Schuhwerker Leder-Fetisch

Benjamin Klemann baut vor den Toren Hamburgs Maßschuhe von Hand nach alter Väter Sitte. Und verrät, was man(ager) über Sein und Schein vertretbarer Treter wissen muss.

Wie soll einer ahnen, der zwischen Kiefernwald und Kuhkoppeln der Autobahn von Hamburg nach Berlin folgt, welche Wunderwesen sich in den verdösten Käffern jenseits der Leitplanken finden? Ein leibhaftiger Literaturnobelpreisträger in Behlendorf etwa, die fidele Nachfahrenschaft des bärbeißigen Reichsgründers in Friedrichsruh. Oder ein Enno Freiherr von Ruffin samt Gattin, der sangesfrohen Vicky Leandros, in Basthorst.

In diesem Nest - Reetdachkaten, schmiedeeiserne Straßenschilder - stößt der Findige überdies auf Deutschlands womöglich erstaunlichsten Handwerksbetrieb.

Am Kirchhof vorbei Richtung Gutshof steht gegenüber dem Dorfteich rechter Hand ein Klinkerbau, hinter dessen großer Glasfront drei junge Schuhmacher ihrem Gewerbe nachgehen.

Angeleitet werden sie von Benjamin Klemann. Der hagere 44-Jährige, wettergegerbte Züge, langes gelocktes Haar, hat sich 1990 hier niedergelassen. Er fertigt, assistiert von seiner Frau Margrit sowie zwei Gesellen und den Söhnen Vincent und Lennart, die beim Vater in die Lehre gehen, Schuhwerk der Extraklasse. Nach Maß, von Hand - für eine erwählte Kundschaft.

Der Maßschuhmacher arbeitet für Banker und Berater, für Manager und Werber, für Mediziner und Architekten. Aus Hamburg und Düsseldorf, Berlin und Darmstadt, London und Tokio kommen die Kunden.

"Diese Menschen haben Spaß an Schuhen, die wollen vor allem schöne Treter", sagt Benjamin Klemann. Ein Regal mit Musterschuhen im Anproberaum neben der Werkstatt präsentiert, was er meint: Oxford-, Budapester-, Derby- und Monk-Modelle, mal aus braunem, mal aus grünem, mal aus rotem Leder. Oder honiggelb aus der genoppten Haut des Straußenvogels. Hoch lebe der Bunt-Schuh?

Minimalausstattung für Manager

"70 bis 80 Prozent aller Schuhe, die wir bauen, sind schwarz", besänftigt Klemann. Farben würden aber immer häufiger nachgefragt, seit die Italiener das vormachten. Ebenso sei es mit exotischen Häuten. Nur, auch hier gilt: "Brot und Butter ist das gute alte Kalbsleder."

Der Spaß an schönen Schuhen ist freilich nicht geizgeil zu haben. Er beginnt bei 1350 Euro das Paar, hinzu kommen bei der Erstanfertigung 260 Euro für den Leisten, der nach einem aufwändigen Messverfahren hergestellt wird und für jedes weitere Paar Schuhe zur Verfügung steht.

Die Minimalausstattung für den Manager, so sieht es Klemann, besteht aus fünf bis sieben Paar Schuhen: zwei Paar Oxford-Modelle fürs Geschäft, ein Paar lackglänzende Smoking-Schuhe fürs Fest, für die Freizeit einen Derby und einen Loafer. Dazu natürlich die Golfschuhe für den Golfer, die Wanderschuhe für den Naturfreund. Eine stattliche Investition, die aber lohnt: Würden die Handgemachten nämlich anständig gepflegt, "braucht man nie wieder Schuhe zu kaufen", verspricht Klemann.

Die Haltbarkeit verdankt sich dem hohen Arbeitsaufwand. 30 Arbeitsstunden stecken in so einem Paar bei der Erstanfertigung (samt Datenerfassung und Leistenanfertigung), bei der Nachlieferung aber auch immer noch, je nach Ausführung, 16 bis 20 Arbeitsstunden.

Handwerk: Mit scharfen Messern und spitzen Orten geht Klemann dem Leder zu Leibe, ...

Handwerk: Mit scharfen Messern und spitzen Orten geht Klemann dem Leder zu Leibe, ...

Foto: Martin Luther
... zwickt den Schaft über den Leisten, ...

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Foto: Martin Luther
... den er zuvor nach dem Fuß des Kunden geformt hat

... den er zuvor nach dem Fuß des Kunden geformt hat

Foto: Martin Luther


Das Handwerk
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"Der rahmengenähte Schuh, wie wir ihn herstellen", sagt Klemann, "ist seit 1494 dokumentiert." Anders als in den Fabriken kommen bei ihm für die Schäfte nur Erste-Klasse-Leder aus dem Croupon der Häute in Frage. Sohle und Brandsohle werden noch mit Holzstiften verbunden, nicht getackert, sondern mit dem Hammer Stück für Stück eingeschlagen. Und die Nähte des Rahmens Schlaufe für Schlaufe durch die von Hand vorgestochenen Löcher geführt. "Einen Rahmen aufzunähen", so Klemann, "dauert bei einem geübten Gesellen allein über eine Stunde."

