Dienstag, 15. Oktober 2019

Uhr-Manufakturen Unruh-Stifter

4. Teil: Meister des Uhrmacherordens

Wie etwa George Daniels, heimlicher Großmufti des Uhrmacherordens, 77 Jahre alt, der geheimnisumwittert, wohlhabend und von Legenden verklärt auf der nebelverhangenen Isle of Man inmitten der Irischen See residiert.

 Seetauglich: Der Franzose Vianney Halter überrascht ...
Ralf Baumgarten
Seetauglich: Der Franzose Vianney Halter überrascht ...
Die Wiege des großen Zeitzauberers stand im Londoner East End, sein Vater war ein selten nüchterner Bauhandwerker, eine Uhrmacherlehre hat er nie gemacht. Aber seit er als Fünfjähriger eine Uhr geöffnet hatte, war sein Lebensweg entschieden. Erst recht, als neben der Räderwerkfaszination auch noch der Nationalstolz erwachte.

"Die Wissenschaft der Präzisions-Uhrmacherkunst wurde in England erfunden", gab Daniels einst der "Neuen Zürcher Zeitung" zu Protokoll, "es ist deshalb meine Aufgabe und Pflicht als englischer Uhrmacher zu versuchen, die Leistungen von Präzisionsuhren zu verbessern."

Und so entwickelte der Autodidakt, der als Restaurator, Antiquitätenhändler und Berater beim Auktionshaus Sotheby's Wohlstand erwarb, 1969 die so genannte koaxiale Hemmung als Herzstück der Mechanik. In der Fachliteratur wird sie als erste einschneidende Fortentwicklung seit der Erfindung der klassischen Ankerhemmung durch Daniels' Landsmann Thomas Mudge 200 Jahre zuvor gefeiert. Erst 1999 ging die Innovation in Serienproduktion, in einem Werk der Swatch-Marke Omega.

... mit einem Marine-Chronometer für stolze 104.000 Schweizer Franken
Ralf Baumgarten
... mit einem Marine-Chronometer für stolze 104.000 Schweizer Franken
Ein Nachwuchsstar der Haute Horlogerie ist der 42-jährige Vianney Halter, eine hagere, melancholisch dreinschauende Künstlernatur. Seit er 1998 in Basel ein - ungewohnt sperrig gestaltetes - Meisterwerk vorgestellt hat, die "Antiqua", summt die Uhrenszene seinen Namen in allerhöchsten Tönen.

Das Wunderding: Ein ewiger Kalender schaut den Betrachter aus gleich vier Datenaugen an, ein jedes mit anderem Durchmesser. Ihre Informationen: Stunde und Minute, Wochentag, Monat, Datum. Vorbild war ein Marine-Chronometer des Horologen Ferdinand Berthoud.

Heute produziert Halter mit zwölf Mitarbeitern in der Uhrenhochburg Sainte-Croix, 1100 Meter über dem Meer im Schweizer Jura gelegen, davon maximal 15 Stück im Jahr. Das 1000-Arbeitsstunden-Produkt lässt er sich mit 104.000 Schweizer Franken entlohnen.

Der Sohn eines Lokführers, der in den Vorstädten von Paris in Eisenbahnwaggons aufwuchs, begeisterte sich bereits früh für das Innenleben alter Kirchturmuhren. Mit 13 Jahren begann er eine Uhrmacherlehre, mit 17 Jahren nahm er den ersten Job an, bei einem Uhrenrestaurator, wo er alle Raffinessen historischer Werke kennen lernte. Anfang der 90er Jahre zog es ihn weg von der Seine hinauf in die schweizerische Bergwelt, wo die feinsten Adressen der Uhrenwelt ihren Sitz haben.

© manager magazin 6/2004
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung