Freitag, 15. November 2019

Trekking Laufen, bis die Berge glühen

4. Teil: Serpentinen durch Schnee und Eis

Drinnen, in der schlichten Gaststube, gibt es Bier und Wein, Tiroler Speckknödel und Linseneintopf, garniert von einfachen Weisen, vorgetragen von jungen Leuten auf Konzertflöte und Zither.

Unter schwerem Gepäck: Civetta-Wand im Nebel
Punkt halb sieben am nächsten Morgen weckt Ludwig Graßler seine Begleiter mit den Klängen einer Bambusflöte: Auf, du junger Wandersmann ...

Die Trekking-Freunde, die zwischen sieben und acht Uhr die Serpentinen durch Schnee und Eis zur Passhöhe angehen, sind fast alle Mitte 20. Nachher berichten sie im Internet über ihre Erlebnisse. Zum Beispiel eine Bremerin, die ihre "nicht enden wollende Sehnsucht nach dem einfachen Leben" auf dem Bergpfad befriedigt fand. Oder jener Student, der seine Tour mit dutzenden Fotos dokumentiert hat.

Wer keine Bilder und Sehnsüchte ins Netz stellt, der meldet sich auf den einschlägigen Websites zumindest mit Kritik und Tipps zu Wort. Zum Beispiel ein Roland, der die erste Etappe entlang der Isar "nur zwecks Vollständigkeit gemacht" hat, sie aber nicht wirklich weiterempfehlen kann: "nicht so der Brüller".

Der Abstieg vom Gipfel der Benediktenwand in das einsame Alptal des Jachen hingegen ist ein Brüller. Aus den Latschenkiefern führt der enge Pfad kurvig-steil bergab an die Quelle des Glasbachs.

Das Wasser springt, eben noch gurgelnd aus moorigem Grund unter Moospolstern hervorgequollen, kristallklar über weißen Fels, immer dicht am Ansichtskartenkitsch. Sammelt sich in mannstiefen Wannen und stürzt in mächtigen Kaskaden zischend in die Tiefe. Fließt durch weite stille Wiesen mit Enzianblüten, Fettkraut und Frauenschuh.

Graßler und Lena ziehen die Stiefel aus und waten im Bach. Und so geht es weiter und immer weiter: durchs Rißtal über den Karwendel, das Tuxer Joch und den Piz Boe, vorbei an Civetta und Schiara hinunter in die Piave-Ebene. Richtung Lagune.

Bis man schließlich, 24 Tage später, auf dem Markusplatz vor dem "Caffè Florian" sitzt. Vor einem auf dem Silbertablett der berühmte Espresso mit der Karaffe Wasser steht. Und die Kapelle im Rücken schmachtende Vivaldi-Klänge schmalzt.

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