China China dreht auf

Bislang war das Reich der Mitte das Wirtschaftswunderland. Doch nun drohen von dort zunehmend Gefahren: Chinesische Konzerne entstehen, China wird zur Hightech-Konkurrenz, und der riesige Rohstoffhunger treibt die Preise nach oben.

Für Manager scheint es derzeit nur ein gelobtes Land zu geben - China. Wer pilgerte nicht alles in den vergangenen Monaten ins ferne Riesenreich: Der Vorstand von Siemens  reiste nach Shanghai, um zu tagen und zu feiern. BMW-Chef Helmut Panke tauchte gleich mehrmals auf - ob im tiefen Süden auf der Insel Hainan (als Vortragsredner) oder im hohen Norden in Shenyang (als Gastgeber bei der Einweihung des Joint Ventures von BMW ).

Jürgen Schrempp flog mit seinem Firmenjet inkognito nach Peking ein. Er musste den eskalierenden Streit um sein geplantes Joint Venture höchstpersönlich schlichten.

Ja, und da waren noch die Vorstandschefs Josef Ackermann (Deutsche Bank ), Michael Diekmann (Allianz ), Utz-Hellmuth Felcht (Degussa ), Klaus Zumwinkel (Deutsche Post ) und dutzende einfacher Vorstandsmitglieder, die auf Stippvisiten in China vorbeischauten.

China ist in Managerkreisen "in", und Shanghai - das New York des Ostens - ist "mega-in". Sie speisen dort im noblen Restaurant "M on the Bund", sitzen auf dessen Terrasse und blicken hinüber auf Pudong mit seiner atemberaubenden Postkarten-Skyline.

Die Gedanken schweifen mit: Ach, ist es hier schön. Hier herrscht Aufbruchstimmung, hier wächst alles (die Wirtschaft, die Hochhäuser, na ja, auch die Korruption), hier gibt es keine lästigen Gewerkschaften, hier regiert das Geld, hier im kommunistischen China darf man noch Kapitalist sein.

China - das größte Wirtschaftswunderland der Welt. Seit 25 Jahren erzielt das Land traumhafte Wachstumsraten. Keine Delle, keine Rezession stört den Durchmarsch des Giganten an die Weltspitze. Hier hat man das Luxusproblem der Überhitzung: Wie kühle ich die Wirtschaft von 9 auf 7 Prozent Wachstum ab?

China ist inzwischen die globale Konjunkturlokomotive, die andere dümpelnde Länder - ob Deutschland oder Japan - aus dem Schlamassel zieht. Das Exportgeschäft boomt. Gierig kaufen die Chinesen unsere Waren.

China - der Retter der Weltwirtschaft.

Drache auf dem Vormarsch

So weit, so gut.

Doch es gibt auch das andere Gesicht Chinas jenseits der allgegenwärtigen Euphorie über das ewig boomende Land in Fernost.

Und dieses China stellt eine - bislang wenig beachtete - Bedrohung für die Unternehmen, aber auch für die Gesellschaften des Westens dar.

"China könnte zu einer Gefahr werden", prophezeit Unternehmensberater Roland Berger Schneller als Japan .

Der Drache China

  • greift immer mehr nach unseren Arbeitsplätzen, zuerst in der Produktion, aber nun auch vermehrt in Forschung und Entwicklung (F & E);


  • schreitet mit großen Schritten auf dem Weg zur Hightech-Nation voran und wird dabei möglicherweise Europa über- und die USA einholen;


  • züchtet Global Player heran, die auf den Weltmärkten unsere Konkurrenten von morgen sein werden;


  • schnappt uns mit seinem riesigen Appetit viele Rohstoffe weg und verteuert sie auf ein schwer erträgliches Maß.
Noch lassen sich viele Manager und Medien vom optimistischen Bild des Wirtschaftswunderlandes blenden. Doch Jörg Wuttke, China-Chef von BASF , ist sich sicher: "Das China-Bild wird kippen." Und Wuttke, bis vor kurzem Kammerpräsident in Peking, weiß auch wann: "Wenn China als Schuldiger für die Arbeitslosigkeit in Deutschland entdeckt wird."

Immer mehr deutsche Unternehmen - ob groß oder klein - verlagern ihre Produktion nach China, wo die Stundenlöhne 70 Cent und weniger betragen.

