Editorial Macht und Macher

Die Globalisierung verändert die Deutschland AG dramatisch.
Von Arno Balzer

"Unsere Kritik"

, sprach jüngst SPD-Chef Franz Müntefering, "gilt der international wachsenden Macht des Kapitals." Da wird er wieder herausgelöffelt aus der Ursuppe der Sozialdemokratie: der bedrohliche Anonymus, Vorname Macht, Nachname Kapital.

Wir meinen: Macht ist konkret, und Aufklärung darüber die vornehmste Aufgabe des Wirtschaftsjournalismus. Wer beherrscht die Wirtschaft? Wie wird Einfluss ausgeübt? Welche Interessenkoalitionen entstehen dabei? Diese Fragen beantwortet die Titelgeschichte über die 50 Mächtigsten der deutschen Wirtschaft (ab Seite 40) .

Ein wichtiges, in diesem Ausmaß auch für uns überraschendes Ergebnis: Die deutsche Wirtschaftsgesellschaft hat sich dramatisch verändert. Fast die Hälfte der Mächtigen, die wir in unserem Ranking im Jahr 2002 auflisteten, ist nun nicht mehr vertreten. Der wichtigste Grund: die Globalisierung, die eine Beschleunigung des Handelns bedingt und die Amtszeiten der Wirtschaftsführer rapide verkürzt.

Bei unserer Auswahl verzichteten wir auf Meinungsumfragen, auf Erhebungen aus zweiter Hand. Stattdessen trafen die mm-Redakteure Wolfgang Hirn und Ursula Schwarzer diejenigen, die es wissen müssen: Kandidaten, bei denen wir große Macht vermuteten oder Insiderkenntnisse voraussetzen konnten: CEOs, Aufsichtsräte, Berater, Anwälte und Headhunter.

Bereitwillig sprachen viele der Mächtigen über ihre Netzwerke und ihren Einfluss. Jeweils zwei Stunden nahmen sich zum Beispiel die Aufsichtsratschefs Rolf-Ernst Breuer (Deutsche Bank) und Ulrich Hartmann (Eon) Zeit, um über Macht in der Wirtschaft zu reflektieren. So schälten sich aus einer Vorauswahl von über 100 Mächtigen die Top 50 heraus. Die meisten waren unumstritten, über einige wenige Wackelkandidaten wurde redaktionsintern ausgiebig diskutiert. Übrig blieben Manager, Unternehmer, Politiker und Gewerkschafter, die gravierenden Einfluss auf wirtschaftliche Entscheidungen der Republik haben.

SPD-Chef Franz Müntefering übrigens wird einige gute Bekannte in den Top 50 entdecken: Ein halbes Dutzend Regierungsmitglieder und SPD-treue Gewerkschafter finden sich auch in der Liste.

Fast jeder kennt die Produkte von Medion, Toaster, Computer und Fernseher in den Regalen von Aldi, Tchibo & Co., aber kaum einer kennt den Chef des Unternehmens. Das wollen wir ändern: Gerd Brachmann, der Vorstandsvorsitzende von Medion, ist schlank, groß, hat blaue Augen und trägt seine Haare ein bisschen länger als sonst in deutschen Chefetagen üblich. Man muss ihn beschreiben, denn es existieren keine Fotos von ihm. Daran will Brachmann aus Sicherheitsgründen, wie er sagt, auch festhalten.

Dafür spricht er jetzt. In seinem ersten Interview überhaupt erklärt er, wie er den ins Trudeln geratenen M-Dax-Wert wieder stabilisieren will. Während des zweistündigen Gesprächs in der Mülheimer Unternehmenszentrale fasste Brachmann Vertrauen.

Am Ende zeigte der Foto-Phobiker den Redakteuren Anne Preissner, Ursula Schwarzer und Martin Noé sogar Familienbilder - natürlich auf einem Medion-Handy.

Das Interview mit Medion-Chef Brachmann lesen Sie ab Seite 70 .