Telekom Heißer Sommer

Online-Riese AOL will mit der Telekom ins Geschäft kommen. Siemens verhandelt bereits mit dem Telephonriesen. Geld für Akquisitionen hat Ron Sommer genug ­ hat er auch eine Strategie?
Von Anne Preissner

So einer wie Ron Sommer (49) kennt keine Niederlagen. "Wir agieren aus einer Position der Stärke", verkündete der Telekom-Chef zwei Tage nach der geplatzten Fusion mit Telecom Italia. Und er betonte: "Wir stehen nicht unter Handlungsdruck."

Vielleicht doch. Noch ein gescheiterter Deal, und der Ruf ist hin. Das weiß auch Sommer. Nur knapp hat er das Ziel verfehlt, den zweitgrößten Telekommunikationskonzern der Welt zu formen. Jetzt eine noch glanzvollere Nummer zu präsentieren fällt ihm schwer.

Aspiranten, die an sein Geld wollen, gibt es genug. Allen voran Bill Esrey, CEO des US-Fernnetzbetreibers Sprint. Seit Wochen pokern Ron und Bill über den Kaufpreis. 10 Prozent hält die Deutsche Telekom an Sprint. Eine Aufstockung ihres Anteils auf 51 Prozent würde reichen, um endlich in den USA mitzustricken.

Sommer versucht, sich möglichst viele Optionen offen zu halten. Derzeit verhandeln er, sein Auslandsvorstand Jeffrey Hedberg (38) und weitere Vorstandsmitglieder mit Dutzenden von Firmen (siehe Tabelle).

Ganz oben auf der Merger-Wunschliste stehen die regionalen US-Telephongesellschaften BellSouth und SBC. BellSouth (Sitz: Atlanta), hat besondere Stärken im Mobilfunk und expandiert in Lateinamerika; SBC (Sitz: San Antonio) ist die profitabelste Baby Bell.

Zahlreiche Projekte, die Ron Sommer verfolgt, schließen sich gegenseitig aus. Ein Deal mit Sprint macht die Akquisition von Equant, einem Anbieter von globalen Netzwerkservices, überflüssig. Ein Joint-venture mit dem Systemhaus Siemens Business Services (SBS), worüber derzeit mit Siemens-Zentralvorstand Volker Jung verhandelt wird, erübrigt den Einstieg bei Cap Gemini.

Viel Zeit, zu taktieren und auszuwählen, hat Ron Sommer indes nicht mehr. Die attraktiven Unternehmen - wie etwa Cable & Wireless, Orange oder Telefónica - sind vielfach umworben. Sowohl France Télécom wie auch zahlreiche US-Firmen wollen ihre Präsenz in Europa nachhaltig verstärken.

Die Preise steigen und erreichen selbst für die gutbetuchte Telekom (siehe Tabelle unten) ein kaum mehr akzeptables Niveau.

Einen Kandidaten wie den britischen Mobilfunkbetreiber One2One hatten die Bonner intern bereits abgehakt. Der Preis für den defizitären Marktneuling - über 30 Milliarden Mark - erschien den Kaufleuten der Telekom zu hoch. Jetzt verhandeln sie doch wieder mit den Briten und zugleich auch mit dem Konkurrenten Orange.

Auch einer Beteiligung an AOL, dem weltgrößten Anbieter von Onlinediensten, räumen Insider derzeit nur geringe Chancen ein. Mit einem von Analysten geschätzten Kurs/Gewinn-Verhältnis von 270 stellt die Firma von Steve Case einen Wert dar, der bereits die Zukunft der Zukunft vorweggenommen hat.

