Datenhandys Kampf der Systeme

Zwischen Nokia und Microsoft tobt ein Glaubenskrieg. Nach dem lausigen Start mit Windows-Handys drängt Softwareriese Microsoft in das Zukunftsgeschäft mit anspruchsvollen Datentelefonen. Handy-Gigant Nokia muss höllisch aufpassen.
Von Eva Müller und Anne Preissner

Nokia-Chef Jorma Ollila (54) ist sich seiner Sache sicher: Eine Milliarde Handy-Nutzer können nicht irren. Nicht minder siegesgewiss gibt sich Microsoft-CEO Steve Ballmer (48): Abermillionen PC-Besitzer stehen auf Windows.

Zwischen dem Handy-Giganten und dem Softwareriesen tobt ein Glaubenskrieg. Welche Software eignet sich besser für die Mobiltelefone der nächsten Generation? Laufen die Datenhandys demnächst mit Windows von Microsoft  oder mit dem von Nokia  favorisierten Betriebssystem Symbian?

In den kommenden drei Jahren entscheidet sich die Schlacht um einen der wichtigsten Technologiemärkte der Zukunft - die so genannten Smartphones. Es geht um einen Milliardenmarkt.

Von den 650 Millionen Mobiltelefonen, die dieses Jahr voraussichtlich abgesetzt werden, sind zwar erst 20 Millionen solche Zwitter aus Handy und Computer. Doch bereits 2007 sollen 50 Prozent aller verkauften Handys mobile Mini-PC mit integriertem Telefon sein, prognostizieren die Marktforscher von Canalys.

Microsoft wittert gewaltige Wachstumschancen. Endlich mal wieder ein Geschäft, in dem der Softwaremonopolist sein Imperium mit dicken zweistelligen Raten vergrößern kann. Seit der Markt für PC-Software kaum noch Dynamik aufweist, suchen die Redmonder fieberhaft nach neuen Expansionsfeldern.

"Jeder, der mit einem Computer arbeitet, kann ein Smartphone mit Windows Mobile problemlos bedienen", preist Thomas Aufermann das neue Produkt der Gates-Company. Der Leiter der deutschen Microsoft-Mobil-Division setzt auf den Gewöhnungseffekt. Das E-Mail-Programm Outlook oder das Abspielen von Videos funktioniere auf dem Handy genauso simpel wie am PC.

Die Strategien der Konkurrenten

"Quatsch", wehrt Nokia-Marketingmanager Timo Poikolainen ab: "Die Leute wollen auch ein Smartphone so bedienen wie ihr herkömmliches Handy - und nicht umständlich wie einen Computer." Windows mit seinen unzähligen Icons und der komplizierten Logik eigne sich nicht für die kleinen Geräte. Die vielen Symbole passten gar nicht auf das Display, und außerdem fresse das mächtige System viel zu viel Strom.

Microsoft gegen Nokia. Die Strategien im Kampf um den Zukunftsmarkt könnten unterschiedlicher nicht sein. Während die Amerikaner nun auch die mobile Welt mit ihrem Stammsystem Windows dominieren wollen, setzen die Finnen auf die Kooperation mit anderen Herstellern.

1998 gründete Nokia in London das Joint Venture Symbian. An dem Softwarehaus hält der Marktführer heute 47,9 Prozent; daneben sind Siemens , Samsung , SonyEricsson und Panasonic beteiligt. Gemeinsam basteln die Unternehmen an einer offenen Programmplattform für Smartphones. Symbian baut auf der gewohnten Bedienungslogik von Nokia auf und ist für die begrenzte Batterieleistung und Speicherfähigkeit der Mobiltelefone optimiert.

Im Gegensatz zur Gates-Company, die ausschließlich an den hohen Lizenzgebühren verdient, verlangt Symbian für sein Produkt nur wenig Geld. Ähnlich wie die Linux-Bewegung will das Gemeinschaftsunternehmen einen Standard bereitstellen, der allen Interessenten offen steht.

Bislang ging das Konzept auf. Schon bald die Hälfte aller Hersteller avancierter Smartphones und Handhelds setzt Symbian ein. Rund 1,4 Millionen Entwickler tüfteln mit dem Basisprogramm an neuen Diensten.

Microsoft hingegen konnte seinen Marktanteil bei Betriebssystemen für Smartphones und Handhelds im zweiten Quartal 2004 lediglich um 0,3 auf 22,9 Prozent steigern. Wahrlich kein Blockbuster für das reichste Unternehmen der Welt, das sich seit Jahren im Mobilfunkgeschäft abmüht.

Microsofts Startschwierigkeiten

Alle großen Mobilfunkbetreiber halten sich noch mit dem Ordern von Windows-Mobiltelefonen zurück. Denn das größte Softwarehaus der Welt tat sich bisher extrem schwer, sein monströses Hauptprodukt auf ein handykompatibles Format zu schrumpfen.

Das erste Modell mit Windows kam erst Ende 2002 mit einem Jahr Verspätung auf den Markt. Das Gerät wies so viele technische Mängel auf, dass sich nur wenige hunderttausend Käufer dafür erwärmen konnten.

Auch ein mit großem Tamtam angekündigter Deal mit T-Mobile scheiterte 2003 zunächst am Murks von Microsoft . Die Amerikaner sollten für den deutschen Primus ein exklusives Handy entwickeln. Doch erst im Oktober wird T-Mobile ihr erstes Windows-Handy auf den Markt bringen.

Abschreiben sollte Nokia-Chef Ollila die Gates-Truppe dennoch nicht. Die Loyalität der anderen Hersteller gegenüber Symbian ist keineswegs garantiert.

Motorola  scherte im August vergangenen Jahres aus der Symbian-Allianz aus, weil den Amerikanern Nokia  zu dominant erschien. Seither fährt der zweitgrößte Handy-Bauer der Welt eine Doppelstrategie: Er offeriert sowohl Windows- als auch Symbian-Geräte.

Der koreanische Hersteller Samsung  will sich ebenfalls nicht ausschließlich auf Symbian verlassen. Der immerhin drittgrößte Handy-Anbieter wird voraussichtlich noch in diesem Jahr ein Windows-Gerät mit großem Display und Touchscreen präsentieren.

Das so genannte Mobile Intelligent Terminal (MIT) ist allerdings nicht für das Massenpublikum vorgesehen, sondern soll im medizinischen Bereich eingesetzt werden. Mit Hilfe des MIT sollen Ärzte Risikopatienten überwachen.

Warum der Markt entscheiden soll

"Wir werden Symbian-, Microsoft-, aber auch Linux-Software auf unseren Geräten einsetzen", sagt Dietmar Hundertmark, verantwortlich für das Handy-Geschäft von Samsung in Deutschland. "Der Markt soll dann entscheiden, welchem System er den Vorzug gibt."

Microsoft, der Newcomer aus dem Datenuniversum, oder Nokia, der unangefochtene Handy-Champion - der Kampf um den Smartphone-Markt geht in die entscheidende Phase.

"Wer das Geschäft mit den mobilen Datendiensten vorantreibt, der wird auch die Software liefern", sagt Microsoft-Manager Aufermann. Klar, dass er sein Unternehmen als attraktivsten Partner für die Handy-Hersteller und Telefongesellschaften sieht. Schließlich beschäftige sich das Softwareunternehmen seit seiner Gründung mit nichts anderem als Informationstechnologie.

Die Nokia-Front hingegen ist fest davon überzeugt, dass die möglichst einfache Handhabung von Datendiensten der Schlüssel zum Erfolg ist. Noch geben die Finnen vor, wie der normale Handy-Nutzer seine Fotos verschickt und seine Mails abruft.

Wie lange noch? Der Fehlstart von Microsoft bedeutet noch keineswegs, dass das Rennen bereits entschieden ist. Einen Anteil am lukrativen Smartphone-Geschäft wird sich der Softwaregigant mit seinen unerschöpflichen Finanzreserven sicher schnappen. Für ein zweites Monopol aber wird es wohl nicht reichen.

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