Internet Das Web lebt!

Virtuelle Banker, digitale Verkäufer, elektronische Reiseberater - das World Wide Web dringt unaufhaltsam in alle Bereiche des Lebens vor. manager magazin hat sich umgesehen und zeigt, wie das Internet unseren Alltag revolutioniert.
Von Eva Müller und Anne Preissner

Wenn nur die Angst nicht wäre! Millionen Träger von Herzschrittmachern bangen täglich, ob ihre Pumphilfe auch zuverlässig arbeitet.

4000 Patienten sind diese Sorge seit Mitte vergangenen Jahres los. Ihnen ist ein Gerät der Berliner Firma Biotronik implantiert, das permanent fernüberwacht wird.

Der Schrittmacher enthält einen Sender, der permanent die Herzaktivitäten an ein Spezialhandy übermittelt. Das Mobiltelefon schickt die Daten per SMS an die Berliner Zentrale; von dort leitet ein Server die Angaben an den behandelnden Arzt weiter.

Online kann der Doktor jederzeit den Status überprüfen, frühzeitig Veränderungen beim Patienten feststellen und präventive Maßnahmen ergreifen. Im Ernstfall, also wenn die Herzwerte aus der Norm springen, wird der Arzt sofort alarmiert - per Fax, Mail oder SMS.

Mehr Sicherheit, optimale Betreuung und höhere Lebenserwartung - moderne Funk- und Web-Technologien erweisen sich als geniale Helfer, nicht nur im Medizinbetrieb.

Das Vordringen des Internets in Gesundheitswesen und Verwaltung, Handel und Dienstleistungen revolutioniert unseren Alltag:

  • Sprechende Computer agieren als Banker,


  • vernetzte Autos melden blitzschnell Staus,


  • virtuelle Agenten arrangieren Traumurlaube,


  • Einkaufswagen mutieren zu elektronischen Verkäufern.
So avancieren selbst webfreie Zonen wie der Lebensmitteleinzelhandel zu Vorreitern der Digitalwirtschaft.

SAP-Chef Henning Kagermann beschwört die "Vision vom Echtzeit-Unternehmen" "Die Vision vom Echtzeit-Konzern". In den Entwicklungslabors der Konzerne entstehen spannende neue Produkte Blick in die Zukunft.

Einkauf im Future Store

Auf der diesjährigen Cebit in Hannover demonstrieren Softwarehersteller, Netzbetreiber und Computerkonzerne zahlreiche neue Anwendungen aus dem Cyberspace. Viele der Exponate auf der weltgrößten IT-Messe sind Prototypen - noch. Aber in fünf Jahren werden uns die Feldversuche von heute so selbstverständlich erscheinen wie das Handy.

Im Future Store der Metro Group  lässt sich das Einkaufen der Zukunft heute schon erleben. Die Creme der Hightech-Industrie von IBM  bis SAP  hat 3855 Quadratmeter Ladenfläche in Rheinberg bei Duisburg vollgestopft mit W-Lan-Verbindungen, Funkchips, transportablen Displays und Computerterminals.

Seit April 2003 schieben die Kunden des Extra-Supermarktes mit ihren Einkaufswagen einen persönlichen Assistenten vor sich her. Ein Flachbildschirm mit Scanner erfasst jedes ausgewählte Produkt, weist den Weg zum Müsli, klärt über die Haltbarkeit des Joghurts und den Fettgehalt der Salami auf. Das Display zeigt kontinuierlich die Zwischensumme der aufgetürmten Waren an und gibt Tipps zu Sonderaktionen.

Neben den mobilen Begleitern bieten elektronische Kioske spezielle Services an. Am Weinregal nennen die Auskunftssäulen Rebsorten und empfehlen Riesling zum Zander. An der Fleischtheke nennen sie Qualität und Herkunft des Rinderfilets und drucken auf Wunsch das Rezept für Boeuf Stroganoff aus.

Im Test-Store der Metro bleibt nichts unversucht: LC-Displays an den Regalen dienen als elektronische Preisschilder, deren Aufschrift per Funk geändert wird. Kamera-Waagen erkennen selbst, ob in ihrer Schale Äpfel oder Birnen liegen.

Der digitale Schnickschnack kommt bei den Extra-Kunden gut an, wie erste Umfragen der Boston Consulting Group (BCG) zeigen. Die Shopper finden sich in dem gigantischen Angebot leichter und schneller zurecht als in einem herkömmlichen Supermarkt.

Spielwiese für Web-Dienste

Hinzu kommt der Zeitvorteil. Das lange Schlangestehen an der Kasse entfällt: Alle Artikel sind schon eingescannt, die Kassiererin muss nur noch die Codenummer am Display ablesen und die Kundenkarte durchziehen. Selbst die Rechnung kann am Ende niedriger ausfallen, weil dem Käufer kein Sonderangebot entgeht.

Flotter Einkaufen, Schnäppchen abgreifen und abwechslungsreicher Kochen - der weltweit erste Großversuch zeigt, wie die Verknüpfung von Handel und Hightech dem Kunden das Leben leichter macht.

Und die Technologien, die im Future Store erprobt werden, sind noch ausbaufähig. Statt der umständlichen Einleserei von Barcodes werden bald Funketiketten (RFID-Chips) an der Ware automatisch ihre Informationen ans Display schicken. Dann liefert der fette Mascarpone nicht nur das Tiramisu-Rezept, sondern empfiehlt auch Obst für den Tag danach.

Der Einzelhandel ist eine gigantische Spielwiese für Web-Dienste. Schon tüfteln Forscher der Siemens AG an einem Hilfssystem für das Shoppen in großen Einkaufszentren.

Im Feldversuch im Perlacher Einkaufsparadies an Münchens Peripherie konnten Testkunden unlängst einem Minicomputer per Spracheingabe ihre Wünsche mitteilen. Der digitale Assistent präsentierte einen Lageplan mit dem Weg zur Apotheke, identifizierte das Sportgeschäft mit den preiswertesten Joggingschuhen und offerierte Cappuccino zum halben Preis.

Transparentes Angebot und schnelle Übersicht machen Internetdienste zu unschlagbaren Gehilfen. 34,4 Millionen Deutsche gehen schon online, UMTS-Handys bringen das Web bald auch in die Westentasche. Ebay , Amazon  und Google sind nur Vorboten einer neuen Alltagskultur.

Allzweck-Butler im Netz

Vor allem im Touristikgeschäft bahnen sich tief greifende Umwälzungen an. Websites, die pauschale Ferien zu aktuellen Konditionen anbieten, stehen zwar schon längst im Internet. Doch die Offerten sind meist auf wenige Ziele beschränkt und glänzen nicht sonderlich durch ihren Informationsgehalt. Und aus den unzähligen individuellen Travelsites können sich nur findige Surfer eine Traumreise zusammenpuzzeln. Erst 3 Prozent aller Bundesbürger haben einen Ferientrip im Web gebucht.

Die Zahl der Online-Touristen wird rasant steigen, wenn sich Firmen à la Expedia.com durchsetzen. Auf den Seiten des US-Web-Reisebüros finden sich redaktionell aufbereitete Filme, die ein weit umfangreicheres Bild von Hotels und Freizeitangeboten zeichnen als die vom Baulärm befreiten Hochglanzbilder in den Prospekten von Tui , Neckermann & Co.

Für Durchblick sorgt ein Preisvergleichssystem. Wenige Klicks zeigen dem Reiselustigen, wie die Preise für eine bestimmte Unterkunft oder einen Flug je nach Anbieter differieren.

Die Ära der klassischen Pauschalreise - gebucht wie angeboten - neigt sich dem Ende zu. Bei Expedia sucht ein Softwareagent aus dem riesigen Angebot der Veranstalter genau die Komponenten zusammen, die der Kunde wünscht. Etwa den Billigflug nach New York, den Schnäppchenpreis im "Waldorf Astoria" und die Luxuskarten für die Met. Geht nicht gibt's nicht mehr.

Die Technik wird zum Allzweck-Butler des Menschen - vorausgesetzt, sie lässt sich einfach bedienen.

Seit Jahrzehnten tüfteln Softwareingenieure an Systemen für Spracherkennung und -ausgabe. Noch sind die Hürden der Semantik nicht völlig überwunden, bei zahlreichen Standardanwendungen erweist sich Kollege Computer aber schon als verlässlicher Gesprächspartner.

Virtuelle Finanzberater

Die Postbank zum Beispiel setzt ab Ende April virtuelle Finanzberater im Telefonbanking ein. Wer die Nummer der größten deutschen Verbraucherbank wählt, ist zwar mit einem Rechner verbunden, merkt es aber nicht.

