Müller-Milch Der Polterpatriarch

Dem Steuerasylanten Theo Müller wurde es in der Schweiz zu langweilig. Er kam zurück und vertrieb die Topmanager reihenweise. Der Starrsinn des Joghurt-Moguls droht sich gegen sein Lebenswerk zu richten.

Theobald - kurz Theo - Müller senior (65) liebt es handfest; das gilt sowohl für seine Worte als auch für seine Taten.

Der Alleingesellschafter des Joghurtimperiums Müller-Milch (Molkerei Alois Müller, Weihenstephan, Sachsenmilch) greift schon mal höchstpersönlich Fotografen an, wenn sie Demonstranten vor seinem Firmengelände aufnehmen.

Er beglückwünscht seine Werkschützer, wenn sie mit dem Strahl aus einem Feuerwehrschlauch ein paar "Schurken von Greenpeace" einnässen.

Eigenfäustig vertrieb der vierschrötige Schwabe einst zwei Dunkelmänner, die auf einer Landstraße seinen Mercedes 600 angehalten hatten und den Milliardär entführen wollten.

Wer sich mit Müller anlegt, braucht Kraft - oder wenigstens Ausdauer und starke Nerven. Deutschlands größter Milchmann geht keinem Streit aus dem Weg; er gilt als unbeherrscht, seine Ausbrüche sind allseits gefürchtet.

Wenn er Misshelligkeiten nicht auf Müllers Art - schnell, einfach, direkt - beseitigen kann, schickt er Juristen vor. Gerichtlich bekriegt er sich mit fast jedem, der ihm unbotmäßig kommt: etwa mit den Ökoaktivisten von Greenpeace, die ihm den Vertrieb von "Genmilch" vorwerfen; oder mit seinem einstigen Werbeträger Dieter Bohlen, der sich erfrechte, Buttermilchtrinkerinnen als "50-jährige alternative Biolatschenträgerinnen" zu verspotten; oder aber mit einem früheren Vorstand der Tochter Weihenstephan, den Müller nach zwei Monaten geschasst hatte und der seine Abfindung über vier Jahre bis hin zum Bundesgerichtshof einklagen musste. Im Jahr 2004 bekam er eine Million Euro zugesprochen.

Müllers eiserner Wille - manche sprechen von Sturheit - half ihm, binnen drei Jahrzehnten aus der vom Vater ererbten Minimolkerei im bayerischen Schwabenland ein Imperium zu formen, dessen 4500 Beschäftigte jährlich 2 Milliarden Liter Milch verarbeiten und 1,9 Milliarden Euro umsetzen. Seine Werbesprüche ("Alles Müller oder was?") wurden zu Klassikern, seine Produkte ("Müller-Milch", "Joghurt mit der Ecke", "Froop") kennt fast jeder Deutsche.

Rückkehr aus Eifersucht

Doch inzwischen droht sich der Starrsinn des Polterpatriarchen gegen sein Lebenswerk zu richten. Die öffentlich ausgetragenen Streitereien beschädigen das Ansehen des Unternehmens; das Gespür für die Wünsche der Verbraucher scheint dem Alten abhanden gekommen zu sein; reihenweise vergrault er die Topmanager.

Und ganz so, als sei er unsterblich, hat der Senior bis heute die Erbfolge nicht eindeutig geregelt. Am Ende könnte die Gruppe ihre Unabhängigkeit verlieren - auch wenn Theo Müller den Gedanken an einen Verkauf weit von sich weist.

Dabei sah es kurze Zeit so aus, als habe der Inhaber sein Haus bereits bestellt. Zumindest aus dem operativen Geschehen hatte sich Theo Müller offiziell zurückgezogen.

Durch die Unternehmenszentrale in Fischach-Aretsried bei Augsburg ging ein Aufatmen, als der Senior im Herbst 2003 ankündigte, seinen Wohnsitz in die Schweiz zu verlegen. Samt Lebensgefährtin Ines Hüvel und zwei gemeinsamen Töchtern im Grundschulalter verabschiedete er sich im November 2003 an den Zürichsee.

Den Wegzug inszenierte er als Protest gegen die deutsche Erbschaftsteuer. Der Fiskalflüchtling ("Ich werde enteignet") machte geltend, er wolle verhindern, dass seine neun Kinder dereinst hunderte Millionen Euro ans Finanzamt zahlen müssten. Ob er nun nach der angekündigten Novelle der Erbschaftsteuer zurückkehren wird, ist noch offen. Immerhin ließ er mitteilen, dass diese Entwicklung "nicht ohne Einfluss" auf seine "persönlichen Entscheidungen" bleiben werde.

Der lange Zeit allein herrschende Milchmogul hatte bis zu seinem Wegzug eine komplett familienfremde Geschäftsführung aufgebaut. Er selbst versprach, fürderhin höchstens einmal monatlich in Aretsried nach dem Rechten zu sehen.

Ein halbes Jahr lang hielt er durch. Die vierköpfige Firmenleitung unter Vorsitz des früheren Best-Foods-Managers ("Maizena", "Knorr") Thomas Hinderer (46) funktionierte und harmonierte gut.

Aus Sicht des Seniors vielleicht zu gut: Eifersüchtig und gekränkt musste er zur Kenntnis nehmen, dass niemand in der Firma seinen Rat suchte. Doch seine Zeit sollte wieder kommen.

Mitte 2004 war es so weit. Der Konsum lahmte, der kalte Frühling und Frühsommer hatten den Absatz von Joghurt- und Milchdrinks gebremst, Müller war von den Discountern Penny (Rewe) und Plus (Tengelmann) teilweise ausgelistet worden.

Zudem machte sich ein Käuferboykott bemerkbar. Müllers Flucht ins Steuerasyl und sein Streit mit Greenpeace hatten zu vielen negativen Reaktionen geführt. Am Ende des Jahres summierte sich das Minus beim deutschen Markenartikelumsatz auf knapp 9 Prozent.

"Es muss Blut fließen"

Den Umsatzknick, der sich bereits Mitte 2004 deutlich abzeichnete, nutzte der Alte als Vorwand für sein Comeback. Seit vergangenem Sommer fuhrwerkt er wieder montags, dienstags und donnerstags in Aretsried herum - öfter darf er nicht, weil ihn sonst das Finanzamt Augsburg erneut als deutschen Steuerbürger vereinnahmen würde.

Die Partielle Rückkehr des Seniors leitete das Ende der familienfremden Konzernspitze ein; vom einstigen Quartett war zuletzt nur noch Hinderer übrig. Doch nun ist auch er weg. Anfang März unterschrieb Hinderer einen Aufhebungsvertrag und heuerte bei Eckes an. Dort soll er vor allem die Fruchtsaftsparte (Granini) zurück auf Wachstumskurs bringen.

Als Erster war im Juli 2004 Falk Pössnecker (49) bei Müller-Milch kaltgestellt worden. Dessen Personalressort, entschied Müller, sei überflüssig. Pössnecker, 2002 von Reemtsma gekommen, durfte fortan nicht mehr an Geschäftsführersitzungen teilnehmen. Inzwischen hat er die Firma verlassen.

Anschließend kam Klaus Rättig (49) an die Reihe, erst Anfang 2004 von der Ratiopharm-Gruppe zum Milchverarbeiter gestoßen. Aufgeregt beauftragte Müller den kaufmännischen Geschäftsführer im Spätsommer, bis Ende Oktober ein Konzept zu entwickeln, mit dem 40 Prozent der Arbeitsplätze in der Verwaltung eingespart werden sollten. "Wir sind ein Moloch", hatte der Inhaber analysiert und gefordert: "Es muss Blut fließen." Dann ging dem Senior plötzlich alles nicht schnell genug. Mitte Oktober rief er Rättig aus einem verlängerten Wochenende zurück und hielt Gericht über ihn. Anwesend: Müller selbst, sein zweitältester Sohn Theo Müller junior (31), Unternehmenschef Hinderer sowie Produktionsgeschäftsführer Götz-Ingo Finger (45).

Telefonisch zugeschaltet war Müllers Freund und persönlicher Ratgeber Wolfgang Blumberg (58), ehemals Deutschland-Chef von Pepsi-Cola, später in gleicher Funktion bei Tetra Pak. Blumberg, der heute im Hinterland der Côte d'Azur lebt, dort Feriengäste beherbergt und Jagdhunde züchtet, schwebt dann und wann in Schwaben ein, um Bewerber für Müller zu testen. Auch Rättig hatte ein Jahr zuvor Blumbergs Gütesiegel erhalten.

Nun, an diesem Oktobertag 2004, verhängte Müller nach dreistündiger Verhandlung die Höchststrafe: Rättig habe sein Vertrauen verloren, nach zehn Monaten musste der Manager gehen.

Am anderen Tag rief der Eigentümer den Geschäftsführer Finger zu sich und erklärte diesem, er habe den Schauprozess vor allem für ihn und seinen Chef Hinderer inszeniert: damit beide einsähen, dass Rättig der falsche Mann gewesen sei.

