Donnerstag, 14. November 2019

T-Online Verzogene Tochter

Die Web-Filiale der Deutschen Telekom wollte sich als Medienhaus profilieren - und hat dabei den Anschluss im Kerngeschäft verloren. Bei einem Konzernumbau gilt die kleinste T-Säule als erstes mögliches Opfer.

Thomas Holtrop (49) rief - und alle kamen. 700 Gäste drängelten sich auf der diesjährigen Computermesse Cebit in Hannover zum T-Online-Stelldichein im schwedischen Expo-Pavillon. Promis wie Party-Ikone Verona Feldbusch, Boxer Axel Schulz und Siemens-Chef Heinrich v. Pierer sorgten für reichlich Blitzlichtgewitter.

 Einstiger Hoffnungsträger des Neuen Marktes: Die T-Online-Zentrale in Weiterstadt bei Darmstadt
Einstiger Hoffnungsträger des Neuen Marktes: Die T-Online-Zentrale in Weiterstadt bei Darmstadt
Ob bei der Cebit oder als Gast bei der Verleihung des Medienpreises in Baden-Baden - Vorstandschef Holtrop schätzt exklusive Geselligkeit und die sich daraus ergebenden Randnotizen in der "Bunten".

Das rege Party-Leben passt zu Holtrops beruflichen Ambitionen. Für den Psychologen ist T-Online Börsen-Chart zeigen mehr als nur eine Tür ins Web, er sieht den Konzern aus Weiterstadt bei Darmstadt als "Mediennetzwerk". Mit Filmangeboten und Musik-Downloads, virtuellen Shopping-Malls und Online-Chats will Holtrop Europas größten Internet-Provider zu einem Entertainment-Kanal aufpeppen.

Ein hochtrabender Plan. Geld verdient T-Online fast ausschließlich mit dem Verkauf von Internetanschlüssen, die etwa 80 Prozent des Umsatzes ausmachen. Online-Werbung, Bezahldienste und Umsatzprovisionen tragen - wenn überhaupt - nur marginal zum Ergebnis bei.

Ausgerechnet im Kerngeschäft verliert T-Online jedoch zunehmend Marktanteile. Mit aggressivem Marketing, Geizpreisen und innovativen Produkten wie Internettelefonie jagen Rivalen - so etwa Freenet Börsen-Chart zeigen - den Weiterstädtern Kunden ab. 2003 akquirierten Holtrops Truppen in Deutschland nur 823.000 Neukunden, 31 Prozent weniger als im Vorjahr.

Dem einstigen Hoffnungsträger des Neuen Marktes, der beim Börsenwert (12,3 Milliarden Euro) immerhin Dax-Größen wie VW oder Metro (beide: 11,7 Milliarden Euro) übertrifft, scheint ein schlüssiges Zukunftskonzept zu fehlen. Das Kerngeschäft lahmt, die Strategie des integrierten Medienhauses geht nicht auf. Und nun ist sogar noch die Autonomie bedroht:

© manager magazin 5/2004
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung