Dienstag, 22. Oktober 2019

Uhr-Manufakturen Unruh-Stifter

2. Teil: Akademie der Uhrmacher

Die echt schweizerische Vereinigung, so will es ihr Präsident, bezieht ihren Namen aus der Antike, in der die Akademie Treffpunkt der Anführer römischer Legionen war. Sie ist ein loser Verbund, eine Art Orden, von derzeit 23 Mitgliedern und 11 Kandidaten aus 10 Nationen.

 Fernöstlich: Tourbillon ...
Ralf Baumgarten
Fernöstlich: Tourbillon ...
Die Mitglieder der Bruderschaft von Idealisten und Individualisten, oftmals starrsinnigen Eigenbrötlern, und Rebellen haben nur eines im Sinn: kraft Unruh und Hemmung gute mechanische Werke noch zu verbessern und - so die Statuten - "noch nie dagewesene Stücke der Uhrmacherei zu schaffen".

Einzig Ruhm und Preis der maschinellen Zeitmessung ist ihr Anliegen, vergegenständlicht in der Uhr, dem Sinnbild rastloser Tätigkeit, der Zählbarkeit und Einteilung des verrinnenden Lebenslaufs, Gestalt gewordene Kreatur aus der ultimativen Verbindung von Calvinismus und Kapitalismus.

Während an vielen Messeständen oftmals vornehm-gelangweilte Stille herrscht, drängen sich vor dem Akademie-Tempel die Liebhaber der mechanischen Wunder und der guten Werke wie um das Allerheiligste. Vor geheimnisvollen Zeitmaschinen von der kompakten Taschenuhr bis zu wandhohen Standregulatoren.

... vom Hongkong-Chinesen Kiu Tai Yu
Ralf Baumgarten
... vom Hongkong-Chinesen Kiu Tai Yu
Wer möchte schon verpassen, wenn Herr Kiu Tai Yu aus Hongkong, einziger Inhaber eines eidgenössischen Uhrenpatents in ganz Asien, seine pagodenverzierten Modelle präsentiert? Oder der Schweizer Beat Haldimann sein filigranes Zentral-Tourbillon vorführt? Oder der Dresdner Marco Lang seine an August den Starken erinnernden Modelle herumreicht?

Nicht nur die Liebhaber kommen, auch die Vertreter der Konzerne. Sie lassen sich inspirieren. Oder winken gar mit Aufträgen. Drei Ordensmänner entwerfen gerade neue Lösungen für den renommierten US-Anbieter Harry Winston. Und die Firma Goldpfeil verpflichtete gleich sieben Akademiemitglieder, um eine neue Uhrenlinie entwerfen zu lassen.

Das sei unter den Kollegen gar nicht gut angekommen, will ein Akademiker wissen, weil bei diesem Auftrag nur das schnöde Design im Vordergrund gestanden habe und nicht sosehr das Innere, das Wesen.

Bei der AHCI geht es eidgenössisch-protestantisch zu, das Statut ist streng: Der Uhrmacher "soll wenigstens einen Teil der Uhrenkonstruktion oder der Transformation ausgeführt haben. Nicht genehmigt sind solche Stücke, die nur zur äußeren Ausstattung gefertigt sind."

Mit anderen Worten: Form ist Wollust, auf den Inhalt kommt es an. Und auf Komment wird geachtet. Bei "Mangel an Kollegialität" oder "zweifelhafter Moral" droht Ausschluss.

© manager magazin 6/2004
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