Aus Unternehmenssicht macht das Sinn. So funktioniert eben arbeitsteilige Weltwirtschaft: Man produziert da, wo es günstiger ist und wo die Märkte sind. Der Verlagerungsprozess ist deshalb nicht aufzuhalten, er wird weitergehen. So investiert Volkswagen  in den nächsten Jahren 5,3 Milliarden Euro in Shanghai und Changchun.

China hat noch ein schier unerschöpfliches Reservoir an billigen Arbeitskräften. Zwischen 700 und 900 Millionen Menschen auf dem Lande warten darauf, dass Arbeit zu ihnen kommt oder umgekehrt. Arthur Kroeber, Herausgeber des "China Economic Quarterly", sagt: "Die halten ihre Billiglohnstrategie noch Jahrzehnte durch."

Marktzugang für Know-how

Doch nicht nur die Produktion wandert sukzessive nach China aus, sondern zunehmend auch Forschung und Entwicklung. Seit zwei, drei Jahren läuft dieser Prozess, der zum Teil von chinesischer Seite erzwungen wurde.

Erst drängten die Chinesen per Gesetz die ausländischen Firmen in Joint Ventures. Die funktionierten nach simplen Regeln: Wir bringen billige Arbeitskräfte ein, ihr liefert teure Maschinen. Wir haben das Know-how der Kontakte, ihr das der Produkte. Glücklich in dieser Zwangsgemeinschaft waren viele nicht - und auch nicht erfolgreich. Mindestens ein Drittel der Joint Ventures schreibt rote Zahlen.

Seit 1998 ist der Partnerzwang aufgehoben. Unternehmen können nun hundertprozentige Töchter gründen. Fast alle Firmen tun das auch.

Doch der Druck, wertvolles Know-how zu transferieren, bleibt bestehen. Nur funktioniert er jetzt subtiler. In Gesprächen mit den Behörden drängen die Beamten die ausländischen Partner unverhohlen, doch neben der Produktionsstätte auch ein Forschungs- oder Trainingszentrum zu bauen.

Man könnte dies auch Erpressung nennen: Marktzugang gegen Technologietransfer. Fast alle Unternehmen ergeben sich. Wer will schon auf den Riesenmarkt mit den hohen Wachstumsraten verzichten?

So bauen sie alle ihre F&E-Zentren, Labore und Ausbildungsstätten. Sie sponsern den Universitäten Lehrstühle. Sie verschenken massenhaft Computer und Software. Sie befördern Hundertschaften von Chinesen nach Übersee und bilden sie dort aus.

Besonders europäische und amerikanische Firmen zeigen sich generös; die japanischen Unternehmen dagegen halten sich eher zurück. Sie haben diese "erpresserische" Methode früher auch angewandt und wissen deshalb, wohin sie führt: zum Heranzüchten eines weiteren Konkurrenten der bestehenden Technologiemächte.

Genau das hat China vor: Es will mit aller Macht - wie Japan, wie die USA - eine Hightech-Nation werden. Nur die "Werkbank der Welt" zu sein ist den Chinesen zu wenig. Die stolze Nation, die in den vergangenen zwei Jahrtausenden 1800 Jahre lang eine wissenschaftlich-technologische Spitzenstellung in der Welt hatte, will wieder zur alten Stärke zurückkehren.

Dazu braucht sie die Hilfe ausländischer Unternehmen ebenso wie die Unterstützung zehntausender Chinesen, die derzeit im Ausland - meist in den Vereinigten Staaten - studieren. An den US-Elite-Unis, ob am Massachusetts Institute of Technology oder in Stanford, dominieren inzwischen die lernbegierigen Chinesen, die auch die besten Abschlüsse machen. Viele bleiben in den USA und gründen - oft sehr erfolgreich - Unternehmen.

Aber immer mehr gehen nach China zurück, weil dort Goldgräberstimmung herrscht, ganz anders als im grabesruhigen Silicon Valley. Und weil sie der Staat heim ins Riesenreich lockt - mit Autos, Wohnungen und Darlehen. Rund 150.000 Auslandschinesen meldeten sich bislang zum Aufbaudienst im Vaterland zurück.

Spielzeuge und auch Raketen

Diese Rückkehrer, der Know-how-Transfer der ausländischen Firmen, und viele - üppig ausgestattete - staatliche Forschungsprogramme führen dazu, dass China mit Riesenschritten auf dem Weg zur Hightech-Nation vorankommt.

Vor allem in drei Bereichen hat China schon fast Weltniveau erreicht: In der Bio-, der Informations- und der Raumfahrttechnologie.

In der Biotechnologie nutzen die Chinesen geschickt das zögerliche Nichtstun des Westens aus. Während vor allem die Europäer aus ethischen und gesundheitlichen Gründen der Biotechnologie sehr skeptisch gegenüberstehen, handeln die Chinesen. Sie züchten schon seit Jahren genmodifizierte Nahrungsmittel - erst in den Laboren, dann auf den Feldern.

Inzwischen haben die Chinesen eine ganze Palette "künstlicher" Produkte - von Tabak bis Tomaten - serienreif entwickelt. Heute baut schon über eine Million Bauern genmodifizierte Produkte an, vor allem Baumwolle, Sojabohnen und Reis.

Diesen Wissensvorsprung wollen die Chinesen nutzen und vermarkten. Scott Rozelle von der University of California, einer der besten Kenner der chinesischen Biotechnologie-Szene, prophezeit: "China dürfte eine der führenden Exportnationen für biotechnologische Forschungsmethoden und Produkte werden."

China ist Hightech, nicht nur Lowtech. China produziert Spielzeuge, aber auch Raketen.

16. Oktober 2003, 6.23 Uhr: In der Inneren Mongolei klettert der Kosmonaut Yang Liwei aus seiner Landekapsel. Rund 21 Stunden war er im All, 14-mal umrundete er in der "Shenzhou 5" die Erde. Freudig erregt sprach Präsident Hu Jintao sogleich von einem "historischen Schritt des chinesischen Volkes auf dem Weg an die Weltspitze in Wissenschaft und Technologie".

Spätestens seit diesem Datum dürfte klar sein, was China zu leisten vermag. Wer in den exklusiven Club der bemannten Raumfahrt (bisherige Mitglieder: Russland und USA) vorstößt, kann technologisch nicht hinter dem Mond sein. Wer Raumschiffe bauen kann, muss in einigen Technologiebereichen stark sein: bei neuen Werkstoffen zum Beispiel, aber auch in der Informations- und Kommunikationstechnologie.

In der IT-Welt hat China längst Anschluss an die internationale Spitze gefunden. Mindestens jeder zweite Drucker, Laptop und PC ist inzwischen made in China. Durch die massenhafte Produktion ist viel Know-how im Land. Die Chinesen wissen nicht nur, wie man einen Computer zusammenbaut, sondern auch, wie man ihn konstruiert.

Chinas simple Erfolgsstrategie

Sie fühlen sich schon so stark, dass sie Standards setzen wollen. Beispiel EVD (Enhanced Versatile Disc). Dies sei die Fortentwicklung von DVD, sagt das 13 Unternehmen umfassende Konsortium Beijing E-World. EVD biete bessere Bilder und einen besseren Ton. Diesen neuen Standard wollen sie deshalb weltweit durchsetzen.

"Das ist einer der wichtigsten Trends in der Informations- und Kommunikationsindustrie", sagt Igal Brightman von der Consultingfirma Deloitte. Er prophezeit, dass Chinas Einfluss beim Setzen von globalen Standards bis 2010 ständig wachsen werde.

Die schiere Größe ihres Marktes wird den Chinesen dabei helfen. Über 300 Millionen Handy-Nutzer gibt es inzwischen. Deshalb basteln die Chinesen - übrigens mit kräftiger Hilfe von Siemens  - auch an einem eigenen Standard für die dritte Mobilfunkgeneration. Er heißt TD-SCMA und wird gegen W-CDMA (Europa) und CDMA 2000 (USA) antreten. "Standards werden zum neuen Kampfplatz der Nationen", sagt Phillip Bond, Unterstaatssekretär im US-Handelsministerium.

Und mitten im Getümmel werden immer mehr chinesische Unternehmen sein. Sie fahren eine simple Strategie: Zuerst erobern sie den heimischen chinesischen Markt von der starken ausländischen Konkurrenz, dann attackieren sie die Weltmärkte.

Bestes Beispiel ist der Handy-Markt, der binnen weniger Jahre kippte. Vor fünf Jahren dominierten ihn noch Nokia , Motorola  und Ericsson , heute sind es Ningbo Bird, TCL oder Amoi.

Aus dieser Position der Stärke greifen die chinesischen Konzerne die Weltmärkte an. Einige sind auf dem Weg zum Global Player - wie einst die Japaner vor rund 40 Jahren und die Koreaner vor knapp 20 Jahren.

Damals haben Europäer und Amerikaner gelacht. Autos aus Japan? Fernsehgeräte aus Südkorea? Heute sind Toyota  und Samsung  erfolgreiche Weltkonzerne.

Nun lächeln wir wieder. Kaum einer nimmt die Konzerne aus China ernst. Wer kennt schon Haier , Huawei, Lenovo  oder TCL? Aber sie alle drängen auf die Weltmärkte. Manche tasten sich vorsichtig vor, starten ihren Globalisierungstrip erst einmal in den Dritte-Welt-Staaten. Andere greifen an, wie der Elektrokonzern TCL, der sich zuerst das TV-Geschäft von Thomson, dann die Handy-Sparte von Alcatel  einverleibte.

TCL ist Vorreiter eines neuen Trends. "Wir werden im Westen immer mehr Aufkäufe durch chinesische Unternehmen erleben", sagt Bernd-Uwe Stucken, Shanghaier Büro-Chef der Kanzlei Haarmann, Hemmelrath & Partner. Die Firmen kaufen auf diese Weise Marktanteile und oft einen guten Namen. Denn im Branding sind die Chinesen noch recht schwach.

Globaler "Staubsauger-Effekt"

Die Aufkäufer sind schon mitten unter uns. Ganz unauffällig sondieren sie die Märkte. So sitzen zum Beispiel seit kurzem zwei Späher des Staatskonzerns Shanghai Electric Corporation in Hamburg. Ihre Mission: Übernahmeopfer in ganz Europa zu identifizieren.

Die Chinesen sind nicht mehr ante, sondern post portas. Erst langsam realisieren wir, was es bedeutet, wenn sich das bevölkerungsreichste Land der Erde aufmacht, sich in die Weltwirtschaft zu integrieren. Wir müssen akzeptieren, dass China immer mehr unser Wirtschaftsleben mit bestimmt.

Gefräßiger Riese: Auf welche Rohstoffe China am meisten Appetit hat

Anteil am Weltverbrauch* Eigene Ressourcen
Kohle 31 hoch
Eisenerz 30 ungenügend
Stahl 27 schnell wachsend
Aluminium 25 mittel
Öl 7 gering
* In Prozent. Quelle: Roland Berger

Spätestens im Frühjahr merkte es jeder - an der Tankstelle. Dort explodierten die Benzinpreise. Gewichtiger Preistreiber ist der Öldurst Chinas. Dort versiegen langsam die Ölquellen, gleichzeitig (ver-)braucht das boomende China immer mehr Öl, das Schmiermittel jeder Wirtschaft. Die Folge: China muss auf den Spotmärkten zukaufen.

Dieser Zustand wird anhalten. Egal, ob er mit 5, 7 oder 9 Prozent wächst - der gefräßige Riese verschlingt immer mehr Rohstoffe und gefährdet - wie bei Stahl - ganze Industrien im Westen.

Deshalb ziehen fast alle Rohstoffpreise gewaltig an. Ob Stahl oder Öl, Kupfer oder Zinn, ob Koks oder Kohle, ob Gold oder Platin, ob Getreide oder Soja - die Chinesen kaufen alles in riesigen Mengen ein. Ja, sogar Schrott importieren sie tonnenweise, um ihn nach den dringend benötigten Rohstoffen auszuschlachten.

"Staubsauger-Effekt" nennen die Ökonomen dieses Verhalten der Chinesen, die fast alle Rohstoffe wie Magneten an sich ziehen. Die schlimme Folge: Wir könnten am Beginn eines globalen Verteilungskampfes um Rohstoffe stehen.

Spätestens dann wird für viele aus dem gelobten Land ein verfluchtes Land.