Erfolgreich in England

Wenig später bekam Hinderer den Zorn des Alten zu spüren; er wurde praktisch degradiert. Müller wies Finger an, künftig an ihn statt an den Vorsitzenden der Geschäftsführung zu berichten. "Wir brauchen keinen CEO", ließ der Senior wissen. Logisch: Als Chef fühlt er sich seit jeher selbst.

Kurz vor Weihnachten warf dann Finger die Brocken hin. Er hatte Müller Umstrukturierungen der Produktion und der Logistik vorgeschlagen - mit einem Einsparpotenzial von 30 Millionen Euro jährlich. Der Senior reagierte zunächst begeistert, dann wütend - entweder weil Finger an Heiligtümer gerührt hatte, oder weil Müller die Idee nicht selbst gekommen war. Finger - früher bei Kraft Jacobs Suchard (heute Kraft Foods), danach beim Filialbäcker Kamps - brachte es auf eine Verweildauer von ganzen acht Monaten.

Fingers Nachfolger wurde Papas Liebling, Theo junior. Der sieht dem Alten zum Verwechseln ähnlich, gilt als nicht übermäßig helle, aber folgsam. Im Verlauf von Konferenzen schickt der Vater ihn öfter hinaus: "Theo, hol mal was zu trinken." Allzu viel Berufserfahrung konnte er derart nicht sammeln.

Kaum war der neue Produktionschef ernannt, kündigte einer der langjährigen Weggefährten von Müller senior, Gerhard Freudenreich (47). Der branchenweit anerkannte Technikleiter, der alle Werke aufgebaut hatte und jede einzelne Maschine kennt, weigerte sich, unter Greenhorn Theo junior zu arbeiten.

Als zentrales Problem des Unternehmens gilt allerdings nicht der junge, sondern der alte Müller. Aus dessen Sicht war es der gemeinsame Makel der vier familienfremden Geschäftsführer, dem Molkereimeister ständig mit akademischem Wissen zu kommen. "Vergessen Sie alles, was Sie jemals über Betriebswirtschaft gelernt haben, und hören Sie mir zu", postuliert der Senior gern, um dann zu verkünden: "Kalkulieren habe ich auf dem Schoß meines Vaters gelernt."

Das kaufmännische Einmaleins mag ausgereicht haben, solange Müller-Milch unablässig wuchs, solange Blockbuster wie der Joghurt mit der Ecke - einem zweiten Abteil voller Knusperzeug - hohe Renditen bescherten.

Heute freilich verdient die Gruppe daheim nur noch wenig. Der weitaus größte Teil des Gewinns stammt von der englischen Tochter. Dass die Gruppe trotz des desolaten Deutschland-Geschäfts 2004 insgesamt auf gut 5 Prozent Wachstum kam, ist ebenfalls dem Engagement in England zu verdanken.

Theos Molkerei-Themenpark

Dort dominiert Müller mit einem Anteil von 40 Prozent den Joghurt-Markt, auch wenn den deutschen Markennamen kaum jemand richtig aussprechen kann. Dass das Unternehmen 1987 auf die Insel expandierte, gilt als letzter richtig guter Einfall des Seniors.

Anders 1994 die Übernahme der Sachsenmilch-Gruppe aus der Insolvenz von Südmilch. Die Akquisition markiert einen Strategiewechsel, von dem sich Müller-Milch bis heute nicht erholt hat: den Umschwung vom Marken- zum Massenanbieter.

Müller bekam Sachsenmilch zwar umsonst, baute aber für mehr als eine halbe Milliarde Euro in Leppersdorf bei Dresden die größte Molkerei Europas. Die Hälfte des Betrags kam als Subvention wieder herein, zur Refinanzierung des Restes begab Müller im Sommer 2004 Anleihen über insgesamt 250 Millionen Dollar - die erste nennenswerte Verschuldung der Firmengeschichte.

Der Name Leppersdorf steht für technischen Gigantismus pur. Die Kollegen der englischen Tochter spotten über "Theo's Dairy Theme Park" - Theos Molkerei-Themenpark.

Müller hing der fixen Idee nach, in den neuen Bundesländern möglichst viele Milchlieferanten unter Vertrag zu nehmen. Sein Kalkül war, auf diese Weise den Milchpreis drücken zu können.

Das Gegenteil trat ein. Sachsenmilch muss pro Liter etwa einen Cent mehr aufwenden als die Konkurrenz. Zum einen stieg der Preis, weil exzessiv Milch eingekauft wurde. Zum anderen muss der flüssige Rohstoff teilweise über hunderte von Kilometern nach Leppersdorf chauffiert werden - inzwischen auch noch belastet von Lkw-Maut.

