Montag, 21. Oktober 2019

Uhr-Manufakturen Unruh-Stifter

3. Teil: Steter Quell der Neuerungen

Solcherlei Verpflichtungen auf Handwerk, Ethik und Erfindergeist haben die Akademie zu einem beständig sprudelnden Quell der Neuerungen gemacht, einem Sprungbrett auch für junge Talente.

 Mondsüchtig: Erdtrabanten-Mechanik für 38.000 Schweizer Franken ...
Ralf Baumgarten
Mondsüchtig: Erdtrabanten-Mechanik für 38.000 Schweizer Franken ...
"Manufakturen sind schon aufgrund ihres Produktionsablaufs unheimlich träge Gebilde", sagt Ludwig Oechslin. Der studierte Althistoriker, promovierte Physiker und zugleich Uhrwerker ist Leiter des Uhrenmuseums in La Chaux-de-Fonds und einer der besten Kenner der Szene.

"Deswegen dauert es dort oftmals ewig, bis eine Innovation kommt. Wer dagegen ein eigenes Atelier besitzt und direkt vom Kopf in die Zeichnung und von der Zeichnung ins Produkt umsetzt", so Oechslin, "kann innerhalb kürzester Zeit eine Neuheit vorzeigen, die funktioniert."

Aber was kann bei der Uhr und ihrer jahrhundertelang erprobten Mechanik noch neu erfunden werden?

"Alles", sagt Oechslin.

Wie es jetzt Paul Gerber, einer der Akademie-Altvorderen, mit seiner Mondphase fertig gebracht hat. Der 53-Jährige, der eine Werkstatt am südlichen, dem unfeinen Stadtrand von Zürich am Fuß des Uetliberges unterhält und zu den Legenden der Zunft zählt, hat seinem Werk nicht nur einen kugelrunden Mond beigefügt, sondern auch den Lauf der Erdtrabantenanzeige korrigiert.

... vom Akademie-Altvorderen Paul Gerber
Ralf Baumgarten
... vom Akademie-Altvorderen Paul Gerber
Wo die gewöhnliche Mondphase einen Tag Differenz in drei Jahren zusammenbringt, tritt diese Abweichung bei Gerbers Schmuckstück erst nach 128 Jahren auf. Der Preis des hochkomplizierten Präzisionswerks: 38.000 Schweizer Franken.

"Bei uns zählt nicht, dass jemand besonders geschäftstüchtig ist", erläutert der Meister mit abgeklärter Gelassenheit und sanfter Stimme, "es geht auch nicht darum, dass jemand eine gute Idee hat oder ein schönes Zifferblatt gestaltet, ein Loch bohrt und ein Werk hintendran setzt. Sondern, dass jemand eine selbstständig geschaffene Lösung für eine Uhr hat."

Wenn jemand imstande sei, eine mechanische Konstruktion herzustellen, verkündet Paul Gerber in schweizerischem Predigerton, "dann ist er schon durch daaas ein spezieller Mensch, odr".

Das Bewusstsein von Auserwähltheit und Elite stelle sich nicht allein durch Können ein, erläutert Gerber, sondern auch durch Beharrlichkeit und Ausdauer, mit denen sich die AHCI-Uhrmacher durch alle Widrigkeiten an die Spitze gekämpft haben. Auch wenn sie mitunter von ganz unten kamen.

© manager magazin 6/2004
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