Statt einer Blechstimme, die auffordert für Überweisungen die Drei zu wählen, meldet sich eine natürlich klingende Natalie, ein Ronald, ein Michael oder eine Vanessa. Die "Persona" genannten digitalen Mitarbeiter reagieren auf den Wunsch "Ich möchte gern überweisen" freundlich mit "Gern, auf welches Konto denn?"

Über das von der Firma Voice Objects in Bergisch Gladbach programmierte Sprachsystem wickelt die Postbank in Zukunft zahlreiche Funktionen ab - Aktien kaufen, Kredite aufnehmen, Kontostand abfragen.

Perfektionierte Sprachkommunikation zwischen Mensch und Maschine spielt eine Schlüsselrolle bei der breiten Nutzung von Web-Technologien. Flugbuchung, Kinoauskunft, Restaurantreservierung, Schadensmeldungen an die Versicherung oder das Beantragen eines Personalausweises - solche Standarddienste lassen sich problemlos über sprachgesteuerte Internetrechner erledigen.

Service rund um die Uhr, schnelle Abwicklung, perfekter Überblick über Preise und Leistungen - die Vernetzung beschert Verbrauchern und Firmen enorme Effizienzgewinne.

Gerade im personalintensiven Medizinbetrieb kann die Web-Technik die Versorgung der Patienten enorm verbessern. Im Krankenhaus der Ohio State University zum Beispiel hat Siemens Medical Solutions ein elektronisches System zur Bereitstellung von Medikamenten installiert.

Tritt der Arzt bei der Visite ans Krankenbett, sendet ihm der Barcode am Armband des Patienten dessen Akte auf ein Display. Der Doktor gibt auf dem Flachbildschirm seine Verschreibung ein, die per Wireless Lan sofort in die Apotheke gelangt. Dort wird die Pillendosis abgefüllt, mit der Patientennummer versehen und auf die Station geschickt. In rund zwei Stunden erhält der Kranke seine Medizin. Vor Einführung der Digital-Order dauerte es im Schnitt fünfeinhalb Stunden, bis die Pillen geliefert waren.

Postpaket mit Chipkarte

Wichtiger noch als der Zeitvorteil erweist sich der Rückgang der Fehlerquote auf 10 Prozent. Falsche Medikation, ausgelöst durch Namensverwechslungen oder miese Schrift, kostet jährlich viele tausende Klinikpatienten das Leben.

Dem Einsatz der Web-Technik im Gesundheitswesen sind kaum Grenzen gesetzt: Im Hospital sorgt die Vernetzung der Abteilungen für reibungslose Abläufe und verkürzt den Aufenthalt der Patienten. Sind Ärzte, Kliniken und Krankenkassen per Datenleitung verbunden, erübrigen sich Doppeluntersuchungen, lange Wartezeiten und zeitraubende Anamnesen. Das Personal hat mehr Zeit für die Kranken, die Kosten sinken.

Noch stoppen klamme öffentliche Haushalte den Siegeszug des Internets im Gesundheitssektor, in der Verwaltung und im Bildungswesen. Doch die Privatwirtschaft gibt mit ihren Web-Innovationen das Tempo vor, mit dem sich unser Alltag in wenigen Jahren grundlegend verändern wird.

Die Vernetzung erspart Wartezeiten und minimiert bürokratischen Aufwand. Digitale Agenten sorgen für besseren Überblick und ermöglichen größere Flexibilität.

Selbst das letzte große Problem der virtuellen Wirtschaft scheint sich zu lösen - der Transport von Online-Bestellungen in die reale Welt.

In Dortmund, Frankfurt, Mainz, Offenbach und Bad Vilbel hat die Post  so genannte Packstationen aufgestellt. Auf Wunsch werden Pakete nicht nach Hause gebracht, sondern an rund um die Uhr zugängliche Schließfachanlagen in Supermärkten, Universitäten und Großunternehmen geliefert. Zum Abholen genügt eine Chipkarte mit Pincode.

Nun soll das System Schritt für Schritt bundesweit ausgebaut werden. Wer seine Lieferungen in Zukunft bei einer Packstation abholen will - ein Klick ins Web genügt. Karte beantragen, und schon geht die Post ab.

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