Stilberatung Vorsicht, Farbe

In der Freizeitmode gilt kein Gesetz, keine Regel? Darf ungeniert Haut gezeigt werden? Ist krachend Buntes erlaubt? Von wegen. Thomas Rusche, Inhaber der Herrenausstatter-Kette Sør, steckt Grenzen.
Von Klaus Ahrens und Hanno Pittner

mm:

Herr Rusche, was ist Ihre liebste Freizeitbeschäftigung?

Rusche: Ich lese gern im Liegestuhl in der Sonne.

mm: In welchem Aufzug tun Sie das?

Rusche: Am liebsten trage ich dabei nur Boxershorts. Es gibt nichts Angenehmeres als diese Hosen, man spürt sie kaum am Leib.

mm: Tragen Sie dazu vielleicht auch noch Badeschlappen?

Rusche: Keine Sorge, so schlimm: wird es nicht. Aber in der Tat gilt lässige, bequeme Kleidung schnell als nachlässig. Deshalb rettet sich der Mann so gern in Kleidungskonventionen, sie geben ihm Halt. Gerade die letzten Jahre, in denen plötzlich alles erlaubt zu sein schien, haben gezeigt, wie schwer sich vor allem die stilistisch eher unerfahrenen Deutschen tun, wenn sie auf einmal alles dürfen. Und so kommt es, dass viele, die lässig gekleidet sein wollen, nachlässig daherkommen - und nicht selten vernachlässigt wirken.

mm: Während für den großen Auftritt alles bis zum letzten Hemdenknopf geregelt ist, gibt es für die Freizeit zu Hause kaum Rat und Hilfe. Was empfehlen Sie?

Rusche: Für den deutschen Mann, so blass wie er ist, gilt: blau und weiß passen immer. Wer diese Regel beherzigt, kann blau-weiß dann mit einer spannenden Farbe wie rot oder gelb kombinieren. Und meine zweite Empfehlung: In der Freizeit passt zu einer khakifarbenen Baumwollhose jeder Pullover, jedes Hemd und jedes Sakko.

mm: In jeder Farbkombination?

Rusche: Nein, aber zur Khakihose mit hellblauem Hemd lässt sich bei der Auswahl von Pullovern und Jacketts nicht viel falsch machen.

"Das ABC müssen viele noch lernen"

mm: Wie halten Sie es mit der Aussage eines Stilisten: "Die Freiheit ist die Freizeit, hier gelten kein Gesetz und keine Regel"?

Rusche: Natürlich darf man improvisieren. Doch wer mit den Stilregeln experimentiert, sollte diese Regeln erst einmal kennen und beherrschen. Das aber können die wenigsten von sich behaupten. Was wozu passt, welche Farben sich wie kombinieren lassen - dieses ABC müssen viele erst noch lernen.

mm: An wem können sich die Deutschen orientieren?

Rusche: Die Kulturnationen der Kleidung, die Briten und die Italiener, haben uns vorgemacht, wie es neben konservativen Business-Outfits und neben offiziellen Anlässen einen dritten, freizeitlichen Bereich gibt, den es sich zu würdigen lohnt. Heute zeigen Männer auf internationalem Parkett mit großer Klasse, wie man einen Leinenanzug mit einem offenen Hemd und gemustertem Einstecktuch ohne Krawatte in der Freizeit tragen kann.

mm: Wir haben da eher Freizeitmenschen vor Augen, die in Shorts und Badelatschen durch südländische Städte schlappen. Wie sollte ein Manager im Urlaub auftreten?

Rusche: Wer mit Baumwollhose oder Jeans, blauem Hemd und Jackett auftritt, macht nirgendwo auf der Welt eine schlechte Figur. Die abendliche Party bei Geschäftsfreunden geht in südlichen und angelsächsischen Ländern allerdings anders vonstatten als hier zu Lande. Amerikaner sind deutlich lässiger, Asiaten, Engländer und Südeuropäer hingegen zumeist offizieller als wir.

mm: Vermintes Gelände.

