Investmentfonds Fluchtbewegung in großem Stil

Mit schrillen Sprüchen lockten die Investmenthäuser ihre Kunden in immer riskantere und teurere Aktienfonds. Nun haben die Anleger genug, sie ziehen ihr Geld ab. manager magazin sagt, worauf Sie achten sollten.

Die schwarze Serie begann im Februar 2004. Rund 194 Millionen Euro zogen Anleger Anfang des vergangenen Jahres aus den Aktienfonds der deutschen Investmentfirmen ab. Bis Ende September beschleunigte sich der Schwund drastisch. In acht Monaten wanderten rund fünf Milliarden Euro aus den Aktienportfolios von DWS, Deka, Union & Co. ab.

Das liegt wohl schlicht und einfach an der völlig unzureichenden Leistung vieler Fondsmanager. Auf Jahresfrist gesehen, legten die weltweit wichtigsten Blue-Chip-Börsenbarometer zwischen 10 und 20 Prozent zu.

Mit den hier zu Lande erhältlichen deutschen, europäischen oder global investierenden Aktienfonds waren dagegen im Schnitt nur zwischen 7 und 16 Prozent zu verdienen, also knapp ein Drittel weniger.

Nicht dass Deutschlands Fondsmanager Dax , EuroStoxx  oder Dow Jones  in der Vergangenheit allzu oft geschlagen hätten, aber im Gegensatz zu früher werden sie nun abgestraft.

Das Erstaunliche dabei: Die Anleger wenden sich nicht generell von den Aktienmärkten ab. In wesentlichen Teilen wird das den Fonds entzogene Kapital in aktienähnliche Investments umgeschichtet. Indexzertifikate oder börsennotierte Indexfonds verbuchen satte Zuwächse.

Gegenüber klassischen Aktienfonds haben diese Produkte einige entscheidende Vorteile: Sie sind simpel konstruiert, haben deutlich niedrigere Kosten und bieten vielfach größere Gewinnchancen. Drei Dinge, die Anleger von der Fondsindustrie nicht in ausreichendem Maße bekommen. "Die Produktpalette der deutschen Investmentgesellschaften ist komplex, die Performance vergleichsweise schlecht, und die Kosten sind zu hoch", sagt Reinhard Hoock, für Finanzdienstleister zuständiger Partner der Unternehmensberatung Booz Allen Hamilton.

Teuer und unübersichtlich

Gut möglich also, dass sich die schwarze Serie der Investmentgesellschaften noch eine ganze Weile fortsetzt. So glaubt beispielsweise die Züricher Unternehmensberatung ICME Management Consultants, dass die Anbieter von Zertifikaten ihr Volumen von derzeit 30 Milliarden Euro bis Ende 2008 auf 146 Milliarden Euro steigern können. Das wäre immerhin ein Drittel der Summe, die derzeit insgesamt in deutschen Publikumsfonds steckt.

Das Abwandern der Anleger müssen sich die deutschen Investmentgesellschaften im Wesentlichen selbst zuschreiben. Ab 2001 - mitten im Börsencrash also -, zu einem Zeitpunkt, an dem die Leidensfähigkeit der Investoren ohnehin auf eine harte Probe gestellt wurde, begann die deutsche Fondsindustrie, kräftig an der Preisschraube zu drehen.

Der durchschnittliche Ausgabeaufschlag, der Anfang 2000 bei rund 4 Prozent der Anlagesumme gelegen hat, beträgt mittlerweile deutlich über 5 Prozent. Und die jährlich anfallenden Verwaltungskosten haben sich bei manchen Gesellschaften gegenüber den Boomjahren nahezu verdoppelt.

Hinzu kommt: Viele Fondsgesellschaften haben ihr Geschäftsmodell bis zur Unkenntlichkeit ausgeleiert: Das Grundprinzip, der Masse der Privatanleger eine standardisierte, langfristig orientierte und bezahlbare Vermögensverwaltung zu bieten, ist nahezu überall in den Hintergrund getreten. Was zählt, sind allein die Profite der Konzernmütter.

Man kann das Abdriften der Investmentfirmen etwa daran festmachen, dass sie Leute wie Jochen Wiesbach, Franz Feldmann oder Dirk Degenhardt auf ihrer Gehaltsliste haben. Die drei arbeiten als Produktdesigner für die Fondsgesellschaften der Deutschen Bank , der Volks- und Raiffeisenbanken sowie der Sparkassen, der DWS, der Union und der Deka.

Ihr Job ist es, Fonds so zu kreieren und zu vermarkten, als ginge es dabei um Waschmittel oder neue Automodelle. Das Ergebnis: So viel Unübersichtlichkeit war nie. Mit insgesamt 34 global anlegenden Blue-Chip-Aktienfonds verwirren allein DWS, Union und Deka ihre Klientel - bei den europäischen Large-Cap-Portfolios ist der Markt mit 35 leicht verwechselbaren Fonds nicht übersichtlicher.

