Hedgefonds Reichlich fauler Zauber

Die als Wunderwaffen der Kapitalmärkte angepriesenen Hedgefonds-Konstrukte finden bei Anlegern reißenden Absatz. Doch Enttäuschungen sind programmiert - die Anbieter werden ihre Versprechen kaum halten können.
Von Ulric Papendick

Wenn die Werbebotschaften der Finanzbranche stimmen, dann hat Greg Baker einen der faszinierendsten Jobs überhaupt. Der Mann ist Hedgefonds-Manager, einer jener Finanzakrobaten also, deren besondere Fähigkeiten schwerreichen Investoren rund um den Globus traumhafte Renditen bescheren sollen.

Die Wirklichkeit sieht etwas profaner aus. Baker rast nicht per Lear-Jet von Unternehmen zu Unternehmen, um aussichtsreiche Aktien aufzuspüren; er nimmt auch keine Vorstände ins Kreuzverhör, um durch geschickte Fragen Schwachstellen in den Konzernbilanzen zu erkennen und überteuerte Papiere blitzschnell zu verkaufen.

Baker analysiert Wandelanleihen. Mit Computermodellen berechnet der Mitarbeiter der Investmentgesellschaft Pioneer, wie sich der Börsenkurs der in Aktien eintauschbaren Zinspapiere entwickeln dürfte, um minimale Bewertungsdifferenzen auszunutzen. Ein mühseliges Klein-Klein am Taschenrechner, mit dem Baker im vergangenen Jahr eine bescheidene Rendite von gerade mal etwas über 5 Prozent schaffte.

Eine Ausnahme? Ein Neuling in der Branche, mangels Erfahrung zu wenig lukrativen Hilfstätigkeiten abgestellt? Von wegen.

Baker, der seinen Job im irischen Dublin verrichtet, hat 16 Jahre Berufserfahrung. Der gebürtige Australier arbeitete für die Deutsche Bank  in Sydney und für große japanische Broker in Hongkong. Er kennt das Geschäft. Und deshalb weiß er: 5 Prozent Rendite waren im vergangenen Jahr ein ziemlich respektables Resultat.

Mit den vollmundigen Versprechungen der Geldhäuser verträgt sich diese Botschaft allerdings schlecht. "Die neue Freiheit", "börsenunabhängig profitieren", "den Horizont erweitern" - Hedgefonds, so suggerieren es die Verkaufsprospekte der Investmentgesellschaften, sind die moderne Wunderwaffe der Kapitalmärkte. Ein Investment, das seinesgleichen sucht: Völlig losgelöst von den Gesetzen des Kapitalmarkts, seien Hedgefonds in der Lage, in jeder Börsensituation hohe Gewinne zu erwirtschaften.

Siegeszug ohnegleichen

Es ist also wenig verwunderlich, dass die Finanzalchimisten seit dem Platzen der Börsenblase vor vier Jahren einen Siegeszug ohnegleichen angetreten haben. Eine Billion Dollar pumpten Investoren rund um den Globus bereits in Hedgefonds; in drei Jahren, so Schätzungen, wird sich diese Summe verdreifacht haben.

In Deutschland, wo die alternative Anlageform erst seit Anfang des Jahres offiziell zugelassen ist, bahnt sich eine regelrechte Hysterie an. Während die Anleger immer weniger Ersparnisse in die Klassiker der Investmentbranche - Aktien-, Renten-, Geldmarktfonds - stecken, vermelden Hedgefonds kräftige Geldzuflüsse.

Den deutschen Investmentgesellschaften, die mittlerweile nahezu flächendeckend die neuartigen Konstrukte anbieten, ist der Zulauf nur recht. Kein anderes Produkt ist für die Fondsindustrie derart lukrativ. Und kaum ein anderes Investmentvehikel ist für die Anleger so teuer. Bis zu 10 Prozent des Anlagevermögens und manchmal noch deutlich mehr kassieren die Anbieter an Ausgabeaufschlägen, Verwaltungsgebühren und für die Erfolgsbeteiligung der Fondsmanager.

Sind die hochkomplexen Hedge-Konstruktionen tatsächlich so viel Geld wert?

Die Antwort, das zeigt eine Analyse der zurzeit in Deutschland offerierten Produkte, lautet eindeutig nein. Bis zum Anschlag mit Kosten belastet, zum Teil von Fondsmanagern ohne Erfahrung verwaltet, mit erheblichen Risiken beladen und bis dato ohne überzeugende Performance - was deutsche Banken ihrer privaten Kundschaft an Hedgefonds feilbieten, ist alles andere als attraktiv.

