Porträt Comeback eines Boxers

Thomas Fischer verströmte die Selbstgewissheit der Hochfinanz. Bei der WestLB taucht der einstige Deutsche-Bank-Vorstand in einer neuen Rolle auf: als Moralist.

Der Mann hat oft genug auf die Schnauze bekommen. Sagt er. In seiner Jugend war Thomas Fischer mal Amateurboxer. Noch heute schwingt der 56-Jährige gelegentlich die Fäuste - vornehmlich gegen einen Sandsack.

Boxen, schwärmt der Banker, habe einen "starken Bezug zum Leben". Den erfolgreichen Kämpfer zeichne aus, dass er harte Schläge einstecken könne, ohne zu kollabieren.

Wie Thomas Fischer. Dreimal in seinem Berufsleben musste er richtig einstecken: zweimal bei der Deutschen Bank, die er jeweils im Unfrieden verließ, einmal bei der Landesbank Baden-Württemberg, die ihm übel mitspielte.

Jetzt ist er wieder da - als Chef und Retter der schwer angeschlagenen WestLB, der Nummer acht im deutschen Geldgewerbe.

Die Faustrolle passt zu seiner Aufgabe. Und zu seinem Phänotyp.

In der Riege dieser turmhohen Topmanager ist für ihn mangels Länge kein Platz. Auch im eleganten Fach kommt der bullige Mann kaum unter. Als Kämpfer aber macht er sich ausgezeichnet. Den Brustkorb plustert er hahnengleich auf, der massige Nacken signalisiert Kraft, das rote Wuschelhaar wirkt wie eine Warnflagge.

Fischer unterstützt den Anschein durch markante Accessoires: Hosenträger, mutige Krawatten, dicke Zigarren.

Der neue Job verlangt von ihm indes mehr als Kraftmeierei. Er muss aufrichten, Sinn stiften. Fischer weiß das und handelt danach.

Die rund 100 Gäste - Abgesandte großer Firmenkunden -, die an diesem Morgen zu einem Kolloquium in die Düsseldorfer Zentrale der WestLB gekommen sind, erleben einen Moralisten.

Gastgeber Fischer spricht frei, mit sanfter Stimme. Und geht unversehens in eine Predigt über, die glauben lässt, am Pult stünde Johannes Rau.

Der Flüchtling

Die Bankenkrise, intoniert er, zwinge, über den Raison d'Etre des Bankiers nachzudenken, über seine Existenzberechtigung. Von vielem habe man im Kreditgewerbe in den vergangenen Jahren gehört, von Fusionsplänen, von Sparprogrammen. Nur vom Kunden sei keine Rede gewesen. Der Bankier, mahnt Fischer, müsse zu alten Werten zurückfinden. "Stattdessen dachten einige" - Fischer kneift die Augen zu, als spähe er gen Frankfurt -, "sie seien die Masters of the Universe."

War Fischer nicht mal selbst so einer? Hochfahrend, unnahbar, selbstverliebt?

Noch heute gibt er zu verstehen, dass er sich zu denen zählt, die schon alles gesehen und alles verstanden haben. Prahlt mit seinem reichen Wissen, zitiert Popper und Machiavelli, piekst den Gegenüber mit entlegenen Fremdwörtern und fällt phasenweise ins Englische, das er perfekt beherrscht.

Immer mehr aber kommt Fischers andere Seite zum Vorschein. Die des nachdenklichen Zeitgenossen, der über Heuchelei sinniert ("eine Sünde, das haben die meisten verdrängt"); der mit der Hochfinanz abrechnet ("Die Großbanken haben versagt"); der beklagt, wie glimpflich Missmanager davonkommen.

Mehrfach erwähnt Fischer im Nebensatz, er gehe auf die 60 zu. Zeit für erste Altersweisheit. Zeit für einen Boxer-Aufstand.

Widerspruchsgeist hat er geerbt. Thomas Fischer kam 1947 in Berlin-Mitte als Erster von drei Söhnen zur Welt. Die Mutter stammt aus einer alten Salzburger Sippe, die ins Märkische ausgewandert war, um protestantisch bleiben zu können. Der Vater - Typ: zackiger Preuße - opponierte gegen das SED-Regime. Der Kohlechemiker, als Funktionär in der Brennstoffversorgung eingesetzt, sollte in die Partei eintreten. Er zog die Flucht vor.

Die Familie kam nach Linz am Rhein. Dort ging Fischer zur Grundschule, dort fing er sich einen dezenten rheinischen Akzent ein und einen Sinn für das leichte Leben.

