Dienstag, 21. Mai 2019

Brasilien Wundersame Wandlung

Seit Jahrzehnten taumelt Brasilien von einer Krise zur anderen. Doch nun tut sich Erstaunliches in Politik und Wirtschaft. Experten sagen dem Riesenreich eine blühende Zukunft voraus.

Karlheinz Pohlmann steckt in einer verzwickten Situation. Seine Metallfabrik Brasimet in São Paulo kann die Flut von Aufträgen kaum mehr bewältigen. Vor den Fließbändern stehen Körbe voll mit Einfüllstutzen für Benzintanks und Kompressoren für Kühlschränke. Die Teile müssten längst ausgeliefert sein, doch die Arbeiterinnen kommen mit dem Löten der Rohlinge nicht nach.

Voll ausgelastet: Die Metallfabriken - unter anderem in São Paulo - erleben einen enormen Zuwachs
Schon seit einem Jahr ringt Pohlmann mit sich selbst. Würde er die Kapazitäten ausbauen, könnte Brasimet "einen großen Satz nach vorn machen". Aber rechnet sich die Investition wirklich? 18 Prozent Zinsen müsste seine grundsolide Firma an die Banken zahlen - und das in einer Situation, in der keiner weiß, wie sich die Konjunktur entwickeln wird.

Brasiliens Unternehmer sind derzeit hin- und hergerissen - zwischen Chance und Risiko, zwischen Hoffen und Bangen. Obwohl die Nachfrage anzieht und lohnende Geschäfte locken, zweifelt so mancher an einem dauerhaften Hoch.

Dabei gibt es durchaus Grund für Optimismus. "Die makroökonomischen Bedingungen sind fantastisch. In den nächsten Jahren wird die Wirtschaft um durchschnittlich 4 Prozent wachsen", schwärmt Ben van Schaik, bis vor kurzem Chef von DaimlerChrysler Börsen-Chart zeigen do Brasil und Präsident der deutsch-brasilianischen Industrie- und Handelskammer.

Die Analysten von Goldman Sachs Börsen-Chart zeigen setzen noch eins obendrauf. Sie glauben, dass Brasilien 2025 ein größeres Sozialprodukt als Italien erwirtschaften kann. Bis 2036 werde das Land selbst Frankreich und Deutschland überflügeln.

Man mag sie gern glauben, die rosigen Prognosen. Immerhin ist das Riesenreich, dessen Fläche etwa der doppelten Größe Europas entspricht, mit schier unerschöpflichen Reserven an Rohstoffen und Ackerland gesegnet. Und es verfügt über eine ausbaufähige industrielle Basis.

Schätze, die Brasilien lange nicht zu heben wusste. Militärdiktatoren hatten über 20 Jahre hinweg die Marktkräfte ausgeschaltet. Erst 1989 begannen demokratisch gewählte Politiker mit der Liberalisierung. Sie verringerten die Importzölle, privatisierten die meisten Staatsmonopole und führten eine frei konvertierbare Währung ein. Gleichwohl erschütterten immer wieder Krisen und Hyperinflation die Wirtschaft.

© manager magazin 10/2004
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