. Zudem investieren Unternehmen im jeweils anderen Land: Indische Softwarefirmen wie Infosys  gründen Töchter in China. Gleichzeitig errichten chinesische Konzerne wie der Telekommunikationsausrüster Huawei Entwicklungslabors in Indien.

Parallel zur wirtschaftlichen Zusammenarbeit kooperieren Brasilien, China und Indien auch in internationalen Gremien. Sie nutzen ihre wachsende wirtschaftliche Stärke, um den Industriestaaten Paroli zu bieten und Forderungen zu stellen - zum Beispiel in der Welthandelsorganisation WTO.

Im Vorfeld der WTO-Tagung 2003 - der so genannten Doha-Runde - bildeten die drei Staaten mit weiteren Entwicklungs- und Schwellenländern die "Gruppe der 20" (G 20). Zur Verblüffung der Vertreter aus Japan, den USA und der Europäischen Union, die das Verhandlungsergebnis bereits ausgemauschelt hatten, verkündete die "Gruppe der 20" kurz vor Abschluss des Treffens, das angepeilte Ergebnis bevorteile einseitig die Industrieländer. Die Verhandlungen platzten.

Die aufmüpfigen Aufsteigerstaaten verlangen nun in der immer noch laufenden Doha-Runde von der Ersten Welt eine stärkere Reduzierung der Agrarsubventionen und Zölle auf landwirtschaftliche Produkte. Brasiliens Außenminister Celso Amorim kündigte bereits an: "Die G 20 wird in den nächsten Konferenzen eine entscheidende Rolle spielen."

Der Hunger nach Rohstoffen

Die Schwellenländer zeigen ein neues Selbstbewusstsein. Sie spielen sich als Regionalmächte auf und scharen die Nachbarstaaten um sich. Und sie wollen sich nicht mehr von den reichen Nationen gängeln und mit ein bisschen Entwicklungshilfe oder teuren Krediten des Internationalen Währungsfonds (IWF) abspeisen lassen.

So kündigte die brasilianische Regierung Ende März mit sichtlichem Genuss das Kreditabkommen mit dem IWF. Präsident Lula verkündete stolz: "Wir haben uns mit vielen Opfern das Recht erkämpft, wieder ohne Krücken gehen zu können. Brasilien kann auf eigenen Beinen stehen."

Ihre wirtschaftlichen Erfolge wollen die drei aufstrebenden Länder auch politisch honoriert wissen. Indien und Brasilien drängen in den Weltsicherheitsrat (wo China bereits über einen festen Sitz verfügt). Und alle drei Staaten streben in die Runde der G 8, den elitären Club der Industriestaaten und Russlands.

Beim letzten G-8-Treffen im amerikanischen Savannah dachten Großbritanniens Premier Tony Blair und Bundeskanzler Gerhard Schröder bereits laut darüber nach, ob die drei nicht dazugehörten. Wahrscheinlich bekommen die Präsidenten der neuen Mächte beim nächsten Gipfel im Juli einen Platz als Beobachter am Katzentisch. 2006, wenn Russland Gastgeber sein wird, könnten sie zu Vollmitgliedern aufsteigen.

All diese Entwicklungen zeigen: Der industrialisierte Westen einschließlich Japans verliert politisch wie ökonomisch an Einfluss. Zudem drohen den reichen Ländern große wirtschaftliche Risiken durch den Aufstieg Chinas und Indiens.

Beide Nationen haben einen enormen Hunger nach Rohstoffen, vor allem nach Öl und Gas. Indien muss jetzt schon 70 Prozent seines Öls importieren, China etwas über 30 Prozent. Diese Anteile werden bei anhaltendem Wirtschaftswachstum weiter steigen. China wie Indien werden deshalb in den nächsten Jahren massiv auf den Energiemärkten einkaufen und dadurch die Preise nach oben treiben. Die Experten von Goldman Sachs errechneten ein Extremszenario, demzufolge der Ölpreis von jetzt rund 50 Dollar je Barrel in den nächsten Jahren bis auf über 100 Dollar klettern könnte.

Die Chancen des Westens

Da China zudem der größte Konsument von Kupfer, Stahl, Eisenerz und Sojabohnen ist, werden auch die Rohstoffpreise anziehen. "Es ist dank China kein Ende der Hausse in Sicht", prophezeit der amerikanische Fachmann Jim Rogers.

Zweite große Gefahr für den Westen: die Vernichtung von Arbeitsplätzen durch noch stärkere Produktionsverlagerungen nach China und Indien. Beide Staaten haben ein enormes Potenzial an Menschen, die bereit sind, für ein paar Dollar am Tag jeden Job zu verrichten.

Und es sind nicht nur einfache Fertigungen, die nach China oder Indien auswandern, sondern zunehmend höherwertige Herstellungsprozesse. Der Produktion folgen mehr und mehr Forschungs- und Entwicklungslabors. So hat Siemens  seine größte Forschungseinrichtung für Handys in Peking, DaimlerChrysler  betreibt ein Entwicklungszentrum im indischen Bangalore.

Doch der Aufstieg der neuen Mächte bietet den etablierten Nationen auch Chancen. Sie könnten von den Schwellenländern profitieren, weil diese "inzwischen der Motor der globalen Konjunktur sind", sagt Alan Conway, Head of Global Emerging Market Equities beim Investmenthaus Schroders.

Einst waren die USA, Deutschland und Japan die Lokomotiven der Weltwirtschaft. Jetzt - auch das ist ein deutliches Indiz für die sich verändernde Lage - sind die prosperierenden Staaten Brasilien, China und Indien die Hoffnungsträger für die dümpelnden Volkswirtschaften der Industrieländer.

Den westlichen Unternehmen, die zu Hause auf nahezu saturierten Märkten agieren, bieten sich viel versprechende Herausforderungen. In China und Indien wächst eine große und äußerst konsumfreudige Mittelschicht heran, die einen enormen Nachholbedarf bei vielen Waren und Dienstleistungen hat.

Das Billigauto-Beispiel

Allerdings wollen die Menschen dort oft andere Produkte, als sie die in Japan, in der EU oder in den USA beheimateten Konzerne herstellen. Die Waren, die die Massen begehren, müssen einfach und billig sein. Aber solche Güter haben viele exportbegierige Unternehmen nicht im Angebot. Gerade deutsche Firmen mit ihrem Hang zum Overengineering scheuen sich, auch mal etwas simplere Produkte zu kreieren.

Der amerikanische Managementguru C. K. Prahalad fordert deshalb: "Der Westen muss bei der Produktentwicklung umdenken." Wenn das nicht gelingt, werden andere die Geschäfte machen. Und zwar Konkurrenten von morgen, an die hier zu Lande noch keiner denkt.

Beispiel Auto. Die meisten Brasilianer, Chinesen und Inder wollen ein schlichtes Fahrzeug, das Schlaglöcher aushält, über verschlammte Wege kurvt und bezahlbar ist. Der "Maruti" von Suzuki ist mit 5000 Dollar derzeit das billigste Auto eines etablierten Herstellers aus den Industrieländern - und trotzdem können ihn sich die wenigsten Menschen leisten.

Indiens großer Mischkonzern Tata  hat deshalb entschieden, ein eigenes Billig-Auto zu bauen. Es soll lediglich 2200 Dollar kosten. Spätestens 2008 will Tata damit auf den Märkten in Indien und anderen Staaten vorfahren.

Die Firmen in den Industriestaaten spüren: Sie müssen mit den neuen Konkurrenten aus den Schwellenländern rechnen, und zwar nicht nur auf den Märkten von Brasilien, China oder Indien, sondern auch auf ihrem eigenen Turf.

Aus bisher nationalen Playern wie Tata werden global auftretende Spieler. Vor ein paar Monaten kaufte der chinesische Elektrogigant Lenovo  die Computersparte von IBM . Und der indische Multimilliardär Lakshmi Mittal schnappte sich die amerikanische International Steel Group (ISG). Damit ist Mittal Steel  jetzt der größte Stahlkocher der Welt.

Noch sind das Einzelfälle. Doch wir werden uns daran gewöhnen müssen, dass Chinesen und Inder unsere eigenen Firmen kaufen. Der Pkw-Hersteller Shanghai Automotive Industrial Corporation (SAIC) interessiert sich bereits für eines der ehemals ruhmreichsten europäischen Unternehmen: Fiat .

Zukunftsstadt 1: Curitiba in Brasilien Zukunftsstadt 2: Chongqing in China Zukunftsstadt 3: Pune im Westen Indiens

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