Montag, 18. November 2019

Trekking Laufen, bis die Berge glühen

Zum Reisetrend mit zweistelligen Zuwachsraten hat sich das Fernwandern entwickelt. manager magazin hat die Kult-Alpenroute von München nach Venedig ausprobiert.

Schweiß, Schmerz, stures Stapfen. Steil aufwärts geht es durch struppiges Latschenkieferdickicht, über holprige Pfade, Gesteinsbrocken, Wurzelwerk, Firnschneeplacken. Die Beine sind noch schwer vom Aufstieg am Tag zuvor. Da fällt der Blick auf das Holzkreuz, das hoch in den blauen Himmel ragt.

 Alpenhauptkamm: Laufen, bis die Berge glühen - zu Fuß von München nach Venedig
Klaus Ahrens
Alpenhauptkamm: Laufen, bis die Berge glühen - zu Fuß von München nach Venedig
Der Heimatroman lebt, hier oben auf 1801 Meter über null. Der höchste Punkt der Benediktenwand ist der nördlichste Alpengipfel, man glaubt, auf eine Kitschpostkarte zu blicken. Die Berge ringsum haben ihr feinstes Dirndl angelegt. Mit extra weitem Dekolleté bietet es Einblicke in üppigste Natur: unten aufgeräumtes Voralpenland samt Seen, in der Ferne die Türme von München. Und im Süden die zahnweißschimmernde Alpenkette vom Großglockner-Massiv bis zur zackigen Zugspitze.

Wie im Heimatfilm ruft auch von der Benediktenwand der Berg: Unter dem Kreuz haben sich ein paar Frühwanderer versammelt, drei jugendliche Bläser trompeten auf ihrem Blech Jubelhymnen in den Strahlehimmel. Musik liegt in der Luft.

Solcherart Wechselbäder für Leib und Gemüt bietet eine Trekking-Strecke, die seit 30 Jahren von einer wachsenden Schar von Drauf- und Drübergängern als Geheimtipp gehandelt wird. Und inzwischen - vom Reiseblatt "Geo Saison" mit einer Goldenen Palme ausgezeichnet und zwei neuen Büchern begleitet - Kultstatus erlangt hat.

Die Route: Vom Marienplatz in München bis zum Markusplatz in Venedig, 520 Kilometer und 20.000 Höhenmeter in 28 Tagesetappen quer über die Alpen. Auf dem Marsch liegen 33 Joche, Scharten und Pässe von bis zu 3125 Metern Höhe. Und etliche Fernblicke mit Postkarten-Panorama.

Erdacht und erstmals ausprobiert hat den "Traumpfad" der gelernte Gebirgsjäger und Gartenbauingenieur Ludwig Graßler, 1925 im fränkischen Amberg geboren. Jetzt ist der umtriebige kleine Mann mit dem weißen Vollbart - Hobbys: Abfahrtski, Studium der bayerischen Geschichte an der Uni München - wieder unterwegs, freilich in Etappen. Schließlich feiert er im kommenden Jahr seinen 80. Geburtstag mit einem Festessen in den Mauern der Serenissima auf der Lagune.

© manager magazin 7/2004
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung