China Ein großer Schritt nach vorn

Karriere im Ausland: Wer den harten chinesischen Alltag meistert, hat auch in der Heimat gute Chancen. Ein Report über wagemutige Deutsche im Wirtschaftswunderland.

Der Stammtisch ist eine deutsche Erfindung, die weltweit praktiziert wird. Also gibt es ihn auch in Shanghai. Einmal im Monat treffen sich im "Paulaner Bräuhaus" auf Einladung der Handelskammer deutsche Manager aus Shanghai und Umgebung. Bei sündhaft teurem Bier, das von chinesischen Bedienungen in Dirndln serviert wird, ratschen sie über die nicht wenigen Probleme und Problemchen, die der chinesische Alltag so bietet.

Zu den "Old China Hands", den Erfahrenen im China-Geschäft, gesellen sich an den langen Holztischen Monat für Monat mehr Neuankömmlinge, die Karrierechancen im größten Wirtschaftswunderland der Welt wittern.

China ist das neue Land der unbegrenzten Möglichkeiten, nicht nur für Unternehmen, sondern auch für Manager. Hier können sie grandios scheitern, aber hier können sie auch Karriere machen. Von denen, die es geschafft haben, handeln die folgenden Geschichten. Es treten auf: überraschend viele Frauen, junge Pioniere und alte Hasen.

Japan-Restaurant, Peking

Marlis Rötting kennt sie fast alle, den Wirt, den Ober, die Gäste. Sie parliert in Deutsch, Englisch und Chinesisch, pendelt mühelos zwischen den Sprachen hin und her.

Frau Rötting zählt zu den altgedienten deutschen Managern in China. Die Frau mit der interessanten Vita (nach der Scheidung ein spätes Sinologie-Studium, Reiseleiterin, Hotelmanagerin, Babcock-Repräsentantin, jetzt Chefin der Bausparkasse Schwäbisch Hall) kann deshalb Geschichten erzählen.

Früher war alles anders, vor allem viel schlechter. Da gab es kein Sushi und Sashimi, das sie gerade gekonnt mit den Stäbchen zum Munde führt. Sie spricht von einer anderen - mitunter mittelalterlich anmutenden - Epoche, doch sie meint das China von vor gerade mal 15 Jahren.

Nouveaux Riches und Expats

Sie erzählt von Pferdefuhrwerken auf den Straßen, von den wenigen Taxis, die sie einen Tag im Voraus bestellen musste, von abenteuerlichen Flügen in heruntergekommenen Flugzeugen russischer Herkunft und von kalten Restaurants mit unfreundlichen Bedienungen.

Sie berichtet von freudlosen Zeiten, in denen sie sich in Peking nur an der "Green Bar" des "Beijing Hotels" zum Reden und Trinken verabreden konnte und nur freitags im "International Club" zum Tanzen.

Und heute?

"The Face Bar", Shanghai

In einer grünen Oase liegt diese Bar. Hier mischen sich Chinas Nouveaux Riches mit den Expatriates (Expats) aus aller Welt. Es dröhnt die Musik, es wird getanzt und gestampft, es fließt Heineken-Bier, es kreisen teure Whisky-Flaschen. Schicke Shanghaierinnen fixieren aufreizend-auffällig ausländische Männer (die per se als reich gelten) zwecks Gelderwerbs oder zwecks Ausreise (über den Umweg Ehehafen). Überall in Shanghai (mehr) und Peking (weniger) gibt es inzwischen Discos, Kneipen, Restaurants mit Küchen aus aller Welt. Die unvermeidlichen McDonalds und Starbucks penetrieren die Innenstädte.

In den Metropolen stauen sich die Autos, Taxis gibt es an jeder Ecke, und zwischen supermodernen Flughäfen pendeln moderne Airbusse und Boeings. Im staatlichen Sportsender CCTV 5 laufen am Wochenende stundenlang Live-Übertragungen aus den Fußballstadien Englands, Deutschlands, Italiens und Spaniens.

All dies verleitet viele deutsche Manager und vor allem einfliegende Vorstände zu dem trügerischen Schluss: Hier ist es ja inzwischen wie im Westen. Wer so denkt, denkt falsch und wird scheitern.

Der geschäftliche Alltag in China ist hart, härter als im Westen - und vor allem anders, ganz anders.

Permanente Überraschungen

Industriepark, Taicang

Nach chinesischen Maßstäben ist Taicang mit 450.000 Einwohnern ein Dorf, je nach Staulage 30 bis 60 Autominuten von Shanghai entfernt. Eva Schwinghammer (39), die China-Chefin des Maschinenbauers Trumpf, wurde in ihrem VW-Dienstwagen von Shanghai hierher chauffiert. Sie wohnt und arbeitet in Shanghai. Ein-, zweimal die Woche lässt sie sich in die Trumpf-Fabrik nach Taicang fahren.

Herr Gu, der Leiter der Fabrik, empfängt sie an diesem Dienstagmorgen mit einer schlechten Nachricht: Morgen wird der Strom abgeschaltet. Wieder einmal. Boomtown Shanghai und Umgebung leiden unter chronischem Strommangel.

Routiniert und unaufgeregt regelt Frau Schwinghammer mit Herrn Gu die Produktion für die Zeit nach dem Blackout. Danach sagt sie: "Wir sind hier sehr flexibel." Eine Flexibilität, die man in Deutschland nicht kennt und erst hier in China lernt.

Permanent wird man hier überrascht - negativ wie positiv. "Vor allem im Umgang mit Behörden muss man auf alles gefasst sein", sagt die Schwäbin. Und Beamte mischen in diesem Staat permanent irgendwo mit. Mal geht etwas wider Erwarten sehr schnell, mal dauert es unverständlich lange.

Trotzdem sagt sie: "Beruflich ist China ein ungeheuer spannendes Land." Eva Schwinghammer hat den fast idealen Karriereweg beschritten: Studium der Südostasienwissenschaften (plus Wirtschaft) an der Uni Passau, dann mehrere Jahre Vertriebserfahrung im Ditzinger Stammhaus von Trumpf, ehe sie 2002 nach Shanghai hinausgeschickt wurde.

Eine vorbildliche Vorbereitung, die immer mehr Unternehmen nachahmen. Doch es geht auch anders.

"Mein Job ist total spannend"

"M on the Bund", Shanghai

Robert Hock (29) ist zum Lunch aus seinem Büro in das schnieke Restaurant direkt über der legendären Uferpromenade hinübergeeilt. Er leistet sich ein Drei-Gänge-Menü für 13 Euro.

Hock baute vor rund drei Jahren das China-Sourcing-Büro eines Hamburger Händlers auf, der vor allem für Tchibo einkauft. Es war damals eine spontane Entscheidung von ihm und seinem Arbeitgeber. Er packte ruck, zuck seine Koffer und flog hierher. Ohne ein Wort Chinesisch zu können. So eine Chance gibt es nur einmal, sagte sich der Groß- und Außenhandelskaufmann damals. Und er hat es bis heute nicht bereut.

"Mein Job ist total spannend", sagt Hock. Was ein Jahr später in den Tchibo-Shops verkauft wird, ordert Hock heute in riesigen Mengen. 400.000 Schöpfkellen. Eine halbe Million Kompasse. 200.000 Koffer. Eine Million Socken. Und immer wieder Messer. "Was wollt ihr Deutschen denn mit so vielen Messern?", bekommt er zu hören.

Hock und seine 18 chinesischen Mitarbeiter wissen, in welchen Fabriken sie diese Mengen ordern können. Er erzählt mit großen Kinderaugen von einer Stadt, in der es allein 1400 Sockenfabriken gibt, von Kofferstädten, von Feuerzeugstädten, also von so genannten Cluster-Städten, die einmalig auf der Welt sind. "Verrückt, was?", fragt er, als könne er gar nicht glauben, was er tagtäglich erlebt und sieht.

Hock kann nach wie vor kein Chinesisch. Ein Problem? "Es geht auch ohne", sagt er. "Wenn zum Beispiel ein Fabrikbesitzer ein Problem hat, sagt er es mir nicht direkt, sondern via Dolmetscher - das ist dann auch für ihn Gesichtswahrung."

Wie verhandelt wird, weiß er inzwischen. Grundsätzlich im Süden härter als im Norden. Und: "Man muss die Verkäufer zum Abendessen treffen und dann besoffen machen. Dann gehen sie mit dem Preis runter."

Hock geht gern in chinesische Restaurants, auch in kleine, wo das Essen nur ein paar Euro kostet. Ab und zu kocht er sich Spaghetti oder geht beim Italiener Pizza essen.

"Man braucht seine kleinen Fluchten", sagt er.

Leben in einer Parallelwelt

"Holiday Inn", Shanghai

Viele deutsche Manager flüchten vor dem Arbeitsalltag in ihre Nischen, die manchmal die Form eines Festzeltes haben. Im Herbst gibt es in den chinesischen Metropolen überall Oktoberfeste, drei allein in Shanghai. Das größte findet in einem Festzelt neben dem "Holiday Inn" statt.

Jeden Abend schleust eine andere deutsche Firma ihre Beleg- und Kundschaft durch die monströse Abfüllanlage. Gestern Obi, heute Dresdner Bank, übermorgen Volkswagen. Shanghai-Volkswagen-Chef Jörg Blecker, ein Mittvierziger aus Niedersachsen, schlüpft dann in Lederhosen, um die Vorurteile zu bestätigen, dass alle Deutschen, wenn sie lustig sein wollen, in Lederhosen Bier aus unfassbar großen Gefäßen trinken. "Yi, er - gsuffa", trällern unisono Chinesen und Deutsche, "eins, zwei - gsuffa."

Es gibt immer Anlässe zu feiern. Die Kammern veranstalten viele Events. Man trifft sich offiziell wie inoffiziell.

Viele Deutsche - meist die, die kein Chinesisch können - leben in einer Parallelwelt, in der Expat-Community. Sie

wohnen in ihren Luxusghettos, durch mannshohe chinesische Mauern vom wirklichen Leben abgeschottet und bewacht von Uniformierten, die bei jedem Besucher militärisch zackig salutieren.

Dahinter gleicht ein Reihenhäuschen dem anderen. Die Kinder gehen in die internationale Schule. Die Nachbarn sind Amerikaner, Australier oder Schweden. Man ist und bleibt unter sich und kann sich in dieser Parallelwelt auch bestens einrichten. Der Fahrer holt den Manager morgens ab und chauffiert ihn ins Büro, abends geht es zurück oder in ein schickes westliches Restaurant oder zu einem der vielen Treffen der Expat-Community.

Flucht in den Alkohol

Für die tagsüber allein gelassenen Ehefrauen ist der Alltag dagegen nicht so einfach. Ihr Luxusproblem: Sie haben wenig zu tun, weil ihnen die Ayi, das Dienstmädchen, im Haushalt fast alles abnimmt. "Für mich war es eine große Umstellung, dass in meiner Küche jemand kocht", sagt eine Managergattin.

Viele Ehefrauen nutzen die Zeit, um Chinesisch zu lernen, sich sozial - zum Beispiel in Krankenhäusern - zu engagieren oder bei den zahlreichen Zirkeln der Expat-Women mitzumachen. Manche werden freilich mit der Vereinsamung in einer völlig fremden Welt nicht fertig. Sie flüchten in den Alkohol oder bekommen psychische Probleme.

Dieses abgeschottete Expat-Leben mit all seinen Vor- und Nachteilen führen häufig Konzernvertreter, die drei, maximal fünf Jahre in China ihre Dienste tun. Das hindert sie freilich nicht daran, später Heldengeschichten zu erzählen, wie sie in dem ach so fremden China überlebt haben.

Dabei lebten sie meist nur in Peking und Shanghai. In aufstrebende, aber eher exotische Städte wie Dalian, Shenyang, Ningbo, Chengdu oder Tsingtao verirren sich nur wenige Deutsche.

"Willis & Angelas", Tsingtao

Sascha Kurtenbach (28) sitzt in der deutschen Kneipe eines gestrandeten Mannheimers über Sauerkraut, Kartoffelpüree, Bratwürsten und einem Glas Warsteiner. Seit ein paar Monaten isst, lebt und arbeitet Kurtenbach hier in Tsingtao. Andere Deutsche außer ihm und Kneipier Willi gibt es in dem Fünf-Millionen-Städtchen - eine Flugstunde nördlich von Shanghai - nicht.

Tsingtao ist Provinz. Die Stadt hat einen schönen Strand und eine weltberühmte Brauerei - das war's. Wer hier überleben will, muss Chinesisch können. Kurtenbach kann es, weil er neben Wirtschaftsgeografie an der Uni Köln auch Sinologie studiert hat.

Kurtenbach gehört in die Kategorie unerschrockener Pioniere, die im wilden fernen Osten ihr Glück suchen. Für den Solinger Maschinenbauer Item kauft er Kugellager in China ein. 86 Cent das Stück, bei FAG kosten sie selbst aus der Ungarn-Produktion schon 4,85 Euro.

