Mittwoch, 22. Mai 2019

Manager des Jahres 1998 Die Stunde des Perfektionisten

Jürgen E. Schrempp, oft als burschikoser Ruck-zuck-Manager mißverstanden, inszeniert einen fehlerlosen transatlantischen Merger.

Für das "Issue Resolution Team Dieselmotoren" war der 30. September irgendwie kein guter Tag. Die kleine Gruppe aus Daimler-Benz- und Chrysler-Fachleuten soll im Auftrag des Vorstands Anwendungsmöglichkeiten für Mercedes-Selbstzünder in Chrysler-Fahrzeugen ausloten. Nun hatte sich das Team verrannt, kam offenbar nicht weiter.

 Vom "Rambo" zum "Diener: Daimler-Chef Schrempp
DPA
Vom "Rambo" zum "Diener: Daimler-Chef Schrempp
Die Truppe signalisierte Trouble und schaltete ihre Datenbankampel auf Rot. Im selben Moment leuchtete die Alarmfarbe auch im schwarzen "IBM Think Pad" des Vorstandsvorsitzenden auf: Egal, wo er gerade ist in der Welt, überall kann Jürgen Schrempp (54) den Verlauf der Verhandlungen in Echtzeit auf seinem tragbaren PC mitverfolgen und sich einschalten.

Jack Welch (63), der quirlige Chairman von General Electric, hat Schrempp auf die Möglichkeiten des Speed-Managements aufmerksam gemacht. Lou Gerstner (56), der IBM-Chef, hat ihm gezeigt, wie es geht. Aber perfektioniert hat diese Variante der Konzernführung der vermeintliche Bauchmensch und Bonvivant aus Stuttgart selbst: Schrempp, in Wahrheit ein detailbesessener Fleißarbeiter, ließ sich ein Management-Informationssystem maßschneidern, das in der Industriewelt seinesgleichen sucht.

Der wissenshungrige Mann an der Spitze des künftigen DaimlerChrysler-Konzerns kennt auf den Tag genau den Stand der Gespräche in den 29 Teams, die sich mit den wichtigsten und eiligsten Themen des Megamergers befassen.

Auf Knopfdruck weiß Schrempp, was welcher der mehr als 20 Topmanager von Daimler und Chrysler in Interviews von sich gibt; er hat den Börsenkurs genauso im Blick wie die aktuellen Zahlen aller Konzernaktivitäten, die veröffentlichten Daten der jeweiligen Konkurrenten, der relevanten Märkte und die dienstlichen wie privaten Telephonnummern der verantwortlichen Geschäftsfeldmanager.

Die Daten fließen über ein Lagezentrum (intern: "War Room") in Stuttgart-Möhringen. Dieses sammelt Tag und Nacht Informationen aus allen Winkeln des Weltkonzerns, bereitet sie auf und sorgt dafür, dass innerhalb und außerhalb des Unternehmens niemand besser informiert ist als der Vorstandsvorsitzende.

Das hat, natürlich, etwas von Orwells "Big Brother"; das ist vermutlich aber auch die einzige effektive Möglichkeit, den Doppelkonzern DaimlerChrysler an der Spitze zusammenzuhalten.

© manager magazin 11/1998
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