Supersportwagen Anschnallen, bitte!

Mercedes, Porsche, Ferrari, Lamborghini - immer mehr Autohersteller entwickeln Modelle, die mehr als Tempo 300 fahren. manager magazin hat die neuen Tiefflieger auf Rädern probegeflogen. Ein Bericht aus dem Cockpit der wohl teuersten Spielzeugautos der Welt.

Höchstgeschwindigkeit: 300 Stundenkilometer und mehr. Motorleistung: bis weit über 600 PS. Kaufpreis: maximal eine halbe Million Euro. Lambo sticht Ferrari, Porsche  sticht Lambo, Mercedes  sticht alle.

Die Fotostrecken, in denen diese Daten vermerkt sind, zeigen weder Fantasiegebilde noch die kaum fahrbereiten "Studien" irgendwelcher Motorshows. Die Karten stehen für echte Autos, die zum Teil in weniger als zehn Sekunden von 0 auf 200 Stundenkilometer beschleunigen - und so viel kosten wie eine kleine Villa auf dem Land.

Willkommen in der Welt der Supersportwagen. Sie bringen Fahrleistungen in den Straßenalltag, die üblicherweise nur auf Rennstrecken zu erleben und zu bändigen sind.

Die Haut dieser Tiefflieger auf Rädern besteht nicht aus Blech, sondern aus Karbon oder speziellen Aluminiumlegierungen. Ihre Sitze sind nicht weich gepolstert, sondern harte, enge Plastikschalen. Jeder Einzelne verbraucht mehr Sprit auf 100 Kilometern als fünf Kleinwagen.

Wer genügend Geld hat, kann diese Boliden kaufen; jeder Führerscheinbesitzer darf sie fahren. Längst sind es nicht mehr nur ein paar skurrile Ölmagnaten und neureiche Medienstars, die sich solche Donnerbolzen leisten. Der Gesamtmarkt für Supersportwagen übersteigt bereits eine Milliarde Euro pro Jahr.

Vorbei die Zeiten, als nur eine Hand voll - vornehmlich oberitalienische - Manufakturen solche Boliden bauten und die Zahl der jährlichen Auslieferungen auf ein paar Dutzend beschränkt blieb.

Seit neuestem werben vor allem deutsche Hersteller mit der Strahlkraft technischer Wunderwerke, die sie neben ihren Großserienprodukten ins Sortiment heben. Bei Porsche ist das der Carrera GT, bei Mercedes der SLR, bei Audi die Lamborghini-Modelle Gallardo und Murciélago. Der Fiat-Konzern  steuert in dieser Saison den Ferrari Challenge Stradale bei.

Der eingebaute Rennmodus

Sogar die braven Wolfsburger konstruieren einen Supersport-Volkswagen mit mehr als 1000 PS. Nur hat VW  die Pferdestärken bislang nicht recht auf die Straße bekommen.

Voll entfalten können die sich im öffentlichen Verkehr ohnehin nicht. Selbst auf deutschen Autobahnen gelang es dem manager-magazin-Tester kein einziges Mal, schneller als 290 Stundenkilometer zu fahren. Laut Werksangabe schafft der Gallardo Tempo 309.

Mercedes SLR: Der schnellste und stärkste der neuen Boliden

Mercedes SLR: Der schnellste und stärkste der neuen Boliden

Foto: DaimlerChrysler
Mercedes SLR Leistung: 460 kW/626 PS Spitze: 334 km/h Beschleunigung: 3,8 Sekunden von 0 auf 100 km/h

Mercedes SLR
Leistung: 460 kW/626 PS
Spitze: 334 km/h
Beschleunigung: 3,8 Sekunden von 0 auf 100 km/h

Foto: DaimlerChrysler
Mercedes SLR Zylinder: 8 Hubraum: 5439 ccm

Mercedes SLR
Zylinder: 8
Hubraum: 5439 ccm

Foto: DaimlerChrysler
Mercedes SLR Leergewicht: 1768 kg Verbrauch (ECE-Norm): 14,8 l/100 km

Mercedes SLR
Leergewicht: 1768 kg
Verbrauch (ECE-Norm): 14,8 l/100 km

Foto: DaimlerChrysler


Showroom Mercedes SLR:
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Supersportwagen heißen so, weil sie automobile Superlative schnellstmöglich in Bewegung setzen. Und wieder abbremsen: An den Vorderrädern des Ferrari Challenge Stradale pressen zum Beispiel sechs Hydraulikkolben die Beläge gegen eine Scheibe aus eigens entwickeltem Verbundmaterial (Karbon plus Keramik).

Ein beherzter Tritt auf das Bremspedal des Challenge Stradale verursacht folglich bei empfindlichen Insassen einen deutlichen Druck hinter den Augenhöhlen. Unvorbereitete zerren sich die Nackenmuskulatur.

Supersportwagen heißen aber auch so, weil sie nicht nur über die flachen Formen, drehfreudigen Motoren und die übrigen Attribute herkömmlicher Zweisitzer verfügen, sondern darüber hinaus einen Rennmodus eingebaut haben.

Per Knopfdruck lässt sich die Dämpfung härter stellen, der Schaltzeitpunkt des sequenziellen Getriebes nach oben verlegen oder die Schaltzeit verkürzen. Die dauert schon im "Normalbetrieb" nur einen Wimpernschlag. Technisch ausgedrückt: 150 Millisekunden.

Manche Modelle bieten auch ein Anfahrhilfsprogramm, das erst bei höheren Drehzahlen einkuppelt und somit für eine Art Katapultstart sorgt. Beim Mercedes SLR lassen sich diese Effekte sogar in zwei Steigerungsstufen abrufen.

Die Aggregate der Supersportwagen erzielen ihr Leistungsmaximum in Bereichen, in denen bei herkömmlichen Motoren längst der Selbstschutzmechanismus einer automatischen Drehzahlbegrenzung greift: jenseits von 6000 Umdrehungen.

Die mondäne Käuferschaft

Wesentliche Bauteile sind aus Titan, Aluminium und anderen Raumfahrtmaterialien gefertigt. Und von wegen "raffiniertes Blechkleid": Immer größere Karosserie-Elemente bestehen aus ultraleichter Karbonfaser. So wirbt zum Beispiel Mercedes mit dem Slogan "Heilig's Carbönle" für den neuen "Schwabenpfeil" SLR.

Ferrari: Der Challenge Stradale ist leichter als das Basismodell 360 Modena - und stärker als die Rennversion

Ferrari: Der Challenge Stradale ist leichter als das Basismodell 360 Modena - und stärker als die Rennversion

Foto: Ferrari
Ferrari Challenge Stradale Grundpreis: 165.000 Euro Leistung: 317 kW/425 PS Spitze: 300 km/h Beschleunigung: 4,1 Sek. von 0 auf 100 km/h

Ferrari Challenge Stradale
Grundpreis: 165.000 Euro
Leistung: 317 kW/425 PS
Spitze: 300 km/h
Beschleunigung: 4,1 Sek. von 0 auf 100 km/h

Foto: Ferrari
Ferrari Challenge Stradale Zylinder: 8 Hubraum: 3586 ccm Leergewicht: 1290 kg Verbrauch (ECE-Norm): 19,1 l/100 km (12,7 bis 30,1 l/100 km)

Ferrari Challenge Stradale
Zylinder: 8
Hubraum: 3586 ccm
Leergewicht: 1290 kg
Verbrauch (ECE-Norm): 19,1 l/100 km (12,7 bis 30,1 l/100 km)

Foto: Ferrari


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Auch beim Challenge Stradale, einer Weiterentwicklung des "kleinen" (und sportlichsten) Ferrari-Modells 360 Modena, wurden vermehrt Karbonteile eingesetzt. Das bringt eine Gewichtsersparnis im Vergleich zur Standardausführung von 110 Kilo - und den Challenge Stradale in die Spitzenklasse des Leistungsgewichts für Autos mit Straßenzulassung.

Diese Errungenschaft der Ferrari-Konstrukteure ist umso beachtlicher, als sie nicht auf Bequemlichkeiten wie Klimaautomatik, verstellbare Schalensitze und elektrische Fensterheber verzichteten.

In der Klasse der Supersportwagen ist der Challenge Stradale indes eher etwas für Anfänger: Seine vom Werk getunte Maschine leistet zwar 25 PS mehr als die Challenge-Rennversion des Ferrari 360 Modena - aber rund 200 weniger als die des Porsche Carrera GT.

