Luxus Deutsche Pracht

Edles made in Germany läuft weltweit blendend. Von der Fifth Avenue in New York über die Rue Faubourg in Paris bis zur Ginza in Tokio haben Produkte aus deutschen Manufakturen auf den Luxusboulevards dieser Welt ihren festen Standort. Und mittlerweile einen exzellenten Ruf.
Von Klaus Ahrens und Hanno Pittner

Es ist, als hätte man den Mann aus einem wunderbaren Traum geweckt. Mit erstaunten Kinderaugen blickt Andreas Seltmann von seiner Arbeit auf, einem filigranen Uhrwerk mit der Bezeichnung "Kaliber 53".

Schraube für Schraube, Zahnrad für Zahnrad fügt er zusammen, bis aus den 360 Teilen nach sechs Wochen und unzähligen Blicken durch die Lupe jener wundersame Apparat entstanden ist, den die Werbung ein "Meisterwerk der Superlative" nennt, der aber doch viel mehr ist. Dank eines fliegenden Tourbillons, jenes wirbelnden Mechanismus zum Ausgleich der Erdenschwere, der retrograden Datumsanzeige und der Gangreserveanzeige.

Wenn dem hageren Uhrmacher im erzgebirgischen Glashütte dann irgendwelche supercoolen Stadtneurotiker kommen, die alles schon wissen und durch nichts zu beeindrucken sind, dann wischt er mal eben so eine Art Staubkorn über die Arbeitsplatte, mit bloßem Auge kaum zu erkennen.

Die kleinste Schraube des Kalibers, gerade mal 0,35 Millimeter lang. Und fügt triumphierend an, dass selbst diese Miniatur vor dem Einbau noch eine halbe Stunde poliert wird. Das Ergebnis solcher Mühwaltung ist allenfalls mit einer zehnfach vergrößernden Lupe zu bewundern.

Andreas Seltmann ist Meister bei der Glashütte Uhrenbetrieb GmbH (Glashütte Original) und baut das Spitzenstück des Unternehmens zusammen, das Modell "Julius Assmann 3", 25mal, gut 100.000 Euro teuer. Ein Prunk- und Vorzeigestück für Luxus aus Deutschland.

Exklusives made in Germany macht neuerdings rührig von sich reden. Von der Fifth Avenue in New York über die Rue Faubourg in Paris bis zur Ginza in Tokio haben Produkte aus deutschen Manufakturen auf den Luxusboulevards dieser Welt ihren festen Standort. Und mittlerweile einen exzellenten Ruf.

Glashütter Zeitnehmer

Neben den Uhrwerken aus Sachsen, die aus den Werkstätten von Glashütte Original und A. Lange & Söhne kommen, sind es die Füllfederhalter der Firma Montblanc aus Hamburg. Oder die Geschmeide aus der Goldschmiede Wellendorff zu Pforzheim, wo auch die Renommiermarke Chopard in Gestalt der Familie Scheufele ihre Heimat hat.

Gipfel der Kunst: Uhrmacher Andreas Seltmann und die "Julius Assmann 3" mit skelettiertem "Kaliber 53" aus der Manufaktur Glashütte Original.

Gipfel der Kunst: Uhrmacher Andreas Seltmann und die "Julius Assmann 3" mit skelettiertem "Kaliber 53" aus der Manufaktur Glashütte Original.

Foto: Jürgen Jeibmann
"Julius Assmann 3": Sie gibt es in nur 25 Exemplaren - zum Preis von 103.450 Euro das Stück.

"Julius Assmann 3": Sie gibt es in nur 25 Exemplaren - zum Preis von 103.450 Euro das Stück.

Zeitnehmer: Seit 2003 führt Frank Müller die Manufaktur in Sachsen.

Zeitnehmer: Seit 2003 führt Frank Müller die Manufaktur in Sachsen.

Foto: Jürgen Jeibmann


Einkommensmessgerät: Uhren aus
Glashütte verraten hohen Status

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Oder Flügel und Klaviere der C. Bechstein Pianofortefabrik AG aus dem sächsischen Seifhennersdorf. Oder die Bestecke und Tafelgeräte der Silbermanufaktur Robbe & Berking aus Flensburg. Erst recht aber die superteuren, supermondänen, superluxuriösen Segel- und Motorjachten aus den beiden Werften Abeking & Rasmussen im niedersächsischen Lemwerder und Lürssen - Weltmarktführer - in Bremen-Vegesack.

Und schon erhebt sich die Frage: Was hat es auf sich mit dem Luxus aus Deutschland? Wofür steht er in der Welt der exklusiven Waren? Was schätzen Japaner wie Amerikaner an Premiumprodukten aus Deutschland?

Klar, bei Bordeaux-Weinen und Champagner hat jedermann die Kellergewölbe der großen Weingüter Frankreichs vor Augen. Bei Maßschuhen und Maßanzügen sieht jeder die Schuhmacher- und Schneiderwerkstätten in London vor sich. Bei Lampen und Möbeln denkt jeder an das kreative Chaos der Designbüros von Mailand.

Aber verschwenderische Prachtentfaltung, gesteigerte Lust am Schönen - wo sollen die in Deutschland, Erzhochburg des Protestantismus und der Arbeitsethik, gedeihen?

In der Tat - es sind die Werkstätten, in denen hier zu Lande Luxus entsteht. Angeleitet werden sie zumeist von gelernten Ingenieuren. Feinmechanische Betriebe, in denen nach alter Väter Sitte und nur mit begrenztem Hightech-Einsatz gestanzt wird und gefräst, gepresst und gewalzt, gegossen und gedreht. Metall ist der erste Grundstoff für Luxus aus Deutschland, Ingenieurkunst und Handwerkstradition sind der Humus, auf dem er gedeiht, sein Hohes Lied reimt sich auf Präzision und Akkuratesse.

Sächsische Klangwunder

Dies sind auch Leib- und Leitbegriffe des neuen Chefs von Glashütte Original. Seit September 2003 steuert Frank Müller (38) aus einem schicken Hochglanzneubau die Geschicke des Uhrenhauses in dem abgeschiedenen Bergkaff. "Das Handwerkliche hat eine große Bedeutung, um Luxus in Deutschland zu definieren", doziert der gelernte Betriebswirt.

Traditionshaus: Im sächsischen Seifhennersdorf werden die Flügel und Klaviere des Hauses Bechstein zusammengebaut.

Traditionshaus: Im sächsischen Seifhennersdorf werden die Flügel und Klaviere des Hauses Bechstein zusammengebaut.

Streng handwerklich: Die Herstellung der Klangwunder erfolgt im Manufakturbetrieb.

Streng handwerklich: Die Herstellung der Klangwunder erfolgt im Manufakturbetrieb.

Der größte Flügel: Das Modell D280 kostet denn auch 84.500 Euro.

Der größte Flügel: Das Modell D280 kostet denn auch 84.500 Euro.

Mann vom Fach: Karl Schulze, Vorstandsvorsitzender bei Bechstein ist nicht nur Kaufmann, sondern auch Klavierbaumeister.

Mann vom Fach: Karl Schulze, Vorstandsvorsitzender bei Bechstein ist nicht nur Kaufmann, sondern auch Klavierbaumeister.


Bechstein: Klangwunder
für die kleine Hausmusik

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"Wir sprechen mit unseren Produkten all diese Klischees, Stereotype, positiven Vorurteile über Deutschland an - eben Handarbeit, Qualität, Funktionalität, Solidität und" - da ist es wieder - "Akkuratesse." Und so lässt Müller jetzt für die Uhren aus Glashütte mit dem Spruch werben: "handmade in Germany".

Für das Modell "Julius Assmann 3", benannt nach einem der Gründer des erzgebirgischen Uhrenbaus, bedeutet dies dreieinhalb Jahre Konstruktionszeit, sechs Wochen für die Montage einer jeden Uhr, fast ebenso viel für die Reglage. "Da ist ein Uhrmacher vier Wochen beschäftigt, das Werk einzuregulieren", sagt Müller, "damit sie akkurat läuft."

Und wie ist das beim Schmuck, der doch keine Zeit anzeigen muss? Der einzig still vor sich hin glänzen soll?

Im kühlen Zweckbau des Familienunternehmens Wellendorff am Ufer der Enz in Pforzheim drückt den Besuchern ein stämmiger Werkmann eine kiloschwere Stange aus 18-karätigem Gold in die Hand. Nimmt sie zurück und führt sie zwischen Stahlrollen einer Walze, die mit Tonnendruck in etlichen Arbeitsgängen einen schlanken Stab daraus macht. Der in einem weiteren Apparat zu einem dünnen Draht gezogen wird.

Bis schließlich ein weiterer Feinschmied den feinen Golddraht auf eine rasant drehende Spindel wickelt und auf diese Weise eine zarte goldene Spirale entsteht. Das ist die Grundlage für das Spitzenprodukt des Schmuckhauses - eine so genannte Seidenkordel, geflochten aus mehreren dieser Spiraldrähte. Die, so sie auch noch von Brillanten geziert wird, leicht um 20.000 Euro kosten kann.