Eitelkeiten der Schuhwerker

Anders als bei Fabrikschuhen werden hier die so genannten Risslippen, in denen die Nähte unter der Laufsohle verlaufen, auch wieder verschlossen. Bei den großen britischen Manufakturen wie Edward Green und John Lobb sind sie selbstverständlich unsichtbar, weiß Klemann, nur der deutsche Kunde hält die offene Naht für den Qualitätsausweis eines rahmengenähten Schuhs.

Neben solidem Handwerk kann der Schuhmacher aber auch wahre Wunder vollbringen und die kleinen Malaisen seiner Kunden ausgleichen. Der eine, ein Werftenmanager, hat sich auf weiten Wegen über die Piere seine Füße platt getreten - Klemann hilft mit einem speziellen Fußbett. Ein Zweiter, Marketingmann von Beruf, leidet an einer Beinverkürzung - Klemann hat den Unterschied mit einer erhöhten Ferse ausgeglichen. Und einem dritten, gerade mal 1,59 Meter messenden Manager hat er - ohne ihm Klotzabsätze zu verpassen, sondern ganz und gar unauffällig - zu fünf Zentimetern mehr Körpergröße verholfen.

Womit wir endgültig bei den Eitelkeiten angelangt wären. Der Schuhmacher zieht eine Damenstiefelette aus dem Regal. Raues Oberleder, pechschwarz, vom Hai. Auch die Häute von Karpfen aus Island und Krokodilen aus Florida verarbeitet Klemann zu Schuhen. Zu Füßen seiner blonden Frau, die gerade die Blätter für ein Paar Cowboystiefel zurechtschneidet, wölbt sich grobnarbiges graues Leder, Elefantenhaut.

"Wir sind darauf spezialisiert, Exoten zu verarbeiten", sagt der Schuhwerker. "Das macht nicht jeder und ist auch nicht ganz einfach."

Er zieht eine rote Lederrolle von ganz unten aus dem Lederlager, geschmeidiges Material mit metallisch fester Oberfläche. Russisches Juchten, erzählt er, gegerbt vor 220 Jahren und verschifft in St. Petersburg, 1786 sei die Ware mit einem Frachtsegler vor der englischen Südküste auf Grund gegangen, jetzt werde sie von Tauchern Haut für Haut aus dem erhaltenen Rumpf geholt und vom Schiffseigner - dem Duke of Cornwall, zugleich Prince of Wales, Charles mit Namen - an nur sieben Lederhandwerker weltweit verteilt: vier Täschner und drei Schuhmacher, einen in London, einen in Florenz und einen eben in Basthorst bei Hamburg.

Die klassischen Schuhmodelle

Das Besondere an der Ware sind nicht allein das Alter und die feuchte Herkunft - das echte Juchtenleder, aus dem einst die Stiefel der Kosaken gefertigt waren, gibt es heute nicht mehr. Die Rezeptur für die Gerbung ist mit der Oktoberrevolution in Russland untergegangen.

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Kurze Warenkunde: Die klassischen Schuhmodelle
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Die gute Beziehung zum englischen Königshaus verdankt Klemann einer besonderen Wendung seines Werdegangs. Schwankend zwischen einem Studium der Sinologie und einem Handwerk, entschied sich der Abiturient von der Nordseeinsel Föhr für die Schuhmacherei.

Als junger Mann verbrachte er seine Lehr- und Gesellenjahre bei Meister Julius Harai, jenem legendären Schuhmacher im holsteinischen Neumünster, der den Schuhbedarf der bundesdeutschen Nachkriegseliten deckte, vom Bundespräsidenten Walter Scheel über den Pudding-Dynasten Rudolf August Oetker bis hin zum Erz-Komiker Heinz Erhardt.

"Bei Harai ging es zu wie im Kloster", erinnert sich Klemann. "Die Angestellten durften während der Arbeit nicht miteinander reden, nur das Wort an den Meister war erlaubt und Radiohören verboten."

Dennoch kein schlechter Start, zumal Harai ihn schon als seinen Nachfolger gesehen habe. Aber den Nachwuchsschuhmacher zog es in die weite Welt. Die Wanderjahre brachten ihn nach London, wo er als freischaffender Schuhmacher für die besten Adressen des Königreichs arbeitete, darunter den Hoflieferanten des Herrscherhauses, John Lobb. Ein Türöffner sicher auch zu jenem verwunschenen Lederschatz am Grunde des Ärmelkanals. Doch derlei Lederpreziosen gibt es nur für einige wenige.

Aber auch für den Kunden der Konfektionshäuser gebe es eine goldene Regel beim Schuhkauf, erklärt Klemann. Wer Qualität wolle, dürfe niemals Schuhe unter 250 Euro kaufen. "Und die sollten dann auch noch heruntergesetzt sein."

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