Recruiting "Fighting for the pole position"

50 Topstudenten, eine Fallstudie und ein Luxushotel am Lago Maggiore - Roland Berger zeigt, wie man Nachwuchs wirbt, ohne es zuzugeben.

Thomas Sedran sitzt am Pool und erklärt, wie er sich den perfekten Unternehmensberater vorstellt. Vor einer halben Stunde hat jemand gesagt, dass jetzt der "fun part" beginne, und deshalb hat Sedran jetzt keinen Anzug mehr an, sondern ein Hemd mit rosa Streifen und eine weiße Leinenhose, in der er ein bisschen aussieht wie der Kapitän vom "Traumschiff".

Sedran (39) ist Partner bei der Strategieberatung Roland Berger und Leiter der Automotiveabteilung. Er sagt, was Berater gern sagen. Dass sie Teamplayer suchen, leistungsbereit, kreativ, analytisch. Welche Eigenschaft ist eigentlich am schwierigsten zu finden? "Twentyfour/seven", sagt Sedran. Er meint die Bereitschaft, zur Not 24 Stunden und 7 Tage die Woche zu arbeiten.

Sedran weiß, was er verlangt, er hat selbst fünf Kinder. Er weiß auch, dass viele Absolventen lieber in die Industrie gehen, wegen der "Work-Life-Balance". "Dabei sind auch bei den Beratungen die Wochenenden meistens frei", betont Sedran. Dennoch: Wer früher zwischen Berger und McKinsey schwankte, wählt jetzt eher zwischen Beratung und BMW . Sedran sagt: "Unser Beruf hat in den letzten Jahren etwas an Glamour verloren."

Deshalb sitzt er jetzt ja auch hier und schaut auf die Kähne, die über den Lago Maggiore tuckern. 50 Top-Studenten hat Roland Berger zu "topics 2004" ins Fünf-Sterne-Haus "Grand Hotel des Iles Borromées" eingeladen. Das Belle-Époque-Gebäude liegt direkt am See, im Speisesaal hängen Kronleuchter, die Zimmerwände sind mit Holzintarsien ausgelegt. Weil sogar ein leibhaftiger Scheich gerade hier Station macht, stehen vor der Einfahrt die Carabinieri.

Die "topics"-Teilnehmer haben kaum einen Blick für den Luxus. Auf sie wartet harte Arbeit. In drei Tagen muss eine simulierte Berateraufgabe gelöst werden: Die Studenten sollen ein Konzept für einen Kleinwagen entwickeln. Er soll um die 7000 Euro kosten und die Wunderwaffe gegen asiatische Billigautos sein. An dieser Aufgabe arbeiten derzeit auch die echten Berger-Berater - für Fiat . Konzernchef Herbert Demel ist sogar eigens an den Lago gereist, um zu schauen, ob die Studenten vielleicht doch die besseren Ideen haben.

Strategieplausch über Daimler & Co.

Die Teilnehmerliste liest sich wie das "Who's who?" der Wirtschaftsunis: Harvard Business School, WHU, Insead. Der jüngste Teilnehmer ist Jahrgang 1984, der älteste Jahrgang 1972. Sie alle sind "High Potentials", und das heißt: Sie tragen Anzüge, Schlips und Hemden mit Manschettenknöpfen, obwohl es schwül ist und die Menschen unten am Seestrand in der Sonne braten.

Sie sitzen mit ihren Laptops und Taschenrechnern zusammen und diskutieren, ob man das Auto mit einem kostenlosen Reparaturservice vermarkten soll und ob die Frontpartie besser seriös oder wie ein lachendes Kindergesicht aussieht. Viele verzichten auf die Mittagspause, um schnell noch mal die Vertriebsstrategie oder die Produktionskosten durchzugehen.

Die "High Pos" sind ehrgeizig, intelligent und extrem fokussiert. Sie sind der Traum der Personalchefs. Sie sind auch Thomas Sedrans Traum. Sein Problem ist, dass sie das genau wissen. "Längst nicht alle hier suchen verbissen einen Job", sagt Christian Rebhan von der Münchener Ludwig-Maximilians-Universität, "ich möchte Roland Berger einfach mal kennen lernen." Rebhan studiert Medizin, die Berührungspunkte mit der Beratung findet er "spannend". Roland Berger hat er ausgesucht, weil "die in München eine feste Größe sind". Aber natürlich will er sich noch andere Beratungen ansehen.