Zu allem Überfluss kann Sachsenmilch nur etwa ein Fünftel der gewaltigen Jahresleistung von 1,4 Milliarden Litern in Form einträglicher Markenartikel verkaufen. 80 Prozent muss als Massenware wie Butter, H-Milch oder Milchpulver verramscht werden. Ausgelastet ist das Werk trotzdem nicht.

Die Probleme in Leppersdorf führten anfangs zu hoher Fluktuation im örtlichen Management - bis im November 2003 Theo Müllers ältester Sohn Stefan (37) die Werksleitung übernahm.

Bauchgefühl statt Marktforschung

Während in Sachsen modernste Produktionslinien zum Teil stillstehen, produziert die Fabrik Aretsried selbst bei guter Auslastung zu teuer; seit einem Jahrzehnt wurde dort kaum noch investiert. Wenn Müller senior von einem "Moloch" spricht und davon, dass "Blut fließen" müsse, dann scheint er irgendwie zu ahnen, dass es ein betriebswirtschaftliches Problem gibt. Da er seinen Managern jedoch bestimmte Begriffe verboten hat ("Ich will das Wort Fixkosten nie wieder hören"), ist es schwierig, ihm die Lage auseinander zu setzen.

Eigentlich müsste er das Stammwerk schließen und die Produktion komplett nach Leppersdorf verlagern. Doch so etwas mag das CSU-Mitglied seinem Heimatort nicht antun, der bayerischen Landesregierung schon gar nicht.

Auch im Marketing und im Vertrieb, den Ressorts des zuletzt gegangenen familienfremden Geschäftsführers Hinderer, ist Müller senior allgegenwärtig. Als erste Großtat nach seiner Rückkehr erklärte er im Sommer fünf Artikel zu den Produkten des Jahres 2005.

Die Verkaufsförderung zu fokussieren ist sicher kein falscher Ansatz. Allerdings haben vier der fünf Lieblingsprodukte Theo Müllers - nämlich Milchreis, Buttermilch, Müller-Milch und der Joghurt mit der Ecke - den Nachteil, dass ihr Zenit längst überschritten ist: Sie sind über 20 Jahre alt. Allein das fünfte, ein von Fruchtmus bedeckter Joghurt namens "Froop", gilt als Innovation.

Den rechtzeitigen Einstieg in das Joghurtsegment mit wenig Fett hat Müller in Deutschland verpasst. Dem Alten schmeckt "Low Fat" einfach nicht. Dabei machen Magerprodukte rund ein Viertel des Fruchtjoghurt-Absatzes aus. Doch es ist sinnlos, gegen Müllers Bauchentscheidungen mit Marktdaten zu argumentieren. "Kommen Sie mir bloß nicht mit Nielsen-Zahlen", beendet er solche Diskussionen regelmäßig.

Als Bürde erweist sich zunehmend, wie sehr sich das Unternehmen vor Jahren mit Aldi und Lidl eingelassen hat. Ein Drittel des deutschen Joghurtabsatzes geht an die beiden Discounter. Die Abhängigkeit macht erpressbar: Harte Preisverhandlungen kann die Molkerei kaum führen. Zudem provoziert die Belieferung der Billigheimer ständig Ärger mit anderen Handelsketten. Edeka listete Müller bereits teilweise aus.

Dauerclinch mit Greenpeace

Vollends ins Abseits manövrierte sich Müller senior im Streit mit Greenpeace. Maßlos erregte sich der Alte darüber, dass die Umweltaktivisten ihm den Vertrieb von "Genmilch" und "Genjoghurt" vorwarfen. Dies, weil die Molkerei nicht ausschließen konnte und wollte, dass die Kühe von Müllers Milchbauern genmanipuliertes Futter fressen.

Müller überzog die Organisation mit einstweiligen Verfügungen. Mal wehrte sich Greenpeace mit Erfolg, mal behielt die Molkerei Recht. Das Unternehmen beruft sich auf Untersuchungen, wonach genverändertes Futter die Zusammensetzung von Kuhmilch nicht berühre: "Genmilch gibt es nicht."

Zuletzt hob das Oberlandesgericht (OLG) Dresden allerdings eine einstweilige Verfügung gegen Greenpeace auf. Das OLG begründete seine Entscheidung unter anderem damit, dass das Thema "wegen seiner Bedeutung für die Grundlagen menschlichen Lebens zu engagierter Meinungsäußerung herausfordere". Das Hauptsacheverfahren steht noch aus.

Anstatt sich darauf zu beschränken, die Protestler in aller Ruhe öffentlich zu widerlegen, wurde Müller handgreiflich. Am 6. Dezember 2004 tauchten sechs als Nikoläuse verkleidete Greenpeace-Leute vor dem Werk Aretsried auf und verteilten beim Schichtwechsel Biojoghurt an die Arbeiter.

