Mythos Suvretta Der Hang zum Geld

Bei St. Moritz trifft sich allwinters die europäische Wirtschaftselite. Was zieht die Reichen und Mächtigen in den Schweizer Schnee? manager magazin sagt Ihnen, welche Clubs angesagt sind, und wer die Promi-Partys inszeniert.
Von Sibylle Zehle

Wo sehen sich heute die Eliten? Auf Bällen? In der Oper? "Ach was,", grummelte der Berliner Gastgeber Nikolaus Sombart schon Anfang der 80er Jahre, "sie treffen sich am Suvretta-Hang!" Auf den ersten Blick ist das nichts als ein besonders schön besonnter Berg bei St. Moritz, ein paar Villen und Châlets, ein großes Hotel.

Auf den zweiten ist es heute eines der wichtigsten Machtzentren Europas. Zwischen den Feiertagen illustrer besetzt als der Wirtschaftsgipfel in Davos.

Bis Ende der 60er Jahre konnte man in St. Moritz auf der Terrasse des "Café Hauser" die Parade abnehmen. Dort sah man sie flanieren: bolivianische Zinnkönige und griechische Reeder, deutsche Konzernherren und englische Verleger, norditalienische Industrielle und den Heineken- und Fürstenberg-Clan. Und auf der Piste, bis hoch zum Piz Nair: Farah Diba mit fliegenden Zöpfen.

Heute sieht man auf den Straßen von St. Moritz das Gegenteil von Eleganz: Masse. Wo sind die Solitäre geblieben? Die Schönen und Verwöhnten? Nach Gstaad gezogen? Oder nach Aspen, in die USA?

Der Witz ist, sie sind alle noch da. Sie haben sich nur in ihren Châlets verkrochen. Via Brattas oder Via Dim Ley heißen die St. Moritzer Traumadressen.

Doch die eindrucksvollsten Villen liegen über dem Ort Champfèr - "oberhalb des kleinen Waldes" - was auf Ladinisch "Suvretta" heißt. Gerade zwei Kilometer vom aufgeregten Stadtzentrum entfernt genießen die Hangbewohner den Luxus unserer Tage: Privacy.

"Ich sehe 100 Milliarden Dollar, wenn ich diesen Berg hier hochschaue", sagte Karl Otto Pöhl, Ex-Bundesbank-Präsident und Champfèr-Bewohner, einmal. "100?", meinte Roland Berger, Unternehmer und St. Moritzer See-Anrainer. "Da ist der Topf ja schon voll, wenn Bill Gates landet."

"Big Manni" im Marmorbad

Vereint am Hang. Erben, Bankiers, Industrielle. Versorgt von einem Heer von Handwerkern und Dienstleuten. In der Vorsaison parken die Vans von Kaminbauern, Heizungs-, Sauna- und Schwimmbadtechnikern die Straßen voll - so viele unterirdische Garagen und Poollandschaften, Squashhallen, Privatkinos und Atombunker wurden in den vergangenen Jahren neu oder nachträglich in den Fels gehauen. Wie Grubenarbeiter fahren Bauleute in Stollen ein - und haben den Suvretta-Hang inzwischen ausgehöhlt wie einen Schweizer Käse.

Zwölf Millionen Franken ließ sich beispielsweise der Ettlinger Manfred Schmider, ehemals Flowtex, seinen nachträglich eingebauten Badetraum in blauem Marmor kosten - aber da sind wir jetzt eindeutig zu schnell auf abschüssiges Gelände geraten.

Wollte Schmider (zurzeit noch in Haft) seinerzeit ohne Badekleidung schwimmen, konnte er die Fenster vor dem Pool - per Knopfdruck - vom Transparenten ins Milchig-Undurchsichtige kehren. Die Technik ließ sich damals sogar der ungekrönte König des Hangs, Giovanni Agnelli, vorführen, dieses Kunststück kannte nicht mal er.

In der Hauptsaison schützen Privatstraßen mit Schlagbäumen und bis an die Zähne bewaffnete Bodyguards (am Grundstück Niarchos) oder wenigstens gut trainierte Skilehrer vor unerwünschtem Besuch. Klaus Imholz, Schweizer Reisebüro-König, ruft im Zweifel sofort die Polizei.

Nur Masseure, Kaminholzlieferanten, Floristinnen und Pilates-Trainer sowie Serviceteams der Delikatessenläden Glattfelder (Kaviar) oder Geronimi (frischer Seefisch/Hummer/Buffets) eilen unbehelligt von Haus zu Haus. Sonst nichts als schöne Stille. Das laute St. Moritz ist in Wahrheit ungemein diskret.

Was hat sie alle hierher getrieben? Kommen Sie mit auf eine der Terrassen in der Via Suvretta, Via Alpina oder Via Clavadatsch.

Auf einen Blick hat man hier all die Schönheiten des Engadins beisammen: das breite Tal mit seinen vereisten Seen, die Berggiganten mit ihren Wäldern, Felszacken und sonnigen Mulden, dazu die klare Luft und das alles überströmende Licht. Die gleißende Helligkeit vertreibt jede Winterdepression. Jede Abfahrt weitet das Herz. Jeder Spaziergang ist Glück. Hier oben scheint die Welt richtig und gut.

Magische Magerwiesen

Suvretta: Das ist ganz einfach einer der magischsten, weil am konsequentesten dem Süden zugeneigten Hänge des Oberengadins; seine Erschließung aber hat erst eine Pleite ermöglicht - nämlich die anhaltende Insolvenz der Gemeinde St. Moritz.

Anfang der 50er Jahre lag der fast 2000 Meter hohe Ferienort so am Boden, dass er unter Kuratel des Kantons stand. Man brauchte dringend Geld. So hat die Gemeinde, um neue Steuerzahler anzuziehen und unter Umgehung sämtlicher eidgenössischer Wald- und Landschaftsschutzgesetze, Bauplätze ausgewiesen. In schicklicher Entfernung, oberhalb des Hotels "Suvretta House".

Es wurden all die Gemarkungen zur Bebauung freigegeben, die Kennern heute Statusglanz verheißen: God Laret, Giandus, Chasellas, Godet, Clavadatsch, Marguns, Champagnas, Curtins, Futschöls. Damals noch Magerwiesen, auf denen Kühe weideten, 1955 fünf Franken pro Quadratmeter (inzwischen sind es um die 5000).

Den St. Moritzer Pionieren, Großindustriellen aus Deutschland, Italien und der Schweiz, kam das Bauland gerade recht. Die Bühnen, auf denen sie ihre Auftritte von Mitte der 50er bis Anfang der 60er Jahre zelebrierten, hatten sich abgenutzt, die Grandhotels an Exklusivität verloren.

Man war einfach nicht mehr unter sich. "Damals sind die Leute doch nicht wie heute einfach ins 'Palace' gelaufen", sinnierte René Theler, Hauptaktionär der Schweizerischen Nationalversicherung, einmal über die verlorene Zeit. "Das 'Palace' war früher wie ein Bankgebäude, da gab es Schwellenangst. Und die Halle war dennoch voll von vier bis abends um neun."

Gelobte Jahre: als die Society noch nach dem Drehbuch des Andrea Badrutt spielte. Mit Darstellern wie Rubirosa und Soraya, Kim Novak und Heini Thyssen, Rita Hayworth und dem Aga Khan. Dazu das nötige Quäntchen Demimonde, Exzentriker und Trittbrettfahrer (die gab es immer). Und das alles ohne Alkoholkontrollen und - ohne Presse!

Der Mythos Suvretta begann in den 60ern. Der Schah von Persien war in eine Villa im Tudor-Stil gezogen, in das ehemalige kleine "Hotel Suvretta", oberhalb des großen "Suvretta House", und spielte in der düsteren Dracula-Burg freundliches Familienleben mit Kindern und Farah, der sportlichen Ehefrau.

Daneben residierte in einem der ersten Mammut-Holzchâlets ("Villa Margna") Henri Deterding, Mitbegründer der Royal Dutch Shell (für das Haus will eine Erbengemeinschaft heute 70 Millionen Franken). Und drüber und drunter zogen nach und nach italienische Unternehmer wie die Guccis, Bassanis, Rossis und Perfettis ein, kamen die Griechen Niarchos, Onassis und Livanos, gefolgt von der Hamburger Familie Aschpurwis, von Helmut Horten (Kaufhaus) oder Joachim Herz (Tchibo); der Münchener Skimoden-Fabrikant Willy Bogner senior richtete seine urige "Bärenhütte" ein, und Herbert von Karajan entwarf in der Via Suvretta eine geschwungene Villa mit eigener Hand.

Vom Maloja-Wind verweht

Zu Exklusivität und Wetterbeständigkeit (322 Sonnentage im Jahr) dieses besonderen Ortes kam und kommt die bequeme Erreichbarkeit. Dass der Flughafen in Samedan so winzig ist, empfinden die Anwohner als Geschenk. Hier landet die eigene Gulfstream direkt neben der Limousine. Kaum ist der Wagenschlag zugefallen, hebt sie wieder ab. Zoll und Polizeiformalitäten sind aufs Mindeste beschränkt: Man kennt sich doch.

Der Suvretta-Hang ist Feriendorf; mit Hütten für Schneewanderer. Wie die "Trutz", angelegt wie ein Amphitheater, oder die zum "Schweizerhof" gehörende "Clavadatsch". Skifahrer schwingen von der Corviglia herunter bis vors eigene Haus.

Und der Hang ist Netzwerk: Hier hat Bruno Bischofberger, Schweizer Galerist mit komfortabler Suvretta-Residenz, in frühen Jahren Künstler wie Francesco Clemente, Sandro Chia, Julian Schnabel protegiert; hier verkauft Luca Bassani seine exklusiven Jachten und knüpfen Privatbankiers wie der Zürcher Hans C. Bodmer oder die Genfer Bankiersfamilie Syz Kontakte.

Der Suvretta-Hang bietet allen Heimat, nur den Mittellosen nicht. Hier mischt sich neues und altes Geld. Und treffen diejenigen, die mit einem goldenen Löffel im Mund geboren wurden, mitunter auf Nachbarn, vor denen man goldene Löffel besser versteckt.

Im verheißungsvollen Licht am Suvretta-Hang sonnen sich auch zwielichtige Figuren. Die Wasser der Engadiner Seen sind tief. Und ihr Eis, überraschend in einer Mondnacht gefroren, kann dunkel sein, fast schwarz. Die Geschichte des Suvretta ist auch eine Geschichte von zu dünnem Eis, von Schiffbrüchigen und Pleitiers.

Nehmen wir nur die "Schah-Villa". Farah Diba hat sie ausgeräumt und an Urs Schwarzenbach verkauft. Der Schweizer, Cresta-Fahrer und angesehener Investor, hat als Devisenhändler angefangen, sich dann als Vermögensberater selbstständig gemacht, zeitweilig den Sultan zu Brunei beraten, was ihm, vorsichtig ausgedrückt, nicht geschadet hat. Während des jahrelangen Prozesses vor dem Bundesgericht: Wem gehörte die Villa, der Schah-Familie oder dem Iran?, mietete sich Silvio Berlusconi ein.

Dann übernahm ein offensichtlich steinreicher Amerikaner namens Erik Resteiner das Haus, taufte es zum Schrecken der Nachbarn "Villa Apokalypse" und stellte martialische "Hummer"-Fahrzeuge in den Hof. Geschichten von unglaublichen Mietzahlungen an Schwarzenbach kursierten am Hang.

Innerhalb einer einzigen Nacht war der Mieter dann verschwunden - einen imposanten Schuldenberg hinterlassend. Jetzt steht die Villa für circa 34 Millionen Franken wieder zum Verkauf, renovierungsbedürftig. Kommen und Gehen. Das gehört zu diesem Ort wie der Maloja-Wind.

Madeleines metaphorische Alpentäler

Die Suvretta-Bewohner verbindet die gute Lage ihrer Ferienimmobilie. Sonst nichts. Zwischen Marc Rich, ehemals Rohstoffhändler (in den USA drohten vor der Begnadigung durch Präsident Clinton 325 Jahre Haft), und einer Madeleine Schickedanz liegen, metaphorisch gesehen, Alpentäler.

Es gibt die verschiedensten gesellschaftlichen Kreise. Und Streit und Hader wie in der spießigsten Reihenhaussiedlung. Nachbarn werden mit Einsprüchen eingedeckt, um Neu- oder Ausbauten zu verhindern oder sie um Jahre zu verzögern. Neubauten werden grundsätzlich mit Spott und Häme überzogen, ob nun Holzpalast im Tiroler Protzstil oder puristischer Betonkubus mit Schießscharten als Fenstern.

