Standort D Rekorde? Welche Rekorde?

Die Gewinne steigen. Bravo! Aber es bleibt noch viel zu tun, denn ausländische Konzerne erwirtschaften bessere Renditen. Woran liegt es, dass unsere Unternehmen so schlecht abschneiden? Berater Hermann Simon wagt eine provokante These.

Deutsche Unternehmen melden Rekordgewinne. Höchst erfreulich! Dennoch bleibt Bodenhaftung angezeigt. So steigerte ThyssenKrupp  seine Umsatzrendite vor Steuern von 2,2 Prozent auf 4 Prozent, aber Hauptkonkurrent Arcelor !CHART;LU0140205948> liegt mit 7,6 Prozent um Längen voraus.

Siemens  verbesserte die Vorsteuerrendite von 4,5 auf 5,6 Prozent, doch General Electric  meldet 13,9 Prozent. DaimlerChrysler  krebst bei 2,38 Prozent herum, Volkswagen  bei 2,6 Prozent. Und was berichten Toyota  oder Nissan? Beide liegen vor Steuern bei 10 Prozent. Ich könnte fortfahren: MAN  3 Prozent, Infineon  3,5 Prozent ...

Selbst der angebliche Rekordgewinn der Deutschen Bank  verblasst im internationalen Vergleich. Die Bank hat ihre Eigenkapitalrendite nach Steuern von 5,2 Prozent 2003 auf 9,4 Prozent massiv verbessert - bravo! Doch im Vergleich zu den 19,3 Prozent der Citigroup , den 21,6 Prozent der Schweizer UBS  oder den 27,3 Prozent der niederländischen ABN Amro  bleibt das Ergebnis mager.

Die Richtung stimmt, aber die Rekorde sind unvollendet. Es bleibt viel zu tun. Die Folgen der Gewinnschwäche sind klar: niedrige Börsenbewertung, billige Beute für Übernehmer, geringe Investitionsfähigkeit, Wachstumsschwäche, Überschuldung, ungünstige Kapitalstrukturen.

Natürlich heben sich einzelne Unternehmen wie Altana , BMW , Continental  oder Henkel  positiv ab, aber es gibt zu viele, denen das Wasser nach wie vor bis zur Unterlippe steht.

Woran liegt es, dass deutsche Firmen im internationalen Vergleich so schlecht abschneiden? Selbst in Frankreich oder Schweden mit ähnlichen Lohn- und Staatsbelastungen werden signifikant höhere Renditen gemeldet.

Typische Beobachtungen

Ich wage eine provokante These: Es fehlt bei uns am Gewinnwillen. Oder wie interpretieren Sie durchaus typische Beobachtungen wie die folgenden?

  • Ein Autovorstand sagt mir: "Natürlich ist Gewinn unser erklärtes Ziel. In Wirklichkeit rollen bei uns aber die Köpfe, wenn wir 0,1 Prozent Marktanteil verlieren. Bricht hingegen der Gewinn um 20 Prozent ein, interessiert das keinen."


  • Vom Chef eines Anlagenbauers, technisch hochkompetent und Weltmarktführer, aber seit Jahren unprofitabel, höre ich: "In unserer Branche kann man kein Geld verdienen. Es gibt immer einen Wahnsinnigen, der den Auftrag braucht und zu Selbstmordpreisen anbietet. Manchmal sind wir selbst dieser Wahnsinnige. Wer überleben will, muss mithalten."


  • Ein Autozulieferer klagt: "Die Autohersteller verlangen von uns detaillierten Einblick in die Kosten. Jede Kostensenkung wird sofort verfrühstückt, uns bleibt immer nur ein winziger Rest."


  • In einer Diskussion mit einem innovativen Elektronikunternehmen, das eine mickrige Rendite von 2 Prozent einfährt, stellt sich heraus, dass an Preiserhöhungen kein Weg vorbeiführt. Doch da blockt der Chef ab: "Dann verlieren wir Marktanteil. Undenkbar, kommt nicht in Frage."
Überall das Gleiche: Es mangelt am Willen zum Gewinn.

Sorgen Sie für klare Verhältnisse! Bringen Sie Ihre gesamte Mannschaft hinter das Gewinnziel! Akzeptieren Sie nicht länger falsche Unternehmensziele! Marge kommt vor Menge! Sie werden staunen, wozu eine solche Willensbildung führt.

Weitung der Perspektive

Ein erster Effekt besteht in einer Weitung der Perspektive. Der oben zitierte Anlagenbauer hatte Recht. Solange es Überkapazitäten in seiner Branche gibt, wird er keine Gewinne einfahren. Seine immer neuen Kostensenkungsprogramme bringen nichts: Egal, wie weit er die Kosten senkt - die anderen tun es auch.

Das Problem ist im eigenen Unternehmen nicht lösbar. Man muss eine Branchenlösung finden. Aus Erfahrung weiß ich, dass dies in etwa der Hälfte der "hoffnungslosen" Fälle der einzig wirksame Weg zur Besserung ist. Erkennt man diese Tatsache, geht man ganz anders an die Lösung heran. Die Stahlindustrie und andere Commodity-Branchen haben in den letzten Jahren vorgemacht, dass es funktionieren kann.

Der Widerspruch zwischen erklärten und praktizierten Zielen, oben deutlich geworden an dem Auto- und dem Elektronikfall, bringt jede Firma in die Bredouille. Wenn das Wertesystem eines Unternehmens traditionell auf Marktanteil oder Beschäftigungserhalt getrimmt ist, leiden die Gewinne. Da hilft nur ein radikaler Kulturwandel.

Manchmal ist die Lösung einfach, wie im Fall des Autozulieferers, erfordert aber Mut in der Durchsetzung. Den Autoherstellern wurde fortan der Einblick in die Kosten verweigert. Das führte zwar kurzfristig zu erheblichem Ärger, aber seit dieser ausgestanden ist, kann der Zulieferer zumindest einen Teil seiner Kosteneinsparungen als Gewinn einstreichen.

Die Richtung der Gewinnentwicklung stimmt. Doch der Gewinnwille muss viel stärker werden. Gewinne sind nichts anderes als "Kosten des Überlebens". Gewinnwille ist Überlebenswille.

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