Aktienmärkte Auf den Index setzen

Princeton-Professor Burton Malkiel hat mit seiner "Dartpfeil-Methode" viele Fondsmanager in Verlegenheit gebracht. Malkiel hält nichts von Fonds. manager-magazin-Lesern verrät er, wie sie ihre Altersvorsorge stattdessen aufbauen sollten.

mm:

Professor Malkiel, können wir uns Ihre Dartpfeile ansehen?

Malkiel: Warum glauben Sie, dass ich welche in der Tasche habe?

mm: Sie haben einmal behauptet, dass es genügt, Dartpfeile auf die Börsenseiten einer Zeitung zu werfen, um besser abzuschneiden als der Großteil der professionellen Fondsmanager.

Malkiel: Oh, das ist jetzt 30 Jahre her und hat eine Menge Wirbel provoziert. In der "Business Week" war damals zu lesen, dass ich den größten Unsinn geschrieben habe, der jemals über das Geldanlegen an der Börse zu Papier gebracht worden ist. Das "Wall Street Journal" hat dann Anfang der 90er Jahre damit begonnen, Portefeuilles von Finanzprofis gegen Depots antreten zu lassen, deren Aktienauswahl durch Dartwürfe zustande gekommen war. Nach über zehn Jahren hatten sich die Darts einen leichten Vorsprung gegenüber den Profis herausgearbeitet. Aber im Grunde trifft die Analogie von den Wurfpfeilen meinen Investmentansatz nicht richtig.

mm: Wollen Sie jetzt etwa widerrufen und Abbitte leisten?

Malkiel: Nein, ich denke nur, dass ein anderes Bild passender ist. Statt Darts sollten Anleger ein Badetuch über die Börsenseiten werfen und alle Aktien kaufen, die darunter liegen.

mm: Warum?

Malkiel: Wenn das Handtuch groß genug ist, treffen Sie damit sämtliche an einer Börse gehandelten Aktien - Sie kaufen übertragen gesprochen den kompletten Markt und halten ihn anschließend so lange wie möglich. Diese Strategie lässt sich am besten durch den Kauf eines kostengünstigen Indexfonds erreichen, der den Markt möglichst breit abdeckt. Sie schneiden damit nie besser oder schlechter ab als der Markt. Auf diese Weise schalten Sie auch jedes Risiko aus, sich bei der Auswahl von Branchen und Firmen zu vergreifen.

mm: Das kann teuer werden. Jeder, der Anfang März 2000 sein Geld in Dax- oder EuroStoxx-Indexfonds gesteckt und bis heute durchgehalten hat, steht mit Verlusten von 50 Prozent und mehr da.

Malkiel: Solche Einbußen hätten Sie auch gehabt, wenn Sie einen gängigen Aktienfonds gekauft hätten. Wahrscheinlich wäre Ihr Minus dann sogar noch höher ausgefallen.

Zwei Regeln für Anleger

mm: Ein schwacher Trost für alle, deren Depots heute unter Wasser stehen.

Malkiel: Jeder, der sein Vermögen breit genug diversifiziert hatte, ist auch nach dem Platzen der Internetblase besser gefahren als der Großteil der übrigen Anleger. Und mit breit diversifiziert meine ich, dass Anleger nicht nur Aktien halten sollten, sondern auch Teile ihres Vermögens in Anleihen und Immobilien investieren sollten. Und was Dividendentitel betrifft: Es reicht nicht, nur auf deutsche oder europäische Blue-Chip-Indizes zu setzen.

mm: Wie sollten Anleger stattdessen agieren?

Malkiel: Ich empfehle jedem, der Aktien kauft, sich an zwei Regeln zu halten. Regel Nummer eins: Das Kapital sollte weltweit und über alle Branchen und Unternehmensgrößen hinweg investiert sein. Die USA, Europa, die Schwellenländer Asiens, Lateinamerikas und Osteuropas sollten über Indexfonds genauso vertreten sein wie Blue Chips und Small Caps. Schnell wachsende Hightech-Unternehmen sind ebenso ein Muss wie substanzstarke Old-Economy-Firmen.

mm: Und Regel Nummer zwei?

Malkiel: Niemand sollte sein Pulver auf einmal verschießen. Größere Summen teilt man am besten in mehrere kleinere Beträge auf und investiert sie im Abstand von einigen Monaten. Ansonsten sollten Anleger monatlich oder quartalsweise konsequent eine feste Summe ansparen.

mm: Was soll das bringen?

Malkiel: Wenn Sie sich etwa ab Ende der 90er Jahre an diese Regel gehalten haben, dann haben Sie in der Hochphase der Jahre 1999 und 2000 relativ wenig Aktien gekauft. Dafür sind nach dem 11. September oder vor dem Ausbruch des Irak-Kriegs - als die Börsen weltweit extrem günstig bewertet waren - umso mehr Papiere in Ihr Depot gewandert. Die Gewinne, die sich in der Erholung nach dem Ende dieser Panikphasen einstellten, haben die Verluste aus den Käufen am Ende der Boomjahre nahezu ausgeglichen. Zumindest gilt das für den amerikanischen S&P-500-Index.

mm: Wäre es nicht günstiger gewesen, sein Depot mit einem Stopp-Loss-Limit abzusichern und in der Erholungsphase wieder einzusteigen?

Malkiel: Was Sie da vorschlagen, ist ein Spiel mit dem Feuer. Sie werden niemals den optimalen Zeitpunkt für Ausstieg und Wiedereinstieg finden. Das Einzige, was Sie mit einer solchen Strategie erreichen, ist, dass Sie zu spät einsteigen, Aufschwungphasen verpassen und auf diese Weise eine Menge Geld verschenken.

"Selbst die Profis scheitern"

mm: Dafür lassen sich mit einem Ausstieg Verluste vermeiden.

Malkiel: Ich glaube nicht, dass damit viel gewonnen wäre. Dafür laufen Kurserholungen viel zu schnell und viel zu erratisch ab. Wenn Sie sich etwa die drei Jahrzehnte zwischen 1965 und 1995 auf dem US-Aktienmarkt anschauen, dann werden Sie Folgendes feststellen: Die wesentlichen Kursgewinne waren in dieser Zeit an nur 90 der insgesamt ungefähr 7500 Handelstage zu verzeichnen.

mm: Sie wollen Anlegern also zumuten, mit ihrem Vermögen jede Talfahrt an der Börse mitzumachen?

Malkiel: Unbedingt, Kaufen und Halten war in den vergangenen Jahrzehnten trotz aller Einbrüche die beste Strategie, und vieles spricht dafür, dass dies auch noch eine Weile so bleibt. Selbst die Profis scheitern, wenn sie versuchen, rechtzeitig ein- oder auszusteigen.

mm: Können Sie das belegen?

Malkiel: Wir haben die Timing-Qualitäten amerikanischer Aktienfondsmanager getestet. Dazu verfolgten wir die Barmittelquoten ihrer Portefeuilles bis zum Jahr 1968 zurück. Anschließend haben wir die Bargeldbestände an der Spitze einer Hausse mit dem Cash-Anteil im Tief einer Baisse verglichen. Wären die Fondsmanager imstande, Marktumschwünge zu antizipieren, also ihre Investments richtig zu timen, dann müssten sie viel Bargeld halten, wenn die Aktien auf Höchstständen notieren, um Verluste zu vermeiden. Andererseits sollten sie voll investiert sein, wenn die Kurse auf Tiefststände gefallen sind, um so am stärksten von der kommenden Erholung zu profitieren.

Das Ergebnis war für die Investmentbranche wenig schmeichelhaft. Wenn die Zeit zum Ausstieg reif schien, waren die meisten Fonds voll investiert, dagegen stiegen die CashQuoten am Ende einer Baisse regelmäßig an.

mm: Warum halten Sie so unerschütterlich daran fest, dass der durchschnittliche Fondsmanager auf Dauer schlechter abschneiden muss als der Markt?

Malkiel: Nehmen Sie sich doch einmal die Bilanz dieser Leute vor. Amerikanische Blue-Chip-Fonds schnitten zwischen Anfang 1982 und Ende 2001 jedes Jahr im Schnitt um 2 Prozentpunkte schlechter ab als der S&P-500-Index. Wenn Sie also 1982 100.000 Dollar in den S&P 500 investiert hätten, dann wären bis Ende 2001 rund 1,8 Millionen Dollar daraus geworden. Mit dem Kauf eines durchschnittlichen Blue-Chip-Fonds hätten Sie ungefähr 600.000 Dollar weniger verdient.

mm: Woran liegt das?

Malkiel: An den hohen Gebühren. Allein für das Management zahlen Sie jedes Jahr zwischen 1 und 1,5 Prozent Ihres Kapitals. Hinzu kommen noch hohe Transaktionskosten. Viele Manager schichten ihr Depot jedes Jahr einmal komplett um. Dafür geht noch einmal ein Prozentpunkt Ihres Geldes drauf. Wer sich also über Indexfonds an den Börsen engagiert, sollte darauf achten, so wenig Gebühren wie möglich zu zahlen.

Altersvorsorge mit Indexprodukten

mm: Es gibt doch aber genug Fonds, die besser abschneiden als der Index.

Malkiel: Stimmt, aber dieses Wissen bringt Sie nicht weiter. Anleger, die 1970 die besten 20 Fonds der 60er Jahre gekauft hatten, mussten zehn Jahre später feststellen, dass sie deutlich weniger verdient hatten, als wenn sie ein Indexprodukt gekauft hätten. Wenn Sie die besten Zertifikate der 70er, der 80er oder der 90er Jahre gekauft hätten, wäre das Ergebnis auch nicht anders ausgefallen.

Günstige Gelegenheiten: Eine Auswahl börsengehandelter Indexfonds
Aktienindex Anbieter ISIN*
Deutscher Aktienindex Indexchange (Kurswerte anzeigen)
MSCI Europa Unico (Kurswerte anzeigen)
S&P 500 (USA) IShares (Kurswerte anzeigen)
Dow Jones Japan Titans Fresco (Kurswerte anzeigen)
MSCI World Unico (Kurswerte anzeigen)
*Internationale Wertpapierkennung. Quelle: Feri Trust

mm: Dann erklären Sie uns bitte das Phänomen Warren Buffett.

Malkiel: Im Grunde ist der Mann nichts anderes als ein unglaublicher Zufall. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein einzelner Anleger über 30 Jahre hinweg besser abschneidet als der Markt, ist extrem gering.

mm: Aber es gibt ihn, und er ist extrem erfolgreich.

Malkiel: Ich erkläre es Ihnen noch einmal anders. Fordern Sie 1000 Leute auf, eine Münze zu werfen. Jeder, der Kopf wirft, darf weitermachen. Nach der ersten Runde bleiben 500 übrig, nach der zweiten 250 und so weiter. Ungefähr sieben Würfe später sind noch vier Leute übrig. Ziemlich genau zu diesem Zeitpunkt werden sich Menschentrauben versammeln, und die Zeitungen werden Geschichten schreiben über die geniale Fähigkeit dieser Leute, mit Münzen umzugehen. Diese Analogie können Sie getrost auf den Hype übertragen, der mit Überfliegern auf den Aktienmärkten getrieben wird. Aber im Ernst: Wenn Sie Anfang der 70er Jahre auf Buffett gestoßen wären, hätten Sie dann darauf gewettet, dass er es so lange schafft, den Markt zu schlagen?

mm: Also bleibt einem Anleger, der seine Altersvorsorge an den Börsen aufbauen will, nichts anderes übrig als der Kauf langweiliger Indexfonds.

Malkiel: Ich bin nicht ganz so streng. Es reicht, den Kern seiner Altersersparnisse über Indexprodukte anzusammeln. Wer Spielgeld übrig hat, soll doch auf einzelne Papiere wetten. Es macht schließlich Spaß, an der Börse herumzuspielen - ich bin da ja keine Ausnahme. Und einem Anleger zu sagen, dass er es nie schaffen wird, den Markt zu schlagen, ist ungefähr genauso wirkungsvoll, wie einem sechsjährigen Kind zu erklären, dass es den Weihnachtsmann nicht gibt.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.