Österreich Fluchtpunkt Austria

Jahrzehntelang galt das kleine Nachbarland als sympathisch, aber etwas rückständig. Inzwischen hat sich der Austro-Kapitalismus als Erfolgsmodell etabliert. Ist Österreich das bessere Deutschland?

Jetzt schön cool bleiben. Bloß nicht sauer wirken oder gar beunruhigt. Lieber herunterspielen und kleinreden. Otto Wiesheu hat sich entschlossen zu schmunzeln. Ach, Österreich.

Es ist noch nicht lange her, da stänkerte der bayerische Wirtschaftsminister gegen die Versuche aus dem Nachbarland, Unternehmen anzulocken ("nichts als heiße Luft", "Mogelpackung"). Öffentlich ärgerte er sich über die österreichischen Standortvermarkter, die mutwillig "mit Übertreibungen und Halbwahrheiten" deutsche Mittelständler verunsicherten.

Weil die Verbalattacken aber nichts nutzten, hat Wiesheu die Taktik geändert. Jetzt gibt er sich amüsiert: "Wir sollten das alles nicht so ernst nehmen."

Schliesslich ist Österreich ein kleines Land, kleiner als Bayern. Als "Billigstandort" könne es sich "nicht mit Ungarn oder Tschechien vergleichen". Und im Übrigen: "Bayern ist einer der führenden Hightech-Standorte der Welt."

Amerika, China, Indien - um diese globalen Gravitationszentren kreisen Wiesheus Gedanken. Aber Österreich? Ist dieses Nachbarland denn wirklich der Rede wert?

Offenbar schon. Seine Öffentlichkeitsarbeiter hat Wiesheu kürzlich ein kritisches Papier schreiben lassen ("Bayern und Österreich im Vergleich"). Und investiert mal eine Firma aus dem Nachbarland im Freistaat, so wie der Kesselbauer KWB, dann jubelt der Minister die Schaffung von 17 neuen Jobs schon mal zum Beweis für die "hohe Attraktivität des Standortes Bayern für österreichische Unternehmen" hoch.

Nein, Wiesheu nimmt die südlichen Nachbarn ernster, als er zugibt. Und zwar zu Recht.

Exzellentes Preis-Leistungs-Verhältnis

Das in Deutschland populäre Klischee vom liebenswerten, aber etwas rückständigen Alpenvölkchen hat mit der Realität nichts mehr zu tun. In vielerlei Hinsicht hat die Austro-Ökonomie die Bundesrepublik überholt. Ob Wachstum, Investitionen, Beschäftigung oder Staatsfinanzen - Österreich hat die besseren Zahlen. Schon seit 1999 liegt die Wirtschaftsleistung pro Kopf höher - derzeit sind die Österreicher stolze 12 Prozent reicher als die Deutschen.

Als Unternehmensstandort zählt das Land inzwischen zur europäischen Spitze. In einer Studie für das manager magazin, die die 1207 Regionen aller 25 EU-Mitgliedsstaaten unter die Lupe nahm, kamen vier österreichische Regionen unter die Top 10. Die besten deutschen Regionen folgten weit abgeschlagen - ab Platz 443.

"Wir waren von den Ergebnissen zunächst überrascht ", gibt Henner Lüttich, Geschäftsführer der Standortberatungsfirma Contor und Autor der Studie, zu. Bei näherem Hinsehen habe sich jedoch gezeigt, "dass Österreich gerade anspruchsvollen Produktionsunternehmen ein exzellentes Preis-Leistungs-Verhältnis bietet".

Aufschlussreich ist insbesondere der direkte Vergleich mit Deutschland. In Lüttichs Standortranking liegen alle österreichischen Regionen vor den besten deutschen. Hauptgründe: Die Jahresarbeitszeiten der Beschäftigten sind etwas länger, die Lohnkosten liegen etwas, die Ertragsteuern deutlich unter deutschem Niveau - bei sonst ähnlichen Standortqualitäten "Österreich attraktiver als Deutschland".

Diese Mischung macht auch das österreichische Werk des deutschen Grafit-Konzerns SGL Carbon  zu einem der profitabelsten Standorte im Unternehmen. Unter den weltweit zwölf vergleichbaren Produktionsstätten belegt das Werk in Steeg am Hallstätter See einen guten dritten Platz, knapp hinter der konzerninternen Konkurrenz aus Spanien und Polen - aber deutlich vor dem deutschen Werk in Griesheim, das im unteren Drittel liegt.