Rusche: Deshalb eine weitere Empfehlung, diesmal für den Gastgeber: Bei einer Einladung darf er getrost den Dresscode vermerken. Das gilt auch für eine sommerliche Gartenparty.

mm: Im Zweifel immer "smart casual"?

Rusche: Dieser Dresscode ist zur reinen Plattitüde verkommen und bedeutet: alles und nichts, kommt, wie ihr wollt.

"Lernen mit den Farben umzugehen"

mm: Auch in Jeans?

Rusche: Die Jeans ist die sportlichste Hose und, kombiniert mit Polohemd und Jackett, in einem freizeitlichen Umfeld durchaus gelitten.

mm: Ist dazu der Blazer erlaubt?

Rusche: Ja, wenn Sie sich bewusst sind, dass diese Kombination die sportlichste Art ist, ihn zu tragen. Es ist zugleich der größte stilistische Spagat, weil der Blazer von den Sportjacketts das offiziellste ist und die Jeans von den Hosen die legerste.

mm: Wie peinlich sind Kurzarm-Hemden?

Rusche: Sie sind überhaupt nicht peinlich. Die Dauerdiskussion um das Hemd mit halbem Arm kann ich nicht verstehen. Wir verkaufen jedes Jahr an Topkunden rund 20.000 davon. Geeignet für Büro und Freizeit.

mm: Warum präsentieren Modefirmen ihre Labels gerade auf Freizeitmode besonders demonstrativ?

Rusche: Seit Lacoste vor rund 70 Jahren das Polohemd mit dem Krokodil erschaffen hat, haben andere nachgezogen, Ralph Lauren etwa mit dem Polospieler. Wir leben in einer markierten Welt und wollen mit diesen Labels Sicherheit erkaufen und Kompetenz demonstrieren.

mm: Wo lauern denn in der Freizeitmode die größten Gefahren?

Rusche: Wenn die wohlmeinende Gattin oder Lebensgefährtin ihren Mann mit knalligen Farben schlicht überfordert. Dann kommt er mit der Kombination nicht mehr klar.

mm: Im Zweifel also eher grau als grell?

Rusche: Nein, ich finde es herrlich, dass Männer endlich Farben tragen dürfen. Es gibt heute keine Farbe mehr, die in der Freizeit für den Mann tabu ist. Nun müssen wir lernen, mit den Farben umzugehen. Schwierig für einen Mann, der immer nur gelernt hat, grau, dunkelblau und schwarz zu tragen.

"Die gekonnte Nachlässigkeit fehlt"

mm: Manager haben in der Regel wenig Zeit, um sich die perfekte Garderobe zusammenzustellen.

Rusche: Wenn der deutsche Mann das Thema "Kommunikation kraft Kleidung" erst einmal begriffen hat, dann wird er sich mit der ihm eigenen Akribie und Totalität darauf stürzen. So hat er das schon immer mit den Autos gemacht, seit 20 Jahren auch mit Essen und Weinen. Der deutsche Mann funktioniert nach dem Lichtschalterprinzip: Wer die Bedeutung der Stilregeln einmal begriffen hat, wird für immer versuchen, der bestangezogene Mann der Welt zu sein.

mm: Wenn es da nicht die Italiener gäbe.

Rusche: Richtig. Der Italiener besitzt etwas, das er "sprezzatura" nennt: gekonnte Nachlässigkeit. Das fehlt den Deutschen leider.

mm: Die meisten bekommen ihre Kleidung doch ohnehin von ihrer Frau gekauft.

Rusche: In der Tat sind Frauen unsere besten Kunden: Wir verkaufen mehr Krawatten an sie als an Männer.

mm: Und beweisen auch Geschmack?

Rusche: Es gibt Frauen mit wunderbarem Geschmack, die versuchen, ihren Mann daran teilhaben zu lassen. Aber oftmals werden Männer von ihren Gefährtinnen in die Abhängigkeit geführt. So haben mir Vorstandsvorsitzende größerer Aktiengesellschaften gestanden, dass sie sich abends von ihrer Gattin die Kleidung auf einen Stuhl neben dem Bett legen lassen. Um morgens nicht wegen der unpassenden Krawatte wieder zurückgeschickt zu werden.

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