Prägend wurde für ihn aber auch, "was man erfährt, wenn man Flüchtling ist". Der Fremde aus dem Osten wurde angegriffen, von den durchweg katholischen Mitschülern als "Evangelensau" beschimpft. Auch materiell waren die Fischers Außenseiter. Da habe er gelernt: "Man ist nichts per se. Man muss sich machen."

Der Teilhaber

1960 zog die Familie nach Hamburg um, der Vater hatte sich inzwischen als Industrieberater selbstständig gemacht. Als der Vater schwer erkrankte, verließ der älteste Sohn die Schule nach der mittleren Reife und sprang ein, gerade erst 16 Jahre alt. "Quintessenz dieser Zeit", protokolliert Fischer militärisch knapp, "Erwachsene lügen." Die netten Onkels, die man von Besuchen kannte, waren im Geschäft plötzlich gar nicht mehr so nett.

Ende der Sechziger emigrierten die Eltern nach Kanada. Der Vater hatte einige Weltpatente gewährt bekommen, die er von Vancouver aus, damals ein Paradies für Investoren, verwerten wollte. Sohn Thomas absolvierte die Bundeswehr. Mit Freuden ("Ich hab's genossen"). Und mit Gewinn. Der junge Raketenartillerist zog beim Bund nebenher einen florierenden Handel mit Gebrauchtwagen auf, zwischen klammen Wehrpflichtigen, die ihr Auto loswerden wollten, und amerikanischen oder britischen Soldaten, die vorübergehend etwas Fahrbares brauchten.

Wieder Zivilist, holte er in Berlin an der Abendschule das Abitur nach. Er zögerte, ob er gleich weiter studieren oder aber den Eltern nach Vancouver folgen sollte. Die Familienbande siegten.

Er stieg ins väterliche Unternehmen ein, wie seine Brüder. Alle drei überwarfen sich mit dem Patriarchen. Denn der wollte partout allein bestimmen. Sohn Thomas, der einen scharfen Blick auf die Kasse hatte, litt zudem wegen der Visionen des Altvorderen. Der Ingenieur, fürchtete er, werde mit technischen Träumereien das Familienvermögen durchbringen.

So weit kam es gottlob nie. Jahre später machten der Vater und die Söhne ihren Frieden miteinander. Das Unternehmen ist längst verkauft, Teilhaber Thomas Fischer wurde dadurch finanziell sorglos.

Schon 1976, nach rund drei Jahren Kanada, kehrte er nach Deutschland zurück. Das ferne Land hat sein Leben dennoch verändert. Dort heiratete er, eine Deutsche. Und fand eine zweite Heimat. Er besitzt das permanente Bleiberecht, regelmäßig besucht er seine Eltern - der Vater wurde gerade 95 - und seine Geschwister in Vancouver.

In Freiburg fand seine Frau einen Studienplatz für Medizin, dort studierte auch er, Volkswirtschaft, und schloss eine Promotion an. Eine akademische Karriere wäre drin gewesen, erschien ihm aber brotlos. Lieber ging er als Controller zum Batteriehersteller Varta.

Der Aufstieg

Die entscheidende Wende seiner Karriere widerfuhr ihm 1984. Bei einem Vortrag vor der Schleyer-Stiftung fiel er einem Talentscout Alfred Herrhausens auf, des späteren Primus der Deutschen Bank. Der holte ihn in seine Truppe, die spätere Abteilung für Konzernentwicklung - "die Karriereschleuder bei der Deutschen Bank".

Herrhausen hat ihn tief beeindruckt. Zwei Eigenheiten seines Mentors hält Fischer für besonders erwähnenswert. Zum einen dessen Suche nach mehr Ehrlichkeit im Bankgewerbe. Zum anderen seine positive Sicht aufs Leben. "Ihr müsst fröhlich sein", habe er immer gemahnt. Fischer erfüllt den Auftrag, so gut er kann; spöttelt und gibt mundartliche Einlagen.

Zu offener Bewunderung reicht sein Gefühl für Alfred Herrhausen dennoch nicht.

Vielleicht auch wegen Morgan Grenfell. 1989 kaufte die Deutsche Bank das Londoner Institut, um sich im aufblühenden Kapitalmarktgeschäft zu verstärken. Fischer war dagegen, hätte eine Expansion mit eigenen Mitteln lieber gesehen. Sein Missfallen wuchs, als er sah, dass die Banker bei Morgan Grenfell ein luxuriöses Eigenleben führten. Fischer entwarf zusammen mit Kollegen ein Konzept, wie die Investmentbanker zu kontrollieren wären. Und musste dann miterleben, dass genau das Gegenteil geschah. Direktor Fischer verließ die Bank im Groll.