Spielgeld
Die Telekom ist für Akquisitionen gerüstet
Netto-Cash-flow 26 Mrd. Mark
Erlös aus dem zweiten Börsengang 1999 20-23 Mrd. Mark
Möglicher Gewinn aus dem Verkauf der Anteile an der US-Firma Sprint 8 Mrd. Mark
Verkauf eines 75-Prozent-Anteils am TV-Kabelnetz (1999/2000) 48 Mrd. Mark
Ertrag aus Immobilienverkäufen 15 Mrd. Mark
Börsengang der Mobilfunktochter DeTeMobil (ab 2000) 35-40 Mrd. Mark
Börsengang der Online-Tochter T-Online (ab 2000) 18-35 Mrd. Mark
Gesamt: 180 - 195 Mrd. Mark
"Cyberfirmen können nur mit Cybergeld bezahlt werden", betont Telekom-Kommunikationschef Jürgen Kindervater. Erst wenn T-Online an der Börse plaziert sei, könne sich die Telekom via Aktientausch in solche Internet-Überflieger einkaufen.

Viel zu tun jedenfalls für den emsigen Sommer. Demonstrativ hat der Telekom-Aufsichtsrat nach der gescheiterten Fusion mit Telecom Italia seinen Vorstandsvertrag vorzeitig um fünf Jahre verlängert. Ein Vertrauensvorschuß, den es jetzt einzulösen gilt.

Bislang ist Sommers internationale Bilanz ernüchternd. Europas größte Telephongesellschaft (Börsenwert: rund 250 Milliarden Mark) besitzt weder in wichtigen europäischen Märkten noch in Amerika und Asien nennenswerte Beteiligungen. Der Ex-Monopolist hat regional und in zahlreichen Geschäftsfeldern wie Mobilfunk, Onlinedienste und Systemgeschäft Nachholbedarf.

Wo will Ron Sommer zuerst ansetzen? Selbst seine engsten Mitarbeiter rätseln: Behält der Vorstandschef seine Monopolystrategie à la Telecom Italia bei und wartet, bis ihm zufällig die Schloßallee in die Hände fällt? Oder beginnt er endlich, mit System ein Auslandsportfolio aufzubauen?

Nicht weniger drängend ist die Bereinigung der Beziehungen zu France Télécom. Die Franzosen, bislang wichtigster europäischer Partner der Deutschen, haben juristische Schritte gegen die Deutsche Telekom eingeleitet. Die geplante Fusion mit Telecom Italia, so Sommers französischer Counterpart Michel Bon (55), habe bestehende Vereinbarungen verletzt. Seither reden "Dear Ron" und "Dear Michel" nur noch über die Öffentlichkeit miteinander.

Aus deutscher Sicht stellt sich die Lage anders dar. Allzu lange haben die Franzosen angeblich Gemeinschaftsprojekte torpediert und Expansionsvorhaben von Ron Sommer blockiert, insbesondere die Übernahme von Sprint.

Bereits vor der Italien-Offensive der Telekom war das Verhältnis der beiden Firmenlenker zerrüttet. Nach Informationen, die manager magazin vorliegen, wollte Bon seinem Amtskollegen Sommer en détail vorschreiben, unter welchen Bedingungen er eine Internationalisierungsstrategie der Deutschen akzeptiere. Kernbedingung: France Télécom müsse in Europa die Führung übernehmen.

Es war Sommers Fehler, daß er die problematische Partnerschaft mit den Franzosen nicht bereits vor Jahresfrist beendet hat. Jetzt stehen ihm schwierige Auseinandersetzungen bevor. Zusammen sind die beiden Konzerne an Gemeinschaftsunternehmen in Italien, in der Schweiz und in Großbritannien beteiligt. Mit Sprint betreiben sie das Joint-venture Global One, das Firmenkunden internationale Telekommunikationsdienste anbietet.

France Télécom setzt zur Zeit alles daran, die deutschen Teilhaber aus den Gemeinschaftsaktivitäten zu drängen. Die Basis für eine weitere Zusammenarbeit beider Konzerne, die über eine 2-Prozent-Beteiligung kapitalmäßig verflochten sind, ist zerstört.

Ron Sommer steht in diesem Jahr vor der größten Belastungsprobe seiner Karriere: Er muß die Altlasten beseitigen und einen schnellen Neubeginn wagen. An Optimismus mangelt es dem Telekom-Chef nicht. Doch der allein reicht nicht aus, um ein Global Player zu werden.

Brautschau: Die möglichen Partner der Telekom Spielgeld: Die Telekom ist für Akquisitionen gerüstet

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