Altersvorsorge Was Sie schon immer über die Zukunft wissen wollten

Wie lange leben wir? Wie viel Rente bekommen wir? Wie viel müssen wir sparen? Was kostet uns die Inflation? Was kassiert der Staat? Wer unter 50 Jahre alt ist, sollte auf diese Fragen eine Antwort haben.

Wir, die Generation der Babyboomer, werden das zweifelhafte Vergnügen als Erste haben. Unsere Altersklasse, Jahrgang 1955 aufwärts, die ab 2020 ihre Planstellen räumt, muss ihren Ruhestand weitgehend privat finanzieren.

Wie das gehen soll, weiß keiner so genau. Unsere Eltern können wir nicht um Rat fragen. Die haben genügend Kinder in die Welt gesetzt, um gut von deren Rentenbeiträgen leben zu können. Spätestens ab Ende der 60er Jahre hat das nicht mehr funktioniert, mit der Folge, dass wir heute für später viel mehr sparen müssen.

Das gilt vor allem für gut verdienende Akademiker. Weil Studium und Ausbildung bei der Rentenberechnung nicht mehr zählen, wird die Lücke zwischen dem letzten Gehalt und der ersten Rente größer. Mehr als 10 Prozent des Bruttogehalts, sagen die Experten des Deutschen Instituts für Altersvorsorge, müssen deshalb angespart werden, damit der Lebensstandard im Alter erhalten bleibt.

manager magazin hat einen Blick in die Glaskugel geworfen. Wie lange muss das Geld reichen? Wie viel davon frisst die Inflation wieder auf? Und schließlich: Wie viel will das Finanzamt sich künftig von unseren Altersbezügen nehmen?

Wir haben mit Ärzten, Volkswirten, Demografie-Experten und Finanzwissenschaftlern gesprochen. Wir haben Statistiken gewälzt, Datenbanken angezapft und unsere Computer gequält. Wir haben Prognosen und Modellrechnungen zusammengefügt und versucht, aus der Vergangenheit für die Zukunft zu lernen. Das Ergebnis dieser Zeitreise können Sie in den folgenden Teilen nachlesen.

Wie lange werden wir leben?

Wie lange werden wir leben?

Auf Bundespräsident Horst Köhler kommt mehr Arbeit zu als auf all seine Vorgänger. Der Grund: Jedem Bundesbürger, der 100 Jahre alt wird, gratuliert das Staatsoberhaupt per Brief. Griff Heinrich Lübke 1965 nur 158-mal zur Feder, waren es 2003 bei Johannes Rau schon 3884 Schreiben.

Die Zahl der Briefe wird weiter wachsen. Mädchen, die heute geboren werden, hätten gute Chancen, die nächste Jahrhundertwende zu erleben, sagt Versicherungsvorstand Dietmar Zietsch.

Seit 160 Jahren nimmt die statistische Lebenserwartung in den Industrieländern jährlich um rund drei Monate zu. Das liegt weniger an den spektakulären Errungenschaften der Medizin wie etwa Organtransplantationen oder Gen-Therapien. Es sind vor allem die verbesserten Lebensumstände: Ernährung, Hygiene, Breitensport, aber auch die bessere Information über Vorsorge und Früherkennung von Krankheiten. Am meisten verlängert jedoch ein hohes Einkommen das Leben: Wer reich ist, stirbt statistisch gesehen um Jahre später.

Die größten Killer und was dagegen hilft

Todesursache Wichtigste Akut-Therapie Größter Hoffnungsträger für die nächsten zehn Jahre Viel versprechende Experimente
1. Herz-Kreislauf- Erkrankungen Medikamente zur Öffnung der verstopften Herzkranzgefäße; Bypass-OP, Katheter-Eingriffe Katheter-Eingriffe bei sehr alten Menschen: zum Dehnen der Adern am Herzen und zur Verbesserung der Blutzufuhr Eingriffe am schlagenden Herzen als schonende OP-Methode (ohne Herz-Lungen-Maschine)
2. Krebs Operation, Bestrahlung, Chemotherapie, neue Biotech-Präparate Individuell (nach Gen-Untersuchung) zusammengestellte und dosierte Krebsmedikamente Immuntherapie: Das körpereigene Abwehrsystem wird so programmiert, dass es Tumore spezifisch bekämpft
3. Schlag- anfall Medikamente zur Auflösung des Blutpfropfs im Hirn Genetische Erkennung von Risikopatienten; dort: prophylaktische Medikamentengabe Katheter-Einsätze gegen den Blutpfropf im Gehirn


Uneins sind sich die Forscher, wie lange das so weitergeht. Herwig Birg von der Universität Bielefeld sieht ein Abflachen der Kurve gegen Ende dieses Jahrhunderts. Jim Oeppel von der Cambridge University und James Vaupel vom Rostocker Max-Planck-Institut sagen jedoch eine kontinuierliche Lebensverlängerung voraus - ohne Obergrenze. Behalten sie Recht, ist der natürliche Tod irgendwann abgeschafft, und die Menschen sind nahezu unsterblich.

Wie viel Rente bekommen wir?

Wie viel Rente bekommen wir?

Es ist ein schleichender Prozess, und die Folgen werden erst in ein oder zwei Jahrzehnten zu spüren sein. Seit 1977, als die staatliche Rentenversicherung zum ersten Mal nach 1957 reformiert wurde, ist das potenzielle Rentenniveau um knapp ein Drittel gesunken. Das Tempo hat sich seither kräftig beschleunigt. Und es spricht nichts dafür, dass sich dieser Trend ändert. Wenn die noch anstehenden Reformen abgeschlossen sind, kann der Durchschnittsrentner nach Berechnungen des Deutschen Instituts für Altersvorsorge vom Jahr 2030 an nur noch mit knapp 38 Prozent seines letzten Bruttogehalts rechnen. Nach 2040 werden es lediglich 35,6 Prozent sein. Und das gilt für einen Ruheständler, der zwischen dem 20. und dem 65. Geburtstag regelmäßig Beiträge gezahlt hat.

Weit drastischer fällt der Effekt der kommenden Rentenreform aus, wenn sich die Zahl der Beitragsjahre durch lange Ausbildungszeiten an Schulen oder Universitäten auf 35 Jahre reduziert. Der gut verdienende alleinstehende Angestellte kann 2040 nach 45 Beitragsjahren noch mit einem Rentenniveau von knapp 50 Prozent des letzten Nettoeinkommens rechnen. Wer zehn Jahre weniger in die gesetzliche Kasse einzahlt, erhält nurmehr knapp 39 Prozent. Ein Großteil der Senioren wird wohl wählen müssen: Konsumverzicht oder Arbeit lebenslänglich.

Wie viel müssen wir sparen?

Wie viel müssen wir sparen?

Die Summen sind gewaltig. Mehr als 10 Prozent des Bruttoeinkommens, sagen Finanzwissenschaftler wie der Essener Professor Reinhold Schnabel, müssen gut verdienende Berufseinsteiger zurücklegen, damit der Lebensstandard im Alter nicht sinkt. Die Frage ist nur: Wohin mit dem Geld? Die Renditen sinken. In Deutschland etwa sieht es danach aus, als ob sich die Erträge der Lebensversicherer an die Rendite zehnjähriger Staatspapiere anglichen, sagen die Experten des Bad Homburger Analysehauses Feri Institutional Management. Also nur 4 oder 4,5 statt der gewohnten 6 Prozent. Und die Weltbörsen leiden immer noch unter den Nachwehen der geplatzten Internetblase. Kapitalmarkt-Auguren wie der US-Rentenguru Bill Gross oder Princeton-Professor Burton G. Malkiel glauben, dass sich Aktionäre längerfristig auf einstellige Renditen einstellen müssen.

Ein Blick in die Vergangenheit liefert den entscheidenden strategischen Hinweis: Wer fürs Alter spart, muss sein Geld breit streuen. An den deutschen Börsen etwa folgte auf die Jubeljahre der Wirtschaftswunderzeit eine beinahe zwei Jahrzehnte währende Depression. Ähnliches spielte sich auch an der Wall Street ab. Stabilisierende Elemente wie Lebensversicherungen, Anleihen oder offene Immobilienfonds aber verhalfen einem ausgewogen sortierten Altersvorsorgeportefeuille seit 1950 immerhin zu einer durchschnittlichen jährlichen Rendite von 9,4 Prozent - trotz Ölkrise und Internetcrash.

Was kostet uns die Inflation?

Was kostet uns die Inflation?

Es ist eine deutsche Urangst, dass die Zeiten zurückkehren, in denen Banknoten, die abends in die Lohntüte wanderten, schon am nächsten Mittag nichts mehr wert waren. Das war um 1923 und ist mithin über 80 Jahre her. Dennoch taucht das Gespenst in regelmäßigen Abständen wieder auf.

Besteht aber noch Anlass zur Furcht? Bislang wurden die Schwarzseher von der Realität widerlegt. Trotz Teuro stiegen die Preise in Deutschland während des vergangenen Jahres um gerade einmal 1,05 Prozent. Für die kommenden Jahre erwarten Ökonomen kaum höhere Raten. Renommierte Volkswirte, die für manager magazin einen Blick in die Glaskugel warfen, sehen auch für die kommenden Jahre keinen Anlass zur Besorgnis. Im Durchschnitt rechnen die Wissenschaftler mit einer Preissteigerung von nur 1,5 Prozent im Jahr. "Inflation ist kein ernsthaftes Problem mehr", konstatiert Ulrich Hombrecher, Chefvolkswirt der WestLB.

Bricht allerdings die Klammer des Stabilitätspakts auseinander und rücken die Währungshüter vom Kurs der strikten Geldwertstabilität ab, könnten die Teuerungsraten deutlich steigen und leicht wieder den Stand von 1980 (5,44 Prozent) erreichen. Aufgebautes Vermögen wäre dann sehr viel schneller aufgebraucht.

Foto: mm
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Preis des Alters: Was Produkte heute und im Jahr 2035 kosten*
heute 2035
Bahncard, 1. Klasse 400 Euro 634,61 Euro
Mittelmeer-Kreuzfahrt
auf der "Queen Mary 2", Balkonkabine, 2 Wochen
5640 Euro 8948 Euro
Eintritt Sole-Therme:
2,5 Stunden, Bad Harzburg
7,50 Euro 11,90 Euro
Stück Schwarzwälder Kirschtorte
im Café Kranzler, Berlin
2,80 Euro 4,44 Euro
Schachtel Kukident aktiv plus (128 Stück)
bei Budnikowsky, Hamburg
4,85 Euro 7,69 Euro
* bei einer durchschnittlichen jährlichen Inflation von 1,5 Prozent.

Was kassiert der Staat?

Was kassiert der Staat?

Der Spruch der Karlsruher Verfassungsrichter war eindeutig: So wie bislang geht es mit der Besteuerung der Renten nicht weiter. Die Reaktion aus Berlin kam mit der gewohnten Verzögerung und enthielt die übliche Mischung aus genauso gut gemeinten wie komplizierten Lösungsvorschlägen, die in diesen Wochen als Alterseinkünftegesetz den Bundestag passieren sollen. Fest steht bislang nur zweierlei: In den kommenden Jahrzehnten müssen private und staatliche Alterseinkünfte Schritt für Schritt stärker versteuert werden. Ab 2040 hat der Fiskus dann den vollen Zugriff auf die Renten. Gleichzeitig soll die Steuerfreiheit auf neu abgeschlossene Lebensversicherungen fallen oder zumindest deutlich eingeschränkt werden. Vor allem Leistungsträger und Spitzenverdiener dürfen sich im Alter auf eine deutlich höhere Steuerbelastung einstellen.

Als Kompensation sollen die künftigen Rentnergenerationen einen Teil ihrer Altersbezüge aus nicht versteuertem Einkommen ansparen dürfen. Ein eigentlich sinnvolles System, da auf diese Weise deutlich höhere Summen angespart werden könnten. Doch dieser Effekt wird bei den derzeit geplanten Steuerregeln kaum eintreten. Die vorgesehenen Anreize lassen wenig Spielraum für private Vorsorgemaßnahmen. Der Großteil der geplanten Freibeträge wird durch die Anrechnung der Beiträge auf die gesetzlichen Rentenversicherungen aufgebraucht.

Griff in die Tasche: Vom Jahr 2040 an müssen die Alterseinkommen voll versteuert werden. Was dann noch übrig bleibt - eine Hochrechnung
Brutto- einkommen im Ruhestand 1 Single Ehepaare
Nettoeinkommen Nettoeinkommen
2004 2040 Differenz 2004 2040 Differenz
60.000 50.800 43.600 -7200 54.300 49.000 -5300
80.000 62.800 55.200 -7600 68.400 62.300 -6100
100.000 74.400 66.800 -7600 81.600 74.600 -7000
1 35 Beitragsjahre in der gesetzlichen Rentenversicherung, private Vermögenseinkünfte voll steuerpflichtig. Quelle: Deutsches Institut für Altersvorsorge

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