Pforzheimer Drahtseilakt

Es riecht nach Metallstaub und Schmierstoffen wie in jeder beliebigen Schlosserei. Geschmeidig führt Georg Wellendorff (37), gelernter Goldschmied und studierter Betriebswirt, durch die Produktion. Sie untersteht ihm, sein Bruder Christoph leitet das Marketing, und die Eltern Eva und Hanspeter haben das große Ganze des Unternehmens im Blick.

Eine Woche brauchen die Feinschmiede, erläutert Georg Wellendorff, um aus 100 Metern Golddraht eine dieser schlangenhaft schmiegsamen Schmuckkordeln zu flechten. Tage brauchen sie, um dem Edelmetall durch geduldiges Polieren seinen schrillen Glanz zu nehmen und ihn in ein unauffällig stilles Strahlen zu verwandeln.

Und Stunden noch einmal, um mit Hilfe des Mikroskops Fehler in der Oberfläche aufzuspüren und zu glätten. Das Ergebnis: eine goldene Trosse der Kreuzschlagseil-Klasse für zarte Damenhälse.

Gegen Mittag taucht Bruder Christoph auf, gerade von einer Asien-Reise zurück. Das Unternehmen ist dort gut vertreten, der Schmuck aus Pforzheim hoch geschätzt. Das japanische Kaiserhaus zählt zu den Kunden, wie einst bei Urahn Ernst Alexander das britische Königshaus und die russische Zarenfamilie. Seit Oktober 2004 gibt es wieder eine Wellendorff-Vertretung in Moskau: die Boutique Privilege an der Kuznetsky Most.

In Deutschland wird der Schmuck aus der Manufaktur an der Enz bevorzugt von der Fernsehmoderatorinnen-Riege getragen. Und künftig wohl auch von den stolzen Besitzern einer Maybach-Limousine.

Denn für die haben die Wellendorffs ein spezielles Angebot entwickelt: Für Damen eine Weißgoldkordel mit Maybach-Anhänger, besetzt mit 24 Brillanten und 10 Diamanten, Kostenpunkt 17.940 Euro. Oder, besser noch, einen Ring mit Maybach-Emblem und 28 Diamanten, Kostenpunkt 29.000 Euro. Und für den Herrn die Manschettenknöpfe aus Weißgold, verziert von 52 Brillanten und 20 Diamanten, für 16.500 Euro das Paar.

Flensburger Tafelfreuden

Das Beste allerdings kommt erst noch. Im Jahr 2005 soll das Auto selbst mit Schmuck versehen werden. Einige wenige Exemplare, so will es das Maybach-Management, sollen - noch streng geheim - Armaturenpaneele mit Goldverzierungen aus dem Pforzheimer Schmuckhaus erhalten, freut sich Georg Wellendorff. Luxus mobil.

Mobilen Luxus eher maritimer Natur pflegt das Flensburger Silberhaus Robbe & Berking. Es hat nicht nur das weltbeste Kreuzfahrtschiff, die "MS Europa", mit Bestecken und Tafelzier ausgestattet.

Sondern unlängst auch die weltgrößte Privatjacht "Octopus" von Microsoft-Mitbegründer Paul Allen, ein 126 Meter langes Spaßboot, gebaut bei der Lürssen-Werft in Bremen-Vegesack, das neben einem Wasserflugzeug, einem Hubschrauber und einem U-Boot auch mehrere tausend Besteckteile für maximal 200 Gäste dabei hat.

Die Bestecke werden in der Traditionsmanufaktur, seit 1874 ähnlich wie bei Wellendorff in Familienbesitz, weithin nach überlieferten Mustern und mit viel Handarbeit gefertigt. Abnehmer sind feinste Adressen wie das Kanzleramt in Berlin, das Weiße Haus in Washington oder auch der Kreml - Wertarbeit eben.

"Wir nehmen jedes Teil 40- bis 50-mal in die Hand", sagt Firmenchef Oliver Berking (42), "bis wir sagen können: Ein besseres findet man nirgendwo sonst auf der Welt." Genau wie seine Kollegen aus der Luxusbranche produziert auch Oliver Berking ausschließlich in Deutschland. Und zwar bewusst.

"Es käme für uns einer Kapitulation gleich", bekennt der kantige Unternehmer und sechsfache Familienvater, "unsere Produkte in einem Billiglohnland machen zu lassen." Luxus braucht offenbar eine Heimat.

