Montag, 19. August 2019

Hall of Fame 1999 - Laudatio Hilmar Kopper über Hans Gerling

Er war ein unabhängiger Unternehmer; es war ihm eine Lust und Freude, Neues zu schaffen, kreativ und innovativ zu sein.

Ohne Hans Gerling wäre die Gerling-Versicherungs-Gruppe nicht zu dem geworden, was sie heute ist. Sie hätte sich wahrscheinlich nicht aus den Trümmern des zweiten Weltkriegs befreien können.

Hans Gerling war Erbe. Er hat von seinem Vater Robert, dem Unternehmensgründer, den Versicherungskonzern übernommen. Er war gerade 18 Jahre alt und Student, als er 1933 in die Geschäftsleitung eintrat.

Aber Hans Gerling war weit mehr als ein Erbe. Er hat nicht nur die Erbschaft bewahrt, er hat sie als Fundament und Startbasis genutzt, um Neues aufzubauen und das Unternehmen in viele Richtungen zu entwickeln. Er war in der Tat ein zweiter Gründer.

Unabhängigkeit, vor allem geistige Unabhängigkeit, ist einer der Schlüsselbegriffe, die Hans Gerling kennzeichnen. Konformität war ihm zuwider. Er kämpfte darum, unabhängig zu sein und es zu bleiben. Unabhängig von Politik und Politikern, denen er nicht viel Vertrauen entgegenbrachte. Unabhängig von Regulierungswahn und Handlungszwängen. Unabhängig vor allem jedoch von Mitgesellschaftern, Maklern und Wettbewerbern.

Autonomie, Entscheidungsfreiheit und Identität hatten für ihn allerhöchste Priorität. Er sagte einmal: "Es muß uns allen bewußt bleiben, daß die Autonomie des Unternehmens das wichtigste und höchste Gut ist, das wir in unserem gemeinsamen Wirken zu bewahren haben." Und wie wir alle wissen - und ich als Vertreter der Deutschen Bank ganz besonders -, das ist ihm gelungen.

Hans Gerling war ein visionärer Realist. Oft als Vorreiter, nicht selten zum Entsetzen der Mitbewerber, aber immer zur Freude von Kunden hat Hans Gerling für jeden neuen Versicherungsbedarf auch einen passenden Versicherungsschutz entwickelt. Wenn es um das Interesse seiner Kunden ging, gab es für Hans Gerling keine Tabus.

Er war mit den Spitzen der deutschen Wirtschaft ständig in direktem Kontakt und hinterfragte deren spezifische Bedürfnisse. Er entwickelte ein ausgeklügeltes Beziehungssystem. Er betrieb Networking auf höchster Ebene mit distinguiertem Stil. Und wie wir wissen, hat dieses Netz während des Herstatt-Zusammenbruchs gehalten und auch danach.

Hans Gerling war ein kreativer Gestalter, ein global denkender und handelnder Stratege. Eher am Rande sei hier vermerkt, daß Gerling der erste deutsche Versicherer war, der nach dem Zweiten Weltkrieg wieder die deutschen Grenzen überschritt. Wichtig erscheint mir in diesem Zusammenhang, daß Hans Gerling immer in langen Zeiträumen dachte, plante und handelte. "Über Versicherungen nachzudenken", so sagte er einmal, "heißt immer in erster Linie vorauszudenken."

Hans Gerling hat früher als andere erkannt, welche Probleme sich stetig verschärfende Produkt- und Umwelthaftungen nach sich ziehen. Für die Unternehmen und damit natürlich auch für deren Versicherer. Er wußte, daß zur Abdeckung dieser komplexen Risiken Versicherungsschutz allein nicht mehr ausreicht. Daß es vielmehr darum geht, Risikopotentiale zu erforschen und Maßnahmen zur Vermeidung oder zur Verminderung der Gefahren zu entwickeln.

So führte er nicht nur das ganzheitliche Riskmanagement ein, sondern er gründete auch eine eigenständige Consulting-Gesellschaft, zu deren Aufgaben es gehört, umfassende Risikoberatung als Dienstleistung anzubieten. Ganz nach seinem Motto "sichern und versichern" bot er seinen Kunden mehr als den finanziellen Rückhalt zur Reparatur eventueller Schäden.

Hans Gerling war ein sozialer Patriarch. Ein Herr im alten, heute fast vergessen geratenen Sinne, groß, schlank, distinguiert, respektgebietend, nicht selten streng. Ein Herr, der nie einen Zweifel darüber aufkommen ließ, wer letztlich das Sagen hat.

Gleichzeitig war er sozial. Er lehnte die Mitbestimmung ab, weil er gegen die Einflußnahme von außen ohne korrespondierende Verantwortung nach innen war. Aber er räumte seinen Führungskräften unternehmerische Freiheiten und den Sozialpartnern Mitspracherechte ein, die weit über die gesetzlichen Vorgaben hinausgingen. Mitarbeiter waren für ihn kein Kostenfaktor, sondern stets ein Leistungsfaktor und eine Investition, eben nicht nur finanziell zu rechnen.

Hans Gerling war ein unbeugsamer Kämpfer. Das Vertrauenskapital, das er bei seinen Kunden und Mitarbeitern besaß, half Hans Gerling auch über die bittersten Momente seines Unternehmerlebens: die Herstatt-Krise 1974.

Um den Konkurs der Bank, den er nicht zu verantworten hatte, abzuwehren, verkaufte er die Mehrheit seiner Anteile und gab den Vorstandsvorsitz ab. Er reagierte und agierte nach dem ethischen Prinzip: Eigentum verpflichtet.

Die Herstatt-Krise war ein Testfall, der nicht nur zeigte, welches Format Hans Gerling besaß. Der Fall demonstrierte auch, welches Ansehen er in der deutschen Industrie genoß.

Seine Kunden verhinderten damals, daß die Mehrheit von Gerling in ausländische Hände gelangte und der Konzern substantiell Schaden nahm. Und die Betriebsräte praktizierten gemeinsam mit der Mitarbeiterschaft gegenüber den neuen Anteilseignern kreativen Ungehorsam und minimierten deren tatsächlichen Einfluß.

Am Ende gelang es Hans Gerling dank seiner unglaublichen Hartnäckigkeit und durch eine strategische und taktische Meisterleistung, seinen Konzern wieder zu 100 Prozent zurückzugewinnen. Ich sollte sagen zurückzuerobern: Im nachhinein gesehen, war dies der wohl größte Kampf, den Hans Gerling geführt hat, sein wohl größter persönlicher Erfolg, sein wohl größter unternehmerischer Sieg.

"Der Mann, der nie aufgibt", so titelte damals voller Respekt das ihm ansonsten eher kritisch gesonnene manager magazin. Aber Hans Gerling war wieder Herr im eigenen Haus.

Hans Gerling hat ein wichtiges Kapitel deutscher Wirtschaftsgeschichte geschrieben. Er war eine ganz außergewöhnliche Unternehmerpersönlichkeit seiner und unserer Zeit.

Hilmar Kopper

© manager magazin 7/1999
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung