Kommentar Heimatliebe statt Herdentrieb

Sie verfolgen das Opel-Drama? Sie sehen mit Sorge, dass VW zu teuer produziert? Sie fragen sich, ob es denn keine Hoffnung mehr gibt für Industriearbeitsplätze in Deutschland? Okay, dann lesen Sie dies.

Wochenlang hatten Siemens-Experten die einzelnen Bereiche des größten deutschen Unternehmens durchforstet. Sie wollten wissen, wo der Konzern Geld verdient. Und sie stellten fest: Je mehr Produktion die Münchener ausgelagert hatten, je geringer die Fertigungstiefe, desto niedriger war in der Regel die Rendite.

Richtig Geld verdiente der Technologiekonzern vor allem da, wo er viel selbst herstellt, also wenig an Zulieferer abgegeben hat. Das Leitbild vom schlanken Unternehmen, das möglichst wenig selbst produziert, löste sich so anhand harter Zahlen in Luft auf.

Das ist gut zu wissen für Siemens , das im Vergleich zu Mitbewerbern eine hohe Wertschöpfung hat. "Selbst machen bringt Profit" ist aber auch eine gute Nachricht für Deutschland. Wenn diese Erkenntnis um sich greift, könnte sie wie ein Wellenbrecher gegen den Verlust von Arbeitsplätzen wirken.

Eine Trendwende ist möglich: Deindustrialisierung, nein danke. Die Lösung kommt nicht aus der Politik, mit ihren meist hilflosen Versuchen, Globalisierung zu regulieren. Sie kommt aus den Betrieben. Da, wo Wirtschaft gemacht wird.

Zugegeben, es spricht noch manches gegen diese hoffnungsvolle Sicht. Das Ergebnis bei Siemens war nicht, dass gerade die deutschen Standorte besonders viel verdienten.

Und repräsentative Studien wie zuletzt vom Münchener Betriebswirtschaftsprofessor Horst Wildemann zeigen vor allem eines: Die deutschen Unternehmen, zumal die wichtigen Maschinenbauer, wollen in den nächsten fünf Jahren weiter Produktion outsourcen, und das häufig ins Ausland, wo die Lohnkosten geringer sind (Offshoring).

Do-it-yourself vor Ort

Der gleiche Befund gilt für die Dienstleister, wo Jobs ins Ausland wandern, die bisher beispielsweise von hiesigen Softwareentwicklern erledigt wurden. Die Arbeitsmarktzahlen - steigende Erwerbslosigkeit trotz Wirtschaftswachstums - sind ein Spiegel dieser Entwicklung.

Warum dann Trendwende? Viele Unternehmen spüren jetzt, dass ihnen die Kontrolle über ihre Produkte entgleitet. Denn mit der Wertschöpfung verlieren sie Kompetenz und Handlungsmöglichkeiten - und einen eventuellen Vorsprung gegenüber den Mitbewerbern.

Es war beispielsweise riskant für die Automobilkonzerne, Elektronik und deren Entwicklung an Zulieferer auszulagern. Denn heute bringt die PC-gesteuerte Technik die entscheidenden Fortschritte; egal ob es um den Motor geht, um die Bremsen oder um die Lenkung.

Toyota  ist nicht deshalb das am dynamischsten wachsende, bestverdienende Automobilunternehmen der Welt geworden, weil es möglichst wenig selbst macht. Im Gegenteil: Bei dem Hybrid-Auto Prius, einem Erfolgsmodell, hat es sogar eine Fertigungstiefe von 70 Prozent. Deutsche Automobilbauer liegen zwischen 20 und 40 Prozent.

Die Erkenntnis, dass man nicht alles nach außen geben darf, kommt für Deutschland zu einer günstigen Zeit. Die Bundesrepublik kann wieder besser konkurrieren. Die durchschnittliche Arbeitszeit pro Beschäftigten steigt im zweiten Jahr, ohne dass die Löhne damit Schritt hielten. Unternehmen von Siemens bis Mercedes-Benz entfalten einen derartigen Druck auf ihre Belegschaft, dass die Lohnstückkosten sinken.

Das gibt vielen Unternehmen wieder die Möglichkeit, vor Ort selbst zu produzieren - so sie, anders als Opel beispielsweise, Markterfolg haben. Sie erhalten eine Chance, der Versuchung, erzeugt auch von damit gut verdienenden Unternehmensberatern, zu widerstehen. Sie können die Chancen und Risiken einer Auslagerung kühl betrachten und sich dann entscheiden, statt nur einer Mode zu folgen. Heimatliebe statt Herdentrieb - wenn es sich rechnet.

Großes Einsparpotenzial

Tatsache ist, dass Outsourcing sich nicht auf die Schnelle rentiert. So dauert es im deutschen Maschinenbau durchschnittlich länger als vier Jahre, bis sich ein derartiger Schritt amortisiert hat.

Außerdem bedeutet es einen Verlust an Freiheit: Je mehr Partner mit im Boot sind, desto schwieriger beispielsweise die kurzfristige Umsteuerung - siehe die Probleme der deutschen Autobauer, die häufig defekte Pkw-Elektronik zum Laufen zu bekommen. Sie werden für die Fehler der Zulieferer vom Kunden verhaftet, können aber wenig tun.

Wer weiter selbst fertigen will, muss allerdings seine Herstellung effizienter gestalten. Die deutschen Ingenieure haben zuletzt viel Zeit für die Modernisierung der Produkte verwendet. Erst in der zweiten Runde wird überlegt, wie sich etwas auch kostengünstig produzieren lässt. Dann ist es oft zu spät.

Bosch-Chef Franz Fehrenbach hat das erkannt; er nimmt deshalb den Produktentwicklern die Planungshoheit. Eine Chance auf Realisierung haben dort nur Innovationen, die sich zu einem festgesetzten Preis realisieren lassen.

Wie groß das Einsparpotenzial sein kann, zeigt der Mischkonzern Linde . Seit zwei Jahren, seit Wolfgang Reitzle dort Chef ist, hat er die Fertigungskosten pro Gabelstapler um zweistellige Prozentsätze gesenkt. Es werden mehr Gleichteile verwendet und weniger Varianten angeboten. 100 Millionen Euro wurden gespart - ohne Auslagerungen.

Klaus Kleinfeld, designierter Siemens-Vorstandsvorsitzender, lässt im Unternehmen nun über die Folgen seiner hausinternen Untersuchung nachdenken. Sämtliche Standorte werden miteinander verglichen. Das Rennen ist wieder offen.

Mehr lesen über

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.