Die Marke Montblanc hat sie seit rund hundert Jahren in Hamburg, zunächst im nachgerade berüchtigten Schanzenviertel. Dort hatten drei Herren - ein Bankier, ein Schreibwarenhändler und ein Ingenieur - dem Berliner Mechanikus Alfred Nehemias 1906 die Erfindung eines Drehkolbenfüllfederhalters abgekauft und damit den Grundstein für einen hochgebirgshaften Firmenaufstieg gelegt. Seinen Gipfel fand er in der Produktion des Meisterstücks "Solitaire Royal", einem mit 4810 Brillanten bepflasterten, funkelnden Füllfederhalter, zum Preis von 125.000 Euro.

Hamburger Edelfedern

"Eine furchtbare Angelegenheit", stöhnt Montblanc-Geschäftsführer Wolff Heinrichsdorff (59), wenn er an die Herstellung denkt. "Sechs Monate brauchen wir für so ein Stück, weil es in Pavé-Technik gearbeitet wird.

Mühselig: In Pavé-Technik werden dem Montblanc-Meisterstück "Solitaire Royal" 4810 Diamanten von Hand appliziert.

Mühselig: In Pavé-Technik werden dem Montblanc-Meisterstück "Solitaire Royal" 4810 Diamanten von Hand appliziert.

Foto: Axel Martens
"Solitaire Royal": Allein der Name hebt diesen Federhalter aus der Masse seiner tintenklecksenden Artgenossen.

"Solitaire Royal": Allein der Name hebt diesen Federhalter aus der Masse seiner tintenklecksenden Artgenossen.

Foto: Axel Martens
Edelfeder: 4810 Brillis für den "Solitaire Royal", bis das gute Stück stolze 125.000 Euro kostet.

Edelfeder: 4810 Brillis für den "Solitaire Royal", bis das gute Stück stolze 125.000 Euro kostet.

Schönschreiber: Wolff Heinrichsdorff leitet Montblanc, Tochter des schweizerischen Luxusgiganten Richemont, seit Oktober 2004.

Schönschreiber: Wolff Heinrichsdorff leitet Montblanc, Tochter des schweizerischen Luxusgiganten Richemont, seit Oktober 2004.

Foto: Axel Martens


Montblanc: 4810 Brillis für einen Füller
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Jeder Steinsetzer hasst das, weil die winzigen Steine hochpräzise von Hand eingefügt werden und er wegen der Übermüdung der Augen nie länger als zwei, drei Stunden am Stück daran arbeiten kann."

Heinrichsdorff macht den Job seit Oktober. Sein Vorgänger Norbert A. Platt, gelernter Maschinenbauer aus Braunschweig, ist an die Spitze des Mutterkonzerns Richemont  nach Genf gewechselt.

Ein Novum in der internationalen Luxusbranche, dass ausgerechnet so einer jetzt das Sagen bei klassischen französischen Nobelmarken wie Cartier und Jaeger-LeCoultre hat.

Zumal der neue Konzernlenker in Genf eben seine eigene, feinmechanische Sicht auf die schönen Dinge hat. Und nicht gerade berühmt ist für rauschende Schaumweinfeste.

"Deutschland", so ist von Platt überliefert, "steht generell nicht für das Thema Luxus, sondern für Handwerkskunst, Tradition und Qualität." Punktum.

Luxuriöse Druckwerke

Sinnenfreude oder Statusangst?

Neue Bücher über den Luxuskonsum

Luxus über fünf Decks auf der Motorjacht "Capri", die intime Jet-Welt der "Gulfstream V" oder der diskrete Charme im Inneren des Maybach 62 - die finden sich augenweidenartig versammelt in dem gleich fünfsprachig betexteten Bildband "Luxury Toys" (teNeues, 220 Seiten, 45 Euro). Die Welt der Premiumprodukte in den allerschönsten PR-Farben zum Angucken und Staunen.


Wem das nicht reicht und wer eher nachfragen möchte, was den Menschen dazu bringt, nach Geltung, Macht und Reichtum zu streben, manifestiert im Luxus, der findet Antworten bei Alain de Botton. Der Schweizer Literat ätzt in seinem spannenden, wenngleich schlecht lektorierten Band "Statusangst" (S. Fischer, 332 Seiten, 19,90 Euro): "Während wir auf Flacons, Brieftaschen, Autoschlüssel und Ranglisten schielen, verpassen wir das Leben."


Wer aber auf die reine Lehre aus ist, findet sie in dem Band "Luxus und Konsum" (hrsg. von Reinhold Reith und Torsten Meyer, Waxmann, 256 Seiten, 25,50 Euro). Erleuchtung über die Geschichte der Luxusuhr bis hin zum Luxusereignis Salzburger Festspiele.

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