Editorial Getrennte Welten

Die Herren sind Ausnahmeerscheinungen. Werner Müller, der Bundeswirtschaftsminister, oder Josef Hattig, sein bisheriger Kollege im Stadtstaat Bremen, waren in ihrem früheren Leben einmal Führungskräfte in Unternehmen. Und dann haben sie etwas getan, was in ihren Kreisen eher als unfein gilt. Sie sind in ein politisches Amt gewechselt.
Von Wolfgang Kaden

Wirtschaft und Politik - sie verstehen sich nicht in diesem Lande. Und daß dem so ist, hat viel mit dem Umstand zu tun, daß zwischen den beiden für das Wohlergehen der Bürger wichtigsten Sphären so gut wie kein Personalaustausch stattfindet. Die beiden Welten sind, ganz anders als im wirtschaftsfreundlicheren Amerika, hermetisch voneinander abgeschottet: Politiker sind lebenslänglich Politiker, Manager bleiben Manager.

Wenn man die Probleme und Nöte des anderen nicht kennt, kann man gänzlich unbelastet aufeinander einschlagen. So mancher Parteipolitiker, der nie ein Unternehmen von innen gesehen hat (Prototyp: Oskar Lafontaine), weiß natürlich genau, wie das Management die Steuerlast in Deutschland bewältigt. Und viele Unternehmer, die nicht einen blassen Schimmer von der komplexen Willensbildung in der Politik haben, lassen sich gern darüber aus, welche Entscheidungen die Politiker fahrlässigerweise wieder einmal nicht getroffen haben.

Womöglich ist sogar, wie der Bremer Christdemokrat Hattig mutmaßt, "die Politikferne der Wirtschaft ... größer als die Distanz der Politik zur Wirtschaft" . Um so wichtiger, daß sich hin und wieder einer, der im Unternehmen gelernt hat, auf die andere Seite traut und die dortige Wirklichkeit erkundet.

Werner Müller hat das getan, nachdem sich Jost Stollmann schon im Wahlkampf als beiderseitiges Mißverständnis entpuppt hatte. Im mm-Interview gibt der Wirtschaftsminister Auskunft, wie es einem Ex-Manager ergeht, den es in die Politik verschlagen hat "Es mangelt an Selbstkritik" .

Der Parteilose, der sich im Politikbetrieb mit bemerkenswerter Professionalität bewegt, hat schmerzlich erfahren, wie mühsam dort das Bohren der Bretter ist. "Ich glaube", läßt er seine Ex-Kollegen wissen, "daß manche Wirtschaftsvertreter über den Zeitbedarf für die Umsetzung von Reformen falsche Vorstellungen haben."

Die Politik, keine Frage, ist bei der Renovierung des Landes im Verzug. In schwierigen Umbauarbeiten haben die Manager ihre Unternehmen fit gemacht für die Neuzeit des globalen Hyperwettbewerbs. Die Politiker hingegen haben es bis heute nicht geschafft, den staatlichen Rahmen international konkurrenzfähig zu machen.

Das, allerdings, liegt nicht nur am politischen Personal. Die Sanierung unseres überregulierten Wohlfahrtsstaats ist ein Höllenjob. Ein wenig Verständnis der Wirtschaft für diese Arbeit wäre gewiß hilfreicher als unablässige Beschimpfung der Politiker.

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