Erlaubt scheint alles. Ein Holzkasten wie von Gottlieb Knoch (Miteigentümer der Feinchemikalienfirma Bachem), der aussieht wie eine Zigarrenkiste, oder ein überdimensioniertes Alpenchâlet wie das des Nürnbergers Diehl (Waffen), Architekten wie Werner Wichser kriegen bei der Gemeinde auch noch das aberwitzigste Arvenschloss samt Betonbunker durch; während Hans-Jörg Ruch für den schillernden Ex-Credit-Suisse-Bankier Lukas Mühlemann eine beeindruckend kühne und dabei schlichte Interpretation eines Berghauses erfand.

Doch, seltsam genug, noch die peinlichste Protzburg erträgt der Hang. Die Landschaft scheint stärker als jede Geschmacklosigkeit. Diese Neutralisierung funktioniert genauso bei den Anwohnern: Ein Milliardär ist außergewöhnlich; 27 sind ein Nullereignis. Und der Berg, wiewohl sie ihn unterwühlen und sich mit Felsankern an ihn krallen, erscheint unverletzt und reinweiß - wie Schnee.

Heute leben die Witwen und Erben der großen Familien am Hang. Die Kinder der Gründerväter feiern andere, anspruchslosere Feste. Nicht wenige haben das große Geld nicht verkraftet und schlittern zugedröhnt durchs Leben. Der Schatten der großen Pioniere wiegt schwer.

Mit Wehmut erinnern Ältere an die 70er Jahre, als der alte Niarchos zum Beispiel noch Partys gab, auf denen - bei großen Mengen Kaviar und Champagner - Unternehmungen wie die Finanzierung der Piz-Nair- oder Corvatsch-Bahnen besprochen wurden - und Kämpen wie Guiness oder Thyssen feilschten, bis das Arvenholz an den Wänden ächzte.

"Lädt ein Grieche ein, sitzen sieben Nationen am Tisch. Die Deutschen und Schweizer aber glucken immer zusammen", spottet man im "Palace", "natürlich streng voneinander getrennt." Das stimmt so längst nicht mehr. Peter Barth, St. Moritzer Gemeindepräsident, spielt Jazz auf dem Klavier bei deutschen Freunden; Schweizer Wirtschaftsgrößen wie Fritz Gerber, ehemals Verwaltungsratspräsident von Roche, laden regelmäßig deutsche Unternehmer ein. Und auch beim traditionellen 1.-Januar-Essen von Urs Nater, Anwalt und Lokalgröße, beim "Mathis" auf der Corviglia, mischen sich mehr und mehr Deutsche unter die Gäste.

Das Maulen der Gäste

Zwischen Lärchen und Fichten gibt es Stiloasen. Das kultivierte Anwesen von alten Familien wie das der van Meeterens. Die Villen der neueren Hangbewohner Jochen Holy und Heinz Dürr. Das offene, der Natur zugewandte Haus des Schweizer Aktienrechtlers und Schriftstellers ("Bis zum Tod der Gräfin") Peter Böckli. "Hier bin ich mit der Stille und mir selbst zusammen", schrieb Remo Fasani, der Graubündner Lyriker, als habe er die Terrasse des Basler Professors in der Via Suvretta gekannt.

Unten am Hang, zu Füßen der Villen, liegt das gute alte "Suvretta House", wie eine Spange, die alles zusammenhält, 1912, kurz vor dem Zusammenbruch der aristokratischen Welt, eröffnet, bis heute gediegen und ein bisschen spießig, ein großer grauer Kasten mit unverwüstlichem Palace-Charme. Die Stammgäste kommen schon in der vierten Generation. Das Zimmermädchen kennt man seit 30 Jahren. Das hat etwas ungemein Beruhigendes, in einer Welt, die sich so rasch verändert.