Zielgruppe deutscher Mittelstand

Vorsprung Austria. Im vergangenen Jahrzehnt haben sich Wirtschaft, Staat und Gesellschaft einem tief greifenden Wandel unterzogen - und führen nun vor, wie man im Standortwettbewerb erfolgreich besteht. Schon früh habe sich das kleinere, wendigere Österreich der Globalisierung gestellt, urteilt OECD-Fachmann Eckhard Wurzel, der beide Länder seit Jahren beobachtet. "Da ist viel in Bewegung geraten, und die Umstrukturierung geht weiter."

Die Erfolge haben einen neuen Stolz angestachelt, gerade gegenüber den "präpotenten Piefkes", die doch traditionell als uneinholbar effizient galten.

Und die Elite hält mit dem frisch erworbenen Selbstvertrauen nicht hinter den Bergen. "Kommt nach Österreich, und investiert hier", rief der erst 36-jährige Finanzminister Karl-Heinz Grasser kürzlich per Zeitungsinterview den nördlichen Nachbarn zu. Anlass war die Senkung der Unternehmenssteuern zur Jahreswende. Nebenbei erteilt er seinem Kollegen Hans Eichel Ratschläge ("Haushalt konsolidieren", "Stabilitätspakt einhalten", "Steuern senken").

Das fixe Austria trumpft auf.

"Wir sind das bessere Deutschland", tönt René Siegl, Chef der Austrian Business Agency (ABA), Österreichs oberster Standortvermarkter. Seine wichtigste Zielgruppe: frustrierte deutsche Mittelständler. Seine Botschaft: "Der Unternehmer bekommt bei uns, was er in Deutschland auch hat - allerdings ohne die deutschen Nachteile."

Das mag übertrieben sein, aber es kommt an. 2000 Anfragen, davon die Hälfte aus der Bundesrepublik, verzeichnete die ABA voriges Jahr. Noch einmal so viele Unternehmer dürften bei den Standortagenturen der österreichischen Bundesländer vorstellig geworden sein.

Neu sind die Bemühungen der ABA nicht. Schon seit 20 Jahren versuchen die Ansiedlungsberater, deutsche Unternehmen über die Grenze zu locken; Jahr für Jahr schicken sie 60.000 bis 70.000 Briefe heraus. Lange hat das kaum jemanden interessiert - allenfalls ein paar Skifreaks und Bergseefans zog es Richtung Südost.

"Ausland light" statt Kulturschock

Erst jetzt, da die deutsche Wirtschaft einer chronischen Schwermut erlegen ist, fällt die ABA-Botschaft auf fruchtbaren Boden: Österreich ist zum Fluchtpunkt der Rückzugsfantasien vieler Unternehmer geworden.

"Dass wir inzwischen Erfolg haben, damit haben Leute wie Herr Wiesheu offenkundig ein Problem", sagt ABA-Vormann Siegl. Anstatt öffentlich zu stänkern und den Standortwettbewerb zu verdammen, empfiehlt er den Deutschen, doch lieber ihre heimischen Probleme zu lösen: "Die mentale Weigerung, die Marktwirtschaft in diesem Bereich anzuerkennen, verstehe ich nicht."

Transalpines Fingerhakeln.

Deutschen Mittelständlern präsentiert sich Österreich gern als "Ausland light", wie es der Salzburger Standortvermarkter Michael Rechberger ausdrückt. Wem Osteuropa, Portugal oder China zu fremd und zu korrupt sind, der findet südlich der Alpen eine eng verwandte Nation - zwar ohne die grandiosen Kostenvorteile der Billigstandorte, zwar mit im Vergleich zu Deutschland bescheidenen Forschungseinrichtungen, dafür aber mit einer soliden Infrastruktur, mit Sicherheit und Lebensqualität.

Es sind Leute wie Evelin und Walter Wittek, die es derzeit nach Österreich zieht. Die beiden betreiben eine Firma für Textildesign - bis vor anderthalb Jahren im fränkischen Kulmbach, jetzt in Bad Dürrnberg bei Salzburg.

Wenn die Witteks von früher erzählen, dann klingt es wie die Flucht aus einem Krisengebiet: Erst gingen nach und nach ihre Kunden aus der fränkischen Textilindustrie ein oder fort, und die Verbliebenen plagte eine zunehmende Schwermut. Von Beamten und Bankern fühlten sie sich immer stärker drangsaliert. "Wir waren gefangen in einer Spirale nach unten, die sich immer schneller drehte", sagt Walter Wittek.