Hedgefonds-Veteranen glauben ohnehin, dass die meisten alternativen Anlagevehikel nicht für private Kleinsparer gedacht sind. Finanzprofis wie Greg Baker geht es gar nicht in erster Linie darum, für ihre Anleger hohe Gewinne einzufahren. Ihr oberstes Ziel ist vielmehr, Schwankungen in der Wertentwicklung ihrer Portefeuilles so gering wie möglich zu halten.

Im Ergebnis bedeutet das zwar konstante, aber auch relativ überschaubare Renditen. Der typische Hedgefonds ist auf das Profil großer institutioneller Investoren wie etwa Pensionsfonds oder Lebensversicherer zugeschnitten. Solche Profianleger investieren einen Teil ihres Kapitals in Hedgefonds, um die Schwankungen an Aktien- und Anleihemärkten auszugleichen.

Explodierende Gebühren

Für einen langfristig orientierten privaten Anleger hingegen stellt sich die Frage, was ihm ein Fonds wie das von Baker verwaltete Wandelanleihen-Zertifikat eigentlich bringen soll, das mittels komplexer Modelle zwar Kursverluste während der Laufzeit vermeidet, aber am Ende kaum mehr abwirft als eine solide Unternehmensanleihe.

Zumal Spezialisten wie Baker ihren Job nicht umsonst machen. 2 Prozent des investierten Vermögens kassiert der Fondsverwalter als so genannte Management Fee, dazu noch einmal 20 Prozent der erzielten Wertzuwächse. Dabei bleibt es aber nicht. Denn ein deutscher Kleinanleger kann einen einzelnen Hedgefonds wie Bakers Convertible Bond Arbitrage, im Branchenjargon Zielfonds oder Singlefonds genannt, gar nicht ohne weiteres kaufen.

Für den öffentlichen Vertrieb hat der Gesetzgeber ausschließlich Dachfonds zugelassen; Finanzgebilde, die ihrerseits in mehrere Zielfonds investieren. Ein Schutzmechanismus - die Verteilung auf mehrere Fonds soll verhindern, dass Kleinanleger mit einem einzelnen Investment Schiffbruch erleiden.

Aus der Vorsichtsmaßnahme ist in der Praxis ein Freibrief für die Investmentbranche geworden, sich bei den Kunden fast nach Herzenslust zu bedienen. Egal ob die Deutsche-Bank-Tochter DWS, die zum Genossenschafts-Verband gehörende Unico oder der Allianz-Dresdner-Ableger DIT - nahezu alle großen deutschen Investmenthäuser stellen für ihre Hedgefonds Kosten in Rechnung, von denen die Manager "normaler" Aktienfonds nur träumen können.

Beispiel DIT: Für ihren Hedgefonds "Portfolio Optimizer Plus" verlangt die Gesellschaft bis zu 6 Prozent Ausgabeaufschlag, kassiert jedes Jahr eine Verwaltungsgebühr von bis zu 2,5 Prozent des investierten Vermögens und beansprucht obendrein 25 Prozent der jährlichen Rendite, die eine gewisse Mindestgrenze überschreitet.

Diese Gebühren sammeln sich allein auf der Ebene des Dachfonds an - die Kosten für die Manager der einzelnen Singlefonds, in die der "Portfolio Optimizer Plus" investiert, sind da noch gar nicht mitgerechnet. Üblicherweise fallen dort noch einmal 2 Prozent fixe Jahresvergütung und 20 Prozent Beteiligung an der Wertentwicklung an.

Begründete Zweifel

Zugegeben: Hedgefonds sind hochkomplexe Investmentvehikel, deren Management ein hohes Maß an Expertise und Einfühlungsvermögen erfordert. Dieses Know-how lassen sich die Finanzakrobaten überall auf der Welt teuer entlohnen. Ein Dachfondsmanager verlangt in der Regel ein Prozent Verwaltungsgebühr und 10 Prozent der jährlichen Performance, die Verwalter der Einzelfonds nehmen häufig sogar das Doppelte.

Den deutschen Investmenthäusern reichen aber selbst diese stattlichen Gebühren nicht: Sie berechnen schon auf der Ebene des Dachfonds Kosten, die teilweise um mehr als 100 Prozent über den international üblichen Standards liegen.

Damit nicht genug: In den Prospekten der deutschen Fondshäuser wimmelt es von mehr oder weniger versteckten Preistreibsätzen. So verzichtet beispielsweise die DWS auf eine "High Watermark"-Regel. Bei diesem in der Hedgefonds-Szene üblichen Gewinnbeteiligungsmodell erhält das Management nur dann eine erfolgsabhängige Vergütung, wenn der Wert des Fonds die vorherigen Höchstmarken überschreitet.

