Montag, 19. August 2019

Nanotechnologie Clevere Krümel

Über das Potenzial der neuen Werkstoffe kursieren allerlei utopische Fantasien. Dabei drängen erste Produkte bereits auf den Markt. Nanotechnologien könnten schon bald die nächste industrielle Revolution einleiten.

Irgendwann Anfang dieses Jahres waren smarte Investmentbanker von Merrill Lynch Börsen-Chart zeigen zu dem Schluss gekommen, dass das Jahr 2004 den Durchbruch bringen wird für die Nanotechnologie. Weltweit waren in den Jahren zuvor dutzende Milliarden Dollar in Forschung, Entwicklung und in den Aufbau von Unternehmen geflossen, die sich dieser Zukunftsbranche verschrieben haben. Jetzt standen neue Börsengänge an - bei denen sich ein Unternehmen womöglich als "das nächste Microsoft" entpuppte.

 Nanotechnologie: Über das Potenzial der neuen Werkstoffe kursieren allerlei utopische Fantasien. Dabei drängen erste Produkte bereits auf den Markt. Nanotechnologien könnten schon bald die nächste industrielle Revolution einleiten.
Hans Ulrich Osterwalder
Nanotechnologie: Über das Potenzial der neuen Werkstoffe kursieren allerlei utopische Fantasien. Dabei drängen erste Produkte bereits auf den Markt. Nanotechnologien könnten schon bald die nächste industrielle Revolution einleiten.
Prompt legte Merrill Lynch den ersten Nanotech-Index auf. Immerhin war die Marktkapitalisierung der 25 dort gelisteten Unternehmen in zwölf Monaten um 120 Prozent gestiegen. Doch nach wenigen Wochen stellte sich heraus: Mindestens sieben der Firmen hatten mit Nanotechnologien fast nichts zu tun. Es waren neue kleine Pharmaunternehmen, Hersteller von Laborwerkzeug und von Displays. Merrill Lynch musste den Index gründlich revidieren - eine peinliche Panne.

Typisch Nano: Alle raunen, alle hoffen, alle hypen. Und alle warten auf den großen Durchbruch.

Realität in der Nanotechnologie: Nanoveredelte Gleitflächen mindern Reibungsverluste und lassen Bügeleisen leichter über die Wäsche gleiten. Das verhindert Knitterfalten.
In den Forschungs- und Entwicklungslabors haben sich unter dem Etikett "Nano" eine Menge Ideen zusammengeballt und Substanz gewonnen. Daraus könnte ein Treibsatz entstehen, der ganze Industriezweige in ein neues Zeitalter katapultiert, glauben Experten. Die neuen Technologien, so die Hoffnung, könnten einen Wachstumsschub auslösen, mehr noch: eine ökonomische Revolution.

Die verheißungsvollen Technologien wurzeln in Dimensionen, die nicht einmal mit dem stärksten Lichtmikroskop sichtbar sind. Sie zeigen sich erst unter der Vergrößerung von Raster-Elektronenmikroskopen.

Nanopartikel, so die einzige anerkannte Definition für die Basis der neuen Techniken, sind Krümel mit höchstens 100 Nanometern Durchmesser. Sie sind also maximal ein zehntausendstel Millimeter klein. Auf jeden i-Punkt im Schriftbild dieses Textes passen mindestens eine Million Nanopartikel.

© manager magazin 11/2004
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