Auch finanziell ist der Challenge Stradale mit einem Grundpreis von 165.000 Euro eher eine Einstiegsdroge. Nur der Lambo ist mit 139.000 Euro billiger. Dafür werden dort viele Teile aus der Audi-Großserie verbaut, vor allem im Innenraum, der dadurch stellenweise billig wirkt. Kurzer Preisvergleich: Der Porsche kostet 452.000 Euro.

Wer gibt so viel Geld für ein Auto aus, das ausschließlich zum Schnellfahren taugt?

Menschen, die schon alles haben - inklusive ein paar praktische, standesgemäße Autos an jedem ihrer vielen Wohnsitze. "Unsere Kunden fällen ihre Kaufentscheidung nicht nach kleinlichen Kosten-Nutzen-Rechnungen", sagt Stefan Diehl, Mercedes-Sprecher für den SLR. "Die wollen den Wagen einfach haben - so wie sie sich ein Rennpferd oder ein Appartement an der Côte d'Azur kaufen, wenn ihnen das gefällt."

Das verheimlichte Statussymbol

Zugegeben, dieser Kundenkreis ist begrenzt. Weshalb Supersportwagen meist in streng limitierter Zahl hergestellt werden. Porsche baut lediglich 1500 Carrera GT, Ferrari gerade einmal 900 Challenge Stradale. Mercedes will immerhin 500 SLR pro Jahr verkaufen, 3500 Stück insgesamt.

Lamborghini Gallardo: Im manager-magazin-Test gelang es nicht, die Höchstgeschwindigkeit (309 km/h) zu erreichen

Lamborghini Gallardo: Im manager-magazin-Test gelang es nicht, die Höchstgeschwindigkeit (309 km/h) zu erreichen

Lamborghini Gallardo Grundpreis: 139.200 Euro Leistung: 368 kW/500 PS Spitze: 309 km/h

Lamborghini Gallardo
Grundpreis: 139.200 Euro
Leistung: 368 kW/500 PS
Spitze: 309 km/h

Lamborghini Gallardo Beschleunigung: 4,2 Sek. von 0 auf 100 km/h Zylinder: 10 Hubraum: 4961 ccm

Lamborghini Gallardo
Beschleunigung: 4,2 Sek. von 0 auf 100 km/h
Zylinder: 10
Hubraum: 4961 ccm

Lamborghini Gallardo Leergewicht: 1612 kg Verbrauch (ECE-Norm): 19,5 l/100 km (13,9 bis 29,1 l/100 km)

Lamborghini Gallardo
Leergewicht: 1612 kg
Verbrauch (ECE-Norm): 19,5 l/100 km (13,9 bis 29,1 l/100 km)


Showroom "Lamborghini Gallardo":
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Die Exklusivität steigert das Prestige des Besitzes und erhöht gegebenenfalls seinen Wiederverkaufswert - auf Jahrzehnte hinaus. Ein Mercedes 300 SLR, in der Saison 1955 der erfolgreichste Rennsportwagen, kostet heute Millionen. Falls er überhaupt jemals feilgeboten würde.

Umso erstaunlicher ist es, dass ein Bekenntnis zum Besitz eines Supersportwagens im deutschen Management behandelt wird wie ein Verstoß gegen den Cromme-Kodex. Nur "wenige Leute wollen sich mit dem Statussymbol Luxusauto in der Öffentlichkeit darstellen", sagt Bentley-Boss Franz-Josef Paefgen.

Erst recht gibt niemand zu, dass er Spaß hat, im Lambo bei 250 Sachen runterzuschalten, wenn etwa bei einem soeben überholten BMW Z 8 die Motorelektronik zwangsweise Gas wegnimmt. Hartnäckige Recherchen konnten lediglich zutage fördern, dass sich Drogeriemarkt-König Anton Schlecker einen Mercedes SLR bestellt hat.

Allen Ressentiments zum Trotz - niemals sollte die Anschaffung eines Supersportwagens mit dessen Funktionalität gerechtfertigt werden.