Nicht so bei der DWS: "Alle sechs Monate werden die Uhren auf null gestellt, dann kann das Management bei Wertsteigerungen erneut kassieren, egal wie hoch die vorherigen Verluste waren", moniert der Schweizer Hedgefonds-Experte Andreas Woitzik. Ähnlich verfährt der DIT.

Bei der Unico kassiert die Depotbank, die zum Genossenverbund gehörende DZ Bank, 62,50 Euro für jede Transaktion der einzelnen Teilfonds - für Woitzik, Geschäftsführer der Deutschen Derivate Vermögensverwaltung, die mit hedgefondsähnlichen Strategien operiert, völlig überteuert.

Erhalten die Anleger, die ihre Ersparnisse den deutschen Fondshäusern anvertrauen, wenigstens gute Qualität fürs teure Geld? Zweifel sind angebracht. In den vergangenen Monaten machten die Dach-Hedgefonds von DWS, Unico und Pioneer allesamt Verluste.

Riskante Experimente

Die momentan unruhigen Börsenzeiten, die keine klaren Trends nach oben oder unten erkennen lassen, mögen den Anlageprofis den Start erschwert haben. Das ist aber bestenfalls ein kleiner Teil der Wahrheit. Viel entscheidender ist: Sowohl DWS als auch Pioneer haben bislang in erster Linie Zielfonds aus dem eigenen Haus im Angebot.

Bei der zum italienischen Unicredito-Konzern gehörenden Gesellschaft Pioneer können die Fondsmanager immerhin auf mehrjährige Berufserfahrung zurückblicken. Der deutsche Platzhirsch DWS hingegen lässt seine Anlagevehikel zumindest teilweise von ehemaligen Aktienfondsmanagern verwalten, die über wenig Erfahrung mit der alternativen Anlageklasse verfügen.

Ein riskantes Experiment. Viele Experten bezweifeln, dass sich traditionelle Fondsmanager in der schnelllebigen Welt der Hedgefonds zurechtfinden. Vor allem mit der bei den Finanzartisten so beliebten Technik der so genannten Leerverkäufe, bei der Aktien ausgeliehen und auf den Markt geworfen werden, um blitzschnell von Kursstürzen zu profitieren, dürften sich die eher langfristig orientierten "normalen" Fondsmanager schwer tun.

Die DWS vertraut jedoch nicht nur beim Management der einzelnen Zielfonds, sondern auch bei ihrem Dachfonds auf Hausgewächse. Dabei ist gerade die Besetzung des Dachfondsmanagements von entscheidender Bedeutung - muss es doch in der Lage sein, die im aktuellen wirtschaftlichen Umfeld besten Strategien zusammenzustellen.

Dass dieser anspruchsvolle Job den wenigsten gelingt, zeigen die riesigen Unterschiede zwischen der Wertentwicklung einzelner Hedgefonds und der Dachfonds. Annähernd die Hälfte des Wertzuwachses, den Fondsmanager von Zielfonds in den vergangenen zehn Jahren erreichten, ging bei den Dachfonds verloren.

Neben der Schwierigkeit, aus isolierten Fonds ein erfolgreiches Portfolio zusammenzustellen, ist für das miserable Abschneiden der Dachfonds vor allem die doppelte Gebührenbelastung verantwortlich, schlussfolgern die Analysten der Investmentbank Merrill Lynch  in einer Studie.

Mit anderen Worten: Die schönen Zahlen, welche die Hedgefonds-Branche stets zur Schau stellt - 11 Prozent durchschnittliche Jahresrendite seit 1994 - sind für einen deutschen Kleinanleger Utopie. Denn die beeindruckende Performance gibt nicht die Wertentwicklung der Dachfonds wieder, sondern lediglich den durchschnittlichen Wertzuwachs einzelner Fonds.

Großes Rad auf Pump

Ein Ergebnis, das zudem noch durch einen statistischen Trick geschönt wird. Die Abstürze gescheiterter Fondsmanager werden in den Kurven der Marktbeobachter einfach ignoriert. Auf diese Weise scheint die Leistung in der Statistik stets ein wenig heller, als sie es tatsächlich verdient hätte.

Tatsächlich gibt es nur eine Möglichkeit, einen Dachfonds nach Abzug aller Kosten in zweistellige Renditebereiche zu führen: Die einzelnen Fondsmanager müssten beträchtlich höhere Risiken eingehen. Die weitgehend unreglementierte Branche hat dazu genügend Möglichkeiten. Die derzeit beliebteste Methode: Zocken auf Kredit.