Wie eine Spange, die alles zusammenhält: Stammgäste kommen schon in der vierten Generation

Wie eine Spange, die alles zusammenhält: Stammgäste kommen schon in der vierten Generation

Genuss im Schnee: Statt durch Glas blicken Gäste des "Suvretta House" im Außen-Whirlpool direkt auf das Hotel umgebende Berge

Genuss im Schnee: Statt durch Glas blicken Gäste des "Suvretta House" im Außen-Whirlpool direkt auf das Hotel umgebende Berge

Schiller und Glanz: Mehr als 80 Millionen Franken wurden in den letzten Jahren in die Renovierung des "Suvretta House" investiert, ...

Schiller und Glanz: Mehr als 80 Millionen Franken wurden in den letzten Jahren in die Renovierung des "Suvretta House" investiert, ...

... Festsäle sollten wieder leuchten wie 1919, als der russische Startänzer Nijinsky vor illustren Gästen seine Pirouetten drehte

... Festsäle sollten wieder leuchten wie 1919, als der russische Startänzer Nijinsky vor illustren Gästen seine Pirouetten drehte


Zu Füßen der Villen: Das "Suvretta House"
mit unverwüstlichem Palace-Charme

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Nach und nach hat man die Zimmer renoviert, auch in St. Moritz ist man rechtzeitig zu der Einsicht gelangt, dass es irgendwann nicht mehr genügend reiche Leute gibt, die viel zahlen, aber wenig verlangen, um dabei zu sein. Mehr als 80 Millionen Franken hat man in den vergangenen Jahren investiert, die Festsäle sollten wieder leuchten wie 1919, als der russische Startänzer Nijinsky vor illustren Gästen seine Pirouetten drehte.

Heute werden Thomas Borer, der Schweizer Ex-Botschafter, oder Sabine Christiansen zum Vortrag ("Die zensierte Republik") geladen, irgendwie haben sich die Zeiten dann doch verändert. Zwar hält man noch heute beharrlich an traditionellen Tenue-Vorschriften fest (im "Grand Restaurant" und im Foyer ist ab 19 Uhr dunkler Anzug unerlässlich); aber das Maulen der Gäste über den Schlipszwang wird vernehmlicher. Vic Jacob, Generaldirektor seit mehr als 15 Jahren, seufzt. Sollen im 21. Jahrhundert denn auch im "Suvretta House" schlechte Manieren einziehen?

Die Villengesellschaft hat längst die zum Hotel gehörende "Chasellas"-Hütte an der Talstation der Suvretta-Sesselbahn zu ihrem heimlichen Wohnzimmer erklärt. Tagsüber Skihütte, mit Engadiner Wurst und Rösti, abends gute Stube - mit Kerzenlicht und der Mittelmeer-Küche des Österreichers Robert Jagisch.

Hier trifft man Freunde Jahr um Jahr, werden Geburtstage und Silberne Hochzeiten gefeiert, das erste Mal, als wir die Hütte betraten, saßen dort Agnellis, Oetkers, Pöhls, freilich gar nicht leicht zu erkennen, weil eine Strickmütze selbst eindrucksvollste Köpfe entmythologisiert.

Vom 23. Dezember bis 6. Januar gibt es keinen freien Stuhl, ist die Hütte mit dem Charme einer Raststätte in der Hand von Stammgästen. Über Jahrzehnte herrschte hier Madeleine Rüedi mit Gouvernantenstrenge; nun führt die junge Sonja Jörg das Regiment - und die Wartelisten.

Vergebliches Muskelrollen

Auch die so genannten Wichtigen stehen in St. Moritz um Tische und Clubmitgliedschaften an. Geld nützt nix. Geld haben hier fast alle. Bei genauerem Hinsehen ist das Dorf, das so neureich glitzern kann, eine geschlossene Gesellschaft. Der Skiort hat ein Clubleben, das beinahe noch diskreter funktioniert als das der Londoner Herrenclubs. Man kann einfach abtauchen, das Schaulaufen vor den Fotografen überlässt man der Scheinprominenz.

Aufsteiger mit gesellschaftlichem Ehrgeiz beißen sich am harten Fels der Aufnahmekriterien die Zähne aus. "Wer 27 Millionen am Suvretta-Berg verbaut, der will in die Clubs", spottete ein Mitglied des Corviglia-Clubs über einen Neuankömmling. "Aber da hat er sich geschnitten. Was brauchen wir so einen aufgeblasenen Bankier? Der in ein paar Jahren weg ist vom Fenster?"

