Laborbericht Blick in die Zukunft

Abhörsichere Handys, unknackbare Chipkarten und Café-Besucher, die statt der Zeitung den vernetzten Tisch lesen. manager magazin zeigt, was die Forscher in den Werkstätten von Philips, Siemens & Co. austüfteln.
Von Eva Müller und Anne Preissner

Im Kompetenzzentrum Kryptografie der Siemens AG  geht es wahrhaft kryptisch zu. Abteilungsleiter Erwin Hess fährt mit seinem Teleskop-Zeigestock eine geschwungene Linie entlang.

Aus der elliptischen Kurve berechnet der Siemens-Forscher die derzeit weltbesten Verschlüsselungscodes - Zahlen, die größer sind als die Menge der Elektronen in unserer Galaxie.

Ziel der abgehobenen Rechenkunst: das absolut abhörsichere Handy oder die unknackbare Chipkarte.

Noch hat Hess seine Vorgabe nicht ganz erreicht. Zwar sind seine Zahlenkolonnen im Prinzip unentzifferbar. Weil sie aber über Netzwerke laufen, können gewiefte Hacker den Code dennoch knacken.

Durch das Verschlüsseln ändern sich diverse physikalische Eigenschaften - der PC zieht mehr Strom, die Funkstrecke strahlt stärker als sonst. Aus diesen Seitenkanalstörungen können Angreifer genug Rückschlüsse ziehen, um die Geheiminfos zu decodieren.

Nun versucht Hess, die Korrelation zwischen Kryptografie und Nebenwirkungen zu beseitigen: Verschleierungstechniken sollen die Daten zusätzlich sichern.

Schnell mal zum Gentest

Schnell mal zum Gentest

Unter dem Mikroskop sieht der Biochip von Infineon  aus wie ein Emmentaler. Die einen Quadratzentimeter große Siliziumscheibe ist von einer Million feinster Poren durchzogen.

Diese vergrößern die nutzbare Oberfläche um den Faktor 100 - allerdings nicht, um Schaltkreise aufzubrennen. Auf den Biochip legen die Ingenieure die Muster von bis zu 400 Genen.

Wird eine mit Markierstoff versehene Körperflüssigkeit aufgetropft, docken gleichartige Gene aneinander an und geben ein optisches Signal ab. So können unfreiwillige Väter identifiziert oder mutierte Gene isoliert werden.

Die Produkte aus dem Münchener Labor werden genutzt, um in der Pharmaindustrie Wirkstoffe zu testen. Durch die minutenschnellen Genanalysen beschleunigt sich die Entwicklung neuer Medikamente um bis zu zwei Jahre.

Noch erfordert die Auswertung des Genbildes auf dem Chip ein recht aufwändiges optisches Verfahren. Deshalb experimentieren die Infineon-Experten mit Markiersubstanzen, die keinen Lichtpunkt erzeugen, sondern einen elektrischen Impuls generieren.

Diese Signale kann der Computer direkt verarbeiten. Die weiterentwickelten Biochips, mit deren Hilfe Ärzte Schnelltests durchführen können, sollen im Jahr 2006 auf den Markt kommen.

Tischlein, denk mal

Tischlein, denk mal

Die Gäste des Cafés "The Coffee Bean" in Edinburgh lesen nicht die Zeitung, sondern den Tisch. Das seltsame Verhalten ist nicht die Folge reichlichen Whiskykonsums; es resultiert aus dem Projekt "Living Memory".

Forscher des Philips-Konzerns  testen ein lokales Infosystem, das die Funktionen von schwarzem Brett, Handzettel und Gemeindetratsch vereint.

Über ein berührungsempfindliches Display, das in den Denk-Tisch eingelassen ist, können die Edinburgher Geschichten und Terminankündigungen von Loch-Ness-Experten und Dudelsackbläsern abrufen.

Ein Antippen des Hundezüchter-Symbols - und das Sitzungsprotokoll erscheint. Wer selbst über seinen Verein berichten, Putzdienste offerieren oder einen Film kritisieren will, benötigt einen Funkchip in der Größe einer Zwei-Euro-Münze.

Über ein Eingabegerät lassen sich Texte aufsprechen, Bilder scannen oder Inhalte eintippen und speichern. Wirft der Nutzer den bespielten Rundling in die Schale auf dem Tisch, werden die Angaben drahtlos in die Datenbank des Systems übertragen.

Weil die Schotten sehr positiv auf das kostenlose Infosystem reagieren, will Philips das vernetzte Möbel jetzt zur Serienreife bringen.

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