Wieder einmal schäumte der Milchmann auf. Gemeinsam mit Sohn Theo und Werkschützern lief er vors Fabriktor; dort soll er Fotografen Teile der Ausrüstung entrissen sowie eine Person verletzt haben. Die Staatsanwaltschaft Augsburg ermittelte wegen des Verdachts der Körperverletzung und der Sachbeschädigung; das Verfahren wurde gegen Zahlung von 45.000 Euro an karitative Einrichtungen eingestellt.

Zeitgleich hatte auch vor dem Sachsenmilch-Werk eine Hand voll Greenpeace-Nikoläuse demonstriert. Der dortige Werkschutz spritzte die Protestierer bei Temperaturen um den Gefrierpunkt mittels eines Feuerwehrschlauchs klatschnass. Die Staatsanwaltschaft Bautzen ermittelt wegen Körperverletzung; auch hier ist eine Einstellung "gegen Geldauflage" wahrscheinlich.

Ungeregeltes Erbe

Als Müller von der Aktion im Osten hörte, war er so begeistert, dass er noch am selben Tag ein Fax mit der Überschrift "Gratulation" an "alle Mitarbeiter" in Leppersdorf schickte: "Liebe 'Feuerwehrleute', mit Stolz auf unsere engagierten Mitarbeiter haben wir hier in Aretsried freudig vernommen, dass mit Brandherden aller Art (dazu zählen insbesondere Schurken von Greenpeace) gleichermaßen umgegangen wird. Vielen Dank für Ihre Löschdienste!!!!" Unterzeichnet war das Schreiben von Theo Müller senior und junior.

Die sich häufenden physischen wie verbalen Ausraster des Eigentümers deuten an, welche Nervosität in Aretsried herrscht. Mangel an Innovationen, drückende Kostenprobleme, Exodus von Topmanagern - Insider fragen sich, wie lange Müller so weitermachen kann.

Nach dem Abgang von Konzernchef Hinderer wird es schwierig werden, abermals Manager von Format in die Provinz zu locken - und noch schwieriger, sie zu halten.

Dies gilt vor allem, weil in Aretsried die Familie eine immer wichtigere Rolle spielen wird. Demnächst will Müller senior auch seinen ältesten Sohn Stefan in die Unternehmensleitung holen.

Eigentlich mag der Vater den Erstgeborenen nicht, aber schließlich hat Stefan sich in Leppersdorf bewährt. Nur leider versteht der Älteste sich nicht besonders mit Theo junior, der bereits in der Geschäftsführung sitzt; Stefan weigert sich, den Halbbruder ernst zu nehmen. Eine heikle Konstellation.

Ärger droht auch, wenn irgendwann der Nachlass des Joghurt-Moguls zu verteilen ist. Bislang gibt es keinen Erbvertrag, der den Fortbestand des Unternehmens sichern würde.

Nicht alle seine neun Kinder, die aus Beziehungen zu drei Frauen stammen, hat Theo Müller bislang dazu bewegen können, auf ihren Pflichtteil zu verzichten. Wenn es dabei bleibt, ist ein Erbstreit in der Sauermilchsippe unausweichlich. Und der könnte dann doch in einem Verkauf des Konzerns enden.

Von der Dorfmolkerei zum Markenmulti

Von der Dorfmolkerei zum Markenmulti

1896 Ludwig Müller gründet in Aretsried bei Augsburg eine Dorfmolkerei.

1938 Sohn Alois Müller führt den Betrieb fort.

1971 In der dritten Generation übernimmt Theo Müller die Molkerei mit vier Mitarbeitern. In den folgenden Jahren dehnt Müller das Distributionsnetz auf ganz Deutschland aus und fährt bundesweite Werbekampagnen.

1987 Eintritt in den englischen Markt.

1992 Bau eines eigenen Werks in England.

1993 In England Marktführerschaft bei Joghurt.

1994 Übernahme der Sachsenmilch AG in Leppersdorf bei Dresden.

1995 Gründung einer Vertriebsniederlassung in Italien.

1998 Kauf der Sauermilchkäserei August Loose im Harz.

2000 Ein Konsortium unter Führung von Müller übernimmt die Staatliche Molkerei Weihenstephan in Freising.

2002 Eintritt in den spanischen Markt.

2003 Als Holding wird die Unternehmensgruppe Theo Müller GmbH & Co. KG mit Sitz in Fischach-Aretsried gegründet. Theo Müller wandert in die Schweiz aus.

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