Im Lamborghini Gallardo zum Beispiel finden die Insassen weniger Gepäckraum als die Astronauten des Apollo-Programms in den Mondlandefähren des vergangenen Jahrhunderts. In das zerklüftete Hohlräumchen im kurzen Bug des Zweisitzers passen kaum mehr als zwei Zahnbürsten und zwei Ersatzslips. Sportausrüstung? Gebügelte Anzüge oder Kostüme? Können Sie sich per Kurierdienst nachschicken lassen.

Die ungewollte Grenzerfahrung

Ein Carrera GT muss in unseren Breiten sogar die meiste Zeit in der Garage bleiben. "Die Reifen bauen unterhalb von plus sieben Grad Celsius nicht genügend Grip auf", sagt Jürgen Pippig, Pressesprecher bei Porsche. Er legt dabei einen Unterton in seine Stimme wie ein Sommelier, der erklären soll, warum sich ein Château d'Yquem nicht für Schorle eignet.

Porsche Carrera GT: Von Oktober bis April muss er in der Garage bleiben. Den Reifen fehlt dann "Grip"

Porsche Carrera GT: Von Oktober bis April muss er in der Garage bleiben. Den Reifen fehlt dann "Grip"

Porsche Carrera GT Grundpreis: 452.690 Euro Leistung: 350 kW/612 PS Spitze: 330 km/h Beschleunigung: 3,9 Sek. von 0 auf 100 km/h Zylinder: 10

Porsche Carrera GT
Grundpreis: 452.690 Euro
Leistung: 350 kW/612 PS
Spitze: 330 km/h
Beschleunigung: 3,9 Sek. von 0 auf 100 km/h
Zylinder: 10

Porsche Carrera GT Hubraum: 5733 ccm Leergewicht: 1472 kg Verbrauch (ECE-Norm): 17,8 l/100 km (11,7 bis 28,3 l/100 km)

Porsche Carrera GT
Hubraum: 5733 ccm
Leergewicht: 1472 kg
Verbrauch (ECE-Norm): 17,8 l/100 km (11,7 bis 28,3 l/100 km)


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Soll heißen: Die Karre für knapp eine halbe Million Euro lässt sich zwischen Oktober und April nicht sicher über normalen deutschen Asphalt bewegen. Selbstredend gibt es auch keine Winterreifen für die 20-Zoll-Felgen, die eine Spitzengeschwindigkeit von 330 Sachen aushalten.

Supersportwagen, so das Fazit, sind also unnütz, überteuert und verleiten zu riskanter Fahrweise. Wer in einem solchen Gefährt auf der Landstraße zum Überholen Gas gibt, der ist auf 180 Sachen, bevor er überhaupt auf den Tacho gucken kann.

Aber wozu haben die Kisten schließlich ihre teuren Bremsen?

Nur die Sache mit dem Grip will wohl bedacht sein, bei allen Modellen. Das lehrt das Beispiel von Bernd Pischetsrieder.

Bei einer Ausfahrt mit dem firmeneigenen McLaren F 1, einem Supersportwagen mit 627 PS und 380 Stundenkilometern Höchstgeschwindigkeit, baute der Automanager 1995, damals Vorstandsvorsitzender bei BMW , einen Totalschaden. Auf einer Landstraße im oberbayerischen Landkreis Rosenheim war Pischetsrieder in einer lang gezogenen Rechtskurve von der Fahrbahn abgekommen - "aus ungeklärter Ursache", hieß es im Unfallprotokoll. Über das Tempo, bei dem Pischetsrieder den McLaren zerlegte, schwiegen sich BMW und die Polizei gleichermaßen aus.

Offenbar hat der Manager aus dieser Erfahrung gelernt. Den Produktionsbeginn des Bugatti Veyron jedenfalls schiebt der VW-Chef immer weiter hinaus. Das Vehikel, mit 1001 PS, einer Höchstgeschwindigkeit von 406 Stundenkilometern und einem kalkulierten Preis von 1,16 Millionen Euro, sollte schon im vergangenen Jahr die Rangliste der Supersportwagen anführen.

Doch die Entwickler haben Schwierigkeiten, die Kraft aus dem 16-Zylinder-Motor über das Automatikgetriebe in sicheres Fortkommen umzusetzen. Auslieferungstermine werden noch nicht genannt.

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