Auf der anderen Seite ist man treu. Alte Freunde, mit denen man über 50 Jahre Tisch, Bett, Schiff und Jet geteilt hat, lässt man nicht verkommen, auch wenn sie längst nicht mehr liquide sind.

Ansonsten gilt: Es hilft kein Muskelrollen! Der Schweizer Verleger Jürg Marquard, der keinen Fuß in eine Clubtür kriegt, reißt sich vor Verzweiflung vermutlich bald die blondierten Haarsträhnchen aus. "Geduldig muss man sein", verrät ein Eingeweihter. "Nett sein, abwarten, sich langsam hochdienen." Nur auf wichtige Feste gehen; Freunde gewinnen, Essen geben. Mehrere Jahre als "Season Member" im Corviglia-Club ansitzen. Und: bloß keinen Druck ausüben.

Hilfreich ist, Engländer zu sein oder wenigstens amüsant. Da dies den wenigsten vergönnt ist, schadet es nichts, flüssig von den Salzburger Osterfestspielen zu plaudern. Aber unserer Beobachtung nach entschuldigt ein etwas schlichteres Auftreten gemeinhin ein eigener Jet, geparkt in Samedan.

Wer keinen eigenen Koch mitbringt, fällt auf. Am Suvretta-Hang leuchten heimliche Sterne - in der mit Spitzenköchen ohnedies gesegneten Region. Doch sieht man deutsche Milliardäre genauso im "Bellavista" in Surlej vor einem Teller Salsiz mit Brot; während sich der Nachwuchs um einen Tisch im neu eröffneten "Nobu" im "Palace" schlägt, wo es nun Gelbschwanzfisch mit Koriander und Seebarsch-Sashimi in Sesamöl gibt - fast noch besser als bei Nobuyuki Matsuhisa und Robert DeNiro im Schwesterlokal in New York.

Das Geheimnis des Engadiner Tals ist seine Vielfalt. Dieses großartige Nebeneinander. Von betörender Stille und dem Abenteuerspielplatz St. Moritz. Auch den verwöhntesten Gören wird nicht langweilig. Sie können Prada kaufen bis zum Abwinken und in Discos saufen bis zum Morgengrauen. Und auch für die Elterngeneration hält der Ort immer neue Spielzeuge bereit.

Thomas Mann und alte Meister

Die Zeiten sind vorbei, in denen es ausreichte, im Ferienhaus eine geschnitzte Madonna zu postieren, und es allein Bruno Bischofberger vorbehalten war, für die Niarchos-Söhne zeitgenössische Kunst wie Andy Warhols "Elvis" unter die berückend schönen Kassettendecken aus Arvenholz zu hängen.

Nach Karsten Greve ("Zehn Jahre habe ich überlegt. Aber hier sitzt ja nun wirklich Geld") ist nun auch die Kölnerin Krystyna Gmurzynska in St. Moritz angekommen und in die elegante "Serletta"-Passage gegenüber dem "Palace" eingezogen - direkt über Chanel.

In puren und doch sinnlichen Räumen drängte sich zur Eröffnung am Jahresende eine internationale Kunstgemeinde vor russischen Konstruktivisten, Schiele-Zeichnungen und Picasso-Porträts, zu Preisen um die 2,8 Millionen Dollar. Kaum einer war extra angereist, man war ja sowieso da.

Und vor den Fenstern die hell erleuchteten Türme des "Palace", in dessen Foyers gern auch "Originalkopien" von alten Meistern angeboten werden, nicht unpassend für diese Welt aus Großmannssucht und Oberfläche, die St. Moritz ja ebenfalls umarmt.

Tief unten glänzt das Band der zugefrorenen Seen wie Silber im Sonnenschein. "Hier ist es schön und still und so kühl, dass man die Rätsel des Daseins vergisst ...", steht bei Conrad Ferdinand Meyer. Das Heimfahren ist am schönsten. In der Dämmerung verlieren zuerst die Seen das Licht. Es steigt die Hänge hinauf. Verglüht an den Spitzen. Der graublaue Himmel bleibt bis zuletzt geheimnisvoll transparent.