Die hohe Ausschussquote

Schlimmer noch ist, dass sich viele Gesellschaften ihre Fondspalette mit riskanten Nischenprodukten voll gestopft haben. Kurzlebigen Produkten, die auf nichts anderes ausgelegt sind, als Anlegern das Gefühl zu geben, jeden noch so kurzfristigen Börsentrend mit einem Fonds spielen zu können.

Dieses Geschäftsgebaren begann, als die Kurse durch die Decke gingen und Fonds für Neu-Emissionen, Business-to-Business-Plattformen oder asiatische Internetwerte in den Markt gepresst wurden. Heute setzt sich diese Unsitte mit Fonds für Nanotechnologie oder Produkte fort, die ausschließlich auf Titel mit hohen Dividendenrenditen setzen.

Für die Anleger sind derlei Innovationen aus drei Gründen langfristig beinahe immer ein schlechtes Geschäft: Erstens sind die vermeintlich superheißen Innovationen, was die Gesamtkosten angeht, deutlich teurer als klassische Aktienfonds.

Zweitens vergehen von der ersten Idee bis zur Genehmigung eines Fonds mindestens sechs Monate, sodass die meisten Neuerungen erst dann am Markt starten, wenn der einmal ausgespähte Trend bereits ausgereizt ist. Und drittens haben solche Fonds ein so kleines Aktienuniversum, dass aus Anfangsgewinnen beinahe zwangsläufig Verluste werden, wenn die Kurse ins Rutschen kommen.

Die Marketingideen vieler Fondsstrategen sind meist völlig überflüssig. Anleger, die sich einen erstklassigen Wachstumsfonds ins Depot legen, wetten etwa genauso wie die Käufer hoch spezialisierter Nischenprodukte auf Internet- oder Nanotechnologie; sie können aber darauf hoffen, dass ihr Fondsmanager rechtzeitig aussteigt oder seine Wetten über eine Diversifizierung in andere Branchen absichert. Bei einem auf nur eine Technologie spezialisierten Produkt ist dies von vornherein ausgeschlossen.

Wie viel Unsinn in den vergangenen Jahren zur Marktreife gebracht wurde, zeigt sich auch daran, dass zwischen Anfang 2003 und Ende September exakt 795 Fonds wieder dichtgemacht wurden. Die Investmentgesellschaften verkaufen dies gern als ersten Schritt zur Einsicht - was aber schlecht zu der Tatsache passt, dass im gleichen Zeitraum 524 neue Fonds aufgelegt wurden.

Kleine, wendige Spezialisten

Wie wenig vielen Anbietern am eigentlichen Kern ihres Geschäftsmodells (der standardisierten Vermögensverwaltung zu vertretbaren Kosten) liegt, zeigt sich besonders deutlich am Beispiel der so genannten Altersvorsorgesondervermögen (AS-Fonds).

Diese Produktgeneration, bei ihrem Start mit lauten Parolen angepriesen, ist heute ein Ladenhüter. Was ausnahmsweise mal nicht an miserablen Performance-Kennzahlen liegt. Die AS-Depots kamen deutlich besser durch die Aktienkrise als die von der Risikostruktur her vergleichbaren klassischen Mischfonds.

Die Fondsgesellschaften haben den Vertrieb der AS-Fonds dennoch nahezu eingestellt - angeblich seien die Produkte wegen der fehlenden staatlichen Zuschüsse nicht verkaufbar. Das sind die Riester-Fonds aber auch nicht - trotz der Unterstützung durch den Fiskus.

Die verbliebenen Anleger der AS-Fonds schicken die Fondsgesellschaften derweil auf eine ganz besondere Abwärtsspirale. Weil es keine Werbung gibt, kommt kein neues Geld herein, das abwanderndes Kapital ersetzt. Das wiederum führt dazu, dass die Kosten auf immer weniger Anleger verteilt und die Fonds tendenziell immer teurer werden.

Solche Risiken lassen sich freilich vermeiden. Anleger müssen heute zwar länger suchen, wenn sie das haben wollen, wofür Fonds ursprünglich einmal standen. Fündig werden sie jedoch allemal - meist aber abseits der großen Adressen.

So genannte Fondsboutiquen, kleine, wendige Spezialisten, dominieren mit ihrer Performance etwa den hochinteressanten Bereich der Emerging-Markets-Fonds Wachstumsmotor China. Und bei den global investierenden Fonds haben sie, auf fünf Jahre gesehen, die Großen bereits überholt, bei den europäischen Blue-Chip-Fonds steht der Wachwechsel unmittelbar bevor Kleine Fonds, große Leistung.

Es geht also - und dafür braucht es nicht mehr, als sich an die Grundregeln vernünftiger Anlagestrategien zu halten.

Verwandte Artikel