Hermann Ebel Von Lüneburg bis Kiribati

Reeder, Kaufmann, Traumschiffeigner - der Hamburger Reeder Hermann Ebel hat viele Rollen. Derzeit vor allem: Günstling der Globalisierung. Denn nirgendwo lässt sich momentan mehr Geld verdienen als auf den Weltmeeren.

Hermann Ebel steht auf, schließt sein Sakko und ist schon draußen. Ein paar Minuten später kehrt er zurück, die Mundwinkel um drei Grad hochgezogen, die Flotte um zwei Tanker reicher. Er hat in Südeuropa zugekauft. Günstig. "Der Verkäufer" - Ebel nippt zufrieden an seinem grünen Tee - "kennt das aktuelle Preisniveau noch nicht." Günstig oder angemessen - wer will das mit Sicherheit sagen bei diesem überdrehten Markt?

Hermann Ebel (55) arbeitet in einer Branche, die derzeit nur eine Richtung kennt: steil nach oben. Angefeuert von der Globalisierung und dem China-Boom, sind Seetransporte gefragt wie nie. Die Fracht- und Charterraten klettern von Höchststand zu Höchststand, Containerriesen und Tanker wechseln zu Rekordpreisen den Besitzer. Herrliche Zeiten für alle, die ihr Geld mit der Reederei verdienen, mit dem Finanzieren, Verchartern und Bauen von Schiffen. Oder mit allem gleichzeitig. Wie Hermann Ebel.

Der Hamburger Unternehmer zählt zu einer neuen Art von Reedern. Eine Art, die vor allem in Deutschland gedeiht. Groß geworden sind diese Mittelständler anfänglich durch Steuersparmodelle. Inzwischen haben sie fast unbemerkt die Herrschaft auf den Weltmeeren übernommen. Keine Nation finanziert und führt heute mehr Containerschiffe als die Deutschen.

Ebel bewirtschaftet eine Flotte von gut 60 Schiffen, die teils Anlegern, teils ihm gehören. Er betreibt ein florierendes Emissionshaus für Schiffsbeteiligungen, besitzt knapp die Hälfte einer chinesischen Werft und gebietet über vier exquisite Kreuzfahrtschiffe.

Wie er das geschafft hat? Sein Naturell dürfte eine große Rolle gespielt haben.

Der Mann gleicht einer perfekten Klimaanlage: nicht zu heiß, nicht zu kalt, und das bisschen Wind ist gut zu ertragen.

Er spricht wohl artikuliert, bewegt sich geschmeidig, vermeidet plumpe Angeberei. Mit seinem kurz getrimmten hellen Vollbart und den markanten Wangenfalten wirkt er wie eine sportliche Version von "Käpt'n Iglo". Die drahtige Statur, dazu der wie von Wind und Wetter leicht gebräunte Teint lassen glauben, Ebel stelle sich zur Not auch mal selbst auf die Brücke. Kurz: Einem wie ihm würde man seine Kinder anvertrauen. Oder sein Geld. "Wenn man ein Geschäft aufmacht", sinniert Ebel, "braucht man entweder Kapital oder das Vertrauen der Banken." Kapital hatte er keines. Da half ihm seine Aura.

Das Steuerparadies zur See

Hermann Ebel stammt aus einfachen Verhältnissen. Er wuchs in Amelinghausen auf, einem kleinen Ort in der Lüneburger Heide. Sein Vater war Holzkaufmann, die Mutter kümmerte sich mit ganzer Kraft um ihre fünf Kinder. Sie alle auf eine weiterführende Schule nach Lüneburg zu schicken, das wäre "undenkbar gewesen", sagt Ebel. Er besuchte die Realschule, lernte Groß- und Außenhandelskaufmann.

Mit Mitte 20 schloss er doch noch ein Studium an, in Hamburg diplomierte er als Betriebswirt. 1977 fing er bei einer Werft in Flensburg an, wurde Finanzchef und Geschäftsführer.

Zwei Dinge sind ihm aus der Zeit im hohen Norden geblieben.

Zum einen die Leidenschaft fürs Segeln; in Glücksburg hat er ein hübsches Boot liegen, 50 Fuß lang, also rund 16 Meter - gerade so groß, dass man es noch mit der Familie steuern kann.

Zum anderen eine Geschäftsidee.

"Die Werften steckten damals in einer schweren Krise", erinnert sich Ebel. Wenn überhaupt, dann wollten Reeder neue Schiffe nur dann bestellen, wenn die Hersteller die Finanzierung übernahmen. Der junge Werftmanager fuchste sich in das Metier ein, bis er schließlich fand, es sei an der Zeit, sein Wissen auf eigene Rechnung zu vermarkten.

1983 gründete er gemeinsam mit einem Partner in Hamburg die Hansa Treuhand. Den Mitstreiter, einen gewissen Harald Block, schweigt er heute tot. Die beiden haben sich offenbar gründlich auseinander gelebt. Ebel, der Eloquente, das Verkaufstalent, brachte das Geschäft voran - mehr als der andere, wie er wohl fand. Bald war er nicht mehr bereit, berichtet ein Insider, beim Gewinn halbe-halbe zu machen. 1999 trennten sich die Partner, Ebel gehört die Firma seither allein.

Hansa Treuhand trieb Finanziers auf, die zuvor nur selten in Schiffe investiert hatten: vermögende Privatleute. Ebel konnte ihnen nach damaligem Recht ein wahres Sparwunder offerieren. Die Zeichner von Schiffsfonds erhielten für die Anfangszeit ihrer Beteiligungen hohe Verlustzuweisungen, die ungemein steuersenkend wirkten.

Auch andere Anbieter entdeckten in dieser Zeit das Steuerparadies zur See, übertrieben das Geschäftsmodell aber. Versprochene Renditen blieben aus, einzelne Fonds gingen gar Pleite. Ebel, sagen Kenner der Szene, blieb korrekt.

Luxus unter Segeln

Mit Geldsammeln hielt er sich nicht auf. Er expandierte in immer neue Facetten des maritimen Gewerbes. So bereedert er die Schiffe inzwischen selbst, entweder über ein Gemeinschaftsunternehmen mit dem Traditionshaus Leonhardt & Blumberg oder über die Hansa Shipping, die er fast ganz besitzt.

Bereedern, das heißt: ein Schiff warten und die Mannschaft stellen. Deutsche Matrosen sind so gut wie ausgestorben. Die Mannschaften kommen heute von den Philippinen oder aus Kiribati, einem Inselstaat in der Südsee. Die kiribatischen Seeleute sind bekannt für ihre Kraft und machen angeblich wenig Kummer mit Alkohol. Und wieder fügt sich bei Ebel eines zum anderen. In seinem Verwaltungshaus an der Elbe sitzt ein Honorarkonsulat der Republik Kiribati, das spart Wege bei den Visa-Formalitäten.

Aus der Konkursmasse der Schiffbaugruppe Bremer Vulkan erwarb er eine 45-Prozent-Beteiligung an der chinesischen Werft Shanghai Edward Shipbuilding.

Zweifel an seinem Verstand nährte er allerdings, als er 1994 Miteigner der "Sea Cloud" wurde, eines Viermast-Seglers, Baujahr 1932, den Ebel auf Luxus-Kreuzfahrten schickte. Inzwischen hat er die Branche überzeugt, dass er keineswegs "die Vergnügungstouren gut betuchter Menschen" subventioniert, wie der Impresario formuliert. Zur "Sea Cloud" kam die "Sea Cloud II" hinzu, es folgten zwei piekfeine Flusskreuzer. Die beiden "River Clouds" sind besonders bei Amerikanern beliebt.

Nur ein Feld lässt der Reeder aus: die Linienschifffahrt, also regelmäßigen Pendelverkehr, etwa zwischen Rotterdam und Hongkong. Den überlässt er den großen Namen der Branche wie Maersk Sealand, P&O Nedlloyd oder Hamburg Süd. Mittelbar ist er trotzdem dabei. Die Linienreeder haben ihre Schiffe meist nur gechartert - bei Hansa Treuhand und Kollegen.

Dosierte Reederfolklore

Etwas Onassisöses wohnt Ebels Werk inne. Seine Aktivitäten sind verwirrend dicht miteinander verwoben. Er kassiert auf allen Ebenen: Gebühren, Provisionen, Pauschalen, Überschüsse. Und die Gewinne aus der Seeschifffahrt sind - zu seiner und der Anleger Freude - so gut wie steuerfrei.

Was der Unternehmer am Ende verdient, bleibt im Dunkeln. Es gibt keine Dachgesellschaft, die seine Geschäfte zusammenfasst und öffentlich bilanziert. Wenig wunder nähme es jedenfalls, fände man ihn demnächst auf einer Liste der reichsten Deutschen, auf den niederen Rängen.

Der Selfmademan bemüht sich, unauffällig zu bleiben. Hermann Ebel und seine Familie - Ehefrau Milena und drei erwachsene Kinder - leben gediegen, aber nicht protzig. "Ein neues Auto", bekennt Ebel, "kaufe ich mir nur alle zehn bis zwölf Jahre."

Der Aufsteiger lässt andere an seinem Wohlstand teilhaben. Gemeinsam mit seiner Frau, die als junges Mädchen aus Kroatien nach Deutschland kam, gründete er ein Hilfswerk für kroatische Bürgerkriegswaisen.

Im Beruf dosiert Ebel die in Hamburg verbreitete Reederfolklore, die leicht ins Versnobte abgleitet. Ein Kontor mit holzgetäfelten Wänden und altenglischem Schreibtisch hat er nur zu Hause; in seinen beiden Büros, an der Binnenalster und am Hafen, geht es moderner zu, von den unvermeidlichen Schiffsmodellen und nautischen Gemälden einmal abgesehen.

Sorgen hat der Glücklichste. Gern würde Ebel seine Kreuzfahrtflotte um ein fünftes Prachtstück erweitern: ein Motorschiff im Stil der 30er Jahre. Die Pläne sind längst fertig, allein: "Die Baupreise", seufzt er, "sind derzeit viel zu hoch." So gesehen, aber nur so, freut sich der Reeder auf die nächste Rezession.

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