Neue Konkurrenz von morgen

Die neue Konkurrenz von morgen

Global Player: Welche chinesischen Unternehmen in Zukunft die Weltmärkte erobern wollen

Noch gibt es wenige Global Player aus China. Doch das wird sich ändern. "In zehn Jahren werden wir eine beträchtliche Zahl von international wettbewerbsfähigen chinesischen Unternehmen haben", prophezeit Barry Naughton, Professor an der University of California.

Wer sind die chinesischen Samsungs  und Sonys  von morgen? Wer aus dem fernen China wird in nicht allzu ferner Zukunft Siemens  und BASF , Vodafone  und Nokia , Cisco und ThyssenKrupp  attackieren? Eine Auswahl von zehn Kandidaten:

Baosteel: Lieblingskind der Regierung. 1978 in Schanghai geboren. Von den Machthabern hochgepäppelt. Bekam immer die besten Manager und die neuesten Technologien aus dem Westen, egal was sie kosteten. Heute Chinas größter und effizientester Stahlhersteller. 1,6 Milliarden Dollar Gewinn bei 14 Milliarden Dollar Umsatz. Beteiligte sich an Eisenerzminen in Australien und Stahlkochern in Brasilien.

China Mobile: Der größte Mobilfunkbetreiber der Welt . Unvorstellbar: 170 Millionen Kunden! Jeden Monat kommen 4 Millionen neue hinzu. Sehr profitabel: 4,3 Milliarden Dollar Gewinn bei 19 Milliarden Dollar Umsatz.

China State Construction Engineering: Die größte Baufirma des Landes. Hat viel Erfahrung bei Großprojekten in China und in Entwicklungsländern. Nun will sie die Industrienationen erobern. Der Grundstein ist bereits gelegt: Mitten in New York zieht sie einen Bürokomplex samt Luxushotel hoch. Präsident Sun Wenjie hat aber noch höhere Ziele: "Wir wollen eine der zehn größten Baufirmen der Welt werden."

Haier: Vorzeigemulti mit Vorzeigechef Zhang Ruimin, Chinas bekanntestem Manager. Umsatz: rund acht Milliarden Euro. Global wie kein anderes chinesisches Unternehmen: Produziert seine weiße Ware (Kühlschränke, Waschmaschinen, Küchenherde) in 13 Ländern und verkauft sie in 165. Hat schon eine Fabrik in den USA.

Von Huawei und Li Ning bis TCL

Huawei: Aufstrebender Technologiekonzern im Bereich Telekom-Ausrüstung . Die Hälfte der 22.000 Beschäftigten sind Forscher. Viele von ihnen leben und arbeiten auf einem idyllischen Campus in Shenzhen, der Nachbarstadt von Hongkong. Hat schon 32 Verkaufsbüros in aller Welt, eins davon in Eschborn bei Frankfurt.

Lenovo: Startete als Garagenfirma Mitte der 80er Jahre. Gründer war der Wissenschaftler Liu Chuanzhi. Heute Chinas größter Computerhersteller. Umsatz: drei Milliarden Dollar. Hieß früher Legend, seit dem Frühjahr 2004 Lenovo. Derzeit am Beginn des dritten Zehn-Jahres-Plans. Dessen Ziel: "ein führendes internationales Unternehmen".

Li Ning: Ein gewisser Li Ning war 1984 dreifacher Olympiasieger im Turnen. Ist sehr populär. Gründete 1989 einen Sportbekleidungskonzern . Hat 450 Shops in China. Verkauft seine Klamotten und Schuhe um einiges billiger als Adidas  und Nike . Möchte mit seinem Unternehmen auch Weltmeister werden - wie einst im Turnen.

SAIC: Shanghai Automotive Industry Corporation ist Chinas größter Autokonzern. Hat zwei große Joint Ventures mit Volkswagen und General Motors. Steigt sukzessive in den koreanischen Automarkt ein: Hat sich zuerst mit 10 Prozent an Daewoo beteiligt und übernahm kürzlich sogar den viertgrößten Hersteller, Ssangyong. Befindet sich in Gesprächen mit Rover, die in einer Übernahme des britischen Herstellers enden könnten.

