Interview Heiße Luft

Der Nikkei-Index steigt - doch Japans Unternehmen sind nicht gesund.
Von Helmut Rack und Ursula Schwarzer

mm:

Herr Ohmae, würden Sie jetzt japanische Aktien kaufen?

Ohmae: Ich wäre sehr vorsichtig. Ein paar attraktive Papiere gibt es. Aber insgesamt gesehen sind die japanischen Unternehmen nicht gesund.

mm: Dennoch steigt der Nikkei.

Ohmae: Wenn der Nikkei-Index den tatsächlichen Zustand der japanischen Wirtschaft widerspiegeln würde, dürfte er nur bei 15 000 Punkten liegen ...

mm: ... er liegt aber bei 18.000.

Ohmae: Nichts als heiße Luft, glauben Sie mir.

mm: Warum steigen denn die Kurse?

Ohmae: Die internationalen Investoren fürchten, dass der Höhenflug der amerikanischen Aktienkurse bald ein Ende hat. Deshalb schichten sie ihr Portfolio um. Sie verkaufen US-Papiere und legen das Geld unter anderem in Japan an.

mm: Auch die inländischen Anleger investieren in den Nikkei.

Ohmae: Wissen Sie warum? Weil die Menschen Angst haben, dass hier noch mehr Banken zusammenbrechen. Sie räumen ihre Konten ab und kaufen Aktien und Anleihen. Und noch etwas kommt hinzu: Ende der 80er Jahre waren die Zinsen in Japan relativ hoch. Wer damals bei der Postsparkasse ein Festgeldkonto mit zehnjähriger Laufzeit eröffnete, erhielt 4,5 bis 5 Prozent Zinsen. Jetzt laufen diese Verträge aus. Bis zum März übernächsten Jahres werden rund 240 Billionen Yen fällig.

mm: 3600 Milliarden Mark - das kann nicht sein.

Ohmae: Doch. Und die Leute legen das Geld nicht mehr bei der Postsparkasse an, denn die gibt mittlerweile für zehnjährige Festgelder nur noch einen Zinssatz von 0,3 Prozent.

mm: Sie meinen, diese riesige Summe wird in japanische Anleihen und Aktien fließen?

Ohmae: Einiges geht sicherlich ins Ausland. Aber der größte Teil des Kapitals wird an der Tokioter Börse hängen bleiben.

mm: Dann wird der Nikkei noch weiter steigen.

Ohmae: Kurzfristig, ja. Ich warne dennoch. Spätestens im nächsten Frühjahr kommt die große Ernüchterung. Dann müssen alle unsere Aktiengesellschaften nach dem International Accounting Standard bilanzieren. Die Anleger werden dann erstmals sehen, welche gigantischen Pensionsverpflichtungen diese Firmen haben.

mm: Mussten die Unternehmen bislang keine Rückstellungen für die Pensionen bilden?

Ohmae: Nein, nach den bisherigen Regeln war das nicht erforderlich. Fachleute schätzen, dass sich bei den Unternehmen nicht bilanzierte Verbindlichkeiten von insgesamt 1800 Milliarden Mark türmen, für Pensionsverpflichtungen und für Abfindungen.

mm: Warum müssen die Firmen Abfindungen zahlen?

Ohmae: Das hat mit der lebenslangen Festanstellung zu tun. Die Mitarbeiter borgen dem Unternehmen quasi einen Teil des ihnen zustehenden Einkommens. Wenn sie mit 60 Jahren die Firma verlassen, zahlt die ihnen das Geld in einer Summe zurück. Für einen Mann, der gleich nach der Universität bei einem Betrieb angefangen hat, sind das um die 500 000 Mark.

mm: Was kommt da auf die einzelnen Unternehmen zu?

Ohmae: Nehmen wir Toyota. Der Konzern muss im laufenden Geschäftsjahr für Pensionen und Abfindungen etwa sieben Milliarden Mark zurückstellen.

mm: Toyota ist ein reiches Unternehmen, das kann einen solchen Betrag stemmen. Aber was machen die vielen Unternehmen, die ohnehin schon von Schulden erdrückt werden und tiefrote Zahlen schreiben?

Ohmae: Keiner hier in Japan weiß, wie mit diesem gigantischen Problem umzugehen ist. Sicher ist nur, dass die internationalen Ratingagenturen die japanischen Unternehmen angesichts dieser zusätzlichen Belastung noch weiter herunterstufen werden. Ich schätze mal, dass nur ein Fünftel der Firmen in Ordnung ist. Dazu gehören zum Beispiel Honda und Hitachi, sie haben die entsprechenden Rückstellungen längst gemacht. Und dazu gehören auch die ganz jungen Firmen, die noch keine hohen Pensionsverpflichtungen haben.

mm: Entgegen der Erwartung vieler Fachleute ist Japans Wirtschaft im ersten Quartal dieses Jahres um 1,9 Prozent gewachsen. Wird das Land nach so langer Rezession endlich den Aufschwung schaffen?

Ohmae: Das sehe ich noch nicht. Der private Konsum ist ein bisschen gestiegen, der Export auch. Aber etwa die Hälfte von diesen 1,9 Prozent haben wir mit unseren Steuergeldern bezahlt. Es waren im Wesentlichen die staatlichen Ankurbelungsprogramme, die der Wirtschaft den Schub gaben.

mm: Seit Jahren pumpt die Regierung Milliarden über Milliarden in die Wirtschaft. Wie lange kann sich das der Staat noch leisten?

Ohmae: Unser Land ist mittlerweile derart verschuldet, dass die Regierung dieses Rad unmöglich weiterdrehen kann. Jedes Kind, das in Japan zur Welt kommt, hat schon 180 000 Mark Schulden. Der Staat ist längst bankrott.

mm: Wie wird es mit der japanischen Wirtschaft weitergehen?

Ohmae: Die Regierung hat über Jahrzehnte hinweg schwache Industrien geschützt und Japan nach außen abgeschottet. Das ändert sich jetzt. Das Land öffnet sich, und die Unternehmen stecken mitten in einer tiefgreifenden Restrukturierung. Bis diese Phase abgeschlossen ist, werden wir noch allerhand durchmachen. Die Arbeitslosigkeit wird zweistellige Höhen erreichen. Ich glaube, die Wirtschaft wird erst wieder in vier, fünf Jahren richtig Tritt fassen.

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