Alle Hoffnung auf Besserung hätten sie begraben, als die rot-grüne Koalition im Herbst 2002 wiedergewählt wurde. "Da war für uns klar: Wir müssen weg", erzählt Evelin Wittek.

Es war eine Bauchentscheidung, keine, die von kühlen Berechnungen getrieben wurde. Auf die Region Salzburg sind sie durch einen Beitrag im Bayerischen Fernsehen aufmerksam geworden. Nun sind sie in der neuen Heimat angekommen, haben ein schönes Haus mit Blick ins Tal bezogen und auch noch eine eingesessene Weberei übernommen - und sind positiv überrascht von den niedrigeren Lohnkosten und Steuern.

Die Gunst der Geschichte

Gerade die Stimmungslage unterscheidet die beiden deutschsprachigen Nachbarländer. Vom bundesrepublikanischen Post-Millennium-Fatalismus ist südlich der Alpen nichts zu spüren.

Österreich empfindet sich als eine Nation im Aufbruch. Als sich 1989/90 die Grenzen nach Osten öffneten, konnte sich das Land aus seiner Lage am äußersten Ostrand der westlichen Hemisphäre - politisch eingeklemmt zwischen den militärischen Blöcken, ökonomisch fest im Schlepptau Deutschlands - befreien. Erstmals seit dem Verlust des K. u. k.-Imperiums 1918 bot sich der Wiener Republik die Chance, eine wirklich eigenständige Rolle zu finden: als Bindeglied zwischen beiden zusammenwachsenden Teilen Europas.

Eine Gunst der Geschichte, die aber eine entscheidende Vorleistung forderte: mehr Effizienz. Damit war es nicht weit her. Noch in den 80er Jahren ähnelten die Wirtschaftsstrukturen eher sozialistischen als kapitalistischen Mustern.

Industrie und Banken waren in Staatsbesitz, kontrolliert durch einen hochgradig ausdifferenzierten politökonomischen Komplex aus Sozialdemokratie (SPÖ) und Volkspartei (ÖVP), aus Behörden, Wirtschaftskammern und Gewerkschaften, aus Bundesebene und Ländern. Ein kompliziertes Geflecht, noch intransparenter als sein deutsches Pendant.

Erst der Fall des Eisernen Vorhangs habe "einen tief greifenden Kulturwandel angestoßen und eine wunderbare Aufbruchstimmung ausgelöst - nicht nur bei den Eliten in Wirtschaft, Politik und Verwaltung, sondern quer durch die Gesellschaft", schwärmt der Wiener Roland-Berger-Statthalter Manfred Reichl. Die überkommenen Konfrontationslinien zwischen Bürokratie, Gewerkschaften und Wirtschaft seien durchbrochen worden. Insgesamt sei Österreich eine "pragmatische Gesellschaft" geworden.

Die ehedem alles dominierende staatliche Österreichische Industrieholding AG (ÖIAG) entledigte sich vieler Beteiligungen. Der einst träge Stahlgigant Voest, in den 80er Jahren Symbol staatlicher Misswirtschaft, wurde aufgespalten und teilweise an die Börse gebracht - derzeit versucht Siemens, sich das Enkel-Unternehmen VA Tech zu greifen.

Gute Beziehungen zu Osteuropa

Ab 1991 begann das Großreinemachen im Finanzsektor - eine Entwicklung, auf die die deutsche Wirtschaft bis heute wartet. Das Großinstitut Bank Austria entstand, das später mit der Creditanstalt fusionierte, schließlich von der Münchener HypoVereinsbank (HVB) geschluckt wurde - und heute der einzige Lichtpunkt im ansonsten tristen HVB-Reich ist (was viele Österreicher mit Genugtuung registrieren).

Die Erste Bank einte in den 90er Jahren den Sparkassensektor. Inzwischen gehen gesunde österreichische Banken sogar in Deutschland auf Kundenfang - und bauen in Bayern, sehr zu Wiesheus Verdruss, eigene Filialnetze auf.

Die runderneuerten Austro-Konzerne profitierten enorm von der Grenzöffnung nach Osten. Ob Erste Bank, Telekom Austria oder der Energiekonzern OMV - früh und konsequent sicherten sie ihre Claims in den zunächst noch fragilen Wachstumsmärkten.

Bei der Geschäftsanbahnung halfen die traditionell guten Beziehungen zu den östlichen Nachbarländern, von denen viele jahrhundertelang vom Wiener Hof aus regiert worden waren.