Sinopec: Einer der drei Ölgiganten Chinas. Jetzt schon Asiens größter Raffinerie- und Petrochemiekonzern . Kauft sich zunehmend in Öl- und Gasfelder im Ausland ein, vor allem im Nahen Osten. Hatte einmal 1,3 Millionen Beschäftigte, jetzt - nach einer Schlankheitskur - sind es nur noch rund 400.000.

TCL: Stark bei brauner Ware (Geräte der Unterhaltungselektronik) und Handys. Aggressiver Aufkäufer. In Deutschland bereits als Käufer der insolventen Schneider Electronics aufgefallen. Hat Joint Ventures mit den beiden französischen Herstellern Thomson (TV-Geräte) und Alcatel  (Handys). Hält an beiden die Mehrheit.

Die chinesische Erpressung

Chinesische Erpressung

Know-how: Warum der Westen liefern muss

Ort des etwas konspirativen Treffens ist das deutsche Restaurant "Schindlers Tankstelle" in Peking. Der Gesprächspartner, langjähriger Vertreter eines deutschen Konzerns in China, wird nach einer Flasche Rotwein gesprächig und sehr deutlich. "Was hier abgeht, ist eine der größten Räubereien der Menschheit", sagt er.

Das sind starke Worte. Aber der Mann ist seit 25 Jahren im China-Geschäft. Er weiß sehr wohl, wovon er spricht. Er saß mit in den Verhandlungen, als die chinesische Seite immer wieder Know-how von den deutschen Unternehmen, denen er diente, forderte. Nur wenn sie dies lieferten, sollten sie Aufträge bekommen. "Wir hatten keine andere Wahl, wir mussten unser Know-how transferieren", sagt der Gesprächspartner in "Schindlers Tankstelle".

Know-how gegen Marktzugang - so lautet auch heute noch die Formel der Chinesen. Vor allem der Staatsrat, das Pendant zu unserer Regierung, übt seit ein paar Jahren gewaltigen Druck auf ausländische Konzerne aus. Wer aus dem Westen in China Geschäfte machen wolle, solle gefälligst sein Wissen hier einbringen - so sein Petitum. "Die Chinesen nennen das: Technologie für Marktzugang", sagt Delbert Williamson, globaler Vertriebschef des US-Multis General Electric  (GE).

So kommen inzwischen fast alle Konzerne dieser Welt nach China, bauen hier ihre Forschungs- und Entwicklungszentren, erstellen schicke Designstudios und riesige Ausbildungszentren.

Rund 400 der 500 weltgrößten Unternehmen haben in China bereits F&E-Zentren. Alles, was Rang und Namen in der industrialisierten Welt hat, ist bereitwillig vor Ort. Ob Auto-, Elektronik-, Pharma- oder Telekommunikationsfirmen - sie alle haben sich "erpressen" lassen.

Ein paar Beispiele: Motorola  unterhält 19 Technologie-Center in China, was das Telekom-Unternehmen bislang 300 Millionen Dollar gekostet hat. Die Konkurrenten Ericsson , Nokia  und Siemens  haben große Trainingszentren, wo sie - kostenlos, versteht sich - tausende ihrer Kunden schulen.

Microsoft  unterstützt mit Millionenbeträgen Professoren und Universitäten. IBM  unterrichtet 100.000 Softwarespezialisten in der vagen Hoffnung, dass sie ihre Hardware - sprich: Computer - kaufen.

Autohersteller General Motors  unterhält seit 1997 in Shanghai das Patac, Pan Asia Technical Automotive Center. Dort entwickelt, designed und prüft GM seine Autos. Alle Geräte sind vom Feinsten, bessere stehen auch im Mutterhaus in Detroit nicht. Gerade hat GM beschlossen, das Patac nochmals für rund 200 Millionen Euro aufzurüsten. Zugang zum Patac hat natürlich auch Joint-Venture-Partner Shanghai Automotive Industry Corporation (SAIC).

Als der französische Telekommunikationskonzern Alcatel sein sechstes Forschungszentrum in Shanghai einweihte, sagte deren Technikvorstand Niel Ransom in eher freudigem Ton: "Durch dieses Zentrum bekommt China Zugang zu der allerneuesten Telekommunikationstechnologie."

So rüstet man seine Konkurrenten von morgen auf.

Langer Marsch: Roland Berger über Chinas Aufstieg 


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