Uhr-Manufakturen Unruh-Stifter

Eine kleine Gilde von eigensinnigen Spitzenuhrmachern, vereinigt in einer multinationalen "Akademie", sorgt mit ihren Neuschöpfungen in der Zeitmesserzunft regelmäßig für innovativen Wirbel.

Ein verwahrloster Bahnhof, eine neugotische Klinkerkirchenschaurigkeit, drum herum armseliges Fußgängerzonen-Ambiente: Kaldenkirchen, 6000-Seelen-Nest an der deutsch-holländischen Grenze.

Ausgerechnet hier wohnt einer der findigsten Uhrmacher der Republik. Dessen erstes Produkt in der Fachwelt eingeschlagen hat wie eine Bombe. Der nun womöglich den Beginn einer blendenden Karriere feiern kann.

Ein grau ausgelegtes Treppenhaus führt vom Hinterhof zur Atelierwohnung von Volker Vyskocil, Diplomingenieur, Werkzeugmacher und bis vor kurzem Geschäftsführer eines kleinen Maschinenbauunternehmens.

Zwischen Schlafplatz und Wohnzimmer betreibt der stoppelbärtige 39-Jährige seine Werkstatt: Arbeitstische, Drehbänke, ein Hochleistungsrechner, Regale mit Ordnern, Folianten und braunen Apothekerflaschen. Das Alchimistenlabor eines Horologen, der hier den Lauf der Zeit in goldene Schmuckstücke der besonderen Art verwandelt.

Einen Prototyp, die Uhr mit der Bezeichnung "V-30/45-01-A", präsentiert der stämmige Handwerker auf einem Ledertuch. Schwarzes Zifferblatt, Sekundenanzeige bei neun Uhr, Gangreserve bei fünf Uhr, die Aufzugskrone bei vier Uhr, alles ungewohnt. Das Glas der Rückseite gibt die Sicht frei auf Federn und Räderwerke, auf eine Weltneuheit aus dem metallenen Reich des Gottes Chronos.

Das Wunderwerk hat Vyskocil bereits höchste Weihen eingetragen. Ein Uhrenfreak aus San Francisco hat das 18.200 Euro teure Stück im Internet gesehen und sofort bestellt.

Und jetzt durfte es der Mechanikus vom Niederrhein gar im Mekka der internationalen Uhrenbranche, auf der Messe von Basel, präsentieren. Und zwar zwischen lauter Ständen der berühmten Markenmanufakturen - sozusagen in der Kaaba.

Der Stand der Académie Horlogère des Créateurs Independants (AHCI) - zu deutsch: Akademie selbstständiger, schöpferisch tätiger Uhrmacher - ist in Basel nicht zu übersehen. Gekleidet in eine feine Wurzelholzfassade, die Vitrinen wie Reliquienschreine hell erleuchtet, sieht er aus wie der Tempel des Zeitgottes selbst.

Akademie der Uhrmacher

Die echt schweizerische Vereinigung, so will es ihr Präsident, bezieht ihren Namen aus der Antike, in der die Akademie Treffpunkt der Anführer römischer Legionen war. Sie ist ein loser Verbund, eine Art Orden, von derzeit 23 Mitgliedern und 11 Kandidaten aus 10 Nationen.

Die Mitglieder der Bruderschaft von Idealisten und Individualisten, oftmals starrsinnigen Eigenbrötlern, und Rebellen haben nur eines im Sinn: kraft Unruh und Hemmung gute mechanische Werke noch zu verbessern und - so die Statuten - "noch nie dagewesene Stücke der Uhrmacherei zu schaffen".

Einzig Ruhm und Preis der maschinellen Zeitmessung ist ihr Anliegen, vergegenständlicht in der Uhr, dem Sinnbild rastloser Tätigkeit, der Zählbarkeit und Einteilung des verrinnenden Lebenslaufs, Gestalt gewordene Kreatur aus der ultimativen Verbindung von Calvinismus und Kapitalismus.

Während an vielen Messeständen oftmals vornehm-gelangweilte Stille herrscht, drängen sich vor dem Akademie-Tempel die Liebhaber der mechanischen Wunder und der guten Werke wie um das Allerheiligste. Vor geheimnisvollen Zeitmaschinen von der kompakten Taschenuhr bis zu wandhohen Standregulatoren.

Wer möchte schon verpassen, wenn Herr Kiu Tai Yu aus Hongkong, einziger Inhaber eines eidgenössischen Uhrenpatents in ganz Asien, seine pagodenverzierten Modelle präsentiert? Oder der Schweizer Beat Haldimann sein filigranes Zentral-Tourbillon vorführt? Oder der Dresdner Marco Lang seine an August den Starken erinnernden Modelle herumreicht?

Nicht nur die Liebhaber kommen, auch die Vertreter der Konzerne. Sie lassen sich inspirieren. Oder winken gar mit Aufträgen. Drei Ordensmänner entwerfen gerade neue Lösungen für den renommierten US-Anbieter Harry Winston. Und die Firma Goldpfeil verpflichtete gleich sieben Akademiemitglieder, um eine neue Uhrenlinie entwerfen zu lassen.

Das sei unter den Kollegen gar nicht gut angekommen, will ein Akademiker wissen, weil bei diesem Auftrag nur das schnöde Design im Vordergrund gestanden habe und nicht sosehr das Innere, das Wesen.

Bei der AHCI geht es eidgenössisch-protestantisch zu, das Statut ist streng: Der Uhrmacher "soll wenigstens einen Teil der Uhrenkonstruktion oder der Transformation ausgeführt haben. Nicht genehmigt sind solche Stücke, die nur zur äußeren Ausstattung gefertigt sind."

Mit anderen Worten: Form ist Wollust, auf den Inhalt kommt es an. Und auf Komment wird geachtet. Bei "Mangel an Kollegialität" oder "zweifelhafter Moral" droht Ausschluss.

Steter Quell der Neuerungen

Solcherlei Verpflichtungen auf Handwerk, Ethik und Erfindergeist haben die Akademie zu einem beständig sprudelnden Quell der Neuerungen gemacht, einem Sprungbrett auch für junge Talente.

"Manufakturen sind schon aufgrund ihres Produktionsablaufs unheimlich träge Gebilde", sagt Ludwig Oechslin. Der studierte Althistoriker, promovierte Physiker und zugleich Uhrwerker ist Leiter des Uhrenmuseums in La Chaux-de-Fonds und einer der besten Kenner der Szene.

"Deswegen dauert es dort oftmals ewig, bis eine Innovation kommt. Wer dagegen ein eigenes Atelier besitzt und direkt vom Kopf in die Zeichnung und von der Zeichnung ins Produkt umsetzt", so Oechslin, "kann innerhalb kürzester Zeit eine Neuheit vorzeigen, die funktioniert."

Aber was kann bei der Uhr und ihrer jahrhundertelang erprobten Mechanik noch neu erfunden werden?

"Alles", sagt Oechslin.

Wie es jetzt Paul Gerber, einer der Akademie-Altvorderen, mit seiner Mondphase fertig gebracht hat. Der 53-Jährige, der eine Werkstatt am südlichen, dem unfeinen Stadtrand von Zürich am Fuß des Uetliberges unterhält und zu den Legenden der Zunft zählt, hat seinem Werk nicht nur einen kugelrunden Mond beigefügt, sondern auch den Lauf der Erdtrabantenanzeige korrigiert.

Wo die gewöhnliche Mondphase einen Tag Differenz in drei Jahren zusammenbringt, tritt diese Abweichung bei Gerbers Schmuckstück erst nach 128 Jahren auf. Der Preis des hochkomplizierten Präzisionswerks: 38.000 Schweizer Franken.

"Bei uns zählt nicht, dass jemand besonders geschäftstüchtig ist", erläutert der Meister mit abgeklärter Gelassenheit und sanfter Stimme, "es geht auch nicht darum, dass jemand eine gute Idee hat oder ein schönes Zifferblatt gestaltet, ein Loch bohrt und ein Werk hintendran setzt. Sondern, dass jemand eine selbstständig geschaffene Lösung für eine Uhr hat."

Wenn jemand imstande sei, eine mechanische Konstruktion herzustellen, verkündet Paul Gerber in schweizerischem Predigerton, "dann ist er schon durch daaas ein spezieller Mensch, odr".

Das Bewusstsein von Auserwähltheit und Elite stelle sich nicht allein durch Können ein, erläutert Gerber, sondern auch durch Beharrlichkeit und Ausdauer, mit denen sich die AHCI-Uhrmacher durch alle Widrigkeiten an die Spitze gekämpft haben. Auch wenn sie mitunter von ganz unten kamen.

Meister des Uhrmacherordens

Wie etwa George Daniels, heimlicher Großmufti des Uhrmacherordens, 77 Jahre alt, der geheimnisumwittert, wohlhabend und von Legenden verklärt auf der nebelverhangenen Isle of Man inmitten der Irischen See residiert.

Die Wiege des großen Zeitzauberers stand im Londoner East End, sein Vater war ein selten nüchterner Bauhandwerker, eine Uhrmacherlehre hat er nie gemacht. Aber seit er als Fünfjähriger eine Uhr geöffnet hatte, war sein Lebensweg entschieden. Erst recht, als neben der Räderwerkfaszination auch noch der Nationalstolz erwachte.

"Die Wissenschaft der Präzisions-Uhrmacherkunst wurde in England erfunden", gab Daniels einst der "Neuen Zürcher Zeitung" zu Protokoll, "es ist deshalb meine Aufgabe und Pflicht als englischer Uhrmacher zu versuchen, die Leistungen von Präzisionsuhren zu verbessern."

Und so entwickelte der Autodidakt, der als Restaurator, Antiquitätenhändler und Berater beim Auktionshaus Sotheby's Wohlstand erwarb, 1969 die so genannte koaxiale Hemmung als Herzstück der Mechanik. In der Fachliteratur wird sie als erste einschneidende Fortentwicklung seit der Erfindung der klassischen Ankerhemmung durch Daniels' Landsmann Thomas Mudge 200 Jahre zuvor gefeiert. Erst 1999 ging die Innovation in Serienproduktion, in einem Werk der Swatch-Marke Omega.

Ein Nachwuchsstar der Haute Horlogerie ist der 42-jährige Vianney Halter, eine hagere, melancholisch dreinschauende Künstlernatur. Seit er 1998 in Basel ein - ungewohnt sperrig gestaltetes - Meisterwerk vorgestellt hat, die "Antiqua", summt die Uhrenszene seinen Namen in allerhöchsten Tönen.

Das Wunderding: Ein ewiger Kalender schaut den Betrachter aus gleich vier Datenaugen an, ein jedes mit anderem Durchmesser. Ihre Informationen: Stunde und Minute, Wochentag, Monat, Datum. Vorbild war ein Marine-Chronometer des Horologen Ferdinand Berthoud.

Heute produziert Halter mit zwölf Mitarbeitern in der Uhrenhochburg Sainte-Croix, 1100 Meter über dem Meer im Schweizer Jura gelegen, davon maximal 15 Stück im Jahr. Das 1000-Arbeitsstunden-Produkt lässt er sich mit 104.000 Schweizer Franken entlohnen.

Der Sohn eines Lokführers, der in den Vorstädten von Paris in Eisenbahnwaggons aufwuchs, begeisterte sich bereits früh für das Innenleben alter Kirchturmuhren. Mit 13 Jahren begann er eine Uhrmacherlehre, mit 17 Jahren nahm er den ersten Job an, bei einem Uhrenrestaurator, wo er alle Raffinessen historischer Werke kennen lernte. Anfang der 90er Jahre zog es ihn weg von der Seine hinauf in die schweizerische Bergwelt, wo die feinsten Adressen der Uhrenwelt ihren Sitz haben.

Die Kehrseite der Medaille

Hier heuerte Halter bei der hoch renommierten THA (Techniques Horlogères Appliqués) an. Wenige Jahre darauf eröffnete er sein eigenes Atelier, benannt nach dem Uhrmacher des Franzosen-Königs Ludwig XVI., Janvier. Seitdem eilt er von Erfolg zu Erfolg.

Der bleibt einem anderen Akademiekollegen derzeit versagt. Franck Muller, Jahrgang 1958, in der Bruderschaft groß geworden und schnell zum Uhrmacher der Schönen und Reichen in aller Welt avanciert, produziert momentan vor allem negative Schlagzeilen und seltsame Gerüchte.

Seit ihn sein Kompagnon Vartan Sirmakes im November vergangenen Jahres - angeblich - aus der gemeinsamen Manufaktur Watchland im Genfer Vorort Genthod hinausgedrängt hat, überziehen sich beide mit Gerichtsverfahren und Beschuldigungen in den eidgenössischen Medien.

Zum Ungemach der gesamten Uhrenbranche. Denn es geht in dem Streit nicht nur um Eigentumsrechte am Unternehmen, sondern - angeblich - auch um Schwarzproduktion oder gar Fälschung kostbarer Uhren. Gift für den Ruf der guten Schweizer Werke.

Und so hat sich ein ganz Großer der Branche, Jean-Claude Biver, Vorstandsmann der Swatch-Gruppe und ehedem Blancpain-Chef, eine Auszeit im Unternehmen genommen, um seinem alten Freund Franck Muller wieder auf die Beine zu helfen. Ohne Hintergedanken, wie Swatch-Chef Nick Hayek versichert, schon gar nicht der Beginn einer freundlichen Übernahme von Watchland.

Schnelle Karriere, großes Geld, Ruhm und Ehre, aber auch Neid und Missgunst - das alles kann einem blühen als Uhrmacher der Akademie. Der Verlockungen harren viele auf dem Jahrmarkt der Eitelkeiten, und das Glücksrad dreht sich im Stundentakt, wer wüsste das besser als der Horologe.

Man muss widerstehen können, weiß Volker Vyskocil aus Kaldenkirchen.

"Ganz gefährlich", sagt er, "ist es, als Deutscher auf den deutschen Uhrenbau zu verfallen, wie er im sächsischen Glashütte praktiziert wird." Immer wieder glichen seine ersten Entwürfe dem großen Vorbild aus Sachsen, erzählt er.

Es folgten schlaflose Nächte, hirnmarterndes Ringen. "Erst nach drei Monaten Kampf habe ich mich davon getrennt. Schließlich wollte ich kein Plagiat bauen."

Eineinhalb Jahre hat ihn die Entwicklung der "V-30/45-01-A" gekostet, sein Auto hat er aufgegeben, sich eingeschränkt, wo nur möglich, ein Opfergang für eine Uhr.

Seine Partnerin weiß so viel Leidenschaft zu schätzen: "Jedes Mal, wenn ich ihn küsse", bekennt sie in einer Liebeserklärung, "beginnt hinter seinem geistigen Auge eine kleine Feder zu schwingen."

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