Von wo aus er die Kugellager kauft, ist egal. Mit Handy und Laptop ist er mobil. Er hat Tsingtao als Standort gewählt, weil er dort seine chinesische Frau kennen gelernt hat. Und weil hier fast alles viel billiger ist als in den Vorzeigemetropolen Peking und Shanghai.

Kurtenbach hat keine großen Ansprüche. Gerade hat er seine Wohnung fertig eingerichtet: "Die Teile kommen zu je 50 Prozent von Obi und Ikea", sagt er. Auf dem Weg in sein neues Heim sagt ihm der Taxifahrer, dass er zu dick sei (was stimmt). Und dann stellt der Fahrer die Lieblingsfrage aller Chinesen: Wie viel er denn verdiene. Kurtenbach antwortet: "10.000 Yuan". Das sind 1000 Euro. "Oh, so viel", staunt der Taxifahrer. Kurtenbach verdient natürlich mehr, aber bei weitem nicht so viel wie die reichen Expats im schicken Shanghai.

"Hello, I am Mister Hans"

"Hilton", Shanghai

"Hello, I am Mister Hans", sagt der Dresdner-Bank-Manager Hans Schniewind der Empfangsdame im Restaurant "Sichuan Court" in der 39. Etage. "Ich sage beim Reservieren immer nur Mister Hans - das ist einfacher", erklärt Schniewind.

Hier oben hat man abends einen tollen Blick auf das Lichtermeer Shanghais. "Gleich hier unten im Französischen Viertel wohne ich", sagt Schniewind. 3500 Dollar kostet seine Wohnung. Die Firma bezahlt selbstverständlich die Miete. Wie vieles andere auch. Fast alle Expats haben einen Fahrer (Monatsverdienst: 400 Euro), der rund um die Uhr bereitsteht, und zu Hause werkelt eine Ayi (150 Euro), das Mädchen für alles: Waschen, Bügeln, Kochen. Dazu kommen Schulgeld, Kindergartengeld und garantierte Heimflüge (bei Volkswagen First Class, bei Trumpf Economy) und eine Auslandszulage. Grob gerechnet, kostet ein Expat das Doppelte eines Managers im Mutterhaus.

"Ehrlich gesagt, kann ich nicht nachvollziehen, warum ich hier so viel Geld bekomme. Es ist doch gar nicht so teuer hier", sagt ein Manager, der aus Angst vor einer Gehaltskürzung lieber anonym bleiben will.

"Expat-Packages können niedriger sein", sagt deshalb Brigitte Wolff, Unternehmensberaterin in Shanghai. Langsam erreicht diese Erkenntnis auch die Konzernzentralen hier zu Lande. Mehr und mehr Firmen gehen dazu über, ihre Expats mit geringeren Bezügen zu entsenden oder stattdessen Ausländer vor Ort zu akquirieren. Wie zum Beispiel Andreas Hube.

"Starbucks", Shanghai.

Andreas Hube (32) schlürft einen für chinesische Verhältnisse teuren Macchiato. Er kann es sich leisten. Er arbeitet als Marketingchef für SAP China, bezieht aber kein Expat-Gehalt, da er einen lokalen Anstellungsvertrag hat. "Ich zahle hier brav meine Steuern", sagt er. Um etwas Steuern zu sparen, hat er sich eine Wohnung gekauft - in einem der vielen Wohnsilos Shanghais, mitten unter Chinesen.

Sein Handy klingelt. Er blickt auf das Display und nimmt ab. Der norddeutsche Jung aus Bremervörde schnackt plötzlich Chinesisch. "Das war mein wirklicher Chef, meine Frau", entschuldigt er sich. Hube ist mit einer Shanghaierin verheiratet. Über die sagt er: "Vor der Hochzeit schnurren sie wie ein Kätzchen, danach sind sie ein Tiger." Das Geld, das er verdient, krallt sie, er bekommt ein Taschengeld.

Hoch motiviert und extrem belastbar

"Ich kenne jetzt die Alltagsprobleme der Chinesen", sagt Hube. "Ich weiß, was es heißt, zu sechst auf zwölf Quadratmetern zu leben." Wie zum Beispiel seine Schwiegereltern. Dieses Eintauchen in die chinesische Welt hilft ihm auch bei seiner Arbeit, beim Umgang mit seinen Kunden.