So wie Manuel Sojer, der in Regensburg Wirtschaftsinformatik studiert. Vergangenen Herbst war Sojer mit McKinsey in Miami, mit A.T. Kearney verbrachte er ein Wochenende in Österreich. Nun eben mit Roland Berger am Lago Maggiore.

Man könnte Rebhan und Sojer als Bewerbungstouristen bezeichnen - nur dass sie nicht am Pool liegen und Cocktails schlürfen. Der Tennisplatz, das Panorama, die sieben Golfplätze in der Umgebung sind ihnen schnuppe. Zumindest bis Sonntag, wenn der Fall gelöst ist.

Natürlich sei "Spaß ein wichtiger Punkt", sagt Sojer. Aber Spaß mache doch vor allem das gemeinsame Lösen von Problemen, das Diskutieren mit Gleichgesinnten auf hohem Level, die intellektuelle Herausforderung. Auch am Abend, bei Risotto und Rucola im idyllischen Restaurant auf einer Seeinsel, beim Pils in der Freiluftdisco drehen sich die Gespräche weiter um die besten Praktika, die cleverste Strategie für Daimler , Siemens  und Co. "Hier kann ich beim Bier von Insidern etwas über die Roland-Berger-Kultur erfahren und ein paar Visitenkarten tauschen", sagt Sojer, "aber ein Vorstellungsgespräch hätte ich wahrscheinlich auch anders bekommen."

"Der 'war for talents' war nie vorbei"

Die Berger-Berater wissen, dass Sojer Recht hat. Die Machtverhältnisse zwischen gut ausgebildeten Bewerbern und Wirtschaft haben sich verschoben. Zwar sind die wilden Zeiten der New Economy vorbei, als die Beratungen beinahe jeden nahmen, der einen Bleistift halten konnte.

Aber Entwarnung will in der Branche keiner geben: Fast alle Unternehmensberater brauchen mehr Leute. Allein Roland Berger will weltweit jährlich 200 neue Berater einstellen. Und bald kommen die geburtenschwachen Jahrgänge. Sedran sagt: "Im Grunde war der 'war for talents' nie vorbei."

Um nicht blöd dazustehen, wenn die High-Pos vom Lago Maggiore dann schließlich doch bei Goldman Sachs  oder Bain unterschreiben, hat man sich bei Roland Berger einen netten Trick ausgedacht: "topics" ist kein Recruiting-Event im klassischen Sinn", sagt Sedran und nimmt einen kräftigen Schluck Perrier. Vielmehr gehe es um Markenförderung, um Multiplikatoren an den Topunis, um Imagebildung. "Solche Veranstaltungen gibt es schon lange bei Roland Berger", sagt Sedran, "mit der aktuellen Lage hat das nichts zu tun." Letztes Jahr lud Berger in ein Wasserschloss bei Amsterdam, davor wurde das Image in Lissabon gefördert.

Die Manager von Fiat allerdings, die sich am Ende die Ergebnisse präsentieren lassen, sind da viel pragmatischer. Fiat-Chef Herbert Demel macht ordentlich Werbung für seinen Konzern. Und es ist ein offenes Geheimnis, dass die Fiat-Männer sich die Teilnehmer ganz genau ansehen.

Na ja, sagt Sedran später im kleinen Kreis, wenn er jemanden gut findet, dann gibt er ihm natürlich auch seine Telefonnummer oder schickt mal eine Mail. Klassisches Recruiting hin oder her: Am Ende landet schließlich doch etwa jeder zehnte Teilnehmer bei Roland Berger.

Das muss sich irgendwie herumgesprochen haben. Denn obwohl hier offiziell niemand auf Jobsuche ist, versucht jeder, sich zu profilieren. Notfalls auf Kosten der anderen. Als die Arbeitsgruppen sich am Abend ihr Feedback abholen, gibt es eine Menge Lob. Aber: "Kein Team hat eine Lösung gefunden, die sofort implementiert werden könnte", sagt Sedran.

Nicht, dass er das in der kurzen Zeit erwartet hätte. Aber eine Sache, so Sedran, habe die Effizienz doch sehr gestört: Die Hahnenkämpfe und Konkurrenz um die Wortführerschaft. "Fighting for the pole position", nennt Sedran das. Und er kennt auch den Grund: "Die Studenten glauben, wer sich hier nicht als Leader positioniert, der ist weg vom Roland-Berger-Schirm."

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