Beim nächsten Arbeitgeber, der Landesgirokasse Stuttgart (LG), der damals größten Sparkasse Süddeutschlands, wurde er auch nicht glücklich. Zwar stieg er 1996 zum Chef auf und verleidete der Deutschen Bank mit einigem Geschick das Geschäft im Südwesten. Ende 1998 aber fusionierte die LG mit zwei anderen öffentlich-rechtlichen Instituten zur Landesbank Baden-Württemberg. Für den Spitzenposten hatten die Landespolitiker ein Rotationsmodell ausgekungelt. Fischer als der Jüngste dreier möglicher Chefs wäre erst 2003 drangekommen. Fischer rotierte. Und nahm Abschied.

Das Zerwürfnis

Die Deutsche Bank nahm ihn wieder auf, als Vorstandsmitglied sogar. Für eine kurze Zeit schien es, als habe Fischer die Rolle seines Lebens gefunden. Er war oberster Risikomanager, "das schlechte Gewissen einer Bank", wie Fischer die Aufgabe übersetzt; einer, der beherzt dazwischenhauen darf, wenn bei Geschäften die Balance zwischen Risiko und Chance nicht stimmt.

Selbst mit dem Vorstandskollegen für das Investmentbanking, Josef Ackermann, vertrug er sich bestens, Fischer raunt etwas von "ganz dicke".

Bis der Schweizer sich an ihm vorbeidrängelte.

Womöglich mithilfe einer Finte. Mitte 2000 erschien ohne erkennbaren Anlass ein Magazinbericht, der ein Duell beschrieb: Fischer und Ackermann, hieß es dort, stritten um die Nachfolge von Vorstandssprecher Rolf-E. Breuer. Tatsächlich hatte der Machtkampf zu dieser Zeit noch gar nicht begonnen.

Breuer reagierte wie bestellt. Er wollte allen Spekulationen den Boden entziehen. Flugs ließ er im Vorstand über seine Nachfolge abstimmen. Einziger Kandidat: Josef Ackermann.

Vollends zum Zerwürfnis kam es, als Ackermann sein neues Führungsmodell präsentierte. Die Macht im Haus solle nicht mehr der Vorstand haben, sondern ein so genanntes Group Executive Board, in dem die Investmentbanker aus London und New York die Oberhand haben. Thomas Fischer nur noch ein Grüßaugust? Er rebellierte. Unterlag. Ging.

Was an Aufgaben folgte - Beraterdienste hier und da - war einträglich, für einen Thomas R. Fischer jedoch viel zu unauffällig.

Bei der WestLB kann er beweisen, was wirklich in ihm steckt. Sich. Der Öffentlichkeit. Und den alten Kollegen, den Breuers, Koppers, Ackermännern, die ihm immer noch im Kopf herumspuken.

Der Manager setzt den Anspruch hoch. Er will etwas Bleibendes schaffen, etwas, "das die Textur einer Schöpfung hat".

Aha. Und was ist mit der alten Weisheit: Die Lücke, die wir hinterlassen, ersetzt uns voll?

Fischer stutzt. "Stimmt", entgegnet er, "aber bei mir wollen wir mal eine Ausnahme machen."

Viermal Fischer

Viermal Fischer

Ruf: Thomas Fischer (56) gilt als einer der versiertesten Bankiers Deutschlands. Der promovierte Volkswirt machte sich vor allem bei der Deutschen Bank einen Namen als Experte für moderne Finanzinstrumente und Risikosteuerung.

Route: Fischer wurde in Berlin geboren, wuchs im Rheinland und in Hamburg auf. Prägend war für ihn ein mehrjähriger Aufenthalt in Vancouver, Kanada, der Wahlheimat seiner Eltern und Geschwister. Er arbeitete als Controller bei Varta; wechselte 1984 ins Bankgewerbe. Seit Jahresbeginn ist er Vorstandschef der WestLB.

Rückzug: Fischer ist verheiratet und kinderlos. Er verlegte kürzlich seinen Erstwohnsitz nach Berlin.

Passionen: Der leidenschaftliche Zigarrenraucher liebt schnelle und edle Autos, liest viel, betreibt Kraftsport und begeistert sich für Boxkämpfe.

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