Die gemeinsame Geschichte wirkt fort. Umfragen des Instituts Fessel-GfK zeigen, dass Österreicher bei Ungarn, Tschechen, Slowaken und Polen deutlich leichter Freunde finden als Deutsche - die Sympathiewerte liegen im Schnitt knapp doppelt so hoch.

Ein kultureller Vorteil, der sich wirtschaftlich nutzen lässt. Rund 300 Multis, darunter Henkel , SAP  und McDonald's , steuern von Wien aus ihre Osteuropa-Geschäfte. Die Hauptstadt hat sich zu einer Art Schreibtisch des neuen nahen Ostens entwickelt - eine Rolle, die auch Berlin gern gespielt hätte.

Überspielte Schönheitsfehler

Der große Umbau Österreichs hat ein landesspezifisches Wirtschaftsmodell hervorgebracht, das zwar nicht ohne Makel ist, das seine Schönheitsfehler aber charmant überspielt:

  • Wie Deutschland, so ist auch Österreich eine industrielastige Volkswirtschaft, der allerdings Multis von globalem Kampfgewicht fehlen. Die allermeisten österreichischen Unternehmen seien "kerngesund", urteilt Roland-Berger-Mann Reichl. Nach OECD-Berechnungen ist die Industrieproduktivität in den vergangenen Jahren um im Schnitt mehr als 4 Prozent gestiegen (Deutschland: 2,8 Prozent). Reichl macht für diese Erfolge auch den "österreichischen Managementstil" verantwortlich: Man sei zufrieden, wenn eine Aufgabe zu 80 Prozent gelöst sei. Im Gegensatz zu solchem Austro-Pragmatismus wollten Deutsche "meist 100 Prozent herausholen".


  • Wie in Deutschland ist der Sozialstaat immer noch reichlich bemessen. Zwar wurde das System im Laufe der Zeit etwas leistungsfreundlicher, ist aber noch weit entfernt von angelsächsischen Verhältnissen. Insbesondere die geringe Erwerbstätigkeit Älterer werde sich angesichts der ähnlich ungünstigen demografischen Prognosen wie in der Bundesrepublik zum Problem auswachsen, so OECD-Experte Wurzel - "ein ganz großer Schwachpunkt".


  • Wie in Deutschland ist der Arbeitsmarkt in ein konsensorientiertes System gezwängt - das allerdings im Unterschied zu dem in der Bundesrepublik gut funktioniert, wie die relativ niedrigen Arbeitslosenquoten zeigen. Immer noch handeln Gewerkschaften und Arbeitgeber für jeden Sektor zentral die Löhne aus, wobei die Abschlüsse regelmäßig so moderat ausfallen, dass sie nicht wehtun; in einigen Fällen sorgen Öffnungsklauseln (die so genannte Verteiloption) für größere Lohnflexibilität nach unten.


  • Wie in Deutschland steckt das politische System in einer Föderalismusfalle. Ein Thema, mit dem sich die OECD in ihrem nächsten Länderbericht, der im Mai erscheint, intensiv befassen wird. "Österreich könnte deutlich effizienter regiert werden", sagt Wurzel. Dass sich das Land dennoch bewege, liege vor allem an den überschaubaren Dimensionen - Kleinheit als Vorteil.


  • Wie in Deutschland spielt der Staat in der Wirtschaft eine durchaus aktive Rolle. Auch wenn die rechts-bürgerliche Regierungskoalition in Wien sich gern radikal marktwirtschaftlich geriert: Formal ist Österreich ähnlich strikt reglementiert wie Deutschland - mit dem feinen Unterschied, dass die Regeln nicht mit derart gnadenloser Perfektion exekutiert werden. Im Alpenland, erzählen Manager, sei alles verhandelbar - ein Interventionismus mit menschlichem Antlitz.

"Wer das Gold hat, macht die Regeln"

Als Musterbeispiel für das reibungslose Zusammenspiel des politökonomischen Komplexes gilt der Fahrzeugbau. Eine Branche, die aus Töchtern ausländischer Konzerne und heimischen Mittelständlern besteht.

"Hier bei uns", sagt Wolfgang Sauerzapf, Finanzvorstand des Autozulieferers Magna Steyr in Graz, "sehen sich alle gemeinsam im Standortwettbewerb. Die Politiker verstehen uns als Kunden." Und der Erfolg gebe ihnen Recht.

Eine Schlüsselrolle bei der konzertierten Mobilisierung der Branche spielte Frank Stronach. Ein Selfmademan, der Österreich vor 50 Jahren als armer Jugendlicher gen Kanada verließ. In den 90er Jahren kehrte er als Chef von Magna, einem der größten Automobilzulieferer der Welt, zurück und investierte großflächig in seiner alten Heimat. Kernstück der Offensive war die Übernahme des Autozulieferers Steyr-Daimler-Puch (heute Magna Steyr) - des industriellen Zentrums jener Region, die die Regierung zum "Automobilcluster Steiermark" ausgerufen hatte.

Getreu Stronachs Motto - "Kennen Sie die goldene Regel? Wer das Gold hat, macht die Regeln" - verwischen die Grenzen zwischen öffentlichem und privatem Amt schon mal. So kümmerte sich Herbert Paierl erst als Wirtschaftslandesrat (Landeswirtschaftsminister) darum, dass es der Autobranche und ihrer Vorzeigefirma Magna gut geht - um dann bei Magna als Manager anzuheuern. Auch Finanzminister Grasser verdingte sich zwischenzeitlich bei Stronachs Konzern.

Die Nähe zum Balkan sei eben spürbar, witzeln viele Österreicher. Anders als früher schwingt in solchen Äußerungen heute eher heitere Gelassenheit mit.

Gerade gegenüber den Deutschen hat sich das Verhältnis entspannt. Die Erfolge des Austro-Kapitalismus und die neue Nähe zu den Nachbarn im Osten haben die Österreicher verändert. Laut einer Fessel-GfK-Umfrage empfinden die meisten zwar gegenüber den Deutschen immer noch die engsten verwandtschaftlichen Bindungen (62 Prozent), sie gehen aber zunehmend auf Distanz.

Die Österreicher hätten sich emanzipiert, schreiben die Demoskopen Peter Ulram und Svila Tributsch - es habe eine "Normalisierung durch Abnabelung" der einst "verfreundeten Nachbarn" stattgefunden.

Die Männer aus den Bergen

Die Männer aus den Bergen

Warum der SGL-Carbon-Konzern in Österreich deutlich billiger produziert als in Deutschland

Der Gast aus Deutschland ist des Lobes voll: Was die Leute hier in Steeg (Oberösterreich) leisteten, das sei schon "Weltspitze", sagt Dieter Klein. Das Urteil ist ziemlich wörtlich zu nehmen.

Klein verantwortet bei SGL Carbon die globale Produktion von Grafit-Elektroden, die bei der Herstellung von Elektro-Stahl unverzichtbar sind. Der deutsche Konzern, einer der beiden großen Grafit-Elektroden-Hersteller weltweit, steht in einem mörderischen Preiswettbewerb.

Kosten senken, immer schneller und immer effizienter werden - das ist Kleins Vorgabe für die zwölf SGL-Standorte in Europa und Nordamerika. "Und jetzt gucken Sie sich das mal an" - er zieht aus der Aktentasche eine Grafik, die die Kosten pro produzierte Tonne für jedes einzelne SGL-Werk ausweist.

Zahlen, die die Konkurrenz nur zu gern wüsste. Das konzerninterne Ranking zeigt: Steeg liegt auf Platz drei; der deutsche Vergleichsstandort Griesheim hingegen, wo die Kosten rund 10 Prozent höher sind, im hinteren Drittel.

Auf Platz eins glänzt das Werk an der spanischen Atlantikküste (unschlagbar niedrige Transport- und Energiekosten), auf Platz zwei die SGL-Produktion in Polen (unschlagbar niedrige Lohnkosten). Nein, eigentlich ist Steeg am Hallstätter See kein idealer Industriestandort; Energie und Arbeitskräfte sind relativ teuer, die Verkehrsanbindung ist mäßig.

Anfang der 90er Jahre wäre das Werk deshalb beinahe dichtgemacht worden. "Uns war klar, dass wir uns nur selbst am Schopf aus dem Sumpf ziehen können", sagt Werksleiter Josef Siedler. Also steigerten sie die Produktivität: 1995 produzierten sie 12.000 Tonnen jährlich, heute sind es 21.000 Tonnen - mit weniger Beschäftigten.

Geholfen haben den Österreichern auch die niedrigeren Arbeitskosten: In Steeg kostet ein SGL-Mitarbeiter die Firma 54.700 Euro jährlich, in Griesheim rund 76.800. Die Nettogehälter liegen jedoch viel näher beieinander: Ein Lediger in Steeg bekommt pro Jahr nur 1200 Euro weniger ausbezahlt als sein deutscher Kollege.

Deutschland vs. Österreich: Die Topstandorte

Mehr lesen über Verwandte Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.