Das Engadin spricht die Seele an, es ist auch ein Ort für innere Reisen, ein poetischer Raum, das war schon immer so. Selbst der grantige Thomas Mann gab widerstrebend zu: " ... Nicht leicht spreche ich von Glück, aber ich glaube beinahe, ich bin glücklich hier." Der den Literaten und Theatermachern zugeneigte Heinz Dürr sagt es am kürzesten: "An einem Ort, wo Thomas Bernhard was einfällt, ist auch für mich Rettung nah."

Der Hügel hält weiteren Trost bereit. Keine zehn Minuten Fußmarsch vom "Suvretta House" und nur wenige Schritte von Eliette von Karajans Anwesen entfernt, heißt das christliche Familien- und Bildungshotel "Randolins" willkommen. Mit dem Charme einer Jugendherberge steht es selbstbewusst am Berg der Milliardäre und bietet - mit Doppelzimmern unter 139 Franken - auch bei Liquiditätsengpässen eine hübsche Bleibe.

Das Nachtessen wird traditionell um 18.30 Uhr von allen Gästen gemeinsam eingenommen. Gern trifft man sich im Bildungszentrum zum gemeinschaftlichen Singen. Schöne Psalmen dringen dann aus dem Haus. Den Porsche Cayenne von Inge Schmider, die Grund genug zur Einkehr hätte, sah man dort freilich noch nie.

Diese Männer muss man kennen

Die Drahtzieher

Man trifft sie auf dem Marktplatz von St. Moritz - in der Halle von "Badrutt's Palace", halb Rittersaal/Kathedrale, halb Umschlagplatz/Basar. Hier halten die alten Regisseure Hof.

Beppo Vanini: der Zeremonienmeister von St. Moritz. Er inszeniert die Feste im "Chesa Veglia Club". Zum Beispiel, wenn der Zürcher Klaus J. Jacobs dort sinnigerweise zur Kaffeeparty lädt - mit Kaffeesäcken, falschen Kokospalmen, mexikanischer Musik. Vanini kennt die Dunkelheit besser als jeder Vampir. Sein Credo: "Besser nouveau riche als nouveau pauvre."

Angelo Martinelli: einer der best-angezogenen Männer in St. Moritz. Organisiert das Catering im "Corviglia Club". Damen der Gesellschaft machen mit ihm bereits Anfang Dezember Dates - man will schließlich seinen Mittagstisch, wenigstens als "Temporary Guest".

Mario: legendärer Barkeeper im "Kings Club", dem Thekenparadies des "Palace". Gilt bei gestrandeten Nachtschwärmern und Neulingen als Nothelfer.

Gut, wer sie kennt (oder ihre einflussreichen Frauen): Augusto Ruffo di Calabria (Corviglia-Club-Präsident) und Fürst Heinrich zu Fürstenberg (Chesa-Veglia-Präsident).


Die exklusiven Treffs

Corviglia Club: Skihütte auf der Corviglia, gegründet 1931, circa 130 Life Members und wechselnde "Season Members" - nur über Kontakte (zum Beispiel Francesca von Habsburg, Muck Flick). Mittagsbuffet mit Spiegeleiern, Rösti, Salat (Catering: "Chesa Veglia"). Der Club-Sekretär, David Webb-Carter, Brigadegeneral der britischen Armee, gilt als unbestechlich.

Cresta-Club: Im "St. Moritz Tobogganing Club" spürt man noch den Kampfgeist der alten Haudegen. Der Cresta Run ist der letzte Hort des britischen Empire im Großraum der Alpen. 1212 Meter lang, zehn Kurven. 50 Sekunden Fliegen im Liegen, das Gesicht nur wenige Zentimeter über dem Eis. Am Ende hat ein Cresta-Schlitten mehr als 140 Stundenkilometer drauf. Wer in St. Moritz eine Rolle spielen will, muss auf den Schlitten, muss auf die Bahn.

Chesa Veglia Club: Im Untergeschoss der "Chesa Veglia". Restaurant mit Tanzfläche. Irgendwas zwischen Salzburger "Goldener Hirsch"-Gemütlichkeit und bordeauxrotem Pariser "Maxims"-Chic. Die Concierges der großen Hotels reservieren auch mal für Nicht-Clubmitglieder. Kostet extra.

Dracula Club: Die verschworenen Bloodsuckers reagieren längst nicht mehr allergisch auf Normalsterbliche (zahlen Extra-Eintritt). Präsident: Rolf Sachs.

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