Hohe Kosten, mieses Ergebnis: Gebühren und Ergebnis ausgewählter deutscher Dach-Hedgefonds im Überblick

Anbieter Dit Dit DWS Pioneer Union
Fondsname Dit-Portfolio Optimizer Dit-Portfolio Optimizer Plus DWS Hedge Invest Dynamic HI Pioneer Global Hedge I Multi Hedge Strategy
Auflegung 24.03.04 24.03.04 31.03.04 24.05.04 26.05.03
Ausgabe- aufschlag max. 6% (derzeit: 3,5%) max. 6% (derzeit: 5%) 4% 5% 6%
Verwaltungs- gebühr p.a. max. 2,25% (derzeit: 2%) max. 2,5% (derzeit: 2,25%) 2% 1% max. 2,75% (derzeit: 2,5%)
erfolgs- abhängige Gebühr* (Prozents./ Referenzw.) 25% / 3-Monats-Euribor** plus 4% 25% / 3-Monats-Euribor** plus 6% 10% / 3-Monats-Euribor** keine 7,5% / 5%
Wertent- wicklung*** k. A. k. A. -3,3% -0,18% -2,6%
Fallen im Kleinge- druckten Keine "High Watermark"-Regel für Erfolgs- beteiligung Keine "High Watermark"-Regel für Erfolgs- beteiligung Keine "High Watermark"; u. a. haus- eigene Fonds haupt- sächlich haus- eigene Fonds hohe Depotbank-Gebühren
* Prozentsatz des Renditeanteils, der über den Referenzwert hinausgeht; ** European Interbank Offered Rate, Stichtag: 13.10.2004; 2,148 Prozent; *** laufendes Jahr bis Ende Juli.

Dank niedriger Zinsen drehen viele Hedgefonds-Spezialisten zurzeit ein großes Rad mit geliehenem Geld. Doch die Anleger, die dieses Potenzial bis zur Schmerzgrenze ausreizen, riskieren gewaltige Verluste, wenn sich die Märkte anders entwickeln als erwartet.

Der österreichische Hedgefonds Quadriga etwa, bekannt für seine aggressive Strategie, büßte dieses Jahr innerhalb weniger Monate rund ein Viertel seines Werts ein.

Vorsicht, Scharlatane

Skeptiker fürchten zudem, dass sich unter den je nach Schätzung weltweit 6000 bis 8000 Hedgefonds - jeder siebte ist nicht einmal ein Jahr alt - zunehmend schwarze Schafe verbergen. Zu verlockend sind die Traumgehälter, die Stars der Branche wie George Soros kassieren. "Jeder Investmentbanker scheint dieser Tage einen Hedgefonds aufzumachen oder dies zumindest anzudrohen", lästerte kürzlich die Londoner "Financial Times".

Darunter ist nicht nur eine Menge unerfahrener Leute. Einige der frisch gebackenen Hedgefonds-Manager verfolgen offenbar von Anfang an nur ein Ziel: ihren Investoren das Geld aus der Tasche zu ziehen. Ein New Yorker Literaturprofessor etwa verpulverte das Geld der Anleger für teure Autos, bei einem anderen selbst ernannten US-Hedgefonds-Guru landeten anderthalb Millionen Dollar kurzerhand auf den Konten seiner Frau.

Ausnahmen in einer kapriziösen Branche, die zwangsläufig auch Scharlatane anzieht? Vielleicht - aber die Chancen für Investoren, die Betrüger vorab zu erkennen, stehen schlecht. Bei mindestens einem Drittel der Hedgefonds seien die ausgewiesenen Renditezahlen alles andere als zuverlässig, ergab eine Studie der Universität Massachusetts aus dem vergangenen Jahr.

Die amerikanische Börsenaufsicht SEC will dem wilden Treiben der Branche nun nicht länger tatenlos zusehen und fordert eine Registrierungspflicht für die Fonds, um wenigstens prüfen zu können, ob die Kunden nicht durch falsche Abrechnungen oder überhöhte Gebühren abgezockt werden.

Auch die deutsche Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht ist zunehmend um hartes Durchgreifen bemüht. Ende Juli ließ Behördenchef Jochen Sanio den Vertrieb der Quadriga-Produkte in Deutschland stoppen.

Teuer und intransparent - so beschreibt das US-Wirtschaftsmagazin "Fortune" die Welt der Finanzakrobaten. Nach einem langen Kursverfall an den Aktienbörsen, so die dort ausgesprochene Warnung, würden allzu viele Geldmanager auf die vermeintlichen Finanzwunderwaffen setzen. Es werde deshalb immer schwieriger, überdurchschnittliche Renditen zu erzielen.

Der Beitrag erschien vor fast 35 Jahren - er gilt heute mehr denn je.

Hedgefonds-Manager: Die Topverdiener der Branche


Verwandte Artikel