Falk-Prozess "Es war unendlich stressig"

Seit Dezember muss sich Millionenerbe Alexander Falk vor dem Hamburger Landgericht verantworten. Der Vorwurf: Er soll den Umsatz der Internetfirma Ision manipuliert haben, bevor er sie verkaufte. Im Gespräch mit manager magazin verrät der Schweizer Anwalt Johann-Christoph Rudin, wie er die Affäre aufdeckte.
Von Claus G. Schmalholz

mm:

Herr Rudin, dank Ihres Spürsinns und Ihrer Beharrlichkeit muss Alexander Falk sich jetzt wegen angeblich krimineller Machenschaften beim Verkauf der Distefora-Tochter Ision vor Gericht verantworten. Verschafft Ihnen das Genugtuung?

Rudin: Nein. Ich habe ja nicht eine bestimmte Person im Visier gehabt, sondern den Aktionären der Distefora Transparenz versprochen. Dabei habe ich herausgefunden, dass mit dem Ision-Umsatz etwas nicht in Ordnung war.

mm: In dem Buch zum Fall Distefora, das Ende Januar erschienen ist, geht es um das Protokoll eines so genannten Kick-off-Meetings, das auch zentraler Punkt der Anklage ist. In dem Papier haben Falk und seine Kollegen aus dem Management festgehalten, auf welche Weise sie Scheinumsätze bei der Ision produzierten. Wie haben Sie dieses Protokoll in den 800 Distefora-Aktenordnern entdeckt, die Sie sich in einer Hamburger Spedition heimlich beschafft hatten?

Rudin: Wir haben die Ordner mehrere Tage lang Stück für Stück kopiert, damit wir sie anschließend nach bestimmten Stichwörtern und einer Themenliste sichten konnten. Mit Hilfe von Privatdetektiven hatten unsere Gegner allerdings herausgefunden, dass wir die Unterlagen in einer Hamburger Wohnung durchsuchten. Plötzlich tauchte an einem Freitag ein unfreundlicher Herr mit der Polizei auf, um uns zur Herausgabe der Akten zu zwingen.

mm: Offenbar ohne Erfolg.

Rudin: Das Spannende an diesem Spiel war, dass unsere Kontrahenten nicht überlegt vorgegangen sind. Nach dieser Polizeiaktion wussten wir, dass wir nicht mehr lange mit den Originalakten arbeiten konnten.

Deshalb holten wir zusätzlich zwei Experten nach Hamburg und haben das ganze Wochenende gesichtet. Dabei fanden wir dann diesen Ordner mit dem Kick-off-Meeting-Protokoll. Als wir das Papier hatten, sah die Welt schlagartig anders aus.

"Anonyme Briefe und Einflüsterer"

mm: Im Lager der Falk-Verteidigung gibt es offenbar Stimmen, die behaupten, das Protokoll sei eine Fälschung.

Rudin: Es gibt logische Anhaltspunkte für die Echtheit dieses Protokolls.

mm: Wie konnten Sie in den vielen Ordnern so schnell belastendes Material finden?

Rudin: Da gab es plötzlich einige anonyme Briefe und Einflüsterer, die uns auf die richtige Fährte brachten, gewissermaßen ein negatives Falk-Netzwerk.

So sind wir unter anderem darauf gekommen, dass Falks Geschäftshaus in Hamburg auf Kosten der Distefora ein Glasfasernetz verpasst bekommen hat. Oder auf diese Sache mit der 233 Millionen Franken schweren Sonderdividende der Distefora, von der nach dem Ision-Verkauf vor allem Falk als Haupteigentümer profitiert hat.

Aus der Sicht des Anlegerschützers war es sehr aufschlussreich, in all diese Akten schauen zu können, um dann auf die üppigen Spesenbelege von Herrn Falk zu stoßen. Für kurze Aufenthalte in Zürich hat er fünfstellige Beträge ausgegeben.

mm: Falk hat auf Kosten der Distefora-Aktionäre geprasst?

Rudin: Ja, das ging aus den Belegen hervor. Ein früherer Mitarbeiter von ihm hat mir auch erzählt, dass zum Beispiel für eine Sitzung in Zürich eigens ein Mitarbeiter aus Hamburg für die Protokollierung eingeflogen wurde. Da sind wirklich völlig absurde Sachen gelaufen. Die hatten jedes Maß verloren.

mm: In dem Buch zum Fall Distefora ist die Rede von 12,3 Millionen Franken, die Falk als Honorar kassiert hat. Wofür?

Rudin: Er hat enorme Honorare für Beratungstätigkeiten berechnet, die aber oft nicht näher präzisiert waren.

"Kann auch mal beißen"

mm: War es nicht ziemlich dumm von den Falk-Leuten, all diese vermutlich illegalen Geschäfte schriftlich zu dokumentieren?

Rudin: Ich denke, irgendwann hat die ganze Truppe jeden Bezug zur Realität verloren. Die hatten gar kein Unrechtsbewusstsein mehr. Sie haben einfach nach der Methode "Der Zweck heiligt die Mittel" jene Geschäfte gemacht, die notwendig sind, um das Rad schnell am Laufen zu halten. Und das haben sie dann protokolliert wie jeden anderen normalen Geschäftsvorgang.

mm: Wer sind denn aus Ihrer Sicht die Geschädigten des Falles Falk?

Rudin: Die Angestellten der Distefora und der Ision haben ihre Jobs verloren. Was die Distefora-Aktionäre angeht, so war es auch ihr Risiko als Anleger. Geschädigt wurden aber in erster Linie die Energis-Aktionäre, die mit Ision eine offenbar geschönte Braut gekauft haben.

mm: Was hat Ihnen in der Zeit, in der Sie diesen Fall aufdeckten, am meisten zu schaffen gemacht?

Rudin: Ich befürchtete ständig, etwas Wichtiges übersehen zu haben, vor allem als mir nach und nach klar wurde, welche Dimension der Fall hatte. Ich musste die ganze Zeit hellwach sein, weil ich keine Fehler machen durfte. Ich musste alles hinterfragen, hinter jeder Aktion eine List vermuten. Das war unendlich aufwändig und stressig.

mm: Was haben Sie durch Ihr Engagement im Fall Distefora erreicht?

Rudin: Für die Distefora-Aktionäre konnte ich nichts mehr tun, weil die Firma schon vor meiner Zeit geplündert worden war. Erreicht habe ich, dass der Anlegerschutz nicht immer nur belächelt wird. Ich habe gezeigt, dass ein Anlegerschützer auch mal beißen kann.

mm: Werden Sie sich weiter auf diesem Gebiet engagieren?

Rudin: Nein. Nach acht Jahren aktivem Anlegerschutz konzentriere ich mich wieder auf meine Tätigkeit als Rechtsanwalt. Der Fall Distefora hat mich an meine persönlichen Grenzen gebracht. Dem möchte ich mich nicht mehr aussetzen.

Das Buch zum Fall Falk

Das Buch zum Fall Falk

Seit Dezember 2004 muss sich der Millionenerbe Alexander Falk (35) vor dem Hamburger Landgericht verantworten. Der Vorwurf: Er soll den Umsatz der Internetfirma Ision manipuliert haben, bevor er sie im Jahr 2000 für 812 Millionen Euro an das britische Unternehmen Energis verkaufte.

Falk werden verbotene Kursmanipulation in zwei Fällen, Betrug in einem besonders schweren Fall und Steuerhinterziehung vorgeworfen. Die Energis hat Falk auf 763 Millionen Euro Schadensersatz verklagt.

Die Ision hatte bis zum Verkauf mehrheitlich der Schweizer Distefora Holding AG gehört, die von Falk beherrscht wurde. Im Dezember 2002 wurde der Schweizer Anwalt und Anlegerschützer Johann-Christoph Rudin (40) alleiniger Verwaltungsrat der Distefora.

Als Rudin merkte, dass es beim Verkauf der Ision womöglich nicht mit rechten Dingen zugegangen war, beschaffte er sich die bei einer Hamburger Spedition lagernden Geschäftsunterlagen der Distefora. Im Juni 2003 erhielt die Hamburger Staatsanwaltschaft die rund 800 Ordner. Kurz danach wurde Falk in Untersuchungshaft genommen.

Mit Rudins Unterstützung hat die Schweizer Journalistin und promovierte Wirtschafts- und Politikwissenschaftlerin Sandra Willmeroth (34) ein Buch über den Fall Falk geschrieben, das Ende Januar erschienen ist.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.