Hube ist einer der inzwischen vielen jungen Deutschen, die - gut ausgebildet, hoch motiviert und extrem belastbar - in China Karriere machen.

Für permanenten Nachschub an solchen Jungmanagern sorgen deutsche Hochschulen, die Kombi-Studiengänge, also Fachstudium plus Chinesisch, anbieten.

Bremen, Duisburg, Konstanz, Ludwigshafen und Tübingen sind die bekanntesten.

Hube hat an der Fachhochschule Ludwigshafen BWL und Marketing Ostasien studiert. Es war kein leichtes Studium. Viele Scheine, wenig Freizeit. Rektor Siegfried Englert sagt im fernen Ludwigshafen: "Wer diesen Studiengang überlebt, ist belastbar."

Jinmao Tower, Shanghai

Im höchsten Gebäude Shanghais sitzt in der 31. Etage Katja Schimmelpfennig (31). Sie hat das Studium in Ludwigshafen überlebt - und den ersten Job in China. Heute ist sie Managerin des globalen Bürovermieters Regus.

Nach dem Studium heuerte sie sofort als General-Managerin in China bei einem Mittelständler an, der Gießerei Hüttenes-Albertus. Sie musste ein Joint Venture schließen, ein anderes restrukturieren. Und das mit 28 Jahren.

"Es war eine harte Zeit", sagt sie heute. Und erzählt, wie sie 28 Stunden lang mit der Bahn zu einem Schuldner fuhr. Den hat sie zum Essen eingeladen und mit ihm Schnaps getrunken. Am nächsten Morgen fuhr sie mit dem Geld zurück nach Shanghai.

"Einmalige Chance im Managerleben"

Die Frau ist zäh. Morgens um 5.30 Uhr joggt sie durchs Französische Viertel, um der Hitze und dem Lärm zuvorzukommen. Sie will vorerst bleiben. "China", sagt Katja Schimmelpfennig, "ist inzwischen ein wichtiger Karrierebaustein." Wer dort reüssiert hat, dem kann man Belastbarkeit, Flexibilität und interkulturelle Kompetenz nahezu blind attestieren.

Aber will sie überhaupt mal zurück nach Deutschland, nach Europa? Vorstellen kann sie es sich derzeit nicht: "Da ist alles sehr langsam, sehr bequem, sehr schwerfällig", sagt Katja Schimmelpfennig.

So wie sie denken in China viele deutsche Manager, ob jung oder alt.

Sunflower Tower, Peking

Peter Schmidt (50) sitzt in seinem Büro und denkt über seine Zukunft nach. Schon zum zweiten Mal in seiner Karriere ist er für die Dresdner Bank in Peking und möchte nicht mehr weg. Er sagt: "Sollte ich - aus welchen Gründen auch immer - bei meiner Bank rausfliegen, dann bleibe ich hier in China."

Auch KarstadtQuelle-Statthalter Jürgen Massion (49) schwört in seinem Shanghaier Büro: "Ich gehe nicht mehr zurück." Massion wie Schmidt sind von der Dynamik Chinas fasziniert. Sie fühlen, dass sie hier live einen historischen Umbruch miterleben dürfen.

Wie auch Ekkehard Rathgeber (39). Er baute nach 1995 für Bertelsmann das Buchclub-Geschäft in China auf. Mitte 2003, als in der Nach-Middelhoff-Ära China in der Prioritätenskala etwas nach unten rutschte, stieg er bei Bertelsmann aus, blieb aber in Shanghai. "Für mich war immer klar, dass ich längerfristig in China bleiben wollte."

Zunächst half er seiner Frau Doris, die nach ihrem Studium der traditionellen chinesischen Medizin in Shanghai eine Praxis eröffnete. Dann ereilte ihn Anfang 2004 ein Angebot, zu dem er nicht Nein sagen konnte: Chief Operating Officer der Tom Group, der Mediensparte von Hutchison Whampoa, dem Konzern des Hongkonger Multimilliardärs Li Kashing. Das ist eine ganz andere Nummer als Bertelsmann. "Mit Li Ka-shing im Rücken öffnen sich hier fast alle Türen", sagt er.

Rathgeber, der Mandarin spricht, ist bislang der einzige Deutsche, der in einem chinesischen Unternehmen Karriere gemacht hat. "Eine solche Chance wie derzeit in China", sagt er, "gibt es nur einmal in einem Managerleben."

Hintergrund: Chinas neue Boomstowns

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