Freitag, 22. November 2019

Trekking Laufen, bis die Berge glühen

2. Teil: "Nachwuchs entdeckt das Wandern"

Bei zwei der 28 Wegetappen - von Bad Tölz über die Benediktenwand in die Jachenau - begleiten ihn die 37-jährige Grit und ihre achtjährige Tochter Lena (die im vergangenen Jahr die gesamte Strecke bereits allein gegangen sind). Mit dabei Lillith, Australian Shepard, weiblich, vier Monate jung.

 Büroalltag vergessen: Voralpenland-Idyll
Klaus Ahrens
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Sicher, man kann bequemer von München nach Venedig reisen. In 60 Minuten mit dem Flieger. Oder in sechs Stunden mit dem Auto. Aber zu Fuß ist der Erlebnisfaktor ungleich höher.

Das leuchtet sofort ein, als der Marsch morgens um halb acht in Bad Tölz beginnt. Wie frisch gewaschen und gebügelt liegen die Bauernweiler der Isar-Auen in der Morgensonne, umgeben von butterblumengelben Wiesen, hinter Arzbach führt ein Weg am Wildbach in die Berge, erst Fichtenwald, dazwischen ein paar Tannen, bald darauf die ersten Almwiesen. Voller Sumpfdotterblumen, Mehlprimeln, Nieswurz. Der Büroalltag ist schon nach wenigen Kilometern vergessen.

Vor allem unter Managern erfreut sich deshalb das Wandern und Klettern in den Bergen zunehmender Beliebtheit. Prominenteste Business-Seilschaft: Der Similaun-Kreis um Reinhold Messner, dem Reitzle, Schrempp und Zumwinkel angehören.

Nach Erhebungen der Marburger Forschungsgruppe Wandern finden gegenwärtig vor allem die 25- bis 39-Jährigen Gefallen am Trekken im eigenen Lande. In Profilstudien wurden die Antworten von mehr als 5000 Befragten ausgewertet.

 Klimatreppe rückwärts: Aufstieg über Karst
Klaus Ahrens
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"Es sind die jungen, gebildeten Aufsteiger, die derzeit das Wandern neu entdecken", so Rainer Brämer, Professor für Natur-Soziologie an der Marburger Universität. Ein "gigantischer Markt", der sich - nahezu unbemerkt - "seit Jahren über zweistellige Zuwachsraten freuen" darf.

Anstrengung bis zur Qual ist die Essenz des Trekkings. Man wandert nicht mehr gemütlich von Weinausschank zu Fresstempel, wie es der Schriftsteller Kurt Tucholsky einst mit Freunden im Spessart exerzierte. Oder Leo Brawand, einst Chefredakteur des manager magazins, in einem neuen Buch beschreibt. Die Wanderer von heute suchen "die zeitlich ausgedehnte, intensivierte, zelebrierte, kontemplative Auseinandersetzung mit Landschaften, Flora und Fauna", heißt es in einem jüngst erschienenen Handbuch.

© manager magazin 7/2004
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